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Gold und bunte Menschen

Richard Kühnelt: Gold und bunte Menschen - Kapitel 10
Quellenangabe
authorRichard Kühnelt
titleGold und bunte Menschen
publisherÖsterreichischer Bundesverlag für Unterricht, Wissenschaft und Kunst
year1929
illustratorRudolf Linauer
firstpub1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180209
projectidff8d507e
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Hunger.

Der Winter hatte damals sofort schwer eingesetzt. Im weiteren Verlauf desselben gab es eine Zeit, in der die Schneestürme derart wüteten, daß einmal viele Wochen lang jede Möglichkeit einer Verbindung mit der Außenwelt vollständig unterbunden war. Eine ganze Reihe von in der engeren und weiteren Umgebung liegenden Einzellagern mußten aufgegeben werden, deren Bewohner sich vor dem Blizzard in unser festeres Lager geflüchtet hatten. Unter den Indianerstämmen herrschte eine fürchterliche Hungersnot. Die Elche waren weit südlich gegangen, Händler mit Lebensmitteln konnten nicht zu ihnen gelangen; es blieb ihnen also nichts anderes übrig, als unter Zurücklassung der Alten und Schwachen unter steten Kämpfen mit mächtigen Rudeln ausgehungerter Wölfe ihre große Winterwanderung anzutreten, die sie über die unendlichen Schneefelder bei ungewöhnlich strenger Kälte endlich nach unserem Lager führte.

Auch das marodierende Gesindel weißer Hautfarbe, das sich den Sommer über im ganzen Territorium und auch jenseits der Grenze in Alaska herumgetrieben hatte, bettelnd oder gelegentlich im Boden nach einer Handvoll Goldkörner kratzend, kam halb erfroren und gänzlich ausgehungert im Camp an.

Bei allem gesunden Egoismus, der sonst die Handlungsweise dieser rauhen Männer bestimmt, konnte die ansässige Bevölkerung es doch nicht über sich gewinnen, diesen Stiefkindern des Glückes verschlossene Türen zu zeigen.

Zum Zwecke der Verpflegung einer für unsere Verhältnisse großen Menge ungeladener Gäste mußte eine direkte Steuer aufgelegt werden, die die Gemeindeverwaltung jedem Claimbesitzer vorschrieb. Wenn auch Gold vorhanden war und diese Abgabe von jedem einzelnen leicht getragen werden konnte, waren die Lebensmittel doch bald knapp. Fleisch war gar keines vorhanden, weil die Jagd unmöglich war. Der Fluß war bis zum Grund gefroren, so daß es auch keine Fische gab. Die Vorräte an Speck, Bohnen und Mehl gingen mit Riesenschritten zu Ende, da einerseits jede Verbindung mit der Etappe, Dawson-City, fehlte, anderseits die mehr als doppelte Bevölkerungszahl zu ernähren war.

Mit Rücksicht auf die Errichtung des Magazins hatten sich viele, wenn man so sagen darf, Einzelhaushalte, nicht so stark mit Vorräten eingedeckt.

Die Obrigkeit des Lagers stand vor einer unendlich schweren Aufgabe. Sie mußte das oberste Prinzip dieses freien Gemeinwesens antasten, die persönliche Willensfreiheit einschränken, in die Besitzrechte eingreifen und eine Rationierung der Lebensmittel verfügen. Das Magazin wurde für Rechnung des Unternehmers unter unmittelbare Verwaltung der Gemeinde gestellt.

Dabei waren noch die Sicherheitsverhältnisse trostlos geworden. Das weiße Gesindel murrte über die Knappheit der Ration, auf die es gesetzt wurde. Diebstähle und Überfälle waren an der Tagesordnung, wobei es die Banditen hauptsächlich auf Gold abgesehen hatten, um sich damit den ihnen unentbehrlichen Schnaps zu kaufen. Ein Alkoholverbot war mit Rücksicht auf die Kälte untunlich. Kein Mensch konnte ohne den geladenen Revolver in der Hand selbst in der eigenen Hütte sitzen, da er den Angriffen auch der aufgezwungenen Hausgenossen ausgesetzt war. Denn es wurde bald nach dem Eindringen der fremden Gäste jeder Winkel in den Hütten besetzt. Selbst die Roten mußten nach einem fürchterlichen Schneesturm, der ihre Tepees unter Wehen begraben hatte, unter feste Dächer aufgenommen werden. Ihnen wurden Hütten, die verlassen waren, eingeräumt.

Dabei mußte das Magazin mit den Lebensmitteln Tag und Nacht scharf bewacht werden.

