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Gold und bunte Menschen

Richard Kühnelt: Gold und bunte Menschen - Kapitel 13
Quellenangabe
authorRichard Kühnelt
titleGold und bunte Menschen
publisherÖsterreichischer Bundesverlag für Unterricht, Wissenschaft und Kunst
year1929
illustratorRudolf Linauer
firstpub1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180209
projectidff8d507e
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Von weißen, roten und schwarzen Menschen

Fallender Stern.

In die Urwälder von Britisch-Kolumbien hatte mich das Schicksal verschlagen, wo ich beim Bau der großen Bahnlinie mitarbeitete, welche die Grand Trunk Pacific Eisenbahngesellschaft quer durch ganz Kanada über den Kontinent legte.

Wie ein Silberband auf schwarzem Samt, so zieht sich hoch oben an der Alaskagrenze der Skeena-River durch den Wald. Eingesäumt von turmhohen Zedern und Douglasfichten erglänzte gerade nur ein schmales Band hell im Mondenschein, die Ufer erstarrten in undurchdringlichem Dunkel. Still war es, so still, daß die Einsamkeit und Ruhe mir lauttönend im Ohre klang.

Ich lag im Kanoe, starrte zum Himmel und dachte – dachte so viel, daß mein Denken ein Träumen wurde.

Vorne und rückwärts im leichten Boot hockten die beiden Ruderer, Halbblut von der Küste, aus Metakatlah. Stromaufwärts ging es zum Camp, wo die Waldriesen gefällt wurden zum Bau des Hafens von Prince Rupert.

Es war angezeigt, des Nachts zu fahren, um den glühenden Sonnenstrahlen dieses heißen August auszuweichen und den Tag über im Schatten zu lagern.

Drei Nächte währt die Fahrt – dies war die zweite.

Die beiden Ruderer waren schweigsame Gesellen, die darauf achteten, in der hellen Fahrtrinne zu bleiben, den Felsen und Wirbeln auszuweichen und vorwärts zu kommen, dahin, wo ein Feuer winkte und ein Mahl. Wir trachteten, einen uns schon lange bekannten Platz zu erreichen, wo wir vor Sonnenaufgang ankommen konnten, unter einem überhängenden Felsen, an einer sandigen Stelle des Ufers. –

Da tönte es durch den Wald, hell und grell, der Schrei eines wilden Vogels. Ich fuhr aus meinem Dämmern auf, die beiden Mestizen wechselten hastig ein paar Worte in einem mir unverständlichen Dialekt – und das Boot lenkte von der Helle ab an das rechte Ufer, wo es so dunkel war, daß man die Hand nicht vor den Augen sah.

Ich hatte mich aufgesetzt. Meine Augen versuchten die Finsternis zu durchdringen. Ein Ruck, wie wenn ein schwerer Gegenstand ins Boot fallen würde – dann lenkte das Fahrzeug wieder in die Helle des Mondlichts – im Kanoe mir gegenüber saß ein uralter Indianer. – Ich griff nach der Waffe, die neben mir im Boot lag – der Alte aber erhob schweigend die Hand und deutete auf das Calumet, das ihm an einer Schnur aus den Zähnen des grauen Bären um den Hals hing.

Ich lehnte mich wieder zurück und betrachtete mein Gegenüber. Es war ein schöner alter Mann. Das schlichte Haar hing ihm schneeweiß lang in den Nacken, ehern aus lichter Bronze erschien sein Gesicht, die Nase war edel gebogen – so saß er schweigend mit halbgeschlossenen Augen da.

Zwei Stunden dauerte noch die Fahrt. Noch in tiefer Nacht wurde der Lagerplatz erreicht, das Boot ans Ufer gezogen, bald war ein Feuer im Gang, über dem der Teekessel brodelte.

Ich lag auf meiner Decke und rauchte. Mein ungebetener Gast war wortlos zum Felsen gegangen, dort kauerte er sich hin und blieb an den Stein gelehnt unbeweglich sitzen.

