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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 76
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Wagen fuhr inzwischen vorüber und weiter, und Lanzot sah sich auch nicht nach dem ihm völlig unbekannten und schmutzig genug aussehenden Mann um. Das Maultier des Justizrates glaubte aber, hier genügend Grund zu finden, um einen Augenblick auszuruhen. Es hielt so plötzlich neben Beckdorfs Pferd an, daß der darauf nicht vorbereitete Reiter fast nach vorn gefallen wäre.

»Hallo, Herr Graf«, sagte der Fußwanderer, ohne die Hände aus den Taschen zu nehmen und nickte nur mit dem dicken, roten Kopf. »How do you do? In den Hills oben war ich und habe gediggt und gewaschen.«

»Hatten Sie Glück dabei?«

»Pah, was die Leute Glück nennen, soll der Teufel hier in den Mines holen. Erst habe ich einen bösen Cold gekätscht und bin ill gewesen, und da war es so, als ob ich nichts finden sollte. Jetzt habe ich mich entschlossen, nach San Francisco zu trawlen.«

»Sträfliches Deutsch«, murmelte der Justizrat vor sich hin. »Verstehe kein Wort.«

»Und was wollen Sie da, Herr Erbe?« fragte Beckdorf, der sich über den Mann amüsierte.

»Ich weiß es noch nicht, vielleicht einen Barbershop aufmachen und die Leute shaven.«

»Ihr altes Geschäft?«

»Yes.«

»Na, dann wünsche ich Ihnen viel Glück«, sagte Beckdorf und nahm seine Zügel wieder auf. »Kommen Sie bald nach.«

»Oh, ich habe plenty Zeit«, meinte Erbe vergnügt. »Man muß hier nie etwas hurry tun. Und wo wollen Sie hin?«

»Auch nach San Francisco.«

»Hm«, meinte Erbe. »Da könnten wir ja...« Es fiel ihm eben ein, ob er nicht mit dem Deutschen, der jedenfalls Geld hatte, gemeinsam einen Friseurladen aufmachen könnte. Aber der verstand bestimmt nichts vom Geschäft, er hätte deshalb die Arbeit allein übernehmen müssen, und das paßte ihm auch nicht. Er brach also wieder ab.

»Wo haben Sie Ihr Gepäck, Herr Erbe?«

»Die Bagage?« sagte der Unverbesserliche und warf einen Blick über seine Schulter, als ob er sich erst überzeugen müßte, daß er nichts trug. »Hm, I have sold out. In San Francisco gibts mehr.«

»Allerdings«, lachte Beckdorf. »Und Sie gehen so leichter. Also, guten Tag, Herr Erbe.«

»Morning«, nickte der Mann zurück, und Beckdorf sprengte die Straße entlang, dicht gefolgt vom Maultier des Justizrats, um den Wagen wieder einzuholen.

»Brr, Donnerwetter«, schrie der Justizrat. »Verfluchtes Tier!« Unter Mißachtung der Pfeife griffen beide Hände an den Sattelknopf, aber das Maultier dachte gar nicht daran, langsamer zu gehen, bis es das Pferd erreicht hatte. Es hielt auch erst wieder, als es mit seinem durchgeschüttelten Reiter den Wagen überholt hatte. Erbe lächelte, als er ihn davonsprengen sah.

Die kleine Kolonne setzte ihren Weg bis zum Mittag fort, ohne daß ihnen ein weiterer Bekannter oder sonst etwas Außergewöhnliches begegnet wäre. Sie brauchten auch keine Gefahr zu befürchten, denn gerade in dieser Zeit waren die Straßen von Fuhrwerken und Maultierzügen sehr stark belebt. Sie sollten alle noch vor Eintritt der Regenzeit genug Proviant in die Minen schaffen. Mittags mußten die Tiere natürlich etwas rasten und in der Nähe weiden. Deshalb lagerte man dicht am Ufer des Calaveres, der hier zu einem kleinen Fluß angewachsen war. In der Nähe wuchs unter dem kühlen Schatten der Uferbäume herrliches Gras. Die Reisenden aßen ihren mitgebrachten Proviant und brachen gegen zwei Uhr wieder auf. Sie wollten Stockton noch an diesem Abend, wenn auch spät erreichen. Dann konnten sie das am nächsten Morgen nach San Francisco abgehende Dampfboot noch erreichen.

