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Gold und bunte Menschen

Richard Kühnelt: Gold und bunte Menschen - Kapitel 18
Quellenangabe
authorRichard Kühnelt
titleGold und bunte Menschen
publisherÖsterreichischer Bundesverlag für Unterricht, Wissenschaft und Kunst
year1929
illustratorRudolf Linauer
firstpub1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180209
projectidff8d507e
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Auf der Reise.

Die Hände in den Hosentaschen, mit leichtem, wiegendem Schritt, wie ich dies von allen Tramps, die ich auf meinen Fahrten kreuz und quer über den amerikanischen Kontinent gesehen hatte, kannte, wanderte ich durch die Stadt. Ich war mir vollkommen klar darüber, daß ich nicht wie sonst nobel vom Zentralbahnhof, Einsteigseite, in einem Pullmancar abfahren könnte – ich mußte mir eine andere Einsteigstelle, eine andere Art der Abfahrt und eine andere Type des Beförderungsmittels auswählen.

Ich wollte aber wieder einmal dahin, wohin es mich immer zog, nach dem Westen, womöglich an die Küste des Pazifik, aber irgendwohin abseits der breiten Straße, erstens aus Sehnsucht nach Abenteuern, nach neuen Ländern und neuen Menschen, zweitens in der kühlen Erwägung, daß ich dort drüben, wohin der Strom der Touristen und gewöhnlichen Reisenden noch nicht in solcher Breite floß, eher meines Leibes Notdurft befriedigen könnte. Diese Gebiete nördlich und südlich von Frisco, vom Puget Sound Puget Sound – tiefer Fjord hart an der Grenze von Kalifornien und Kolumbien, im Norden. bis zum Golden Gate Golden Gate – Goldenes Tor, die Einfahrt in die Bai und den Hafen von San Francisco. und von da bis zum mexikanischen Kalifornien hinein sind eben noch nicht so »abgestiert«, dort ist ein regelrechter Tramp aus dem Osten noch Sehenswürdigkeit und Sensation, dort wird es diesem ausgezeichnet gut gehen. Denn der westliche Amerikaner ist großzügig und generös, der läßt es sich etwas kosten, wenn er lachen kann, der spart nicht mit Geld und gutem Futter, wenn ihm der Typ, der ihn um etwas angeht, Spaß macht.

Also westward ho!

Ich setzte mich in einer Parkanlage auf eine Bank und überlegte. Dieses gelobte Land der Tramps, wo Milch und Honig fließt, ist sieben Tage und sieben Nächte Eisenbahnfahrt mit dem Expreßzug entfernt. Da ich auf dieses Verkehrsmittel von Dollarmillionären und solchen, die es noch nicht sind, aber werden wollen, verzichten mußte, rechnete ich, theoretisch mit dem »Trampexpreß« vertraut, mit einer Reisezeit von einigen Wochen. Das schien mir aber zu lang. Ich mußte also trachten, doch mit dem Überlandzug fahren zu können. Dazu mußte ich aber auf irgendeine Weise mindestens bis Poughkeepsie gelangen, dem ersten Haltepunkt des Expreßzuges nach Chikago.

Mir standen zwei Wege offen, der Land- und der Wasserweg. Sybarit, der ich nun einmal bin, wählte ich letzteren und schlenderte kurz entschlossen zum Anlegeplatz der Hudsondampfer.

Eine große Menschenmenge wartete an diesem gesegneten schönen Sommertage am Pier auf die Minute des Einsteigens in das große, weiße Schiff. Kopf an Kopf standen Männer und Frauen, junge Paare und kinderreiche Familien. Der Ticketschalter war umlagert. Und als der Zugang zur Laufbrücke geöffnet wurde, drängte sich ein Knäuel von Menschen durch den Engpaß. Die beiden Beamten an der Brücke hatten schweren Stand, eine wirklich wirksame Kontrolle vorzunehmen.

Diesen Umstand benützte ich, um mich auf das Schiff zu stehlen. Ich war ja noch ordentlich, sogar recht sommerlich angezogen, niemand konnte in dem eleganten Herrn im weißen Sportanzug einen Schwarzfahrer vermuten. Ich drängte mich an die Seite eines harmlos aussehenden Mannes, der in beiden Händen Gepäckstücke trug und von einer aufgeregten Frau und ungezählten lärmenden Kindern gefolgt wurde.

