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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 72
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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29. Der Abschied

Das Wetter hatte sich am anderen Morgen nicht verändert. Derselbe Nebel lag noch auf dem Tal, und die Luft war feucht und kalt. Nur mühsam rang sich der Tag eine Bahn durch die zähen Schwaden, während der Himmel in trübes Grau gekleidet blieb. Gerade ließen sich die ersten Anzeichen des nahenden Tages erkennen, als Hales Zeltleinwand zurückgeschoben wurde und ein Mann eintrat. Gedämpft sagte er: »Hallo, Hale!«

»Hallo, wer ist da?« rief der Sheriff, der zwar die Gestalt sah, aber nichts weiter erkennen konnte. Unwillkürlich griff er dabei nach seinem Revolver und richtete sich halb im Bett auf.

»Ich muß Sie sprechen«, lautete die halblaut gegebene Antwort.

»Sie haben's ja höllisch eilig, wenn Sie nicht einmal den Morgen abwarten können«, brummte Hale verdrießlich. »Wer sind Sie?«

»Boyles.«

»Alle Teufel!« rief Hale und sprang mit beiden Füßen gleichzeitig aus seinem Bett. »Was treibt Sie hierher? Doch nicht etwa das Gewissen?«

»Ja«, hauchte der Mann mehr, als er sprach. »Ich wollte weg von hier, aber... ich... ich konnte nicht.«

»Haben Sie Johns erschlagen?« fragte Hale fast erschrocken, denn er hatte den Mann zwar für leichtsinnig, aber nie für wirklich schlecht gehalten.

»Davor behüte mich Gott!« rief aber Boyles und schauderte zusammen. »Nein, Menschenblut klebt Gott sei Dank nicht an meinen Händen – seit der arme Engländer gestern glücklich dem Strang entgangen ist.«

»Aber Sie kennen den Mörder?«

»Ich vermute es – ja!« flüsterte Boyles.

»Und er heißt?«

»Siftly«, hauchte Boyles und drehte sich scheu um, als ob er Angst hätte, daß der Mann hinter ihm stände.

»Haben Sie das gehört, Sir?« sagte der Sheriff zur anderen Seite des Zeltes hinüber.

»Ja«, lautete die Antwort.

»Um Gottes willen, wen haben Sie noch hier?« fragte Boyles und sank fast in die Knie.

»Denselben Mann, den die Geschworenen oder die würdigen Bürger des Paradieses gestern fast wegen des Mordes gehängt hätten«, sagte der Sheriff finster. »Also hat er auch das Gold von Ihnen erhalten?«

»Ja«, stöhnte der junge Bursche. »Weil ich aber Angst hatte, daß mich Siftly auch erschießen würde, wenn ich es zugebe, leugnete ich. Aber jetzt – jetzt halte ich es nicht mehr länger aus. Dieser Mann ist unschuldig. Am Tag, bevor die Leiche gefunden wurde, kam Siftly in das Lager. Ich kannte ihn von früher und erzählte ihm, daß Smith hier sei, mit dem er jetzt wieder so eng befreundet ist. Aus Freude darüber borgte er mir einige Unzen Gold...«

»Er schien auf diesen Mr. Smith nicht besonders gut zu sprechen.«

»Es kam mir so vor, als wäre er sehr gegen ihn aufgebracht. Deshalb wunderte ich mich sehr, daß sie am anderen Morgen wieder Freunde waren.«

»Bemerkten Sie damals noch etwas Außergewöhnliches an Siftly?«

»Ja«, sagte Boyles leise, »was mir aber erst später auffiel. Als er mir das Gold gab, sah ich Blut an seiner Hand. Er wollte sich an Dornen gerissen haben.«

»Haben Sie mit ihm schon darüber gesprochen?«

»Ja, nicht über das Blut, aber über das Goldstück. Er sagte, er habe es von einem Mexikaner im Spiel gewonnen, wollte aber nicht mit in die Geschichte verwickelt werden und drohte mir, wenn ich ein Wort davon sagte, mit dem Tod. Jetzt ist es heraus – jetzt wissen Sie alles – ich habe mein Gewissen frei gemacht, jetzt lassen Sie mich weg. Wenn mich Siftly wiederfindet, schießt er mich so sicher nieder, wie Sie hier vor mir stehen. Sie kennen ihn nicht, und ich – ich wäre nicht der erste.«

