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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 75
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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»Mein Gott, ja!« seufzte der arme Hufner aus vollem Herzen, während es ihm wie mit einem zweischneidigen Schwert durch die Seele zog. »Viel zu zart. Aber was kann ich unglückliches Menschenkind denn dafür, daß ich kein Glück habe und daß... daß sie so entsetzlich früh nach Kalifornien gekommen ist. Ich will arbeiten, arbeiten wie ein Pferd, ich halte es für meine Pflicht, aber um Gottes willen, was soll aus ihr werden?«

»Aus der Schwiegermutter?« sagte Ohlers.

»Nein, aus Leonore.«

»Tja, was soll man sagen?« meinte achselzuckend der Apotheker. »Es ist aber für ein junges Mädchen ein ungeeignetes Land, dieses ›Kolofonium‹, wie es Ballenstedt immer nannte. Apropos, weiß jemand, was aus dem geworden ist? Hm, das war ein komischer Kauz. Ja, was ich noch sagen wollte, für ein junges Mädchen ist es ein schlechtes Land, aber eine verheiratete Frau hat nichts zu befürchten, und darin muß ich der Schwiegermutter recht geben.«

»Aber ich kann mich selbst nur mit großer Mühe ernähren!« stöhnte Hufner.

»Das gebe ich zu«, sagte Ohlers und hielt dem Assessor den Becher wieder hin. »Darum hat auch wahrscheinlich Fräulein Schneidmüller einen anderen geheiratet.«

Der Assessor schenkte nicht ein – der Justizrat rauchte nicht mehr, und Hufner sprang von seinem Sitz in die Höhe, als ob er auf heißem Blei gesessen hätte.

»Einen anderen geheiratet?« rief er dabei aus und traute seinen eignen Ohren kaum.

»Ja«, sagte Ohlers so ruhig, als ob er eine ganz gewöhnliche Geschichte erzählte. »Bitte, noch einen Becher, Herr Assessor, Ihr Kaffee ist ganz ausgezeichnet! Einen jungen, sehr hübschen Amerikaner, der sich in sie verguckt hat, noch dazu, ohne die Schwiegermutter kennenzulernen, denn die lag im Bett und war krank.«

»Aber das ist doch gar nicht möglich, Herr Ohlers«, rief jetzt auch der Assessor aus. »Soviel ich weiß, ist die junge Dame höchstens fünf Wochen in San Francisco, um auf ihren Verlobten zu warten.«

»Ihre Berechnung trifft zu, Herr Assessor«, sagte Ohlers. »Nach ihren Erkundigungen konnte aber ihr Verlobter – bitte, geben Sie mir einmal den Zucker herüber – in spätestens sechs Tagen bei ihr in San Francisco sein. Sie hat das Außerordentliche geleistet und volle vierzehn Tage auf ihn gewartet. Nach dieser Zeit hielt sie sich an nichts mehr gebunden und gab dem jungen Amerikaner ihre Hand.«

Hufner war auf seinen Sitz zurückgesunken, faltete die Hände auf den Knien und sah still eine Weile vor sich nieder.

»Ach, lieber Herr Hufner«, sagte da der Assessor teilnehmend, »ich weiß wohl, daß das ein harter Schlag für Sie ist, aber – was geschehen ist, ist geschehen. Am Ende ist es doch auch ein Glück für das arme Mädchen und für Sie selbst.«

Hufner erwiderte nichts, aber er stand langsam auf und ging zum Zelt, dessen Leinwand er hinter sich herunterfallen ließ.

»Sie haben doch da nicht etwa Messer oder Revolver herumliegen?« fragte Ohlers besorgt.

»Um Gottes willen!« rief der Assessor. »Der unglückliche Mann...«

»Pst!« winkte Ohlers den beiden zu, damit sie ruhig waren. Auf den Zehen schlich er zum Zelt, um den ›Unglücklichen‹ zu beobachten, und wurde dafür reichlich belohnt.

