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Gold und bunte Menschen

Richard Kühnelt: Gold und bunte Menschen - Kapitel 15
Quellenangabe
authorRichard Kühnelt
titleGold und bunte Menschen
publisherÖsterreichischer Bundesverlag für Unterricht, Wissenschaft und Kunst
year1929
illustratorRudolf Linauer
firstpub1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180209
projectidff8d507e
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In der Zuckerplantage auf Jamaika.

Ich war wieder einmal total abgebrannt.

An einem wunderschönen Samstag hatte mir der Boss, als er mir den Wochenlohn einhändigte, hämisch grinsend eröffnet, daß ich am nächsten Montag früh sein geschätztes Unternehmen nicht mehr mit meiner Anwesenheit beehren möge – dann aber hatte der alte Gauner einen roten Kopf bekommen und wütend geschrien, daß er mir alle Knochen einzeln im Leibe zerbrechen werde, wenn ich noch einmal es wagen würde, mit seiner Tochter einen Ausflug nach dem Long Island-Sound zu machen.

Was die erste Maßregel anbelangt, den liebenswürdigen Hinauswurf – da war nichts zu machen; gegen die Drohung, die mit dem Knochenzerbrechen, würde ich mich zu schützen wissen – ich dachte nicht daran, die Ausflüge mit Mildred aufzugeben, im Gegenteil, ich nützte die folgende Zeit meiner Freiheit gründlich aus.

Aber drei Wochen nach dem ereignisreichen Samstag war ich fertig, total pleite – und Mildred fuhr mit meinem Nachfolger beim Saldakonto nach Coney-Island – ich war ohne einen Cent.

Es mußte dringend etwas geschehen.

Und es geschah etwas.

Da stand ich nun in Ogdens Employment Office an der Madison Avenue in der Arbeitslosenpolonaise, total abgebrannt und bereits ziemlich schäbig – die Versatzscheine aller meiner besseren Sachen waren die letzten Erinnerungen an die Ausläufer der Ära Mildred –, stand zwischen einem Nigger, der als Butler der Zigarrenschatulle seines Herrn allzugroße Anhänglichkeit bewiesen hatte, und einer reizenden jungen Französin, deren weißer Dreß man das ehemalige Kinderfräulein ansah.

Mit fieberhafter Spannung erwartete ich den Augenblick, bis mich der hochmütige, gummikauende Clerk mit seinem mechanischen: Want a job, Mister? (Arbeit gefällig, Herr?) beehren würde.

Der leberkranke Jüngling flog eine Liste durch:

»Sprechen Sie spanisch?«

Einen Augenblick bleibt mein Herz stehen – dann mit Grandezza: »Natürlich!«

Denn ich hatte im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten gelernt, die unbegrenzte Frechheit zu zeigen und nie einzugestehen, wenn ich etwas nicht konnte – und schon hatte ich einen Zettel in der Hand, und vom Schalter kam ein automatisches: Next!

Auf der Straße sah ich mir den Zettel an – Don Ramon Montego, Plaza Hotel, der Überbringer sei der gewünschte Mann, er könne perfekt spanisch – Gebühr zwanzig Dollar.

Einem waschechten Spanier war ich noch nie entgegengetreten, dem konnte ich mit einem Kauderwelsch aus Französisch und Italienisch, mit ein paar Erinnerungen an das Gymnasiastenlatein mit angehängtem – os und dem schönsten nasalen »n«, nicht kommen. Aber mit der grandiosen Frechheit meines hungrigen Magens stürzte ich mich auf den Caballero, der in der Hotelhalle in einem Lederfauteuil thronte wie weiland Torquemada, der Großinquisitor; und wie dieser seinerzeit die schmorenden Ketzer, so betrachtete mich der dunkelhäutige, schwarzäugige Gentleman mit einem sardonischen Lächeln und sprach grausam und fett die berüchtigte amerikanische Phrase: »Was kann ich für Sie tun?«

Wir redeten von Tod und Teufel – und als ich nach einer Stunde von dem Sitz, den er mir geboten hatte, aufstand, war ich Kontrollor der weitläufigen Zuckerplantage meines neuen Boss in Occho Rios auf Jamaika.