Ich hatte beobachtet, daß die Dame die Fahrkarten für die ganze Karawane in der Hand hielt, ihren Gatten aber mit den beiden Handtaschen wie einen Sturmbock vorausgehen ließ.

Ich schlängelte mich also an die Seite dieses würdigen Familienvaters und behauptete siegreich diesen Platz gegen alle Trennungsversuche trotz der Stöße des Handgepäcks gegen meine Schienbeine.

Knapp vor der Schiffsbrücke knüpfte ich mit meinem unbewußten Protektor ein leichtes Gespräch an, das mit der Konstatierung des heißen Tages begann und gerade bei der interessanten Tatsache stehen blieb, daß heute scheinbar viele Leute den Hudson hinaufwollten, als wir langsam in die Enge des Landungssteges gestoßen wurden. Eben verbreitete ich mich über die Mutmaßung, daß eine wirksame Kontrolle der Fahrtausweise bei diesem Massenandrang doch kaum denkbar wäre – ich sprach halb zu den gerade vor mir stehenden beiden Kontrollbeamten – daher eine ganze Menge von Gaunern und Schwindlern, deren doch in diesem gesegneten Lande nicht wenige seien, in dem Gedränge ohne Fahrkarten an Bord kommen könnte, als einer der beiden Beamten sein mechanisches: Tickets please – zu mir und meinem Nachbar sagte. Während dieser mit seinem Kopf auf seine teuere Gattin hinter sich hinwies, meinte der Beamte mit einem dreckigen Schmunzeln zu mir: »O no, Mister, wir kennen uns schon aus. Uns entgeht keiner von den Loafers, wir erkennen ihn auf den ersten Blick« – und in diesem Augenblick setzte ich stolz meinen Fuß auf das Deck des Schiffes. Die beiden Beamten hatten vollauf zu tun, die Henne mit ihren Küchlein abzufertigen.

So – da war ich an Bord.

Ruhig lehnte ich mich an die Reeling und freute mich, wie immer, an der unvergleichlichen Silhouette von New York.

Drei Minuten später heulte die Sirene, die mächtigen Balancierstangen über Deck traten ihren Tanz an und die Schaufelräder peitschten das Wasser.

Die Fahrt war ganz lustig. Ich hielt mich an eine Schar fröhlicher Harvard-Studentinnen, die in die Catskills Catskills – Berglandschaft im Staate New York, beliebter Ausflugsort für Wochenende, auch Sommerfrische. Wörtlich übersetzt »Katzentöter«. zu heiterem Sommercamp fuhren. Viel zu schnell für meinen Geschmack waren wir in Poughkeepsie. Nun hieß es schlau sein, um von Bord zu kommen – ohne eine Karte. Als wir uns dem Ufer näherten, bemerkte ich an der Anlegestelle einen jungen Herrn, der mit den Händen in den Taschen interessiert das Landungsmanöver beobachtete. Als die Laufplanke gelegt und der Strom der Ein- und Aussteigenden am lebhaftesten war, brüllte ich plötzlich durch die wie ein Sprachrohr an den Mund gelegten Hände hinüber: »Halloh, Billy!« Natürlich wurde alles aufmerksam. Ich drängte zur Brücke, stürmte am Kontrollor vorüber, dem ich zurief, daß ich im Vorüberfahren nur gerade diesen Freund begrüßen wolle – nur einen Augenblick – und schon war ich am Land. Ich lief auf den jungen Herrn zu und nun entspann sich folgende Unterhaltung: »Halloh, Billy, kennst du mich nicht mehr?« Ganz perplex bedauerte der Gent unendlich, sich an mich nicht erinnern zu können. Ich aber faßte ihn am Arm, zog ihn vom Landungsplatz fort und redete in ihn hinein wie in ein krankes Pferd. Von einer Baseball-Partie Baseball – amerikanisches Ballspiel, beliebtester Volkssport. An den Spielen nehmen bisweilen 100.000 Zuschauer teil., 3:2, in Newport Newport – Seebad bei New York, von den Reichen bevorzugt., von einem wahnsinnig lustigen Abend im Klubhaus der B. B. B., bei dem der lange John mit dem dicken Jim zusammengekracht sei, und Georgy Smith, du weißt doch, der die kleine Bessy von Wanamakers Wanamakers – großes Newyorker Warenhaus, wo tausende Mädchen angestellt sind. mitgebracht hatte, auf den blonden Deutschen – hehe – so eifersüchtig war. Wie der Niagara floß meine Rede. Mein Partner hörte interessiert zu, um dann endlich seelenruhig zu erklären, er verstehe kein Wort von dem verdammten Unsinn, ich müsse mich in der Person täuschen, er spiele zwar Baseball, sei aber nie in seinem Leben in Newport gewesen, heiße nicht Billy, sondern Hartley W. Abbison, Junior Junior – der jüngere Teilhaber einer Anwaltsfirma. der Anwaltsfirma Granville, Abbison and Abbison, Cornexchange Building, New York, City. Aber er freue sich, meine Bekanntschaft zu machen – und wir schüttelten uns lachend die Hände.

