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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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»Ein paar merkwürdige Gestalten«, flüsterte Hetson seinem Begleiter zu und deutete auf die beiden. »Welch verschiedene Menschen doch das Schicksal zusammenführt!«

»Nicht wahr?« antwortete Siftly und lächelte. »Komm, wir wollen einmal an ihren Tisch treten, ich habe den beiden übrigens schon manchen Dollar abgewonnen. Ich glaube fast, es sind nicht eben die durchtriebensten Spieler im Saal, scheinen auch gerade keine besonderen Geschäfte zu machen!« Ohne weiter die Zustimmung des Freundes abzuwarten, blieb er neben dem Tisch stehen, nahm eine Handvoll Dollars aus seiner Tasche und setzte sie auf die nächste Karte. Kein weiteres Wort wurde dabei gewechselt, die Spieler zogen die Karten ab – und Siftly hatte gewonnen.

»Versuch du es jetzt einmal, Hetson«, ermunterte er ihn. »Wer weiß, was dir in Kalifornien noch für ein Glück blüht, und den ersten Tag im Land sollte man nicht ungenutzt vorübergehen lassen.«

Hetson zögerte. Er hatte bis dahin wirklich noch nie gespielt. Aber das viele Geld überall auf den Tischen, das lockende Klingen der Münzen, der rasche Gewinn des Freundes – das alles reizte ihn. Er nahm einen halben Adler – ein Fünfdollarstück – aus der Tasche, setzte es und – gewann.

»Laß es stehen, die Sache geht...«, flüsterte sein Gefährte.

Es wurde wieder abgezogen, aber diesmal verlor die Karte.

»Ich würde auf das As setzen«, sagte Siftly.

»Ich habe zu der Sieben mehr Vertrauen«, meinte Hetson und setzte jetzt zehn Dollar auf diese Karte. Wieder und wieder verlor er aber, und fünfzig Dollar waren in wenigen Augenblicken aus seinem Besitz in den der beiden Spieler übergegangen.

»Das weiß der Henker«, flüsterte Siftly mit einem noch kräftigeren Fluch. »Ich glaube, die beiden Halunken betrügen doch; aber warte, ich werde ihnen auf die Finger sehen. Setz jetzt fünfzig auf den Reiter – der hat dreimal hintereinander verloren und muß gewinnen.«

»Ich danke«, erwiderte aber ruhig der junge Mann. »Ich habe dir jetzt den Gefallen getan und für mich genug Lehrgeld bezahlt. Den beiden Herren gönne ich meine fünfzig Dollar, aber mehr Geld habe ich nicht für sie und werde auch nicht mehr spielen.«

»Unsinn! Du wirst ihnen doch nicht wirklich die fünfzig Dollar lassen, ohne wenigstens einen Versuch zu machen, sie wiederzubekommen?« rief aber Siftly empört.

»O doch«, erwiderte Hetson und drehte sich vom Tisch ab. »Denn der Versuch könnte mich mehr als das kosten. Aber was ist das für ein wunderbarer Ton, der auf einmal den Saal erfüllt? Eben noch dieses schauderhafte Lärmen mit allen möglichen Blas- und Streichinstrumenten und jetzt plötzlich diese himmlische Melodie. Wie kommt diese Musik in eine Spielhölle?«

Siftly hatte, von Hetson unbemerkt, mit dem hageren Spieler einen raschen, verstohlenen Blick gewechselt. Jetzt brummte er nur kurz und klimperte verdrießlich mit seinen Silberdollars in der Tasche. »Das ist das spanische Mädchen, das hier täglich zwei Stunden spielt – eine Stunde nachmittags und eine Stunde abends. Sie heißt, glaube ich, Manuela. Mir behagt ihr Gefiedel nicht besonders, und auch unsere Landsleute machen sich nichts daraus. Die Señores sind aber wie toll dahinter her. Sowie sie anfängt, wird der Saal gleich bunt von ihren farbigen Zarapen. Siehst du, wie sie dort schon hereinkommen? Ihnen zuliebe läßt man es sich schon eine kurze Zeit gefallen, denn die Burschen haben alle Gold und sind alle leidenschaftliche Spieler.«