»Spanisch können Sie zwar nicht, aber Ihre Frechheit gefällt mir.« –

Luxusdampfer nach Kingston für zwölf Dollar dürfte wohl in den Prospekten der Reisebureaus fehlen. Salons mit echten Persern und flämischen Gobelins gibt es nicht, ebensowenig gekachelte Badezimmer mit Marmorwannen, auch keine seitenlangen Menüs für Lunch und Dinner mit obligater Jazzband – dafür aber ein intensives Parfum von Knoblauch und schlechtem Fusel, Schmutz und Ungeziefer wie auf chinesischen Dschunken – und mittags und abends Boston Beans, Bohnen mit Tomatenmark. Mit der enormen Geschwindigkeit von acht Knoten die Stunde wackelt und schlingert und stampft diese Arche Noah durch das petroleumschillernde Wasser, was die Wohlgerüche besonders verstärkt – und ich danke meinem Schöpfer, daß mein Magen seefest ist.

Die weiße Stadt Kingston hebt sich wie ein glitzerndes Spielzeug aus kubistischen Formen und exotischen Prismen vom Grün und Orange der Mahagonibäume und bizarren Felsen ab. Wie ein Anachronismus mutet der schwarze Riesenarm des stählernen Kranes an, der unaufhörlich die großen Zuckerkisten und Rumfässer vom menschenwimmelnden Kai in die gähnenden Schiffsluken hineintaucht.

Unter der glasblauen Kuppel des tropischen Himmels schwirren die Rufe in allen Lauten des spanisch-angelsächsischen Sprachenbabels. Und in diesem Rausch von Farben, glühender Sonne und bunthäutigen Physiognomien, der an die abenteuerreichen Tage des spanischen Conquistadors erinnert, erscheint es fremdartig, wenn plötzlich in majestätischer Kurve um den granitenen Wellenbrecher die vier gelben Schornsteine und der schlanke Leib eines Hapagdampfers in düsterem Rauch auftauchen, und nicht das plumpe Heck einer spanischen Brigantine mit ihren rostbraunen ungefügen Segeln, über denen sich die Türme Kastiliens auf gelber Seide im Winde blähen.

Kingston ist das lärmende Zentrum des englischen Handels mit Kolonialzucker, von wo aus John Bull seine lukrativen Dependenzen im Ozean mit Süßstoff und dem der legendären englischen Blaujacke unentbehrlichen Anfeuerungsmittel zu neuen Taten – Rum und Arrak – versorgt. Weiß steigen die kleinen Bungalows aus dem gelben Sand; weiß trägt sich groß und klein, der Eingeborene und sein europäischer Herr; weiß sind die Schiffsleiber im azurenen Wasser des Hafens; weiß die Last wie der weißgekleidete Kuli, der sie keuchend die Laufplanke hinaufschleppt – eine großartige Symphonie in Weiß ist Kingston, die Stadt des Zuckers.

Durch den Urwald über die Sierra de Moros trugen mich und mein karges Gepäck in schaukelndem Paß zwei Maultiere, vorbei an indigo- und nilgrünen Kakaopflanzungen, durch leuchtende Bananenhaine und duftende Ananasfelder, immer höher hinauf bis auf den Kamm, wo inmitten eines Haines uralter Mahagonibäume ein weißschimmernder Palacio aus der Zeit der spanischen Eroberer, umringt von den maisstrohgedeckten Hütten der Kreolen, den Ort Montague bezeichnet. Hier wohne Don Ramon, erklärte mir mein Führer, denn hier sei die Luft frischer als unten in der Ebene nahe der Küste – und er wies vorwärts.

Überrascht zog ich die Zügel meiner Mula an. Unter mir eine weite lichtgrüne Ebene, schwankendes Zuckerrohr im säuselnden Mistral, ab und zu die blassen Flecke der Bungalows darin verstreut – dahinter aber die tiefblaue See; auf der anderen Seite der Insel in der Ferne eine blasse Linie – Kuba.

