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Gold und bunte Menschen

Richard Kühnelt: Gold und bunte Menschen - Kapitel 12
Quellenangabe
authorRichard Kühnelt
titleGold und bunte Menschen
publisherÖsterreichischer Bundesverlag für Unterricht, Wissenschaft und Kunst
year1929
illustratorRudolf Linauer
firstpub1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180209
projectidff8d507e
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Wanderungen des Goldes.

In den öffentlichen Statistiken wird Kanada wegen des Yukongebietes als Gold produzierendes Land an eine hervorragende Stelle gesetzt, ebenso die Vereinigten Staaten wegen Alaska und der südlichen Golddistrikte von Kolorado, Arizona und Neu-Mexiko. Dieselbe Statistik belehrt uns, daß die Union auch als Gold ausführender Staat eine bedeutende Rolle spielt, während Kanada trotz seiner seit Erschließung der Klondykeregion enormen Goldproduktion in dieser Beziehung nicht besonders hervorgehoben wird.

Dies ist ohne weiteres erklärlich, wenn man sich vor Augen hält, daß das meiste Exportgold der U. S. A. nicht Alaskagold ist. Wer die Verhältnisse, unter denen die Goldgräberei im hohen Norden betrieben wird, aus eigener Anschauung kennt, weiß, daß das dort gewonnene gelbe Metall selten aus dem Lande kommt und, soweit das Yukongebiet in Frage kommt, zu 90 Prozent über Vancouver nicht hinaus.

Dieser Umstand ist der Quell des Reichtums der Pazifikprovinz des Dominion of Canada, daß es das Hinterland eines ungeheuren Goldgebietes ist.

Schon äußerlich läßt sich dies aus dem Umstand erkennen, daß in ganz Britisch-Kolumbien selten Papiergeld angetroffen wird; und wenn, so stößt es auf direkte Abneigung der Bevölkerung. Meistens gibt es gemünztes Gold, aber auch ungemünztes in Form von Goldstaub und Nuggets. In keinem Laden oder Kaufhaus, in dem Goldgräber verkehren, fehlt die Goldwaage.

Bei der bereits besprochenen Charaktereigenschaft des berufsmäßigen Goldgräbers, den gewonnenen Reichtum möglichst rasch umzusetzen, bleibt eine enorme Quantität im Lande selbst oder im Hinterland. Die Auswirkung dieses Verbleibens auf die Preisgestaltung darzulegen, würde zu weit führen; es sei nur gesagt, daß die Währungseinheit, der kanadische Dollar, nur als Rechnungseinheit wirkt, etwa wie in der Inflationszeit Mark und Krone.

Im Porcupine Camp mußte sich seit Beginn der Kampagne dort oben nach meiner Berechnung ein recht ansehnlicher Vorrat von Gold angesammelt haben. Von dem im Besitz der Goldgräber befindlichen Metall war zwar im Laufe der Entwicklung der Siedlung eine schon nennenswerte Menge in die Taschen anderer Personen gekommen, an die Wirte, an den Store für Proviant und Bedarfsartikel und an Handwerker für ihre Leistungen – noch immer aber war verhältnismäßig wenig davon nach Dawson-City abgewandert, da lediglich die beiden Bartender und das Magazin Gold zur Beschaffung der Nachlieferungen dorthin abgesendet hatten.

Die wenigen Unzen, die durch wandernde Händler fortgetragen wurden, kamen kaum in Betracht.

Erst in der letzten Zeit, seit dem Ende der Hungersnot, als ein abwandernder Zug durchs Lager strich, war Gold in die Stadt und in andere Gegenden gekommen, hatte sich aber nicht aus dem Lande entfernt.

Nun aber setzte eine Bewegung ein, die einen Strom von Gold mitriß.

In den letzten Wochen, die ich im Camp zugebracht hatte, war es in Parkers Saloon hoch hergegangen. Nur wurden jetzt nicht Pläne zur Gewinnung des Goldes besprochen, sondern solche, bei denen man es los wird.

Sie träumten davon, mit dem gewonnenen Reichtum in die Welt zu ziehen, teils um sich ruhig eines hart erworbenen Besitzes zu freuen, teils um an einem anderen Punkt der Erde sich in neue Abenteuer zu stürzen.

Einer träumte von einem Landgut, von Äckern, Vieh und Rosen in einem Garten, der andere von einer Fahrt der Sonne nach, der dritte von Wein und den Lustbarkeiten dieser Welt – und keiner von ihnen ahnte damals, als sie den Mund gar so voll nahmen, daß sie ihr Gold nicht weiter als bis zur Stadt begleiten würde.

Den einen, der vom Landgut träumte, sah das nächste Jahr als Lohnarbeiter in den Minen des Mayodistriktes – der, der nach Westen wollte, kam wohl über den Ozean, aber als Kohlentrimmer tief unten im glühenden Bauch eines Pacificliners – das Gold des Träumers von Wein und Vergnügen blieb in den Händen eines dicken Barkeepers im Dawson-City kleben – und ihn selbst fand man eines Morgens nach einer wüsten Pokerpartie mit einem Messer im Rücken tot auf.