Das fürchterlichste Los ereilte die kleinen Kinder der zugewanderten Indianer, die scharenweise dahinstarben. Die Säuglinge gingen am Milchmangel zugrunde, da die ausgehungerten Mütter für sie nichts mehr in den Brüsten hatten. Einigemal mußte eingeschritten werden, weil unter diesen Roten Fälle von Kannibalismus vorkamen.

Fast eine Woche hindurch herrschte empfindlicher Holzmangel und die Feuer, die Tag und Nacht auf den Herden brannten, damit die hungernden Bewohner wenigstens eine warme Schlafstelle fänden, waren der Gefahr des Erlöschens ausgesetzt. Die Feuer in den Gassen zwischen den Hütten, die Licht und Wärme für den Verkehr innerhalb des Lagers bieten sollten, waren schon seit geraumer Zeit eingegangen.

Die Rationen wurden kleiner und kleiner, die starken Männer, die bei der schweren Arbeit an reichliche Nahrungsaufnahme gewohnt waren, empfanden die ungenügende Zufuhr an Lebensstoffen ungeheuer drückend. Sie verfielen rascher als die kärglicher lebenden Eingeborenen, was eine neue Gefahr für die Ansiedlung bedeutete. Auch waren die Kolonisten durch den anstrengenden Wachtdienst und die Sorge um ihr Eigentum moralisch stark erschüttert. Krankheiten ernsterer Natur, von denen bisher das Lager verschont geblieben war, begannen sich auszubreiten. Der bereits seit geraumer Zeit im Camp ansässige Arzt verlangte energisch die Vergrößerung der Lebensmittelrationen für seine Pfleglinge. Die erste Folge davon war, daß Männer, deren Charakterstärke durch die Hungerwochen gelitten hatte, mit mehr oder weniger Geschick Krankheiten simulierten oder sich mit Absicht welche zuzogen.

Ruhestörungen ungewöhnlicher Art waren zu befürchten, wenn nicht die Verhältnisse mit einem Schlag andere würden.

In dieser Zeit fürchterlichster Depression wurde der Entschluß gefaßt, trotz der ungünstigen Wetterlage den Versuch zu machen, nach Dawson-City zu gelangen, um Lebensmittel zu beschaffen, obgleich die Zeit für Hin- und Rückreise eine derart lange war, daß inzwischen die Katastrophe hätte eintreten können. Dennoch mußte etwas versucht werden, um die Gemüter zu beruhigen. Es wurde vorgeschlagen, sich zunächst aller unnötigen Mitesser zu entledigen. Von diesen kamen zuerst in Betracht die im Besitz einer großen Anzahl von Claimholders befindlichen Hunde, wodurch dann auch die Vorräte an getrockneten Fischen erspart und zum menschlichen Genuß herangezogen werden konnten. Auch das Fleisch der Hunde fiel für die Kranken in Betracht.

In zweiter Linie sollten die Rationen für die Indianer gänzlich eingestellt, endlich auch alle Loafers aus dem Lager geschafft und ihrem Schicksal überlassen werden.

Was die Hunde anbelangt, wurden bei einer Musterung die stärksten ausgesucht und drei Schlittenzüge gebildet. Die verbleibenden wurden geopfert.

Die Indianer wurden zunächst auf die Hälfte der Ration gesetzt. In den ersten Tagen nach dieser Maßregel mußten die Hütten, die den roten Familien eingeräumt waren, von einem starken Kordon Bewaffneter umgeben werden, um Unruhen zu verhüten.

Die sofort angestellte Kalkulation ergab, daß die Lebensmittel nur mehr für zwanzig Tage reichen würden, wenn sich das Lager sofort der noch vorhandenen Fremden gänzlich entledigen würde. – Es war ein schwerer seelischer Kampf, in den sich die Obrigkeit und die Ansässigen verwickelt sahen. Auf der einen Seite eine Maßregel, die in anderen Landstrichen »vorbedachter Mord« genannt wird, auf der anderen der fast sichere Hungertod. Die radikale Richtung, die Fremden rücksichtslos preiszugeben, hatte zahlreiche und beredte Anwälte, trotzdem gelang es einem Häuflein Optimisten, die armen Teufel diesmal vor einem fürchterlichen, qualvollen Ende durch Hunger, Schnee, Kälte und – Wölfe zu retten. Die Rationen wurden wieder verkleinert, der Leibriemen auf das letzte Loch geschnallt.