Dieses wogende grüne Meer ist das Feld meiner zukünftigen Tätigkeit. –

Isabel, die Beherrscherin meines kleinen Bungalow, machte verliebte Augen. Ja, es sei hiemit gestanden, sie hatte mich auf den ersten Blick ins Herz geschlossen. Nicht, daß sie es mir gesagt hätte, das traute sie sich nicht, aber ihre Liebe strömte aus dem würzigen Duft der Schildkrötensuppe, die sie mir am Abend auf der Terrasse des Bungalow auf leichtem Bambustisch kredenzte, sie strahlte aus dem schwärmerischen Blinzeln ihrer nachtdunklen Augensterne, als sie mit geschwellter Brust und wiegenden Hüften den pistaziengefüllten Truthahn auf mächtiger Schüssel wie die heilige Opferschale des Grals hereinbrachte. Sie leuchtete aus dem behaglichen Schmunzeln, mit dem sie zusah, wie der ausgehungerte Senor Aleman in den leckeren Braten einhieb – aber Isabel hatte einen Fehler: so weiß und lieblich ihre mitleidige Seele war, so schwarz und düster war ihre Haut.

O Isabel – wie wohl fühlte ich mich im Schatten deiner Leiblichkeit von 250 Pfund. Nie wieder in meinem ganzen Leben, nicht in den Luxusrestaurants der alten und neuen Welt, nicht auf den Blumenbooten Kwang-Tseu-Fus oder in einer der wunderbaren Gaststätten den Tokaido entlang habe ich so gegessen wie unter den Steineichen von Occho Rios.

England toleriert die Sklaverei – denn als etwas anderes kann man das Verhältnis der schwarzen Arbeiter auf allen Plantagen Westindiens zur Grundherrschaft nicht bezeichnen. Nur daß der Ersatz nicht durch Ankauf der schwarzen Ware geschieht, nur daß diese wollköpfigen Dunkelmänner und ihre an alle Kaffeemischungen erinnernden Setzlinge nicht wie bunte Tücher wieder verkauft werden können.

Denn die Rekrutierung dieser Arbeiterschaft geschieht auf dem natürlichsten Wege von der Welt – durch die Liebe.

Der junge Farbige, der die Erwählte seines sonst gar nicht schwarzen Herzens ganz offiziell durch Standesamt und Pfarrer – denn andere als solche legalisierte Verbindungen duldet das puritanische England nicht – sich verbindet, ist der Lieferant. Er bekommt sein Häuschen, leichte Hütten aus Bambus mit Maisstroh oder Palmblättern gedeckt, sein kleines Stück Land für Bataten und Indisch-Korn – und jetzt hat er neben seiner täglichen Arbeit in den Zuckerrohrfeldern oder in der Destillerie noch zu sorgen, daß recht bald und recht oft Nachwuchs erscheint.

Wenn man aber glaubt, daß dieses durch keine Kollektivverträge oder sozialpolitische Maßnahmen getrübte Arbeitsverhältnis dem braven Schwarzen drückend vorkomme, daß er unter unerträglicher Fron seufze, irrt man. José und Frasquita, Pompejo und Pilar seufzen gar nicht, sie lachen und singen, sind fröhlich und vergnügt, feiern die täglichen und periodischen Feste unter Mandolinenklang und Banjozirpen. Nach zwölf- bis vierzehnstündiger Arbeit in heißer Tropensonne, nach tagelangem Schuften in der alkoholgeschwängerten Atmosphäre der Rumkessel finden sie abends, wenn der Mond seine silbernen Pfeile vom Himmel sendet, ihre Erholung in stundenlangem Tanz, wo der Fandango gestampft wird und jeder Bursch sein Mädel an sich preßt.

Und der Aufseher, den man sich nicht als die erbarmungslose Gestalt aus »Onkel Toms Hütte« denken darf, steht dabei und schmunzelt. Er trägt keine Lederpeitsche im Gürtel, um gelegentlich blutige Bahnen in das dunkle Fell seiner Schutzbefohlenen zu reißen, er hat den geliebten Zigarillo im Munde – denn er weiß, daß nach einer durchtanzten Nacht die Arbeit am nächsten Morgen wieder frisch geht, er freut sich mit.

Und jeder Anlaß, froh zu sein, wird gern begrüßt: die Feiertage der Kirche, die Gedenktage des Hauses, die eigenen kleinen Freudenzeiten der Familie, die tausendste Kiste Zucker, die die Raffinerie verläßt – und endlich das mit mythischen Geheimnissen umgebene Schlangenfest.

Selten wohl ist es einem Weißen beschieden, diesem ureigensten Fest der Schwarzen anzuwohnen, selten dem weißen Insulaner, noch seltener dem Europäer.

Ich verdanke diese Gunst meinem braven Jaquinto, meinem Leibkammerdiener, der aber neben seinem Herrn noch die weiße Mula hinten im Corral zu betreuen hatte.

