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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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4. Die Plaza von San Francisco

Die Plaza oder der Hauptplatz von San Francisco, jetzt ein mit prachtvollen und massiven Gebäuden umgebener Platz, zeigte im Sommer des Jahres 1849 noch eine bunte Ansammlung von Holzbaracken und Zelten, wie sie die ersten Einwanderer nur schnell aufgeschlagen hatten.

Die obere Front nahm das alte Gerichtsgebäude ein. Es war aus ungebrannten Backsteinen, sogenannten ›adobies‹, unter mexikanischer Herrschaft erbaut worden. Sonst war aber in den wenigen Monaten seit der Entdeckung des Goldes der spanische Charakter der Stadt schon ganz verschwunden. Dafür war ein Stadtteil entstanden, der in seiner merkwürdigen Mischung mit keinem anderen Ort der Welt vergleichbar war. Nur an der unteren Front, dem Courthouse gerade gegenüber, stand ein einzelnes, mehrstöckiges Holzgebäude. Es war das schon erwähnte Parkerhaus, das ein Amerikaner namens Parker aufgebaut hatte. Jetzt erzielte er durch die Spieltische, die Wirtschaft und die Gästezimmer eine enorme Miete.

Dicht daneben befand sich das ›El Dorado‹, später eine der prachtvollsten Spielhöllen der Welt – damals nur ein großes, weitgedehntes Zelt. Rechts und links reihten sich andere kleinere Zelte und Holzschuppen an, in denen fast nur gespielt und getrunken wurde. Sie hatten auch keinen anderen Zweck, als ihren Insassen ein Dach zu bieten. Die Plaza bildete den eigentlichen Mittelpunkt der Stadt. Während sie von den Hauptstraßen gekreuzt wurde, konzentrierte sich hier der eigentliche Verkehr San Franciscos. Wer von den Fremden in die Stadt kam, suchte vor allen Dingen diesen Ort auf oder wurde von den Menschenmassen dorthin gedrängt. Sämtliche Hausierer glaubten auch, hier den besten Platz zum Ausstellen ihrer Waren zu finden. Sie boten sie teilweise in tragbaren Körben, aber auch auf rasch hingestellten und beweglichen Tischen an. Eine Kontrolle über diese Leute fand natürlich noch nicht statt. Wer etwas verkaufen wollte, suchte sich den Platz dafür selbst aus. War er dabei dem freien Verkehr im Wege, drängte ihn die Menschenmasse schon selber beiseite. Der Hauptstrom dieser Menge wogte aber an den Häusern dahin. Die meisten schlenderten nur von einem Spielzelt in das andere, oder sie gingen auf der dort vorüberführenden Straße ihren Geschäften nach. Auf der Plaza sammelten sich nur hier und da kleine Gruppen, oder einzelne kamen quer herüber, um den Weg nach einer der Wasserstraßen abzukürzen.

Dort hatte Siftly seinen wiedergefundenen Freund verlassen. Hetson blieb, als die bunte Zarape des Amerikaners schon lange in dem Gedränge der Fußgänger verschwunden war, noch immer wie träumend auf derselben Stelle stehen und starrte vor sich nieder. Die Trostgründe, die Siftly für ihn gehabt hatte, schienen seine Unruhe eher vermehrt als vermindert zu haben. Hatte er nicht ziemlich fest angenommen, daß der gefürchtete Nebenbuhler ihm folgen würde? Schon der Gedanke daran trieb ihm das Blut rasend schnell durch die Adern und ließ sein Herz stärker klopfen. Es war der Gedanke an den möglichen Verlust seiner Frau. Er durfte ihn nicht weiter verfolgen, wollte er nicht wahnsinnig werden. Vergeblich kämpfte er auch selbst mit allen Vernunftsgründen dagegen an, vergeblich sagte und wiederholte er sich, daß ihn Jenny liebe, daß sie ihn nicht wieder verlassen würde. Ein tückischer Geist flüsterte ihm wieder und wieder ins Ohr, daß die erste Liebe das Herz eines Menschen nie verlasse. Seine krankhaft erregte Einbildungskraft malte ihm dabei den Nebenbuhler mit allen Vorzügen aus. Er brauchte nur zu erscheinen, um Jennys Herz wieder ganz zu gewinnen.