Ohne einen Laut auszustoßen, aber mit vor Freude leuchtendem Gesicht suchte Hufner keineswegs nach einer Waffe, sondern tanzte! Zu seiner Schande muß ich es gestehen, er tanzte auf einem Bein, rieb sich die Hände, schnalzte mit den Fingern und machte eine Menge anderer Kapriolen, um seiner inneren Freude heimlich Luft zu gönnen. Ohlers, vollständig beruhigt, daß sich der Mann kein Leid antun würde, hätte sich unbemerkt zurückziehen können. Daran lag ihm aber nichts. Im Gegenteil schob er die Leinwand noch etwas weiter auseinander und den Kopf hinein und sagte:

»Aber, lieber Herr Hufner, Sie müssen sich die Sache nicht so zu Herzen nehmen. Es ist nun nicht mehr zu ändern, und auch vielleicht am besten für...«

»Pst, um Gottes willen«, rief aber Hufner, der wie mit einem Zauberschlag wieder steif und ernst vor ihm stand und ein möglichst trauriges Gesicht machte. »Herr Ohlers, ich bitte Sie um alles in der Welt...«

»Tut mir leid«, sagte Ohlers, »das können Sie nicht bekommen.«

»Verraten Sie mich nicht«, hat Hufner. »Bitte, kommen Sie herein, sehen Sie, Sie werden mir zustimmen, wenn ich...«

»Froh bin...«, fuhr Ohlers fort.

»Leonore«, sagte Hufner.

»Los zu sein«, sagte Ohlers.

»Versorgt zu wissen«, rief aber der frühere Verlobte. »Ich habe hier keine Aussicht, um sie und die...«

»Schwiegermutter«, half ihm der Apotheker.

»Ja«, seufzte Hufner. »Sie und die Schwiegermutter zu ernähren. Bis jetzt habe ich mir die bittersten Vorwürfe gemacht, daß ich das arme Mädchen in dieses unselige Land gelockt habe. Ich glaubte aber, daß sie so an mir hing, daß sie sich unglücklich und elend fühlte, wenn sie ohne mich leben sollte. Aber ich sehe, daß ich mich geirrt habe. O diese Weiber, diese Weiber!«

»Na, nun tun Sie mir den Gefallen, und werden Sie nicht sentimental«, sagte Ohlers. »Das wäre gegen die Vereinbarung. Die Sache ist abgemacht, und der Kaffee wird kalt.«

»Aber Sie verraten nicht, daß...«

»Kein Sterbenswort, auf Ehre!« sagte Ohlers und ohne ihm weiter Zeit zu lassen, schob er seinen Arm in den des unglücklichen, jungen Bräutigams und führte ihn zum Feuer zurück.

»So, meine Herren, er hat sich jetzt gesammelt, der erste Schmerz ist vorüber. Geben Sie ihm eine Tasse Kaffee, Herr Assessor, und das wird den letzten Rest Verzweiflung herunterspülen.«

Der Justizrat, der inzwischen die Zeit zum Frühstück genutzt hatte, wollte etwas erwidern. Er hob den Becher, als ein Reiter den Hang heraufsprengte und gleich darauf Graf Beckdorf neben ihrem Lagerplatz hielt.

»Hallo, Justizrat«, rief er. »In den Sattel, der Wagen wird gleich vorbeikommen, und Ihr Gepäck muß unten an die Straße gebracht werden.«

»Alle Wetter!« rief der Justizrat und sprang auf, um nach seiner Pfeife zu greifen. »So früh? Gar nicht gedacht.«

»Wo ist Ihr Maultier?« lachte Beckdorf über die Eilfertigkeit des Mannes, der dabei nicht von der Stelle kam.

»Maultier? Weiß nicht. Im Busch.«

»Na, das ist ja prima. Sie werden zurückgelassen, oder die Damen müssen eine Stunde auf Sie warten – eins so schlimm wie das andere. Nach welcher Richtung ist es ungefähr?«

Der Justizrat beschrieb mit seiner Pfeifenspitze einen Bogen, der etwa ein Viertel der Erde umfaßte, und Beckdorf lachte laut auf.

»Ist es ein Maultier, dem das halbe linke Ohr fehlt?« mischte sich da Ohlers in das Gespräch.

»Jawohl«, rief der Justizrat.