Sie hatten ihren Weg noch nicht lange fortgesetzt, als ein Streit auf der Straße ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Er wurde zwischen einem Reiter und einem Fußgänger geführt. Eine Biegung und ein dichtes Buschwerk mußten sie umreiten und kamen dicht vor die Streitenden, ehe die sie bemerkten. Es schien, als ob der Fußgänger den Reiter angegriffen hätte und ihn vom Pferd ziehen wollte. Beckdorf und Lanzot, die gerade nebeneinander ritten, glaubten schon, sie seien gerade rechtzeitig gekommen, um einen Raubüberfall zu vereiteln. Sie griffen zu den Waffen, gaben den Pferden die Sporen und sprengten, vom unglücklichen Justizrat wider Willen gefolgt, auf die Kämpfenden zu. Trotzdem schien der Angreifer nicht von seiner Beute ablassen zu wollen. Da er den im Sattel Sitzenden fest an einem Bein gefaßt hatte und nicht losließ, während das Maultier einen Sprung nach vorn machte, mußte der arme Teufel wohl oder übel herunter und auf die Erde. Der deutsche Fluch ›Heiliges Kreuzdonnerwetter!‹, den er dabei ausstieß, überzeugte die beiden jungen Leute aber bald, daß sie es hier nicht mit einem Raubüberfall, sondern mit einer gewöhnlichen Prügelei zu tun hatten. Zu seinem Erstaunen erkannte Beckdorf jetzt auch in dem Angreifer einen der friedfertigsten und höflichsten Menschen, denen er in seinem ganzen Leben begegnet war – dem Tenor Bublioni.

»Was, zum Teufel, treiben Sie denn hier für Geschichten, bester Freund?« rief er ihm lachend zu, als sie heransprengten. »Was hat Ihnen denn der unglückliche Mann getan?«

»Der?« rief Bublioni, ohne nur einen Augenblick zu versäumen, und die Zügel ergriff und selbst in den Sattel sprang. »Das ist der größte Betrüger unter der Sonne, der sogenannte Aktuar Korbel, der mich um alles gebracht hat, was mein Eigentum war. Jetzt wollte er stolz an mir vorbereiten, während ich laufen mußte.«

»Geben Sie mir mein Maultier wieder, Herr Bublioni«, schrie jetzt der Aktuar, der sich wieder aufgerafft hatte. »Meine Herren, erlauben Sie nicht, daß ich hier auf offener Straße bestohlen werde!«

»Bestohlen? Sie Bösewicht!« rief der Tenor. »Alles, was ich hatte – elf Unzen Gold –, hat er mir weggeschleppt, um angeblich dafür Proviant zu kaufen...«

»Aber ich war ja eben unterwegs...«

»Gut, dann geben Sie mir mein Gold wieder, und Sie erhalten das Maultier sofort zurück.«

»Das Gold ist schon in San Francisco«, sagte der Aktuar.

»Ja, das glaube ich«, rief der Tenor. »Aber in wessen Beutel? Und ich habe mir inzwischen meine Stimme vollkommen ruiniert. Was habe ich jetzt von meiner Goldgräberei? Schulden und einen ewigen Stockschnupfen.«

»Aber wo wollen Sie jetzt hin?« fragte Beckdorf.

»Nach San Francisco«, lautete die Antwort. »Wie ich höre, ist da ein Theater eingerichtet worden, und ich will sehen, ob ich da ein Engagement bekommen kann.«

»Aber nicht auf meinem Maultier«, schrie der Aktuar, der in diesem Augenblick einen verzweifelten Satz auf den Mann zu machte, um sein Eigentum wiederzubekommen. Bublioni konnte aber sehr gut reiten und warf das Maultier rasch herum. Dann setzte er ihm beide Hacken in die Seiten und sprengte mit dem erbeuteten Tier in voller Flucht die Straße hinunter.

»Sollen wir dabei zusehen?« sagte Lanzot, der kopfschüttelnd dem Streit zugesehen hatte.