Die Verzweiflung war auf das höchste gestiegen. Ein großer Teil der Männer konnte sich nicht mehr von den Lagerstätten erheben, weniger aus körperlicher Schwäche, als infolge der schweren seelischen Depression. Eine allgemeine Apathie hatte die Mehrzahl ergriffen. Man hoffte nicht mehr. Die bettelnden Indianerweiber, die den ganzen Tag die Schwellen der Hütten belagert hielten in der trügerischen Hoffnung, Abfälle von Mahlzeiten zu ergattern, wo es keine Mahlzeiten mehr gab, zehrten mit ihrem Wimmern und Stöhnen und Betteln und Fluchen noch mehr an unseren doch sonst eisernen Nerven.

Ich saß in meiner Hütte, hatte eben die auf mich entfallende Tagesration, eine kleine Handvoll Bohnen, abgekocht, als ein grausames Geheul an meiner Schwelle mich die Türe öffnen hieß. Dort hockte im Schnee eine uralte Indianerin, die in jammernden Tönen von ihrer Enkelin faselte, die eben einem Papoose, einem kleinen Kind, das Leben gegeben und nun nichts zu essen habe. Ich will es heute ehrlich gestehen, daß es keine Spur von Mitleid war, sondern lediglich das Gefühl unendlicher Wurstigkeit meinem eigenen Schicksal gegenüber, das mich bewog, fast instinktiv der Alten die ganze Blechschale mit dem so kostbaren Inhalt hinzureichen. Hastig nahm das alte Knochengerüst die Gabe, hielt aber gleichzeitig die Hand fest und sah angelegentlich auf die Innenfläche der Linken. In rauhen Kehllauten gurgelte sie hervor, was sie für meine Zukunft aus der Handfläche las. Und ich muß sagen – was sie mir damals aus der Hand prophezeit hat, ist bis auf den heutigen Tag wortwörtlich eingetroffen.

Die Ruhe des Todes lag über dem Lager. Mit einem Male wurden die im Lager verbliebenen Hunde unruhig und schlugen an. Alles fuhr auf, da das nächstliegende ein Überfall war. Dem Gebell unserer Hunde antwortete aber aus der Ferne der Ton anderer Hundestimmen, man hörte Peitschenknall, Zurufe von Männern – im Bette des Flusses zeigten sich auf dem Eise dunkle Schatten – sie kamen näher und näher – hochbepackte Schlitten ließen sich unterscheiden – und ein langer Zug fuhr langsam ins Lager ein. Menschen und Hunde waren zu Tode erschöpft. Kaum waren die Begleiter des Transportes in das Haus gebracht worden, das wir stolz unsere City-Hall nannten, als sie nur mehr das Wort »Lebensmittel« stammeln konnten und erschöpft umsanken.

Wenn man jetzt glaubt, daß der ganze Camp in einen unbeschreiblichen Jubel ausbricht und wir alle vom Freudentaumel erfaßt werden, so irrt man sich. Eine drückende Stille lastete über uns, keiner freute sich, ja, wir konnten es nicht einmal – wir waren physisch zu schwach. Stumm standen wir herum, sahen bald uns, bald die Schlitten an und wußten, daß der Tod so nahe vorbeigegangen war, daß er unser Lachen an seinen schwarzen Schwingen mitgenommen hatte.

Endlich brach der alte Iron Scotty den Bann, indem er einen ellenlangen lästerlichen Fluch ausstieß. Der Zauber war gebrochen. Unsere Zungen waren gelöst, jetzt redete, lachte, weinte und gestikulierte alles durcheinander, bis endlich Old O'Kearn, unser Lord Mayor, mit seinem praktischen Ontarioverstand Ordnung in das Chaos brachte. Die Schlitten wurden abgeschirrt, von den Männern in das Magazin gezogen und dort unabgepackt unter schärfste Bewachung gestellt.

Am nächsten Tag früh Volksversammlung.

Der Führer des Schlittenzuges erzählte, daß durch einen Indianer, der plötzlich in Dawson-City aufgetaucht sei, die Nachricht von der verzweifelten Lage des Camp in einer Schänke berichtet wurde. Ein paar entschlossene Männer hätten sich sofort der Behörde zur Verfügung gestellt, um eine Rettungsaktion zu versuchen. Die erste Expedition wäre aber nach drei Tagen nach Verlust zweier Hundezüge unverrichteter Dinge zurückgekommen. Ihm selbst mit seiner Mannschaft sei es nur unter unsäglichen Mühen geglückt, bis an das Yukonknie zu kommen, wo sie aber die Hoffnung, jemals wieder lebend wegzukommen, fast aufgegeben hätten. Ein Blizzard überraschte sie und sie mußten sich tief in den Schnee eingraben, um ihr Leben zu retten. Als der Schneesturm nach vier Tagen abflaute, hatten sie jede Orientierung verloren, weil durch die Schneewehen die ganze Gegend verändert war. Nur dem Geschick der Hunde, die schon einige Male die Reise da herauf gemacht hatten, war es zu danken, daß sie endlich doch die Mündung des Porcupine-River ausmachen konnten und im Flußbett verhältnismäßig leicht den Weg ins Lager fanden.

