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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 73
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Baron Lanzot und sein Sekundant Graf Beckdorf hatten inzwischen ihre Vorbereitungen für den Zweikampf getroffen, ohne etwas von den Ereignissen zu wissen. Sie wollten zu dem Kampfplatz, als sie von Siftlys Ermordung hörten.

»Gott sei Dank«, rief Beckdorf, »dann mußt du dich wenigstens mit dem Schuft nicht mehr duellieren. Es wäre mir widerlich gewesen, wenn dieser Mensch dir gleichwertig gegenübergestanden hätte.«

»Ich hätte es nicht vermeiden können«, sagte Lanzot.

»Unsere Ansicht über ein ehrliches Duell würde hier in den Minen wohl kaum Geltung finden. Man hätte das für Feigheit gehalten, was nur Ekel vor einem Menschen gewesen wäre. Jetzt ist er tot und unschädlich, und ich glaube fast, daß die Chinesen mir eine schwierige und schmutzige Arbeit erspart haben – die verschiedenen Pläne dieses Verbrechers zu vereiteln. Aber da kommt Doktor Rascher. Was? Schon wieder reisefertig? Doktor, wo wollen Sie hin?«

»Haben Sie schon von den Vorfällen der letzten Nacht gehört?«

»Alles, was die beiden amerikanischen Spieler betrifft. Aber das treibt Sie doch nicht etwa von hier weg?«

»Ja und nein«, sagte der alte Mann. »Ich bin nicht mehr in dem Alter, um mich an einem solchen wilden, abenteuerlichen Treiben zu erfreuen. Ich sehne mich vielmehr nach einem ruhigen Leben, soweit sich das mit meinen Forschungen vereinen läßt. Aber jetzt mit den herumschweifenden Mexikanern, Indianern und vertriebenen Spielern kann ich mich in den Bergen nicht vollkommen sicher fühlen. Da will ich lieber eine Weile wieder eine Zeitlang an den unteren Calaveres zurück, wo ein reizender, noch lange nicht ausgebeuteter Blumenflor steht.«

»Und Sie wollen tatsächlich schon heute weiter?«

»Da ich einen so guten Reisegefährten gefunden habe, ja. Ich werde mit Mr. Golway reiten, und wir warten nur auf Mr. Hetsons Rückkehr, der noch in Siftlys Zelt einige Anordnungen treffen muß. Wie wär's, lieber Baron, wenn Sie uns begleiten?«

»Ich?« rief Lanzot erschrocken.

»Na? Haben Sie mir nicht gestern abend gesagt, daß Sie die Minen verlassen würden, sobald sie den Burschen abgefertigt hätten, den heute sein Geschick auf unerwartete und furchtbare Weise ereilt hat?«

»Ja, allerdings«, stotterte Lanzot. »Ich... hatte die Absicht, aber... ich hin doch erst so kurze Zeit hier oben und möchte mich lieber länger umsehen.«

»Ich glaube fast, Sie sind schon zu lange hiergeblieben«, sagte der Doktor.

Lanzot wurde rot, aber er erwiderte kein Wort, sondern sah nur schweigend zu Boden.

»Haben Sie auch daran gedacht, lieber Lanzot, daß Sie nach diesem Minenleben auch wieder einmal in die Heimat zu Ihrer Familie zurückkehren wollen?« fuhr der alte Mann freundlich, ja herzlich fort. »Ich bin überzeugt, Sie werden nie etwas tun, wofür Sie sich später Vorwürfe machen würden. Sie kennen aber auch besser als ich es Ihnen sagen könnte die Vorurteile der alten Welt und ihre alten Sitten, in denen Sie doch einmal Ihr Leben beschließen wollen. Haben Sie sich das auch alles gut überlegt?«

»Noch nicht, lieber Doktor«, erwiderte Lanzot und streckte ihm die Hand entgegen. »Aber ich – werde es tun.«

»Schön. Aber glauben Sie mir, dafür ist im Moment kein Platz unpassender als das Paradies. Kommen Sie mit mir nach San Francisco zurück. Wenn es Ihnen an Reisegeld fehlt, steht Ihnen meine Kasse zur Verfügung.«