Eben wollte der eine der Mestizen uns den Tee eingießen, als vom Fluß her Ruderschlag hörbar wurde. Ich eilte hinab und sah ein großes Boot fackelbeleuchtet daherkommen. Im Fackellicht konnte ich die Uniform der Mounted Police, der berittenen Polizeitruppe des Nordwestens erkennen, jener Schar Helden, die halb Soldaten, halb Gendarmen, im Nordwesten Kanadas die Hüter der Ordnung und oft die ersten Pioniere sind. Sie hatten das Feuer bemerkt und bald lief das Boot im Sande des Ufers auf.

»Halloh, Doktor, was machen Sie da?« rief eine wohlbekannte Stimme. Es war Leutnant Mc Intyre vom Posten in Fort Essington, mit dem ich manchen Whisky getrunken hatte.

»Zum Vergnügen reist man doch in diesem gottverlassenen Winkel nicht,« meinte ich. »Was suchen denn Sie da im Urwald?«

»Einen Mörder, Sir, hinter dem wir schon drei Wochen her sind! Ich wollte, der Alte hätte wen anderen mit dieser Aufgabe beehrt als gerade mich.«

Wir gingen zum Feuer, tranken Tee, aßen einige Bissen, dann wickelte sich alles in die Decken – und bald herrschte Ruhe im Lager.

Ich hörte, wie Mc Intyre sich immer wieder herumwälzte, in sich hineinbrummte und augenscheinlich die Ruhe nicht fand. Endlich setzte der junge Offizier sich mit einem Ruck auf:

»Schlafen Sie, Doktor? Wollen Sie mir eine Viertelstunde zuhören? Ich muß Ihnen diese Geschichte erzählen – Sie lieben ja solche merkwürdige Sachen, wie ich weiß.«

Wir brannten unsere Pfeifen an – und der Leutnant erzählte: »Sie haben doch sicher vom alten Oronyateka gehört, dem Oberhäuptling aller Stämme hier im Norden. Keiner unserer Peers, keiner der Herzoge, Markgrafen und Grafen drüben in merry England hat eine solche Ahnenreihe aufzuweisen wie der alte Injun Injun – Dialektausdruck für »Indian«, Indianer.. Sein Totempfahl Totempfahl – Ahnenpfahl, das Wappenzeichen der Indianerfamilien. Reich geschnitzt. ist uralt. Wie alt er selber ist, weiß niemand. Er war immer schon da. Keiner der jetzt Lebenden hat ihn anders gekannt, als mit langem, weißem Schopf. Der hat hier oben mehr zu reden als der Generalgouverneur in Ottawa Ottawa – Hauptstadt des Dominion of Canada, liegt im Staate Ontario. Parlaments- und Beamtenstadt, wie Washington in der Union. – und wenn wir unten im Posten oder Dicky Mc Bride Dicky Mc Bride – Richard Mc Bride, kanadischer Staatsmann, Ministerpräsident in Britisch-Kolumbien. in Victoria etwas vor hatten – ohne den Alten aus den Wäldern war nichts zu machen.

Gegen uns war er loyal. Es heißt, daß er vor urdenklichen Zeiten mit irgendeinem Abgesandten aus Ottawa das Calumet des ewigen Friedens geraucht habe, und seitdem betrachtet er sich als den direkten Stellvertreter des großen Vaters im Osten.