»Sehr schön. Das lehnt gleich da drüben am Weg, etwa fünfhundert Schritt von hier an einer Eiche und schläft«, versicherte der Apotheker. »Ich dachte erst, es wäre ein ausgestopftes, das da hingestellt und halb umgefallen wäre.«

Beckdorf schüttelte den Kopf und rief:

»Also gut, Justizrat, dann raffen Sie Ihre Habseligkeiten zusammen, und schaffen Sie die Sachen an den Weg hinunter. Die Herren helfen Ihnen vielleicht dabei. Ich will inzwischen hinreiten und Ihr Tier holen.« Mit diesen Worten warf er sein Pferd herum und sprengte am Abhang entlang, um weiter oben wieder auf den Pfad zu treffen und so das Maultier aufzufinden.

Das Gespräch der Deutschen war dadurch natürlich völlig abgebrochen. Der Justizrat suchte nach verschiedenen Gegenständen, die er alle nicht finden konnte: seinen Tabaksbeutel, sein Feuerzeug, seinen Hut, sein Halstuch, sein Zaumzeug, sein Taschentuch, seine Brieftasche – kurz, alles, was nicht niet- und nagelfest an ihm war. Während der Assessor und Hufner ihm verzweifelt halfen, blieb Ohlers ruhig am Feuer sitzen und aß die Pfannkuchen. Endlich war alles glücklich gefunden und in die Satteltasche gepackt worden. Nur die Pfeife fehlte auf einmal, die der Justizrat beim Suchen ganz in Gedanken hinten an das Zelt gelehnt und dort vergessen hatte. Zuletzt wurde auch sie wieder aufgetrieben, und Hufner sowie der Assessor trugen keuchend seinen Koffer auf den Weg hinunter, froh, ihren Freund endlich loszuwerden.

Als Graf Beckdorf mit dem glücklich gefundenen Maultier eintraf, stellte der Justizrat wirklich für einen Augenblick seine Pfeife weg, um den Sattel aufzulegen, aber er kam nicht damit zurecht. Nach allen Seiten probierte er das Stück, aber es wollte nirgends passen. Endlich mußte es Graf Beckdorf für ihn in Ordnung bringen. Ohlers, der recht gut damit umgehen konnte, rührte keine Hand. Er saß dabei und amüsierte sich köstlich. Der Assessor und Hufner waren wieder zum Feuer zurückgekommen. Besonders der Assessor fühlte sich in einer ungewöhnlich weichen Stimmung, als er von dem Mann Abschied nehmen sollte, mit dem er doch eine ganze Zeit zusammen gelebt hatte. Der Justizrat wollte nach Deutschland zurückkehren, und wer wußte, ob sich ihre Wege in diesem Leben wieder kreuzten. Der Justizrat rauchte ruhig weiter. Ob er etwas Ähnliches fühlte, ließ sich durch die dicken Dampfwolken nicht erkennen.

Jetzt rollte der Wagen heran. Ein gewöhnlicher Leiterwagen, von zwei starken Pferden gezogen. Durch Matratzen und Betten war er so bequem wie möglich gemacht worden, im hinteren Teil lag das Gepäck. Hetson selbst hatte mit auf dem Wagen Platz genommen, da er sich für die kurze Strecke kein Pferd kaufen wollte. Lanzot ritt an der Seite, an der Manuela saß, nebenher. Sie hatte sich nur schwer vom Grab des Vaters getrennt und an dem Morgen viel geweint. Sie wußte, daß sie es nie wieder sehen würde. Jetzt war sie jedoch gefaßter. Der heitere, herrliche Herbstmorgen trug viel dazu bei, ihr Gemüt zu beruhigen und sie für das Gefühl empfänglicher zu machen, daß sie dieses entsetzliche Land verlassen konnte und einem neuen, sorgenfreien Leben entgegensah.

Noch einige Schwierigkeiten gab es, um den Justizrat in den Sattel zu bringen. Dann konnte er den rechten Steigbügel nicht finden. Aber auch das wurde bewerkstelligt, und es war nichts weiter nötig, als den Koffer auf den Wagen zu heben, was natürlich wieder auf dem Assessor und Hufner hängenblieb. Jetzt war alles fertig, die Pferde zogen an, und der Wagen rollte die Straße entlang.