Über die Plaza kam eine wunderliche, uns nicht unbekannte Gestalt. Selbst die an Ungewöhnliches gewöhnten Amerikaner blieben vereinzelt stehen und sahen ihr kopfschüttelnd nach. Es war Ballenstedt mit seinem erbsengelben Kragenmantel, die Hose hochgekrempelt, die Stiefel frisch geschmiert, den Hut etwas nach hinten auf den Kopf gedrückt, in der linken Hand ein Bündel und unter den linken Arm den grünbaumwollenen Regenschirm geklemmt. In der rechten Hand hielt er eine Schaufel. Langsam und bedächtig kam er über die Plaza und schien sich nicht ganz einig, welche abzweigende Straße er eigentlich wählen sollte. Er blieb manchmal stehen, sah in die verschiedenen Himmelsrichtungen und konnte dabei zu keinem rechten Resultat gelangen.

Endlich hatte er die Stelle erreicht, an der Hetson noch immer verloren stand. Er ging auf ihn zu, berührte sachte mit dem Griff des Spatens seinen Ellbogen und sagte:

»Hören Sie einmal, können Sie mir nicht sagen, wo ich hier am schnellsten in die Minen komme?«

Hetson drehte sich rasch und fast erschrocken nach dem Mann um. Als der jedoch seinen Reisegefährten erkannte, fuhr er enttäuscht und ziemlich unbekümmert, ob er ihn verstand oder nicht, fort:

»Ach, herrje, Sie sind ja auch von uns, ja, da werden Sie auch noch nichts wissen. Na, nehmen Sie's mir nicht übel. Gehen Sie auch in die Minen?«

Hetson schüttelte unwillig mit dem Kopf zum Zeichen, daß er nicht verstand, was der Fremde sagte. Er erkannte ihn noch nicht einmal in dem entsetzlich weiten Mantel. Dann drehte er sich rasch von ihm ab und schritt jetzt entschlossen dem Courthouse entgegen, um in die Fremdenlisten Einblick zu nehmen.

»Na, der ist grob!« brummte Ballenstedt mürrisch vor sich hin. »Trag du meinetwegen die Nase so hoch, wie du willst, in vier Wochen tausch ich nicht mehr mit dir. Soviel weiß ich!« Damit packte er seinen Spaten wieder fester und wollte eben seinen Weg fortsetzen, als er von ein paar lauten Stimmen angerufen wurde.

»Ballenstedt, he, hallo, Ballenstedt!«

Er blieb stehen und drehte sich nach den Rufern um. Es war ihm allerdings wenig daran gelegen, von alten Schiffsgenossen angesprochen und aufgehalten zu werden. Er hatte keine Zeit mehr zu vertrödeln, und je eher er in die Minen kam, desto besser. Wohin er wanderte, brauchte außerdem niemand zu wissen.

»Ballenstedt, Junge!« rief jetzt einer der Männer, die auf den Reisegefährten zueilten und lachend bei ihm stehenblieben. »Donnerwetter, wo soll die Reise nun hingehen? Doch nicht zum Buddeln?«

Es war Lamberg, der offensichtlich der Flasche ein wenig zugesprochen hatte und den Hufner begleitete.

»Soll ich mich etwa erst noch hier einmieten und Geld ausgeben?« sagte aber Ballenstedt, der eine weitere Begrüßung für unnötig hielt. »Ich habe keine Zeit übrig, denn ich muß in zehn Monaten wieder in Deutschland sein.«

»In zehn Monaten?« sagte lachend Lamberg. »Da wirst du aber verwünscht wenig da oben herausschaufeln können, denn fünf mußt du für die Rückreise rechnen!«

»Das schadet nichts«, erwiderte aber Ballenstedt ruhig. »Ich brauche auch nur zwanzigtausend Taler.«

»Zwanzigtausend Taler? So? Mehr nicht?« rief Lamberg verwundert. »Und das sagt der Mensch da mit einer Ruhe, als ob er das Papier in der Tasche hätte und nur auf die Bank zu gehen brauchte, um es ausgezahlt zu bekommen. Und was willst du mit der kleinen Summe machen, Alterchen?«

»Den neuen Hof in Hesselbach kaufen«, sagte Ballenstedt, »der kostet gerade soviel.«

Glauben Sie denn wirklich, daß Sie in der kurzen Zeit soviel Gold herausgraben können, Herr Ballenstedt?« erkundigte sich da Hufner, dem die Zuversicht des Mannes imponierte.