Aus einem der nächsten Zelte ertönte in diesem Augenblick der leise zitternde Ton einer Violine. Er war so leise, daß er von den kaum berührten Saiten nur wie ein Hauch zu ihnen herüberdrang. Aber der Doktor fühlte, wie schon bei dem ersten Klang der Melodie die Finger des jungen Mannes seine Hand krampfhaft umspannten, während er mit angehaltenem Atem lauschte. Höher und voller schwollen die Töne an und gossen dann in einem schönen Lied den ganzen Schmelz von Leidenschaft und Schmerz über die Hörer aus. Keiner der Männer wagte einen Laut, selbst der alte Mann stand regungslos. Dann verschwamm alles, wie es begann, in einem leisen Hauch.

»Wer war das?« sagte endlich Beckdorf, der in staunender Bewunderung dem Instrument gelauscht hatte. »Etwas Ähnliches habe ich in meinem Leben noch nicht gehört.«

»Manuela«, flüsterte Lanzot. »Wollen Sie noch immer, Doktor, daß ich das Paradies verlassen soll?«

Der Doktor seufzte tief auf.

»Ich sehe schon, da ist nicht mehr viel zu raten und zu helfen. Und wenn Sie nun mit Don Alonso in Ihrer Begleitung nach Hause kommen?«

»Ich gebe Ihnen mein Wort, Doktor, daß ich nicht leichtsinnig handeln werde«, sagte der junge Mann ernst. »Ich weiß, Sie nehmen an meinem Schicksal Anteil. Sie wissen aber vielleicht nicht, daß ich vollkommen unabhängig bin und keinem Rechenschaft geben muß. Lassen Sie mir also Zeit, um mit mir selber einig zu werden, lassen Sie mir Zeit, erst das Mädchen noch näher kennenzulernen. Don Alonso stammt außerdem von einem, wenn auch heruntergekommenen, edlen Geschlecht ab. Er würde selbst unseren alten Vorurteilen genügen und alle Einwände beseitigen. Und außerdem, zum Henker, weiß ich ja noch nicht einmal, ob das Mädchen mich will!«

»Da habe ich meine Zeit schön verschwendet«, lächelte der Doktor gutmütig. »Ja, mein lieber Baron, wenn Sie erst einmal so weit mit sich sind, dann ist auch bei Ihnen Hopfen und Malz verloren, und ich kann nichts weiter tun, als Ihnen alles Gute zu dem Unabänderlichen zu wünschen.«

»Aber, Herr Doktor...!«

»Wir werden uns wieder sprechen!« sagte der alte Mann.

»Das ist nicht schlecht«, lachte Beckdorf. »Gestern abend hätte nicht viel gefehlt, und er hätte sich die junge Dame von mir vorstellen lassen!«

Draußen und im Nachbarzelt wurden Stimmen laut. Hetson war zurückgekehrt, und Doktor Rascher rüstete sich zum Gehen.

»Wir sehen uns doch noch?« sagte er freundlich.

»Vor dem Zelt verabschieden wir uns noch, und hoffentlich kann ich Sie bald in San Francisco aufsuchen.«

Der Doktor winkte den beiden jungen Leuten noch freundlich zu, dann verließ er rasch das Zelt, um sein eigenes Maultier zu holen.

»Ich habe Sie lange warten lassen, Sir«, sagte Hetson, als er die Wohnung des Sheriffs betrat und Golway die Hand entgegenstreckte. »Aber was mich abhielt, wird Sie auch beruhigen. Es zerstreut nämlich den letzten Verdacht gegen Sie, den vielleicht noch jemand hegen könnte.«

»Wie ich höre, haben Sie den wirklichen Mörder entdeckt?«

»Ja, und in einem Zustand, der eine Bestrafung von unserer Seite nutzlos macht«, sagte Hetson schaudernd. »Der Verbrecher steht jetzt vor Gottes Richterstuhl und wartet auf sein Urteil. Nach den heutigen Vorfällen würde auch Ihrem längeren Aufenthalt hier nichts im Wege stehen. Ich garantiere Ihnen, daß...«