Welch weiteren Weg das Gold nehmen würde – wer weiß es?

Es sickert in die Hände von Verkäufern von Nahrungsmitteln und Arbeitsgerät – es fließt in die Tasche des Großkaufmannes in Vancouver – es strömt in die Keller der Bank, die an seiner Stelle Scheine nach dem Osten flattern läßt, die leicht in den Brieftaschen zu verwahren sind. Und das Gold selbst bleibt begraben – begraben tief in den Verließen, tief unter der Erde, aus der es einst in unsäglicher Mühe und in Gefahren aller Art geholt wurde – erkämpft in Hunger und Kälte.

Es hat denen, die es sich erstritten, selten die Erfüllung ihrer Träume gebracht; erst denen, in deren Schoß es mühelos von selbst fiel, brachte es eine unerhörte Macht.

Die Matadore der Börse in Montreal, in Toronto, ja selbst in der Hauptstadt des britischen Imperiums, in London, verdanken ihren imponierenden, weltumspannenden Einfluß jenem Goldkorn, das ein armer, verhungerter, halb erfrorener Abenteurer irgendeiner Nation oder Rasse in der Eiswüste der Arktis der Erde abgerungen hat – und das nie aus den Tiefen der Bankkeller in Vancouver zum Vorschein kommt.

Ich kam also nach einer verhältnismäßig glatten Fahrt in Dawson-City an.

Ich müßte wieder in Lyrik verfallen, wollte ich die Gefühle beschreiben, die ich nur mit Mühe abschüttelte, als ich zum erstenmal wieder eine Stadt betrat – nach einem Jahr ausgesprochen wilden Lebens.

Dabei war diese Stadt nicht auf aller Höhe der Zivilisation. Der vom Süden kommende empfindet sie als wildes Surrogat – mir erschien sie jetzt als eine Märchenstadt.

Mein Hinterwälderaussehen fiel nicht weiter auf, war auch kein Hindernis, daß ich im besten Gasthof der Stadt, der bereits Ansätze zu einem Luxushotel zeigte, ohne Schwierigkeit Aufnahme fand. In meiner langen Parka aus Wolfsfell, der Kapuze, den hohen Strümpfen aus Leder und den Mokassins an den Füßen, mit meinen abgearbeiteten, schwieligen Händen, dem Stoppelbart – bot ich das typische Bild eines Miners aus dem hohen Norden.

Im Hotel ließ ich vor allem ein Bad bereiten. Dann bearbeitete der Barbier meinen Kopf und mein Gesicht und der Clerk des ersten Kaufhauses brachte mir die komplette Kleidung eines Gentleman mit allem Zubehör.

Als ich am Abend zum Dinner in den Speisesaal trat, mußte ich als Fremder von Distinktion wirken.

Ich will es ruhig eingestehen, daß mich das elektrische Licht, die weißen Tischtücher, Porzellan und Silber – die ganze Aufmachung einer zivilisierten Gaststätte, sowie die Anwesenheit von Ladies einen Augenblick etwas verlegen machten.

Ich war also froh, als ich nach eingenommener Mahlzeit mich in die Bar zurückziehen konnte, wo ich bei Whisky und Soda nur Männer fand, tipptopp angezogene Gentlemen, deren Hände und Sprache die Goldgräber verriet. Und ihr Gespräch war Gold, Gold, Gold.

Tags darauf befand ich mich in einer Bank, um mir für mein Gold einen Kreditbrief nach Vancouver zu kaufen und mich über die Ereignisse in der Welt, von denen ich durch ein Jahr fast abgeschnitten war, zu informieren. Die höfliche und entgegenkommende Haltung der Bankleute entsprach der Höhe meiner Einlage. Wie selbstverständlich wurde ich aber doch bei der Abwaage meiner Beutel und der Umrechnung in Dollar wie jeder gründlich geschoren.

Von dort ging ich ans Ufer des Flusses. Ich wollte genau wissen, wann ich weiter könnte, denn mir brannte der Boden unter den Füßen. Darum suchte ich die nächste Gelegenheit, um nach Skagway oder Juneau zu kommen.

Auf dem Flusse kam Schiff auf Schiff, gefüllt mit der lärmenden, aufgeregten Menge, als deren winziges Atom ich vor einem Jahr heraufgekommen war. Ein verschwindender Tropfen in dem Strom von Abenteurern und gescheiterten Existenzen, die den ersten Schritt auf dem Boden der Goldstadt für den ersten Schritt im Lande der Verheißung halten.

Da wogt der Strom über die Landungsbrücke, ergießt sich über die Stadt, um nach ein paar Tagen in zahllose Arme verteilt einzusickern in das Land, das Menschen aufsaugt wie ein durstiger Schwamm.

Beim Vorbeikommen meinte ich in jedem von ihnen mich selbst zu erkennen – und ihr Gespräch war Gold, Gold, Gold.