»Natürlich«, lachte Beckdorf. »Denn dem Burschen da geschieht völlig recht. Er schuldet uns allen Geld und hat damit getrunken und gespielt, während dieser arme Teufel fleißig arbeitete. Aber komm, da ist der Wagen, und wir wollen uns mit dem Lump nicht länger aufhalten.«

Der Wagen fuhr vorbei, ohne anzuhalten, und der Justizrat war die ganze Zeit auf seinem Maultier unbarmherzig herumgeworfen worden. Es wollte nämlich dem Wagen nach, und sein Reiter hätte es auch nicht halten können, wenn Beckdorf und Lanzot ihm nicht mit ihren Pferden den Weg verlegt hätten. Mit großer Mühe beruhigte es sich wieder, und der Justizrat, der bis dahin genug mit sich selbst zu tun gehabt hatte, erkannte zu seinem Erstaunen seinen alten Freund, den Kometen. Korbel stand nämlich noch mit einem dicken, roten Kopf dicht am Weg und schien vollkommen unschlüssig, in welche Richtung er gehen sollte. Beckdorf und Lanzot ritten weiter. Aber der Justizrat zügelte sein Maultier mit Gewalt und rief:

»He – Aktuar –, sehr gut, treffe Sie hier, gehn weg aus den Minen, meine halbe Unze.«

Der Aktuar sah den Mann verächtlich über die Schulter an und brummte sehr unhöflich: »Holzkopf!«

»Donnerwetter!« rief der Justizrat, aber sein Maultier schnitt die so interessant begonnene Unterhaltung ab. Die Pferde waren voraus, und denen folgte es jetzt, mochte sein Reiter auch noch so an den Zügeln reißen, wie er wollte. Der diesmal geprellte Komet blieb in düsterem Schweigen und mit untergeschlagenen Armen auf der Straße zurück.

Der Justizrat wäre jetzt gern wütend geworden, wenn ihm das Tier nur Zeit gelassen hätte. Aber von hier ab ging der Weg eine ganze Strecke bergab, und der Wagen fuhr so schnell, daß die Reiter ihm im scharfen Galopp folgen mußten. Da blieb ihm nichts weiter übrig, als die halbe Unze im Stich und den ›Holzkopf‹ auf sich sitzenzulassen, denn zügeln konnte er nicht mehr.

Mehr und mehr belebte sich die Straße, und hier und da fanden sie schon Stellen, wo die Amerikaner ihre kleinen Blockhütten mit einem Stück eingezäuntem Feld erbauten.

Mit Sonnenuntergang trafen sie auf mehrere Trupps lagernde Maultiere, bis sie endlich die weißen Zeltdächer Stocktons erkennen konnten. Lanzot freute sich besonders wegen der armen Frauen, daß sie das Ziel ihrer mühseligen und nicht bequemen Fahrt erreicht hatten. Er sah sich auch nach dem Justizrat um, der mit merkwürdigen Verrenkungen auf seinem Tier saß und nicht richtig fortzukommen schien.

Er wendete sein Pferd, ritt zu ihm und rief:

»Was ist denn, Herr Justizrat, will Ihr Klepper nicht mehr von der Stelle? Jetzt sind Sie bald erlöst, sehen Sie, da drüben liegt schon Stockton, und in einer oder anderthalb Stunden können wir es erreichen. Was hatten Sie denn eben?«

»Gott sei Dank!« brummte der Justizrat zwischen den Zähnen durch. »Verdammte Bestie! Wolf!«

»Ein Wolf? Hier?« rief der junge Mann erstaunt und sah sich vergeblich um. »Das wird wahrscheinlich ein kleiner Coyote gewesen sein, die gibt es sehr viel hier, und mit der Dämmerung kommen sie hervor. Vor denen müssen Sie sich aber nicht fürchten!«

»Unsinn, Coyote!« brummte der Justizrat noch verdrießlicher als vorher. »Wolf – Wolf geritten!«

Da mußte Lanzot doch laut auflachen. Aber da mit dem ohnehin nicht gemütlichen Menschen in dieser Stimmung nichts anzufangen war, ließ er ihn eben reiten, so gut er konnte, und schloß sich dem Wagen wieder an. In Stockton mußten sie übernachten, aber mit Tagesanbruch ging ein Dampfer nach San Francisco. Die Fahrt dauerte höchstens zwölf Stunden. Dort begrüßte sie Doktor Rascher, der sie schon erwartete und ihnen sogar schon Plätze auf dem nach Panama abgehenden Dampfer besorgt hatte. Der ging aber erst am dritten Tag in See, und Lanzot nutzte die Zeit, um Manuela zu heiraten. Der alte Doktor schüttelte zwar noch immer den Kopf, betrieb aber alle Vorbereitungen eifrig und schien sich über das Glück der jungen Leute innig zu freuen.