»Nein, mein Bursche«, sagte aber Hale, der sich inzwischen vollständig angezogen hatte. »Weglassen kann ich Sie nicht, denn ohne Sie fiele unsere ganze Anklage zusammen. Aber darauf können Sie sich verlassen, daß Ihnen der Schuft nicht mehr schaden kann. Für Ihre Sicherheit bürge ich. Zu Ihrer eigenen Rechtfertigung müssen Sie aber auch jetzt hierbleiben. Nach dem Geständnis, daß der Engländer das Gold wirklich von Ihnen erhalten hat, würde man Sie sofort für den Mörder halten, sobald Sie sich aus dem Staub machen. Siftly wäre der erste, der es auf Sie abwälzen würde. Ich sorge dafür, daß er unschädlich gemacht wird, bevor Sie mit ihm zusammentreffen. Später haben Sie immer noch Zeit, Ihre Wege zu gehen. Jetzt bleiben Sie einen Augenblick bei Golway, ich bin in fünf Minuten wieder da. Sie gehen nicht weg, versprechen Sie mir das?«

»Ich will hierbleiben«, sagte der junge Mann und sank zitternd auf den nächsten Stuhl. Hale flüsterte etwas dem Engländer zu und verließ rasch das Zelt. Er schien aber Boyles trotzdem nicht zu trauen und war nach kaum zwei Minuten wieder da. Ungeduldig ging er in seinem Zelt auf und ab. Er hatte nur kurz den im Nachbarzelt schlafenden Cook geweckt und ihm gesagt, daß er sofort den Alkalden holen sollte. Zehn Minuten später traten die beiden Männer in das Zeit des Sheriffs. Rasch wurden sie mit dem Geständnis vertraut gemacht. Dann ging Hetson, um den Distriktsrichter von Golden Bottom und dessen Leute zu wecken. Gemeinsam wollten sie Siftlys Zelt umstellen und den Mörder verhaften.

Es dauerte nur kurze Zeit, bis die Männer von Golden Bottom mit ihren Büchsen auf der Schulter vor dem Zelt des Sheriffs erschienen. Zwei von ihnen wurden bei Boyles als Wache zurückgelassen, um eine mögliche Flucht zu verhindern. Die anderen gingen rasch und geräuschlos die Straße hinauf, bis sie das Zelt erreichten, das ihnen der Sheriff zeigte. Es war jetzt gerade Tag geworden, und die Flat lag totenstill vor ihnen. Hier und da hatte wohl der eine oder andere Händler überrascht aus seinem Zelt herausgesehen, als er den gleichmäßigen Schritt der Männer draußen hörte, aber keiner antwortete auf Fragen. Siftlys Zelt wurde von den Bewaffneten umzingelt, ehe die Bewohner nur eine Ahnung davon haben konnten. Unterwegs war vereinbart worden, wie sie handeln wollten. Man erwartete von dem Spieler einen verzweifelten Widerstand, wenn er sich wirklich schuldig fühlte. Entkommen konnte er trotzdem nicht, denn der Platz war völlig umzingelt und an der einen Seite außerdem von einer breiten, tiefen Grube begrenzt.

Jetzt ging Hale mit zwei jungen, kräftigen Männern auf den Eingang zu. Alle drei hatten ihre Revolver schußbereit in der Hand. Kein Laut war aus dem Inneren zu hören, ausgenommen ein leises, krampfhaftes Stöhnen. Sie horchten – jetzt war alles wieder ruhig. Der Sheriff hielt die Waffe mit der rechten Hand vor und warf mit der anderen Hand die Leinwand vom Eingang zurück.

»Siftly – im Namen des...« Er kam nicht weiter. Starr vor Entsetzen blieb er vor dem furchtbaren Schauspiel stehen, das sich seinen Augen bot. Er war nicht einmal imstande, einen Laut auszustoßen. Nur mit der Hand winkte er zurück als Zeichen, daß die anderen kommen sollten.

Über den Spieler hatten sie die Macht verloren, seine Seele stand in diesem Augenblick vor einem anderen Richter. Sein Körper war so entstellt, daß selbst die sonst nicht zartfühlenden und abgehärteten Amerikaner sich vor Entsetzen grauten. Halb aufgerichtet hing die zerfetzte Leiche über dem Bett, auf dem ihn die Mörder überrascht hatten. Jede der an die hundert Wunden wäre tödlich gewesen. Mit einem langen Haarzopf war ihm die Kehle zugeschnürt. Der Zopf selbst war an einen Nagel im Pfosten gebunden und hielt den Toten aufrecht. Auf dem anderen Bett lag sein Kompagnon Smith mit zusammengeschnürten Händen und Füßen, fest geknebelt und so an die in den Boden gerammten Pfähle gebunden, daß er kein Glied rühren oder einen Laut ausstoßen konnte. Sonst schien er aber völlig unverletzt zu sein. Als sich die Männer von ihrem ersten Schrecken erholt hatten, befreiten sie den Mann von den Fesseln.