Ich hatte während des ganzen Gespräches unauffällig nach dem Dampfer geschielt. In dem Augenblick, als die Trossen losgeworfen wurden und das Schiff sich in Bewegung setzte, rannte ich zum Pier und schrie zum Offizier auf die Kommandobrücke hinauf, er habe mich vergessen, ich müsse mitfahren. Mit zornrotem Kopf brüllte der Kapitän herunter, er sei kein verdammter Narr – und den Rest der schönen Rede verschlang das Geräusch der Schaufelräder und des Wassers.

Der Zweck der Übung war erreicht. Ich war in Poughkeepsie, ohne mein Gesicht zu verlieren, wie der Chinese schäbig dastehen nennt.

Niemand war verzweifelter über mein Mißgeschick, als Mr. Hartley W. Abbison. Natürlich stellte er sich mir ganz zur Verfügung, doch alles, was ich von ihm annahm, war eine Fünf-Dollarnote zur Weiterreise mit dem nächsten Zuge nach Albany – um mein Gepäck zu reklamieren.

So war ich denn ein gutes Stück vorwärts gekommen, bis Albany, ohne einen Cent auszugeben, im Gegenteil, ich hatte nach Abzug der Fahrtspesen von Poughkeepsie bis hierher noch eine für einen Tramp erkleckliche Summe in der Tasche.

Ungemein gestärkt war mein Selbstgefühl; ich hatte, wenn ich so sagen darf, das erste Rigorosum puncto Findigkeit mit Auszeichnung bestanden.

Nun hieß es noch die Schlußprüfung bestehen, um das Diplom als Tramp zu erwerben, das ist das »Jumpen« Jumpen – springen. Fachausdruck der Tramps für das Hinaufspringen auf fahrende Züge. eines ausfahrenden Zuges.

An der letzten Weiche des Bahnhofes der Staatshauptstadt fand ich meine Lehrmeister, eine Kollektion von Vagabunden, grotesk wie der wüsteste Traum. Hatte schon meine Erscheinung als Sportdandy, weiße Hose, weißes Seidenhemd, blauer Rock und Strohhut, ungeheures Aufsehen erregt, so erweckte meine Mitteilung, daß ich mit dem Expreß nach Buffalo fahren würde, sensationelle Heiterkeit. Denn auf einen Expreß trauen sich nur die Matadore der Walz. Nur ein seriös aussehender Tramp vermutete in mir einen defraudierenden Bankenkassierer und versprach mit dem Korpsgeist aller Entgleisten, mir auf die Plattform des ersten Wagens zu helfen.

Von weitem glühten die Lichter, der Scheinwerfer vorne auf der Maschine stach grell in die Nacht, ein unheimliches Poltern, ein leises Beben des Bodens; langsam fuhr der Zug aus der Station. Alle Tramps waren verschwunden, nur der Seriöse und ich kauerten wie die Tiger vor dem Sprung im Schatten eines stehenden Güterzuges. Die Maschine zog vorbei, der Kamerad lief, sprang geübt auf – ein Bruchteil einer Sekunde – ich lief und sprang ihm nach – er erwischte mich beim Kragen, und tief atmend, in Schweiß gebadet, hockte ich auf der Plattform an der Stirnseite des Gepäckwaggons. Der Schwung und die Erschütterung des Sprunges auf den rüttelnden, stoßenden Wagen hatte mir nicht geschadet, nur mein Strohhut war in Verlust geraten. Ich lernte davon, die Kopfbedeckung, ohne die ein Amerikaner kein Amerikaner ist, bei künftigen Sprüngen mit einer Spagatschnur festzubinden.