Wohin ich an diesem Tag vor meiner Abreise kam, nur von Gold war die Rede. In den Geschäften, in denen ich mir die zur Reise notwendigen Sachen kaufte, sprachen Käufer und Verkäufer nur von Gold. Von Gold war die Rede in allen Lokalen, vom teuersten Restaurant bis zur verrufensten Schänke. Die Frauen bekamen ein Flimmern in die Augen, wenn das Wort an ihr Ohr schlug, und sie sprachen es aus, wie wenn sie einen Leckerbissen auf der Zunge zerdrückten. Die Kinder spielten Goldgräber.

Wie anderswo Führer des Geistes oder erprobte Helden im Kampf Gegenstand öffentlicher Aufmerksamkeit sind – hier zeigte man sich diejenigen, die den ergiebigsten Fundplatz ausgemacht hatten – und der schmutzigste, roheste Patron war umschmeichelt und umlagert, weil er das große Nest dort oben in den Bergen aufgespürt hatte. – Dieser Golddunst war mir zum Ekel geworden und ich war froh, als ich es mir in der Kabine des Flußdampfers bequem machen konnte.

Den Lewis hinauf bis Whitehorse ging es verhältnismäßig rasch. Das Deck war gefüllt mit Rückwanderern aller Gesellschaftsklassen – und man sprach von Gold, Gold, Gold.

Der Zug über den Whitehorse-Paß mußte auf der eingeleisigen Strecke den Immigrantenzügen ausweichen, die einer hinter dem anderen die Fracht des kommenden Sommers brachten.

In Skagway war eben der fällige Dampfer abgefahren und ich mußte zwei Tage warten, bis der nächste ging. Aber Schiff auf Schiff kam von der hohen See mit Goldsuchern.

In dem kleinen Hotel, das über dem Fjord liegt, entschied sich mein weiteres Schicksal.

Ich saß in der Bar und hörte durch Zufall ein Gespräch, welches drei Herren, nach Sprache und Kleidung den höheren Ständen angehörig, miteinander führten.

Sie sprachen von dem Projekt einer transkontinentalen Linie, die ihren Endpunkt an der pazifischen Küste in der Nähe der Mündung des Skeena-River Skeena-River – Fluß in Britisch-Kolumbien, nahe der Alaskagrenze, mündet bei Prince Rupert in den Stillen Ozean. Berühmt durch die unergründlichen Urwälder von Zedern und turmhohen Douglasfichten an seinen Ufern. haben sollte, dort, wo in der Nähe von Port Simpson der alte Posten Fort Essington der berittenen Polizeitruppe des Nordwestens wäre. Sie sprachen von der Schiffbarkeit des Skeena und von Waldriesen, vom Bau des Hafens, der Prince Rupert genannt werden sollte.

Sie sprachen von der großen Chance, wenn man rechtzeitig dort wäre, da noch wenige von dieser Sache wüßten.

Blitzartig kam mir die Idee, mein Gold, das ich in Gestalt eines Quartbogens in meiner Brieftasche führte, bei dieser Partie der Geldfürsten dieser Welt mitspielen zu lassen. Fast in der Sekunde stand mein Plan fest.

Ich hatte dort oben in der Einsamkeit des Porcupine so oft mit den gerissensten Jungen mich im Poker gemessen und meine Kaltblütigkeit nie eingebüßt, nicht im Gewinn, nicht im Verlust, daß ich fast sicher war, auch in diesem Hasard durch einen richtigen Bluff mein Spiel interessant zu machen.

Ich fühlte mich als Glückskind, denn gerade als mein Leben eine Wendung zur langweiligen Bürgerlichkeit nehmen wollte, brachte mich der Zufall auf die Spur eines neuen Abenteuers.

*

Acht Tage später war ich in Vancouver, um meine Vorbereitungen zu treffen.

Vancouver war in heller Aufregung. Die Eisenbahngesellschaft führte täglich Sonderzüge mit Goldsuchern, die von allen Seiten herbeiströmten. Polizei, freiwillige Bürgerwehr und Miliz hielten Tag und Nacht Bereitschaft – genau wie vor einem Jahr.

Im Hafen lag ein halbes Dutzend Schiffe bereit, den neuen Strom Menschen in das große Sammelbecken des Nordens zu führen.

Ich war am Bahnhof.

21 Uhr 35 Pacific Time.

Der Überlandzug braust schnaubend in den Bahnhof. Die Bremsen kreischen, der Zug steht still.

Aus den langen braunen Kolonistenwagen, aus den ungepolsterten, rüttelnden, stoßenden, stinkenden Rauchwagen stürmt, drängt, wälzt sich eine fluchende, lärmende Menge von Männern jeden Alters, aller Völker und Rassen.

Zwischen den Dämmen eines Polizeikordons wälzt sich die Masse der Ankömmlinge zum Hafen, stürmt die Bars und Hafenkneipen, überwältigt die Schiffe und wird von diesen hinausgetragen in den eisigen Norden – alle mit dem einen, einzigen Gedanken im Schädel:

Gold, Gold, Gold!

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