»Mein Pferd ist gesattelt«, unterbrach ihn Golway. »Schon in der nächsten Stunde bin ich weit weg von hier. Glauben Sie mir, Sir, es ist für uns beide besser, wenn wir Ruhe und Frieden wiederfinden.«

»Das gebe Gott«, sagte Hetson leise. »Trifft es zu, daß Sie Doktor Rascher begleiten will?«

»Ich freue mich schon auf seine Gesellschaft. Er sucht eine ruhigere Nachbarschaft, als ihm das Paradies bieten kann, um seiner Studien nachgehen zu können. Aber wenn es Ihnen recht ist, begleite ich Sie jetzt in Ihre Wohnung, um... mich von Ihrer Frau zu verabschieden.«

Hetson erwiderte kein Wort, aber er nahm den Arm des Mannes, und beide gingen schweigend zum Zelt des Alkalden. Als sie den inneren Raum betraten, saß Jenny allein am Tisch. Wußte sie, daß Golway kam, um sich zu verabschieden? Sie sah blaß und angegriffen aus und ging den Männern entgegen.

»Jenny«, sagte Hetson, und ein merkwürdiges Lächeln spielte um seine Lippen. »Hier bringe ich dir den Mann, der mir monatelang den Schlaf geraubt hat und mich fast zum Wahnsinn getrieben hat, wenn ich daran dachte, daß ihr beide euch noch einmal begegnet. Daß ich mich dabei schwer an dir versündigt habe, sehe ich jetzt ein, spät, aber vielleicht noch nicht zu spät für uns beide.«

»Mr. Golway...«

»Er kommt, um sich zu verabschieden«, fuhr Hetson fort. »Sag ihm auch ein freundliches Wort für mich mit, damit er an uns nicht immer mit Groll denkt. Ich muß ja lebenslang sein Schuldner bleiben.« Ehe einer von ihnen ein Wort erwidern konnte, wandte er sich ab und verließ das Zelt.

Jenny sah ihm ängstlich nach, aber sie konnte keine Silbe über ihre Lippen bringen und auch nicht den Arm nach ihm ausstrecken. Schweigend standen sich die beiden wohl eine Minute lang gegenüber.

Golway sammelte sich zuerst. Mit leiser Stimme sagte er:

»Mrs. Hetson, ich bin Ihrem Mann wirklich dankbar, daß er mir erlaubt hat, Sie noch einmal zu sehen, ehe ich wieder ans Meer, meine Heimat, zurückkehre. Ich hatte mich vor einem Zusammentreffen mit Ihnen... gefürchtet, doch jetzt bin ich für den Zufall dankbar, wenn wir überhaupt auf dieser wunderbaren Welt einen Zufall gelten lassen wollen, der mich zu Ihnen geführt hat. Ich gehe beruhigter von hier weg, denn ich sehe Sie an der Seite eines guten Mannes, eines Mannes, der das Glück zu schätzen weiß, das er mit Ihrer Liebe empfinden muß. Unsere Wege gehen von jetzt an getrennt, wer weiß, ob sie sich jemals im Leben wieder kreuzen. Ich versichere Ihnen aber, daß ich diese Stunde und Sie nie vergessen werde, leben Sie wohl!«

Er nahm ihre Hand, die sie ihm willenlos überließ, und zog sie an seine Lippen.

»Leben Sie wohl, Charles«, flüsterte da Jenny. »Gott segne Sie für Ihre treue Liebe, und nehmen Sie auch von mir die Überzeugung mit, daß ich Sie immer in guter Erinnerung behalten werde. Gott schütze Sie und gebe Ihrer Seele Frieden! Die Zeit lindert ja den Schmerz, sie wird auch Ihren lindern. Wie ich Sie kenne, wird es Sie beruhigen, daß ich mich an Hetsons Seite glücklich fühle. Er gewann zuerst meine Achtung, später lernte ich auch, ihn zu lieben. Mit Ihrem Erscheinen ist der Schatten von seiner Seele verschwunden, der ständig auf ihm lastete. Ihnen danke ich dafür, und für so manches Liebe und Gute aus früherer Zeit. Ich werde es nie vergessen – leben Sie wohl!«

Vor dem Zelt scharrte das Pferd, das Cook selbst für den Fremden geholt und gesattelt hatte. Noch einmal berührten seine Lippen ihre Hand, und im nächsten Augenblick war er draußen vor dem Zelt im Sattel. Hetson stand dort und reichte ihm noch einmal die Hand zum Abschied. Der feste Druck war die einzige Sprache, kein Wort wurde mehr zwischen ihnen gewechselt. Auch Doktor Rascher saß schon im Sattel und nahm Abschied von seinem Freund. Da kam Lanzot mit Schaufel und Spitzhacke auf der Schulter gemeinsam mit Don Alonso und Beckdorf aus seinem Zelt. Der Doktor schüttelte lächelnd den Kopf, als er ihn sah.