Ich muß Glück gehabt haben, gleich zu Beginn meiner Karriere als Vagabund – ich kam wirklich nach Buffalo, ohne »geliefert« zu werden. Allerdings blieb mir die Erfahrung mit dieser erhabenen Prozedur nicht erspart, ich lernte im weiteren Verlauf meiner Reise noch die verschiedensten Methoden kennen, deren sich die Eisenbahnleute bei der Säuberung ihrer Züge von Freifahrtlern bedienen, aber immerhin kam ich in verhältnismäßig kurzer Zeit nach Seattle Seattle – Hafenstadt im Unionstaate Washington State, hart an der kanadischen Grenze. Am Pugetsound, einem tief eingeschnittenen Fjord., wo ich Gelegenheit suchte, südwärts zu kommen.

Als ich in Seattle angekommen war, stellte ich auch in meinem Äußeren einen vollkommen neuen Mann dar, ich war nicht mehr der soignierte Sportsmann, sondern unterschied mich in nichts von meinen Artgenossen. Wie und wovon ich die ganze Zeit gelebt hatte, ist kaum zu glauben. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß nichts so sehr die Phantasie beflügelt als ein hungriger Magen und die Aussicht, in der nächsten Viertelstunde im Kotter eines amerikanischen Provinznestes sitzen zu können. Ich war direkt ingeniös im Erfinden von Mitteln, Essen oder Nachtlager zu bekommen. Ich war – natürlich nur im Anfang meiner Laufbahn, als ich es für unfair hielt, zu betteln – Geschirrwascher einen Nachmittag lang für ein warmes Abendessen. Ich habe dicken Farmersfrauen Mylady gesagt und von ihrer Schönheit und Grazie geschwärmt um einen Teller Boston Beans Boston Beans – amerikanisches Nationalgericht, Bohnen in Fett gekocht mit Tomatenmark übergossen. mit viel Speck. Ich habe verlorene Hunde zurückgebracht, Pferde beaufsichtigt und getränkt, ekelhafte, raunzende, schmutzige Rangen für die süßesten Babies der Welt erklärt und ihnen begeistert die rotzigen Nasen geküßt, nur um von einer entzückten Mutter ein paar alte Hosen des gerade abwesenden Gatten zu erhalten; ich habe Holz gespalten und Koffer getragen, Mauer gemacht und Nebenbuhler verprügelt; ich war eifriger Methodist für ein Nachtlager auf einem Strohsack, hart wie der Weg zur ewigen Seligkeit, und fünfundzwanzig Cents bar auf die Hand; ich habe drei Tage lang für zehn Cents die Stunde den bekehrten Säufer für eine süße, reizende, kleine Heilsarmeeleutnantin mit durchschlagendem Erfolg gemimt: mit einem Worte, nichts Menschliches blieb mir fremd und ich habe mich wunderbar unterhalten. Ich war politisch kompromittierter Deutscher, jüngerer Sohn eines englischen Lords, der von seinem Bruder aus dem Hause gedrängt wurde, war päpstlicher Marchese, Seefahrer, der in irgendeinem Südseehafen »geshanghait« Shanghaien – das Pressen von Matrosen durch List und Überredung, meist durch Betrinken. Hat die Bezeichnung von der Stadt Shanghai, China. worden und seinem rohen Kapitän entflohen war; ich war konservativ und revolutionär, Monarchist und Bolschewik, katholisch, mormonisch, Protestant jeglicher Denomination und griechisch-orthodox – nur manchmal, wenn der Duft einer gebratenen Gans mit Ritschert mir gar zu verführerisch in die Nase stieg, habe ich es tief bedauert, daß ich mich aus gewissen Gründen nicht für einen nach Palästina reisenden zionistischen Juden ausgeben konnte.

In Seattle ging es mir ganz herrlich: hatte ich Lust, arbeitete ich zwei bis drei Tage, um dann wieder in der Umgebung herumstrolchen zu können; endlich aber wurde mir der Fjord zu enge, ich machte mich wieder auf den Weg mit dem Reiseziele – das offene, große Stille Meer.

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