Oft, wenn die Redmen das Kriegsbeil gegen die Blaßgesichter ausgraben wollten, weil diese verdammten Schurken von Indianeragenten Indianeragenten – Die kanadische Regierung hat mit den Indianerstämmen Verträge, laut denen sie gewisse Bedarfsartikel liefern muß. Die Durchführung dieser Lieferungen besorgen Personen, Indianeragenten, die natürlich bestrebt sind, viel dabei zu verdienen. Man gebraucht im Westen die Redensart: Er betrügt wie ein Indianeragent. sie bei einer der vertragsmäßigen Lieferungen allzusehr übers Ohr gehauen hatten, dann war er auf der Höhe. Einmal, als allzuviel Sand im Schießpulver war, die Decken zu bald Löcher bekamen, als damals die roten Burschen gar nicht Raison annehmen wollten und wir unten im alten Fort schon doppelte Munition faßten – da verschwand der Alte und tauchte plötzlich unten in Winnipeg Winnipeg – Hauptstadt der kanadischen Provinz Manitoba, Handelsmittelpunkt von Mittel- und Westkanada. auf. Dort stand er an einem Vormittag von zehn bis zwölf Uhr wie eine Bildsäule an der Ecke von Main- und Marketstreet zum Gaudium aller Loafers und Schulbuben – und als er wieder am Ratsfeuer hinten am Mackenzie erschien, berichtete er: Meine roten Brüder werden gegen die Bleichgesichter nichts ausrichten, denn sie sind zahlreich wie der Sand im Meer; Oronyateka war unten im großen Dorf der steinernen Wigwams und hat sie gezählt. In der Zeit, die die Weißen zweimal eine Stunde nennen, sind so und so viel tausend und so und so viel hundert Leute an mir vorbeigegangen. Meine roten Brüder mögen überlegen. Ich habe gesprochen. Howgh.

Nun, vor ein paar Jahren hatten die Methodisten von Essington aus Missionäre ausgesendet, um die Leute hier um den Skeena-River zu gewinnen – und vom Süden über den Yellow-Head kamen Presbyterianer. Da erhob sich ein mächtiges Ringen um die Seelen. Oronyateka war neutral. Er wehrte nicht, er begünstigte nicht. Nur einmal horchte er auf, als vor ihm ein braver Reverend Reverend – Hochwürden, Titel der Geistlichen aller Konfessionen. von den Freuden des Christenhimmels erzählte, wo Männer und Frauen ohne Unterschied selig sein sollten, wo es keine Herren und keine Diener gibt.

Und dieses Aufhorchen hatte seinen guten Grund.

Der Alte hatte nämlich ein einziges Kind, eine Tochter – es kann auch eine Enkelin gewesen sein –, die er als letzte des uralten Königsgeschlechtes »Falling Star« genannt hatte, »fallender Stern«. Seine ganze Liebe gehörte diesem Kinde. Und das Mädel war schön. Ich habe sie gut gekannt. Ich kann Ihnen sagen, wenn sie daherkam, aufrecht und schlank wie die Fichten ihrer heimatlichen Wälder, mit den zwei kohlschwarzen Zöpfen, die ihr zu beiden Seiten des schmalen Köpfchens bis auf die kleinen Füße niederhingen, mit ihrer samtweichen Bronzehaut – wenn sie so in ihrem Kleid aus der weichgegerbten Elchhaut mit den Stickereien in den uralten Mustern ihres Volkes bei einem Empfang an irgendeinem Hofe erschienen wäre – alle Schönheiten wären vor ihr dagestanden wie Dienerinnen vor einer Königin.

An sie dachte der alte Häuptling, als er die Lehre von der unsterblichen Seele auch der Frauen und vom Wiedersehen im Jenseits hörte. Denn Falling Star war in das Alter gekommen, wo die Mädels der Roten erblüht sind und einem Krieger ins Wigwam folgen.

Da war nun unten in Port Essington ein Bursch, wie er verteufelter noch nie von der grünen Insel Grüne Insel – Irland, die »grüne Erin«. über den großen Ententeich herübergekommen war. Sechs Fuß hoch, breit wie ein Grizzly, stahlblaue Augen, blitzend wie Toledaner Klingen, ein Reiter wie keiner in tausend Meilen Umkreis – das war Mike O'Flanagan, Sergeant in Seiner Majestät berittenem Polizeikorps des Nordwestens.