Zur Neumondzeit einst war er den ganzen Tag über wie verlegen gewesen. Als ich ihn wegen seines sonderbaren Benehmens zur Rede stellte, wich er mir scheu aus, was mir bei seiner angeborenen Frechheit besonders auffiel. Endlich, als ich ihn scharf und immer schärfer inquirierte, rückte er heraus.

Es sei ein Fest, meinte er, das schon die Altvordern gefeiert hätten. Ein Fest aber, von dem der Padre nichts wissen dürfe. Er, Jaquinto, gehe jedes Jahr am Tage nach dem Feste hinauf nach Montague in die Kirche zu Nuestra Sennora del Rosario, der er eine dicke Kerze opfere, zwei Silberpesos koste sie. Und er bitte jedesmal die heilige Jungfrau um Entschuldigung – aber wenn er sich auch tausendmal vorgenommen habe, nicht mehr hinzugehen, wo der alte weißwollene Schädel singt und tanzt – todos Santos, jetzt habe er sich beinahe verraten, er hätte doch einen fürchterlichen Eid geschworen, keinem Menschen zu sagen, wie und wo gefeiert werde, sabé?

Also wenn der Neumond kommt, der erste im Herbst – immer habe er sich zugeschworen, ruhig zu Hause zu bleiben und sein Zigarillo zu rauchen – aber da komme eine Unruhe über ihn, die ganze Haut prickle und jucke und wie an einem Tau werde er gezogen, gezogen – und der arme Bursche schnitt ein schauderhaftes Gesicht.

Ob ich nicht vielleicht doch auch dazu kommen könne?

Madre de Dios – was Don Riccardo denn denke! Unmöglich – ja sogar gefährlich – wieviel? Zwei Goldpesos? Soviel wie zwei Pfund? Nun vielleicht, wenn der Caballero einen Augenblick Geduld haben würde – und er verschwand hinter einem Busch.

Nach einer halben Stunde war Jaquinto wieder da – a la disposicion de Usted!

Hinter einer mächtigen Platane lag ich im Unterholz verborgen. Vor mir dehnte sich eine weite Lichtung, dahinter der Wald. Fast gerade mir gegenüber stand ein Felsblock, vor dem ein Holzstoß aufgeschichtet war. Zu beiden Seiten, dem Rande der Lichtung entlang, brannten zahllose kleine Feuer, an denen die Schwarzen hockten, Männer und Jünglinge – ich sah keine Frau.

Und vor dem Holzstoß stand ein alter Neger mit weißwolligem Kopf, phantastisch herausgeputzt mit Federn, Oberkörper und Gesicht grell bemalt. Und bei ihm hockte ein Dutzend junger Männer, die schlugen Trommeln in bizarren Formen und sangen ein Lied, das wie aus Urzeiten klang.

Und der alte Zauberer begann zu tanzen.

Erst in feierlichem Schritt, nahm eine Fackel, die ihm gereicht wurde, und entzündete den großen Holzstoß. Die Trommeln lärmten stärker und das Lied des Zauberers wurde wilder und wilder. Aus dem Sologesang wurde ein leiser Chor und dieser Chor schwoll an, lauter, immer lauter, nach jedem Absatz um eine Terz höher. Und als der Gesang in ein Kreischen ausartete – da flammte der Holzstoß hoch auf. Im Schein der hochauflodernden Flammen stand am Felsen ein junges Mädchen, unbeweglich, den Kopf in den Nacken geworfen, die Ellenbogen am Leibe, die Unterarme mit nach außen gerichteten Handflächen in Schulterhöhe.

Und da kroch aus dem Wald eine ungeheure Schlange. Vielleicht hundert junge Männer, einer hinter dem anderen, die Hände auf die Schultern des Vordermannes gelegt – so tanzte der Riesenwurm aus dem Schatten in die Helle. Der vorderste Bursche trug ein grotesk gearbeitetes Schlangenhaupt an einer Stange vor sich – und das Spiel begann.

Die Schlange wand sich in ungeheurem Bogen über die Lichtung, ringelte sich zusammen, dehnte sich zu einer einzigen gestreckten Linie; mit weitausholenden Windungen suchte sie das Mädchen am Holzstoß zu umschlingen, blitzschnell stieß der Kopf vor und züngelte zum Angriff.