Hetson blieb wie gebannt auf seiner Stelle, so mächtig ergriff ihn das Spiel des spanischen Mädchens, das er jetzt oben auf der Tribüne mit einer Violine stehen sah. Die anderen ›Musiker‹ fühlten wohl auch, daß ihre Instrumente nicht würdig waren, dieses seelenvolle Spiel zu begleiten. Lautlos horchten sie den Tönen, die wie aus den Saiten einer Äolsharfe in der Luft zitterten. Aber auch nur die in der unmittelbaren Nähe der Künstlerin konnten einen Genuß davon haben, denn unten im Saal wogte die Menschenmasse genauso laut und lärmend durcheinander wie vorher. Was kümmerte sie die fremde Melodie! Und wenn es Engelsharfen gewesen wären – das Klimpern des Goldes hatte für sie einen besseren Klang.

»Hetson«, sagte da endlich ungeduldig der Amerikaner, »ich dachte, du wolltest mir etwas sagen. Ich habe weder Lust noch Zeit, dem Gefiedel da oben zu lauschen. Wenn du nicht einmal mehr spielen willst, so rück heraus mit dem, was du hast, oder ich gehe meiner Wege.«

»Du hast recht«, sagte Hetson rasch, griff seinen Arm und zog ihn zum Eingang. »Ich war ein Narr, mich so lange den fremden Eindrücken hinzugeben. Komm mit mir ins Freie, und du sollst alles wissen.«

»Hoho, hast du schon Geheimnisse, kaum daß du den Fuß auf unseren Boden gesetzt hast?« erkundigte sich Siftly lachend.

»Geheimnisse nicht gerade, wenn ich dich auch bitten werde, mit niemand weiter darüber zu sprechen«, antwortete Hetson. Mit einiger Mühe drängte er zur Tür und erreichte endlich das Freie. »Aber ich brauche deinen Rat, und den wirst du mir wohl geben.«

Die beiden Männer hatten jetzt die Plaza wieder betreten und schritten Arm in Arm über den offenen Platz. Das ärgste Gedränge der hier auf- und abwogenden Menschen ließen sie dabei hinter sich. Als sie etwa die Mitte des Platzes erreicht hatten, blieb Hetson stehen und sagte:

»Existiert hier eine Stelle, wo man die Fremdenlisten einsehen kann?«

»Fremdenlisten?« wiederholte Siftly erstaunt. »Was willst du denn damit? Wer kümmert sich denn hier um die, die kommen oder gehen?«

»Werden überhaupt Fremdenlisten geführt?«

»Ich glaube, ja. Wenn man auch die Leute selber nicht mit Fragen belästigt, müssen die Kapitäne doch ihre Passagierlisten einreichen, soweit ich gehört habe. Nur über die Tausende, die aus den Staaten über die Berge kommen, wird aus dem einfachen Grund keine Kontrolle geführt, weil das unmöglich wäre.«

»Die Schiffslisten genügen, wo kann ich sie einsehen?« sagte Hetson rasch.

»Ich glaube, im Courthouse, wo ein Fremdenbüro eingerichtet ist. Aber du hast doch wohl keine Angst vor einem Gläubiger? Hahaha, der müßte viel Geld mitbringen, wenn er in dieser Zeit eine Klage gegen einen Amerikaner durchsetzen will. Ja, wenn du ein Fremder wärst! Außerdem bist du, soviel ich weiß, Anwalt, und...«

»Es ist kein Gläubiger«, unterbrach Hetson finster den Redenden. »Die Sache, in der ich dich um deinen Rat bitten wollte, betrifft weder Geld noch Gut, sondern die Ruhe meines ganzen Lebens.«

»Was hast du?« rief Siftly erstaunt. »Du bist ja ganz außer dir! Wen erwartest – oder wen fürchtest du?«

»Fürchten – du hast das richtige Wort genannt«, rief Hetson rasch, ergriff den Arm des Mannes und sah scheu über seine Schulter, ob das gefürchtete Schreckensbild schon vor ihm auftauchte.

»Ach was, fürchten!« zischte aber der Amerikaner verächtlich zwischen den Zähnen hindurch. »Wenn es ein Wesen ist, dem man mit Pulver und Blei oder kaltem Stahl beikommen kann, was hast du da zu fürchten? Ich fürchte den Teufel nicht!«

Hetson sah wild und stier in seine Augen. Es war, als ob in ihm ein Hoffnungsstrahl dämmerte.