»Also, lieber Herr Justizrat«, begann der Assessor mit vollem Herzen von dem Mann Abschied zu nehmen. Ob sich der Justizrat aber das Herz nicht schwermachen wollte oder auch alle für überflüssig hielt, er gab kurz seinem Maultier die Hacken, sagte einfach »Guten Morgen!« und hielt sich dann schnell mit der rechten Hand – links trug er die Pfeife – am Sattelknopf fest. Das Maultier setzte sich in Bewegung, und seine Freunde blieben etwas verdutzt über den kaltblütigen Abschied mitten auf der Straße stehen. Sie sahen ihm noch eine ganze Weile schweigend nach. So schied der Justizrat aus den Minen und von seinen Freunden, die ihm wirklich aufopfernd gedient hatten, und weshalb? Weil er einen etwas hochtrabenden Titel besaß, und sie als biedere Deutsche den alten Unsinn des Vaterlandes noch nicht so weit abschütteln konnten, um sich von diesem Einfluß frei zu machen. Diese ›gemalten Lichter‹ sind in Deutschland gut bekannt, die immer so aussehen, als würden sie wirklich leuchten. Nur wenn man etwas an ihnen anzünden will, wenn man sie einmal gebrauchen will, entdeckt man die Täuschung und sieht, daß sie nur für einen etwas wunderlichen Staat da sind. Sie selber halten sich natürlich für Sonnen, die nichts weiter können als strahlen.

Nur im Sattel wurde der Justizrat in diesem festen Bewußtsein seines inneren Wertes, der ihn bis dahin noch keinen Augenblick verlassen hatte, schwankend, denn er fühlte sich da oben nicht gerade behaglich. Es genierte ihn schon, daß er selbst den Zügel halten mußte. Er war es nicht gewohnt, etwas selbst zu machen. Und dann hielt das Maultier auch keinen gleichmäßigen Schritt, sondern richtete sich vollkommen nach seinen Begleitern, die mal langsamer oder schneller ritten. Niemand kümmerte sich weiter um ihn, er mußte also versuchen, sich festzuhalten und mitzukommen. Der Justizrat verfluchte im stillen den Assessor, der ihm zu dem Ritt noch geraten hatte. Dabei hatte es dieser würdige Mann in voller Überzeugung getan, weil er glaubte, daß der Justizrat alles könne, also natürlich auch reiten. Das Wetter war herrlich, ein wunderbar frischer, duftiger Herbstmorgen lag auf dem grünen Wald. Mit dem murmelnden Bergstrom zu ihren Füßen, von dem das Klappern der dort arbeitenden Maschinen zu ihnen heraufdrang, mit dem Rauschen der mächtigen Wipfel über sich, zogen die Wanderer fröhlich und leicht ihre Straße entlang.

Ein paar Wegstunden hatten sie hinter sich, als sie einen einzelnen Wanderer überholten. Er war dicht vor ihnen von einem Seitenpfad aus den Bergen gekommen und schien mit ihnen das gleiche Ziel zu haben. Einzelne Fußgänger gab es nun allerdings genug auf dem Weg. Einige zogen schwer bepackt in die Minen, andere marschierten wieder in die Stadt. Deshalb fiel ihnen der Mann auch nicht weiter auf. Graf Beckdorf kam es aber so vor, als hätte er diesen schlenkernden Gang schon einmal gesehen, so wie ihm die ganze Gestalt bekannt vorkam. Außerdem trug der Mann kein Gepäck auf dem Rücken, nicht einmal eine Wolldecke und keine Jacke. Die Mütze saß ihm auf dem Ohr, beide Hände steckten in den Hosentaschen, und so schlenderte er behaglich und unbekümmert auf der Straße dahin. Endlich hatten sie ihn überholt, und Beckdorf, der jetzt sein Pferd herumwarf, rief lachend aus:

»Herr Erbe! Wo, zum Henker, haben Sie die ganze Zeit gesteckt?«

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