Er schwur aber Stein und Bein, daß ihn kein Placer der Welt je wieder verleiten könnte, eine solche Reise zu machen.

Die Hungersnot war vorbei. Es bedurfte des Einschreitens der gesamten bewaffneten Macht der Vernünftigen, um die ausgehungerte Menge, besonders die Vagabunden, von der sofortigen Plünderung des aufgefüllten Magazins abzuhalten. Was der Hunger nicht vermochte, das ereignete sich jetzt angesichts der rettenden Fülle – es kam zu Kampf und Blutvergießen.

Die aufgeregten Gemüter beruhigten sich erst, als ein Exempel statuiert wurde.

Zwei Rowdies, die sich schon früher durch ihr besonders prahlerisches Maul bemerkbar gemacht hatten, wurden in flagranti erwischt, wie sie einen Mann, der als Magazinswache freiwillig Dienst machte, tätlich angriffen und durch Messerstiche schwer verletzten. Die aufgebrachte Menge der alten Ansiedler schleppte die beiden Lumpen ohne viel Federlesens zum nächsten Baum, bildete rasch eine Jury, die nach kurzer Verhandlung ihr »schuldig« sprach. Ein flinker Junge kletterte auf den Baum und warf den Strick über einen starken Ast. Die beiden Halunken, denen man jetzt vor der gerechten Sühne ihrer Missetat ritterlich entgegenkommen wollte, verscherzten sich alle Sympathien durch ihr feiges Betteln und Winseln, das ihr bisheriges lautes und freches Benehmen abgelöst hatte. In wildem Brüllen schrien sie immer wieder, daß wir elende Mörder seien, sie forderten unter Heulen und Zähneklappern, vor den ordentlichen Richter gebracht zu werden, denn sie hätten ihren Mann ja nicht getötet. Auf den Knien rutschten sie von einem zum anderen, schwuren bei allen Heiligen und allen Teufeln, ungesäumt das Lager zu verlassen. Es war ekelhaft, diese wimmernden geschnürten Menschenbündel zu sehen, wie sie an den Riemen, mit denen sie gefesselt waren, zerrten und aus einem von Schnaps und Angst aufgedunsenen Gesicht heisere Bitten und unflätige Verwünschungen auf uns Umstehende warfen.

Von weitem schaute die ganze Horde der Freunde dieser Elenden mit großen Augen auf die Szene. Sie glaubten nicht, daß wir den Mut hätten, Ernst zu machen, sie hielten das ganze wilde Gericht für eine als Abschreckung inszenierte Komödie.

Endlich machte Iron Scotty, der die ganze Geschichte leitete, der unerquicklichen Situation ein Ende.

»Go on, boys,« sagte er, »wenn ihr irgendwo in euren verdammten schwarzen Herzen noch ein Gebet wißt, laßt es heraus aus euren verfluchten Mäulern. Der Teufel hat schon einen Ofen für euch frisch angeheizt – und es ist nicht recht, ihn noch lange auf euch warten zu lassen. Vor den Richter wollt ihr? Hier ist er ja – Richter Lynch in eigener Person – mit euch wollen wir die Herren im Seidentalar gar nicht belästigen – also betet oder flucht, wie ihr wollt! – Mylord, tretet jetzt zur Seite mit eurem gesegneten Psalmenbuch, kein Bedarf dafür, scheint's, bei diesen bloody loafers bloody loafers – Bloody, blutig, ein amerikanischer Dialektausdruck, der so viel wie »verflucht, verdammt« bedeutet. – jetzt alle Mann an die Brassen – hievt auf – ho hopp –!«

Und wir nahmen alle die Hüte ab – am Ast baumelten zwei Menschen. Die Menge der Freunde der Gerichteten wogte mit einem plötzlichen Schwung vorwärts – aber vierzig Revolver- oder Gewehrläufe blitzten sie an. Knirschend, wie die geprügelten Hunde, zogen sie sich in ihre Löcher zurück.

Am anderen Morgen fehlten die Leichen und ein ganzer Trupp Vagabunden.

Endlich, als wieder Ruhe herrschte, konnte unser kluger O'Kearn nach Aufnahme der Bestände unseres Lebensmitteldepots an eine schrittweise Erhöhung der Rationen gehen. Eine plötzliche Aufhebung aller Beschränkungen wäre für die Gesundheit des Lagers verhängnisvoll gewesen.