Und die ebenholzschwarze Figur am Feuer, die nicht vom Platze wich, suchte nur durch drehende, geschmeidige Bewegungen dem drohenden Angriff auszuweichen.

Immer enger wird der Halbbogen, immer öfter und rascher schießt der scheußliche Schlangenkopf vor, immer toller wird der Gesang, immer anfeuernder der Rhythmus der Trommeln.

Schon will sich der lebendige Ring um den Leib des Mädchens legen, schon hebt sich das Drachenhaupt sieghaft hoch über den Kopf des Opfers – da wird diesem plötzlich eine unerwartete Hilfe.

Aus dem Schatten des Waldes tanzen in einer langen Reihe die Frauen und Mädchen. Sie stellen sich schützend vor das Mädchen am Felsen – die Schlange umwindet in einem großen Kreis die Hauptakteurin und ihre Helferinnen – da flammt das Feuer noch einmal auf, sinkt in sich zusammen – und erlischt.

Die zahllosen kleinen Feuer am Rande der Lichtung schwelten einen unsicheren Schein über die Lichtung. Der weißwollige Schädel des alten Zauberers im Mittelpunkte schwankte hin und her, wurde in ekstatischen Rucken vor- und rückwärts geworfen und leuchtete wie ein silbriger Mond durch das Dämmern. Einer Gliederpuppe am Drahte gleich schnellte er Arme und Beine durch die Luft und sein Keuchen übertönte fast den Lärm.

Die Schlange hatte sich aufgelöst, jeder der jungen Männer seine Partnerin gefunden und tanzte um sie ... ein wildes Getrampel, das sich im gähnenden Urwald verlor.

Die Trommeln rasten weiter. Zwei Töne – immer nur zwei Töne – ein dumpfer, tiefer, grollender – und ein scharfer, heller, jauchzender – zwei Töne – immer nur zwei Töne – nervenaufpeitschend und nervenzerrüttend – und ich lag da, schweißüberströmt, halbbetäubt vom Geruch der fremden Rasse – und ich wußte plötzlich, daß jeder dieser braven, ruhigen, geduldigen, lächelnden Plantagenarbeiter noch ein anderes Leben lebt, ein Leben, von dem wir nichts wissen, wenn wir in grellem Sonnenglanz an ihnen vorbeireiten und sie uns während der Arbeit ein Scherzwort zuwerfen – ein Leben, das da hervorgebrochen war in dieser Nacht, von dem ich nun wußte. Dieses Wissen aber war gefährlich.

Eine Hand suchte die meine:

»Kommen Sie, Don Riccardo!«

Jaquinto führte mich fast gewaltsam fort. –

Am nächsten Tage erwachte ich spät aus bleischwerem Schlaf. Als ich aus dem Hause trat und dann über die Felder ritt, war die Arbeit in vollem Gange. Kein Zeichen verriet, daß die Leute nicht in ihren Hütten geschlafen hatten.

Als ich abends nach Hause kam, saß auf der Veranda meines Bungalow Don Ramon. Ich begrüßte ihn und er sah mich forschend an. Dann stand er auf.

»In drei Tagen geht die ›Florida‹ nach Boston – ich habe nach Kingston telegraphiert und Ihnen einen Platz sichern lassen.«

»Sie schicken mich fort, Don Ramon?«

»Wenn Sie morgen vor Sonnenaufgang von hier wegreiten, erwarte ich Sie zum Frühstück in meinem Hause in Montague. Sie haben ein nettes Guthaben bei mir – soll ich Ihnen einen Scheck auf eine Bank in Boston ausschreiben?«

»Ja – was –?«

»Es wird vielleicht besser sein, Sie reiten gleich jetzt noch abends mit mir – Jaquinto, packe die Sachen des Caballero!« –

Und als ich am nächsten Tage Abschied von meinem ehemaligen Herrn nahm, mit dem ich freundschaftlich bis zum Morgengrauen geplaudert hatte, meinte er:

»Ich nehme nie wieder einen Deutschen. Denn ihr Deutsche seid alle Träumer und kümmert euch um Sachen, die euch nichts angehen. Und wenn ihr dann Unannehmlichkeiten habt, sind wir armen Wilden daran schuld. – Ja richtig – die zwei Pfund habe ich Jaquinto gegeben – ich habe sie Ihnen nicht angelastet – – buenos tardes, Señor!«

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