»Also bleiben Sie wirklich hier?«

»Ja, als eifriger Goldwäscher«, lachte der junge Mann und legte seine Hand auf die Schulter des Spaniers. »Don Alonso und ich wollen es gemeinsam versuchen. Wenn wir unser Reisegeld zusammen haben, packen wir und ziehen nach Deutschland, an den schönen Rhein.«

»Reisegeld? Sie wissen doch, was ich Ihnen gestern angeboten habe, und es würde mir sehr leid tun...«

»Es muß selbst verdient werden, Doktor!« lachte aber der junge Mann. »Sonst habe ich keine Freude daran. Selbstverdientes Brot schmeckt am besten, das habe ich gelernt, seit ich in Kalifornien bin. Lassen Sie mir also die Freude. Aber wo finde ich Sie, wenn ich nach San Francisco komme?«

»Im United States Hotel. Also, Gott befohlen, und lassen Sie bald etwas Gutes von sich hören.« Noch einmal winkten sich die Männer grüßend zu, dann trabten die Tiere die kleine Zeltstraße entlang, zu den Bergen hinüber.

Als Hetson in sein Zelt zurückkehrte, fand er Jenny noch allein. Langsam drehte sie den Kopf, um eine verräterische Träne zu verbergen. Da ging ihr Mann auf sie zu, legte seinen Arm um sie, und sie warf sich an seine Brust und umschlang ihn fest. Er küßte ihre Stirn und drückte ihren Kopf fester an sich und sagte zu ihr leise: »Wein dich aus, mein armes Kind, ich fühle wohl in diesem Augenblick stärker als jemals zuvor, wie unrecht ich gehandelt habe, wie weh ich dir tat, statt dich zu erleichtern, habe ich deine Last noch fast mutwillig erschwert. Das ist vorbei, von jetzt an soll kein Schatten mehr zwischen uns stehen. Weine dich aus und trauere um deinen früheren Verlobten, schütte deinen Schmerz aus, ich will ihn gemeinsam mit dir tragen. Aber dann laß mich auch wieder deine Augen klar und heiter dem Leben entgegenlachen sehen. Ich will versuchen, ihn dir zu ersetzen, hilf mir dabei.«

»Frank... mein lieber, lieber Frank«, rief die Frau. »Was ich auch verloren habe – du gibst es mir reichlich mit diesen Worten wieder.«

»Ich will dir noch viel mehr geben«, antwortete er. »Es war eine Sünde von mir, dich in dieses wilde, rauhe Land zu bringen. Später kann es wohl einmal Familien aufnehmen, aber jetzt muß es für Frauen die Hölle sein, auch wenn es die Natur so verschwenderisch mit ihren reichen Gaben ausgestattet hat. Harre noch kurze Zeit mit mir hier aus, wenige Wochen, bis ich für die Leute, die mich gewählt haben, meine Pflicht erfüllt habe. Dann kehren wir in unsere schöne Heimat zurück, an das Ufer des Ohio, zu meinen Angehörigen, die dich mit offenen Armen empfangen werden. Da wirst du allen Kummer vergessen, und die ganze Reise wird wie ein schwerer Traum später für uns sein.«

»Es war ein Traum, Frank«, sagte seine Frau leise. »Es war ein böser Traum, der dich Gott sei Dank erwachen ließ. Jetzt fürchte ich nichts mehr. Erfülle deine Pflicht und zieh dann mit mir in deine Heimat. Meine Eltern haben versprochen, uns zu folgen, und ich sehe von jetzt an die Sonne über unserem Weg scheinen.«

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