Wenn ich heute aus der Erinnerung und auf Grund meiner Aufzeichnungen aus der damaligen Zeit meine Erlebnisse aus meiner Goldgräberepoche wieder vor mir erstehen lasse, so kann ich gerade über diese Hungersnot nur mit knappen, dürren Worten berichten, weil das Entsetzliche, diese Trostlosigkeit, dieses hoffnungslose endliche Stumpfwerden gegenüber dem drohenden Unabänderlichen einfach nicht wiedergegeben werden kann.

Anschaulich schildern kann man nur Tatsachen, nachklingen kann man Empfindungen lassen – aber diese Passivität, das entsetzliche, lastende Gefühl des willenlos Geschobenwerdens läßt sich in Worte nicht fassen.

Die Tage des ärgsten Elends fehlen in meinem Tagebuch, es bricht ab – und wurde nie wieder aufgenommen.

Denn was immer ich weiterhin dort oben am Yukon erlebte, es verschwindet in nichts gegenüber den wüsten Bildern, die die Phantasie des Hungers vor meine fiebernden Augen zauberte. – Die Lust zu vagabundieren war mir in diesem Winter gründlich vergangen. Es war auch im ganzen Lager eine Art Abspannung zu bemerken, selbst noch nach Wochen, nachdem die Hungersgefahr ein für allemal gebannt war und die Zufuhren wieder regelmäßig waren.

Nur eine Maßregel wurde noch mit der alten Energie durchgeführt – das Lager so rasch wie möglich von allen unsauberen Elementen zu reinigen.

Als das Wetter sich aufklärte, zogen die Indianer gegen die Elchweiden am Stewart fort. Bald nach ihnen brachen diejenigen auf, welche ihre Claims noch weiter am Yukon aufwärts oder in den Bergen hatten, die, welche sich zu Anfang des schlechten Wetters in unser Lager geflüchtet hatten. Es muß nun gesagt werden, daß sich viele unserer ursprünglichen Ansiedler von ihnen mitreißen ließen. Der eine oder der andere erlag der Kunde reicheren Vorkommens von Gold an anderen Punkten, – vielleicht aber spielte auch das psychologische Moment der Erinnerung an die hier durchlebten furchtbaren Tage mit, – folgte dem Lockruf ergiebiger Adern oder unerschöpflicher Nester, ließ sich so bewegen, seinen Claim am Porcupine zu übertragen, neu anzufangen, um jungfräuliche Erde frisch zu durchwühlen.

Gewitzigt von den Erfahrungen des Landes taten sich ganze Gesellschaften zusammen, die mit dem bereits erarbeiteten Gold finanziell stark genug waren, um an eine technisch vollkommenere Art der Produktion zu denken. Diese Gesellschaften wurden besprochen und in eine gewisse Form gebracht. Partner dieser Kompagnien gingen hinunter in die Stadt, um vor Beginn des nächsten Sommers bei noch guter Bahn Schlittentransporte von Maschinen, Arbeitsgerät und Proviant hinaufzuschaffen.

Im Camp selbst wurden mehrere Claims in einer Hand oder im Verband kleinerer oder größerer Gesellschaften vereinigt. Die Eigentümer solcher größerer Grundflächen trugen sich mit dem Gedanken, ihre Betriebe zu industrialisieren und fremde Arbeitskräfte zu suchen.

Diese Arbeitskräfte waren im Lande nicht zu finden. Der Indianer eignet sich nicht dazu, die im Lande herumstreifenden weißen Abenteurer aber bildeten nur eine Gefahr für jeden Betrieb. Daher mußte unten in den Eingangshäfen, in Vancouver und Skagway, entsprechende Propaganda gemacht werden, um Neuankömmlinge, die über das nötige Kapital für die erste Ausrüstung nicht verfügten, als Lohnarbeiter zu gewinnen. Der Lohn solcher Arbeiter besteht, nebst einem fixen Satz und der vollen, genau präzisierten Verpflegung, auch in einem Anteil an dem produzierten Gold.

Diese Propaganda sprach sich herum. Sie drang bis in die Binnenländer Amerikas und verursachte in den Chinesenvierteln von San Francisco und Vancouver nicht geringe Aufregung. Die Chinesen sind bekanntlich die besten Goldwäscher der Welt – So war zu erwarten, daß sich vor Beginn des neuen Sommers abermals ein großer Strom gieriger, hungriger, erwerbslustiger Abenteurer in das Land voll Schnee, Eis und Gold ergießen werde, ein Strom, der in kurzem auch das äußere Bild am Porcupine und im Camp bis zur Unkenntlichkeit verändern würde.

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