Ich hatte den Jungen in meiner Abteilung, er hielt seinen Beritt zusammen wie der Schulmeister die Buben und die Jungens hielten was auf ihn. Die ganze Küste hinauf bis zum gesegneten Yukon und bis hinunter nach Vancouver war kein Mädel, das sich nicht straffer hielt, wenn Mike daherkam, und kein Farmer und kein Miner, der »Nein« gesagt hätte, wenn Mike die Tochter zur Frau begehrt hätte.

Aber der Irish war kalt. Er tanzte mit den Mädels, trank die Väter unter den Tisch – doch das war auch alles. Kein Spazierengehen im Mondenschein an den Strand oder in den Wald, keine Serenaden mit Banjo oder dieser verdammten Okarina – nur wenn er vom Patrouillenritt kam, der ihn zu dem Indianerdorf am Babine Lake Babine Lake – See in Britisch-Kolumbien, halbwegs zwischen Küste und Grenze. In den Rocky Mountains gelegen. Am Nordufer ein Dorf der Athabasken. geführt hatte, war ein seltsames Leuchten in seinen Augen. Und eines Tages stand er in Parade im Kommandobureau und bat um Heiratsbewilligung.

Der Alte hatte ihn gern und erkundigte sich, wie, wer, wo – und er fuhr fast in die Luft, als ihm Mike mit dem ernstesten Gesicht von der Welt meldete, daß die künftige Mrs. O'Flanagan niemand anderer sei, als Falling Star, die Blume des Nordens, die einzige Tochter des alten Oronyateka.

Das war so gekommen.

Der alte Häuptling hatte überlegt. Seine Tochter sollte in den ewigen Jagdgründen nicht, wie hier auf Erden, die Mokassins flicken und Sklavin sein. Sie sollte wie jede weiße Frau gleichberechtigt mit dem Manne die Freuden der Ewigkeit genießen. Er hatte daher alle Bewerbungen der jungen Häuptlingssöhne abgewiesen – und als Mike kam und als Gentleman vom alten Gentleman die Hand der bronzenen Lady begehrte, da hatte er eingewilligt. Jetzt war seine Tochter, sein Kleinod, eine Weiße geworden – sie hatte eine Seele bekommen.

Die Hochzeit war fabelhaft. Die ganze Küste war drei Tage lang stockbetrunken. Mike bekam kurzen Urlaub und fuhr mit seiner jungen Frau hinunter in die Stadt nach Vancouver. Und eines Abends waren sie wieder da – er strahlend vor Glück und sie eine vollendete Lady.

Der Kommandant hatte dem jungen Paar das feinste Unteroffiziersquartier unten in den Barracks Barracks – die Soldatenquartiere, Kaserne. eingeräumt und die zwei lebten wie die Turteltauben. Jede Minute, die der Dienst freiließ, brachte Mike bei seiner Frau zu. Und es war gut so. Denn die kleine rote Prinzessin konnte bei den Frauen im Posten keinen rechten Anschluß finden. Von uns Offizieren war nur der Alte verheiratet – nun, und die Kommandeuse fand für das junge Ding wohl nicht den richtigen Ton – die verheirateten engeren Kameraden, die anderen Unteroffiziere, hatten meist Farmerstöchter zu Frauen, denen die Ablehnung der roten Rasse zu tief im Blut lag, als daß sie die kleine Frau als ebenbürtig ansehen konnten.

Nach dem Rausch der Flitterwochen ließ sich Mike wieder häufiger in der Kantine sehen, wo die Kameraden manchmal wenig zartfühlende Worte hatten – auf ja und nein hatte er seinen Spitznamen weg, Squawman, Mann der roten Frau. Erst gab es Faustkämpfe und blau geschlagene Augen, dann konnte man Mike manchmal mit roten Lidern und zitternden Händen sehen, der Dienst klappte nicht mehr; ich nahm mir ihn einmal scharf vor. Ärger war da und Vorwürfe – kurz, eines Tages erzählten die Soldatenweiber mit höhnischem Blinzeln, daß es abends vorher bei O'Flanagans wüst zugegangen sei, Mike habe einen Rausch gehabt und seine Frau jämmerlich geprügelt.