»Ob ich das wirklich glaube?« antwortete Ballenstedt verwundert. »Na, wenn ich das nicht sicher wüßte, weshalb wäre ich denn da die vielen tausend Meilen hier nach Kalifornium gekommen, he?«

Lamberg lachte laut auf. »Ballenstedt ist göttlich!« Aber Hufner wurde durch Zeit und Summe wegen seiner eigenen Zwecke außerordentlich angesprochen. Er sah wohl auch nebenbei in den derben Fäusten des Burschen eine Garantie für die Erdarbeit, der er sich doch nicht so recht gewachsen fühlte. Deshalb sagte er:

»Wenn das so sicher ist, Herr Ballenstedt, dann hätte ich große Lust, gleich mit Ihnen zu gehen. Zu zweit arbeitet es sich auch immer besser als allein, und morgen früh wollte ich sowieso aufbrechen. Haben Sie einen Augenblick Zeit?«

»Wer? Ich? Nein!« sagte Ballenstedt.

»Ich meine, nur höchstens zehn Minuten«, drängte aber Hufner. »Das können Sie mir schon aus alter Kameradschaft zuliebe tun. Meine Sachen sind bereits zusammengeschnürt, und ich brauche sie nur da drüben in der Stadt abzuholen. Nicht wahr, Sie warten einen Augenblick auf mich?«

»Sie sind wohl nicht klug?« rief da Lamberg, dem dieser rasche Entschluß dann doch zu weit ging. »Ballenstedt kennt doch auch die Stellen nicht, wo das Gold liegt!«

»Nicht wahr, Sie bleiben hier einen Augenblick?« rief aber Hufner noch einmal. Ein unbestimmtes Gefühl sagte ihm, daß er einen glücklichen Moment erwischt hatte, den er beim Schopf fassen müsse. Ohne eine Antwort Ballenstedts abzuwarten, lief er über die Plaza in die Kearney Street. Lamberg, der ihm den Entschluß noch ausreden wollte, folgte ihm, so rasch er konnte.

»So?« brummte aber Ballenstedt leise vor sich hin. »Mitgehen, nicht wahr? Auf dem Schiff hat sich der Herr den Henker um mich gekümmert. Jetzt, wo ihm das Gold in die Nase sticht, bin ich auf einmal gut genug. Na, ich will ihm nur wünschen, daß er mich wiederfindet.« Kaum sah er die beiden um die nächste Ecke biegen, als er auch in eine andere Straße einbog und sich nicht wieder blicken ließ.

Eine gute Viertelstunde mochte vergangen sein, als von der Bai herauf ein Karren mit Gütern kam. Hinter ihm ging mit gebücktem Kopf eine Frau, an jeder Hand ein Kind. Neben ihr ging ein älterer, gut gekleideter Herr, der ein drittes Kind auf dem Arm trug. Er schien sich aber in dieser Situation nicht besonders behaglich zu fühlen. Trotz des neuen Bildes um ihn herum sah er weder nach rechts noch links, als ob er damit die Aufmerksamkeit der Entgegenkommenden von sich ablenken könnte. Das half ihm jedoch nur wenig, denn gerade als der kleine Zug die Mitte der Plaza erreicht hatte, rief ihn eine bekannte Stimme an:

»Assessor – Donnerwetter, wo wollen Sie hin?«

Assessor Möhler drehte etwas scheu den Kopf zu der Seite, von der die Stimme kam, und erkannte seinen alten Schiffskameraden, den Justizrat. Er hatte wie stets die lange Pfeife im Mund und kam hinter ihnen her.

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