Trotzdem er unmittelbarer Zeuge des Ganzen war, konnte er nicht das geringste über die Täter angeben. Mitten in der Nacht hatten ihn rauhe Fäuste gepackt und geknebelt, als er um Hilfe rufen wollte. Er meinte, das ganze Zelt wäre voll von dunklen Gestalten gewesen, und er möchte beschwören, daß es Chinesen waren. Man hatte ihm aber ein Tuch über den Kopf geworfen, so daß er nichts weiter sehen konnte, als sie Licht anmachten. Dann habe er das Stöhnen und Ächzen Siftlys gehört, und dann war plötzlich alles ruhig geworden. Das Licht verlöschte wieder, und die Feinde verschwanden so geräuschlos, wie sie gekommen waren. Die Amerikaner sollten übrigens nicht lange im Zweifel bleiben, wer die Tat verübt hatte und warum. Es schien auch gar nicht ihre Absicht zu sein, ihre Tat zu verheimlichen, denn mit dem von ihm selbst abgeschnittenen Zopf war Siftly erwürgt und dann daran halb aufgehängt worden.

Ein Teil der Amerikaner wollte jetzt gleich den Mördern nach. Hale hielt sie aber noch zurück, um erst die Untersuchung im Zelt vorzunehmen. Dabei erzählte er ihnen, wie die Chinesen von Siftly und Briars überfallen und beraubt wurden. Daß sie hier nichts weiter als Rache gewollt hatten, bewies auch das zurückgelassene Gold der Spieler, das sie nicht angerührt hatten. Als Hale, Hetson und Cook jetzt den Beutel Siftlys untersuchten, fanden sie tatsächlich Boyles Verdacht bestätigt. Noch zwei Stücke, die Cook sofort als Eigentum von Johns erkannte, waren darunter. Eines war ein kleines, kreuzförmiges, ein anderes mit drei Quarzstücken, die ein regelmäßiges Dreieck bildeten.

Smith war losgebunden, aber noch nicht freigelassen. Man wollte noch mehr über seinen früheren Kompagnon erfahren. Es bedurfte dazu kaum einer besonderen Aufforderung, denn der arme Teufel war körperlich und geistig gebrochen. Bleich, nicht in der Lage, aufrecht zu stehen, saß er zusammengeknickt auf seinem Bett. Wenn er auch von dem Mord Siftlys keine Ahnung hatte, gestand er doch freiwillig, daß der das frühere Feuer in San Francisco angelegt hatte, um dabei das im Parkerhaus aufbewahrte Gold seiner Mitspieler beiseite zu schaffen. Er verschwieg allerdings seine Rolle dabei und bat dann die Männer flehentlich, ihn gehen zu lassen. Er wolle die Minen verlassen und heilig versprechen, nie wieder hierher zurückzukehren. Gegen Smith lagen kein weiterer Verdacht und keine Anklage vor. Gegenüber den anderen Amerikanern vermied man es auch am liebsten, gegen Landsleute, wenn es nicht dringend erforderlich wurde, zu feindlich aufzutreten. Nach kurzer Beratung nahm man ihn deshalb beim Wort. Sein Pferd wurde ihm gebracht, und eine Viertelstunde später saß er im Sattel und trabte, so schnell ihn sein Tier wegbringen konnte, in Richtung Stockton und San Francisco.

Man beschloß einstimmig, das bei Siftly gefundene Gold der Mutter des ermordeten Johns nach Missouri zu senden. Hetson wurde die Ausführung des Auftrages übergeben.

Durch den grausamen Mord empört, brachen allerdings einige der jüngeren Amerikaner auf, um die Chinesen irgendwo zu überholen. Hale hatte ihnen aber versichert, er wäre ihnen sehr dankbar, daß sie das Richteramt übernommen hatten. In dem Nebel war aber an eine richtige Verfolgung nicht zu denken. Mit dem Vorsprung, den sie hatten, kam man ihnen nicht wieder auf die Spur. Die Verfolger kehrten nach drei Tagen unverrichteterdinge zurück.

Niemand war den Chinesen dankbarer für die genommene Rache als Boyles, der dadurch keine Sorgen mehr haben mußte. Mit dessen Tod erledigte sich auch die ganze Klage. Aber die besseren Amerikaner sahen doch jetzt auch ein, was sie von diesem Spielergesindel zu erwarten hätten, wenn sie es zwischen sich duldeten. Smith' rasche Flucht, die kein besonders reines Gewissen verriet, bestärkte sie noch mehr darin. An dem gleichen Morgen beschloß man in einer ruhig abgehaltenen Versammlung, sämtliche Spieler aus dem Paradies und Golden Bottom auszuweisen. Den Trinkzelten sollte verboten werden, in Zukunft Glücksspiel zu erlauben. Die meisten der Leute warteten gar nicht erst die Aufforderung ab. Briars' und Siftlys Tod sowie Smith' schnelles Verschwinden hatte sie so eingeschüchtert, daß sie hastig ihre Habseligkeiten auf ihr Pferd warfen, kaum daß sie von dem Ergebnis der Versammlung gehört hatten. Dann verließen sie den Platz. Es gab noch genug Minenplätze, wo sie ungestraft ihr Geschäft betreiben konnten.

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