Mittags meldete mir der diensthabende Unteroffizier, daß Mrs. O'Flanagan, einstmals Falling Star, verschwunden sei.

Mike war besoffen wie ein Vieh. Wir ließen ihn in den Arrest zur Ausnüchterung bringen. Gegen Abend führte ich ihn dem Kommandanten vor, der sprach ihm väterlich zu, aber Mike erklärte, er werde nichts tun, um seine Frau zurückzuholen, er werde die Scheidung einleiten; er habe sich überzeugt, Weiß und Rot tauge nicht zueinander.

Ein paar Tage später kam Mike von einem Patrouilleritt nicht zurück. Waldläufer fanden ihn unter einer alten Eiche mit sechs Zoll kalten Eisens im Herzen.

Und weitere drei Tage später kam ein junger Krieger der Athabasken Athabasken – Nordlandsindianer, Volk, das in zahlreiche Stämme zerfällt, über ganz Britisch-Kolumbien und die nördliche Tundra verbreitet. und brachte dem Kommandanten eine Botschaft des alten Häuptlings: Oronyateka hat die Schmach seines Kindes, die es von der Hand ihres weißen Mannes zu leiden hatte, gerächt. Falling Star kann aber nicht länger im Wigwam ihres Vaters leben, denn sie ist jung und schön. Viele Söhne der Stämme der roten Brüder würden kommen und sie als Weib heimführen wollen. Dann würde sie aber die Seele verlieren, die sie als Frau eines Weißen erworben hat. Sie müßte in den ewigen Jagdgründen als Sklavin ihrem roten Manne dienen. Falling Star soll aber keine Sklavin werden – Oronyateka hat sie deshalb ihrem Manne in den Himmel der Bleichgesichter nachgesendet.

Sie können sich denken, daß diese Botschaft wie eine Bombe wirkte. Der Coroner Coroner – der Leichenbeschauer, Gerichtsarzt, der mit einer Jury jeden Todesfall zu behandeln hat. Er hat zu untersuchen, ob ein Todesfall mit einem Verbrechen im Zusammenhang steht. rief die Jury zusammen, Mordanklage wurde erhoben, ein Haftbefehl ausgestellt, der ganze Posten alarmiert, Patrouillen nach allen Windrichtungen ausgesendet. Aber weder am Babine, noch am Trembleur oder Stewart-Lake Trembleur und Stewart-Lake – größere Seen im Norden von Britisch-Kolumbien., wo der alte Chieftain sich sonst meist aufhält, war er zu finden. Von den Forts Fraser Forts Fraser usw. – Forts, alte Befestigungen der Hudson-Bay Co., jetzt Stationen der berittenen Polizei., St. James, Mc Leod und allen Posten zwischen dem Cost-Range Cost-Range – Gebirgszug längs der Küste, parallel dem Zuge des Rocky Mountains. und dem Peace-River Peace-River – großer Fluß an der Grenze von Britisch-Kolumbien gegen Alberta, mündet in den Mackenzie. wurden Nachforschungen angestellt – umsonst.