»Na, wer ist es?« erkundigte sich Siftly mit ruhiger Stimme, während das verächtliche Lächeln noch immer um seine Lippen spielte.

»Der Bräutigam meiner Frau!« flüsterte Hetson.

»Hahaha, das ist allerdings eine herrliche Verwandtschaft. Bist du denn der nicht selbst gewesen?«

»Hör mir zu«, sagte Hetson mit vor Aufregung fast heiserer Stimme. »Meine Frau war verlobt, ehe sie mich kennenlernte. Sie hielt ihren Verlobten für tot, heiratete mich und erhielt erst nach unserer Trauung die Nachricht, daß er noch lebe und sie aufsuchen wolle.«

»Und woher weißt du das?«

»Sie hat es mir selber gesagt und den Brief gezeigt.«

»Sie selbst? Hm, dann ist die Sache auch nicht so gefährlich. Sie will dann jedenfalls von ihm nichts mehr wissen.«

»Ich fürchte, sie liebt ihn heißer als je zuvor!« flüsterte aber Hetson. »Sie tut nur das, was sie für ihre Pflicht hält!«

»Und weiß er, wo sie ist?«

»Ich hoffe, nein. Ich habe ihn jedenfalls auf eine falsche Fährte gesetzt, falls er nachforschen sollte. Aber wenn er nun doch...«

»Du quälst dich mit einem Hirngespinst«, sagte kopfschüttelnd der Amerikaner. »Wozu die vielen ›Wenn‹ und ›Aber‹? Laß ihn doch erst kommen, nachher ist immer noch Zeit, ihn beiseite zu schaffen, falls er gefährlich werden sollte. Ist er ein Landsmann?«

»Nein, Engländer.«

»Ein Engländer? Puh – und dafür soviel Aufhebens!« lachte der Mann und machte sich von Hetson los. »Ich hätte dich für vernünftiger gehalten. Ist er klug, so folgt er euch nicht nach. Kommt er wirklich, wollen wir es ihm austreiben, im fremden Revier zu jagen. Aber jetzt sag mir doch mal, was dir überhaupt eingefallen ist, mit einer Frau nach Kalifornien zu kommen! Was um Gottes willen willst du hier mit ihr tun, und wo willst du bleiben? In der Stadt?«

»Ich weiß es selbst noch nicht«, sagte Hetson. »Ich wollte nur weg – fort aus der Gegend, wo ich jeden Augenblick befürchten mußte, auf meinen Nebenbuhler zu treffen. Da war Kalifornien...«

»Das unglücklichste Land der Welt, das du dir aussuchen konntest!« unterbrach ihn Siftly. »Später mag es möglich sein, daß Frauen und Familien hierherkommen, aber jetzt ist das ganze Land nur ein rauher Staat für Männer. Du könntest deine Frau wie eine Fürstin in jedem anderen Land leben lassen von dem Geld, das ihr hier nur für die nötigsten Dinge braucht. Aber das ist deine Sache, die du mit dir selbst abmachen mußt. Ach, wie heißt eigentlich jener englische Herr, vor dem du so einen Respekt hast? Nur für den Fall, daß ich einmal mit ihm zusammentreffen sollte.«

»Golway – Charles Golway.«

»Gut, ich werde mir den Namen merken«, nickte Siftly.

»Und was soll ich jetzt tun?«

»Du? Nichts. Warte ab, bis er wirklich kommt, dann erkläre ihm ganz einfach, daß du ihm ohne weitere Warnung eine Kugel in den Kopf schießt, sowie er nur ein einziges Wort mit deiner Frau wechselt. Nachher machst du deine Drohung wahr. Die Gesetze brauchst du nicht zu fürchten. Sie schützen dich, wo du so auffallend in deinem Recht bist, und täten sie es nicht, sind wir selber Manns genug, um das zu besorgen. Jetzt aber muß ich fort, ich habe viel zu lange hier mit dir geplaudert. Heute abend findest du mich wieder im Saal des Parkerhauses.«

»Aber das Courthouse?«

»Ist das lange Gebäude dort drüben«, sagte Siftly. Er deutete mit dem Arm über die Plaza, nickte Hetson zu und schritt rasch die zur Bai führende Straße hinab.

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