Die Trauung war um drei Uhr am letzten Tag, und um sechs Uhr mußten sie an Bord des Dampfers ›Mohican‹ sein, der mit qualmenden Schornsteinen draußen in der Bai vor Anker lag. Der Justizrat wollte sich mit ihnen einschiffen, es war ihnen aber lieb, daß er mit seinen Vorbereitungen nicht fertig wurde. Hier fehlte ihm der Assessor, der seine Sachen packte. Auch Graf Beckdorf blieb zurück, um, wie er lachend sagte, sein Glück noch einmal in den Minen zu probieren. Aber er begleitete die Freunde noch nach der Hochzeit, bei der er Trauzeuge war, bis an die Landung. Der Justizrat ging auch mit, da er doch nichts weiter zu tun hatte.

Durch das Lärmen und Treiben der neuentstandenen Weltstadt, durch das Drängen nach Gold, durch ein Gewühl lebendiger Spekulationen gingen die glücklichen Menschen, die hier in Kalifornien das schönste Gold, den Frieden ihrer Seele gefunden hatten, zum Landungsplatz. Von hier aus sollten sie mit einem Boot zum Dampfer hinübergeschafft werden. Sie folgten dem langen Steg, der in die Bai hinausgebaut war, um bei hoher Flut eine direkte Landverbindung zu den Schiffen zu erhalten. Dort rannte der Justizrat, der stets seine Augen woanders hatte, gegen eine riesige Menschengestalt, die mit Feuerzangen, Schaufeln, Waffen und Handwerkszeug behängt war. Sie sah aus wie ein wanderndes Eisenlager, das mitten im Weg stand und die Waren anbot.

»Donnerwetter«, sagte der Mann und sah im nächsten Augenblick erstaunt, dann bestürzt zu dem dicken, gemütlichen Gesicht des Giganten auf, den man, einmal gesehen, nie wieder vergessen konnte. »Hm, alte Bekannte«. Es war derselbe Mann, der ihn damals spät abends an seiner Verschanzung im Paradies verhaften ließ. Keineswegs erinnerte sich jedoch der Riese noch an den unbedeutenden Justizrat.

»Kaufen Sie nichts von den Eisenwaren, lieber Herr?« sagte er freundlich. »Keinen Revolver, Hirschfänger, Bajonette, Feuerschaufeln, Zangen, Messer, Gabeln, Löffel, Briefbeschwerer?«

»Hm, sonderbar!« murmelte der Justizrat zwischen den Zähnen durch, antwortete aber nicht und ging langsam an dem Verkäufer vorüber, zum Ende des Stegs.

Er kam da gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie die Boote mit den Passagieren von der Landung abstießen und zum Dampfer eilten, von dem schon die dritte Glocke läutete.

»Hallo – mitfahren!« schrie er allerdings hinterher, aber die Bootsleute hatten keine Zeit mehr, umzukehren. Hetsons erkannten ihn aber, und sie und Lanzot winkten ihm noch ein Lebewohl zu, das er jedoch nicht erwiderte.

»Können zum Teufel gehen«, brummte er vor sich hin, drehte sich um und kehrte in die Stadt zurück.

Doktor Rascher und Graf Beckdorf waren mit im Boot. Nach herzlichem Abschied und dem Versprechen, sie einmal an ihren verschiedenen Wohnorten aufzusuchen, trennten sie sich von ihnen. Die Damen stiegen die breite Schiffstreppe hinauf, von Hetson und Lanzot dabei unterstützt. Das Gepäck wurde durch eine Menge geschäftiger Hände nachgereicht, die Treppe selbst hob sich – die Räder begannen zu arbeiten, die Boote wichen dem keuchenden Koloß aus – der Anker kam unter dem Singen und Jubeln der Matrosen nach oben. Wenige Minuten später schäumte die klare Flut des Baiwassers unter dem scharfen Bug der ›Mohican‹, und auf den zurückgeworfenen Radwellen schaukelten die Boote. Vom Heck des Dampfers, gerade unter dem lustig in der frischen Brise wehenden Sternenbanner, winkten ein paar weiße Taschentücher grüßend herüber.

»Lebt wohl! Gott segne euch!« rief der alte Doktor Rascher hinüber. Die klaren Tränen standen ihm im Auge, und über die Bai, dem Goldenen Tor entgegen, schäumte das Fahrzeug dem Ozean – der Heimat entgegen.

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