Vor vier Tagen erhielten wir die Nachricht, daß er hier am Skeena gesehen wurde – und mir wurde befohlen, seine Spur zu verfolgen. Es geht mir, weiß Gott, gegen den Strich, den alten roten Gentleman zu fangen, wie einen Pferdedieb zu binden und ihn dann unten in der Old Town von vierundzwanzig braven Handwerkern und Bauern verurteilen zu lassen. Ich muß Ihnen sagen, ich würde ihm eine Chance geben – und unser guter Leutnant-Colonel würde zwei Augen zudrücken – wir lieben sie nicht, die Herren im Seidentalar dort unten, die die natürliche Romantik, in der wir hier leben, nicht verstehen und nur mit ihrem Criminal-Code denken – meiner Mutter Sohn stammt aus Auld Scotty Auld Scotty – Alt-Schottland. – wir, in unserem Clan Clan – Bezeichnung für die Familienstämme der Hochschotten., würden vielleicht geradeso – genug, es ist ekelhaft, den Häscher zu spielen.« – – –

Der Leutnant stand auf, warf ein Scheit Holz in das verglimmende Feuer, das bald darauf hell aufflammte. Und als er sich umschaute, sah er beim Schein der Flamme am Felsen den alten Indianer sitzen.

»Wen haben Sie denn da?«

Ich stand gleichfalls auf.

»Ich denke den, den Sie suchen.«

Mit einem Satz war Mc Intyre bei dem Alten.

»Oronyateka – weiß mein roter Vater?«

»Daß sein junger weißer Bruder hinter ihm her ist – Oronyateka hat ihn hier erwartet.«

»Du weißt, was ich mit dir tun soll?«

»Ich weiß.«

Mc Intyre und ich sahen uns an. Langsam zog der junge Offizier seinen Revolver aus der Tasche und ließ ihn wie von ungefähr neben dem Häuptling auf die Decke fallen. Dann wandte er sich jäh um und ging ans Ufer hinab, wo er sich hinsetzte.

Ich folgte ihm.

Mc Intyre kaute an seinem blonden Schnurrbart und murmelte leise: »Ich soll nicht – ich weiß, ich soll nicht – aber ich gebe ihm die Gelegenheit!«

Wie Jahrtausende vergingen die Minuten – drei – zehn – fünfzehn – zwanzig –

Der Offizier sprang auf:

»Umsonst – jetzt kann ich nicht anders!«

Am Felsen lehnte unbeweglich der Alte.

»Oronyateka – du willst es nicht anders. Komm – wir müssen fort.«

Der Alte stand auf:

»Will mein junger Bruder mit dem großen verstehenden Herzen dem letzten der Häuptlinge dieses Landes eine Bitte gewähren? Laß mich auf diesen Felsen, der ein heiliger ist meinem Volke, hinaufsteigen. Laß mich von dort Abschied nehmen von den Wäldern meiner Heimat, daß meine alten Augen, die schon trübe werden nach der langen Reihe vieler Winter, zum Todesgang das Bild der Jagdgründe mitnehmen, wo der junge Krieger einst im Laufe den Hirschen einholte. Ich gebe dir mein Wort als Häuptling, ich komme zu dir zurück.«

Mac Intyre und ich tauschten einen schnellen Blick. Ich nickte leise.

»Geh,« sagte der Offizier.

Nie werde ich das Bild vergessen, das sich uns jetzt bot. Stets in meinen Träumen, wenn mich die Sehnsucht übermannt nach dem freien Leben in jenen Wäldern, sehe ich es vor mir.

Scharf hob sich die dunkle Silhouette des alten Mannes vom Himmel ab, der schon die erste Helle des heraufziehenden Morgens zeigte, wie er da oben stand, den Kopf mit dem wallenden Haar zurückgebogen, die Arme wie betend und segnend zum Äther erhoben.

Da fuhr ein greller Schein über den Himmel und durch den Wald – so unwahrscheinlich hell und grell, daß wir die Augen schützen mußten – und als wir wieder sehen konnten, sahen wir zur Höhe auf. Der Felsen über uns war leer.

Atemlos liefen wir um den Block herum.

Am Fuße des heiligen Felsens lag Oronyateka, der alte Oberhäuptling der Athabasken – tot – das Haupt zerschmettert von dem Meteor, das eben gefallen war.

Falling Star, der fallende Stern, hatte ihren Vater erlöst.

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