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Gold und bunte Menschen

Richard Kühnelt: Gold und bunte Menschen - Kapitel 16
Quellenangabe
authorRichard Kühnelt
titleGold und bunte Menschen
publisherÖsterreichischer Bundesverlag für Unterricht, Wissenschaft und Kunst
year1929
illustratorRudolf Linauer
firstpub1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180209
projectidff8d507e
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Auch ein Prominenter.

Ich war einmal – es ist kaum zu glauben – längere Zeit seßhaft: im Dienste einer Weltgesellschaft, wo ich meine juridischen Erfahrungen verwerten konnte. Das heißt, mit der Seßhaftigkeit war es nicht sehr weit her, denn mein Dienst bestand darin, zur Regelung von Rechtsangelegenheiten herumzureisen. Damals lernte ich einen großen Teil der Union kennen, war heute im Osten und morgen im Westen, dann wieder eine Zeitlang in der großen Metropole der Unrast, und jagte in wenigen Tagen wieder in irgendeinem stillen, weltvergessenen Nest braven Farmern oder ehrlichen Geschäftsleuten Angst vor dem Gesetze und seinen Tücken ein.

Da war ich einmal wieder nach den Südstaaten geschickt worden, für längere Zeit, und saß in einem kleinen Städtchen in Südkarolina, Greenville hieß es, wohin ich zur Erledigung einer verzwickten Sache mit einer Horde von geriebenen Gaunern gesendet worden war.

In einem netten Häuschen hatte ich mich eingerichtet, Wohnung und Bureau gefunden, war sehr vergnügt über meinen neuen Wirkungskreis, über die neue Gegend, die neuen Menschen, letzteres um so mehr, als die Hälfte der ehrenwerten Bürger dieser Stadt Nigger waren, diese drolligen, köstlichen, naiven, farbenfreudigen Mitbürger, und ich versprach mir von dem täglichen Verkehr mit ihnen viel Spaß.

Bisher hatte ich our darkies our darkies – unsere Schwarzerln – Kosenamen für die amerikanischen Neger mit einem leisen Beigeschmack der Verachtung. nur oben in den Nordstaaten und im östlichen Kanada als in der Diaspora lebend kennengelernt, einzeln und verstreut, als dienstbare Geister unter dem Druck geordneter Verhältnisse in weißer Umgebung. Als dominierende Masse in einem Gemeinwesen, wo ein weißes Gesicht wie ein Milchfleck auf einem schwarzen Tuch wirkt, freute ich mich sie jetzt kennenzulernen.

Und so saß ich denn eines schönen Morgens seelenvergnügt in meiner Office, hatte gut gefrühstückt, die Post gelesen und war mit der ganzen Welt, ausnahmsweise auch mit mir, zufrieden. Vor mir auf dem Tische lag in schönem ledernen Etui ein funkelnagelneues Rasiermesser mit Elfenbeinschalen und feinster Stahlklinge. Auch dieses Messer gab mir Anlaß zu stiller Freude und Befriedigung. Ich nahm es zur Hand, besah liebevoll den weichen Farbenton des Elfenbeins und probierte die Schärfe der blitzenden Klinge an meinem Daumennagel.

Da meldete mir der Officeboy einen Besuch.

Der riesengroße Mann, der gemessen eintrat, war schwarz, unwahrscheinlich schwarz, vom Kopf bis zu den Füßen. Glänzend schwarz der hohe Zylinderhut auf dem wolligen schwarzen Haar, glänzend schwarz das Gesicht, das sich in wohlwollende Falten legte, schwarz die breite Krawatte, die mit dem langen schwarzen Gehrock einen direkt geistlichen Eindruck machte, schwarz auch die mächtigen Tatzen, von denen ich im ersten Moment nicht entscheiden konnte, ob sie bloß oder mit schwarzen Handschuhen bekleidet waren, – glänzend schwarz gewichst die Stiefel.

Mein Besucher blieb einen Augenblick in der Türe stehen, wie um mir Gelegenheit zu geben, einen vollen Eindruck aufzunehmen; dann streckte er mir die Pranke entgegen:

»Mächtig erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, höre, wir sind sozusagen Kollegen – als Juristen, Mister, als Juristen. Ich bin nämlich Jesaias Grant Morton, der Anwalt von Jefferson Avenue – nein, Mister, nein, ich habe mit dieser Lumpenbande nichts zu tun, wegen der Sie da sind – komme heute zu Ihnen als Kirchenältester der New Free Methodist Church dort um die Ecke. Wollte Sie fragen, ob Sie am Sabbatnachmittag unser heiliges Konzert besuchen wollen – die feinste Veranstaltung dieser gesegneten Stadt, mit Banjo, Gesang, Vortrag und Lichtbildern. Für die Armen, Mister, für die ganz Armen – die Witwen und Waisen – zwei Dollar der feinste Platz in den ersten Bänken – nehmen einen? Möchte Ihnen zu keinem anderen raten – denn hinten sitzen nur gewöhnliche Nigger, ganz gewöhnliche, schmutzige Nigger –!«

Er nahm Platz neben dem Schreibtisch, setzte den hohen Hut ab und wischte sich mit einem mächtigen roten, gelbgemusterten Seidentuch die Stirn. Ich wunderte mich im stillen, daß das Taschentuch nicht auch schwarz war.

