Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Richard Kühnelt >

Gold und bunte Menschen

Richard Kühnelt: Gold und bunte Menschen - Kapitel 17
Quellenangabe
authorRichard Kühnelt
titleGold und bunte Menschen
publisherÖsterreichischer Bundesverlag für Unterricht, Wissenschaft und Kunst
year1929
illustratorRudolf Linauer
firstpub1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180209
projectidff8d507e
Schließen

Navigation:

Trampfahrten

Im Klub zu New York.

Weekend in Rockaway Beach. Auf der Terrasse des Klubheims über dem Strand ein paar Herren. Unten im weißen Sand Clerks, Typewritergirls und Flappers.

Plötzlich ein kleiner Auflauf. Eine groteske Figur kommt daher. Über einem roten, versoffenen, stoppelbärtigen Gesicht ein zerbeulter grauer Melonenhut, ein alter, glänzender, fleckiger Frock-Coat Frock-Coat – langer schwarzer Rock, Gehrock, nicht zu verwechseln mit dem europäischen Frack (englisch evening dress, Abendanzug)., um die Hüften mit einem Strick gehalten, viel zu kurze Hosen, an den Füßen hölzerne Zigarrenschachteldeckel.

Der Konsul wies lachend auf diese Erscheinung.

»Ein regelrechter Tramp.«

»Armer Kerl,« flüsterte der soignierte berühmte Geiger und der Operndirektor schlug vor, ihm ein paar Dollar hinunterzuschicken.

Der schwarze Butler gab ihm die Scheine mit den Fingerspitzen.

Der Tramp sah zu uns hinauf und zog mit einer tiefen Verbeugung den Hut.

Natürlich wurde das Thema »Tramp« eifrig erörtert, mit allen Akzenten des Bedauerns für diese ruhelosen, gehetzten Vagabunden.

Ich war aufgestanden und sah dem verschwindenden Stromer nach.

»Mir scheint, Dick ist neidig,« meinte der Konsul.

»Ja,« sagte ich, »ich bin ausgesprochen neidig, denn der ist frei, erlebt jede Sekunde, kommt in der Welt herum und sieht sie von der anderen Seite.«

»Das fehlt noch in Ihrer Sammlung,« lachte der Konsul. »Goldgräber waren Sie, in den Wäldern des Nordens sind Sie herumgekrochen, und irgend jemand hat mir da eine Geschichte aus Jamaika erzählt –«

»Und im Central Park habe ich schon geschlafen und auf einem Schiff als Geiger gespielt und habe mich nie gelangweilt wie jetzt, wo ich Geld habe.«

»Aber Tramp waren Sie noch nicht,« höhnte der Operndirektor.

Der Konsul lachte und mischte sich einen alkohollosen Cocktail.

»Das wird er nie sein, dieser Ästhet, da ist man nicht schön genug. Können Sie sich vorstellen, daß er so aussieht, wie der, der da vorbeischlurfte? Dann ist es aus mit den gebügelten weißen Hosen und den Seidenhemden, lieber Dick!«

»Aber dafür hat man seine Freiheit! Fordern Sie mich nur nicht heraus, verehrter Konsul, sonst zieh ich los!«

»Aber so, wie Sie da sind – und ohne Geld! Ich lege jede Wette, daß Sie es nicht einen Monat machen!«

»Einen Monat! Was fange ich mit einem Monat an? Unter drei Monaten nicht zu machen!«

Die drei Herren unterhielten sich königlich.

»Gilt's?« rief ich.

»Es gilt!« – und der Konsul hielt mir die Hand hin.

Der Operndirektor und der Virtuose waren Zeugen, ich gab dem Konsul noch einige Anweisungen, meinen Haushalt betreffend, legte mein Geld und mein Scheckbuch auf den Tisch, dazu meine Habseligkeiten bis auf ein Federmesser, schüttelte den Dreien die Hände und ging.

Lachend winkte ich den drei Herren, die mit verdutzten Gesichtern auf der Terrasse standen, von unten zu und tauchte in der Menge unter.

 << Kapitel 16  Kapitel 18 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.