»Feines Haus da und feine Office« – er ließ die Augen im Zimmer herumrollen. »Muß Sie ein mächtiges Stück Geld kosten. Kommen da vom Norden her, was? Kalkuliere, wird Ihnen hier gefallen. Wenn Sie irgendeinen Wunsch haben, Mister, wenden Sie sich ruhig an Morton and Morton, Sollicitors Sollicitors – eine Art Advokaten, die aber vor Gericht nicht plädieren dürfen. Meist auch zugleich öffentliche Notare. and Notaries public, hier, und persönlich an mich, Jesaias Grant Morton, den Senior der Firma. Machen auch in real estates, in Grundstücken. Weiß da ein feines Stück Land, draußen am Fluß, mächtig schön für ein feines Haus. Keinen Bedarf, Mister? Well, treten Sie nur immer bei mir ein; kann Ihnen in vielem an die Hand gehen – auch gegen die Lumpenbande, mit der Sie zu tun haben – war einmal deren Anwalt – der Mayor und die Councilmen Mayor and Councilmen – Bürgermeister und Ratsherren. gehen ein und aus bei mir – gehöre eben zu den Prominenten in dieser alten Stadt.«

Ich dankte überströmend höflich; der coloured gentleman machte mir riesigen Spaß; er lieferte eine köstliche Travestie der smarten Landanwälte, die ich schon allenthalben in den Staaten getroffen hatte, eine Kopie in Schwarz.

Ich griff in die Tasche, um ihm das Billett zu zahlen, das er auf den Schreibtisch knapp neben das Rasiermesser gelegt hatte. Ich hatte aber nur einen Fünfdollarschein als kleinste Note bei mir und wandte mich daher um, um aus dem kleinen eisernen Schrank hinter dem Schreibtisch Kleingeld herauszunehmen. Schon wollte ich ihm die zwei Dollar reichen, da fiel die schon ausgestreckte Hand hinab – zum Henker, da hatte ja neben der Eintrittskarte eben noch mein Rasiermesser gelegen – vor einer Sekunde noch – ehe ich mich umwandte! Ich suchte das ganze Zimmer ab – nichts zu finden. Ich rief den Boy – er wußte von nichts. Ich wandte mich an meinen schwarzen Besuch.

»Hier auf dem Tisch hat ein Rasiermesser gelegen – Elfenbeinschalen in Lederetui – hier neben der Eintrittskarte!«

»Oh – indeed – wirklich –?« und der würdige Mann machte ein unschuldiges Gesicht wie die Engel im Anfangsstadium der Schöpfung.

»Ja – wirklich – und gerade neben dieses Messer haben Sie die Eintrittskarte gelegt – für Ihr verd–, für Ihr heiliges Konzert! Sie müssen sich doch erinnern, Mr. Morton – Sie sind doch der einzige im Zimmer!«

»No, Mister, Sie sind auch da,« flötete der schwarze Cherub.

»Herr – Kirchenältester der Old Methodist Church!«

»New Free Church,« verbesserte er mit frommem Augenaufschlag.

»Herr – New oder Old – das ist mir augenblicklich ganz einerlei! Mein Messer will ich!«

»Vielleicht haben Sie es verloren – Sie müssen acht geben – denn wenn das so ein gewöhnlicher Nigger findet – so ein ganz gewöhnlicher – vielleicht ist es draußen –« und er erhob sich, um zur Türe zu gehen.

Mit der Geschwindigkeit des Expreßzuges New York-Chikago war ich bei der Türe.

»Oh, Mr. Morton, bemühen Sie sich nicht. Das Messer war hier im Zimmer – und hier wird es sich finden. Darauf können Sie Ihr süßes Leben wetten. Sie haben, als Prominenter dieser Stadt, mir Ihre Hilfe angeboten – jetzt werde ich sie in Anspruch nehmen. Hören Sie, prominenter Herr Kirchenältester: Sie bleiben jetzt da, hier bei mir. Wir werden fünf Minuten warten, dann begleiten Sie mich zum Polizeibureau. Der Inspektor ist doch auch ein Freund von Ihnen, nicht? Sehen Sie – Sie, ein so prominenter Bürger, werden Zeugnis abgeben, daß das Rasiermesser da war, als Sie kamen, jetzt aber fort ist – verstanden, Sir? Nehmen Sie nur wieder Platz! So – eine Minute ist schon um – Sie glauben gar nicht, wie rasch die Zeit in angenehmer Gesellschaft und fesselnder Unterhaltung vergeht – nur noch drei Minuten – bißchen warm ist es hier, was? Sie nehmen den Hut ab – gleich werden wir gehen – ja, die Hitze, die Hitze! Sie müssen sogar den Rock öffnen – so, jetzt ist bald Schluß – ich nehme nur meinen Hut – Ah – was guckt denn da aus Ihrer Brusttasche? Mein Rasiermesser! Also hat es sich doch gefunden! Wie sagen Sie? Zufällig mit dem Taschentuch eingesteckt? Gewiß, gewiß! Ein Kirchenältester, ein Prominenter dieser gesegneten Stadt! – Aber natürlich werde ich zu Ihrem Konzert kommen – schon um das Vergnügen zu haben, Sie in voller Würde in Ihrem Kirchenstuhl zu sehen – ich war furchtbar erfreut über Ihren Besuch – good bye, Sir, good bye –!«

Und wir schüttelten uns freundschaftlich die Hände.

Als er gegangen war, lachte ich aus vollem Halse.

Ich habe mir seine Freundschaft aber doch zu erhalten gesucht. Er war ja immerhin ein Prominenter!

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