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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 71
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Robins hatte inzwischen den Männern, unter denen er mehrere Bekannte traf, erzählt, wie er mit dem Engländer zusammen gearbeitet hatte und krank wurde, und wie der sich um ihn gekümmert hatte. In dieser Zeit teilte er sogar trotz seines Sträubens den Gewinn mit ihm. Jetzt hatte er Macalome verlassen und war nur durch einen Zufall in der Nachbarschaft aufgehalten worden, wo er heute Nolten und dem jungen Deutschen begegnete. Nolten kannte ihn aber und wußte, daß er der Kompagnon des Engländers war. Als er die Anklage hörte, hatte er sich sofort auf sein Pferd geworfen, um als Zeuge für ihn aufzutreten. Cook hörte das alles mit an, und es war ihm dabei ein unbehagliches Gefühl, daß er eigentlich die Ursache gewesen war, die den Unschuldigen in eine so gefährliche Lage gebracht hatte. Derb und geradeaus aber, wie er war, ging er jetzt auch ohne weiteres auf den Engländer zu, schüttelte ihm die Hand und sagte:

»Fremder, es tut mir verdammt leid, daß ich Sie so in die Patsche gebracht habe. Aber Nolten und Robins sind Ehrenmänner, und nach ihnen sind Sie auch ein ehrlicher Kerl. Also nichts für ungut – aber ich gäbe meinen kleinen Finger drum, wenn wir den richtigen Mörder fänden. Wollen Sie übrigens einen Rat von mir annehmen?«

»Und der wäre?«

Cook schwieg einen Augenblick und sah finster hinter den Spielern und ihren Freunden her, die Briars' Leiche gerade wegtrugen. Dann murmelte er:

»Hüten Sie sich vor den Männern da. Menschenleben gelten ihnen wenig, sie taxieren alle nur nach dem Wert ihres eigenen.«

»Ich glaube nicht, daß ich ihren Weg so schnell wieder kreuze«, erwiderte Golway mit einem trüben Lächeln. »Ich werde Kalifornien verlassen.«

»Sie haben genug davon gesehen?« lachte Cook. »Ja, es ist ein schlechter Platz für Engländer«, setzte er dann treuherzig hinzu. »Weil man eigentlich nie weiß, woran man mit ihnen ist, und doch sollte man da ein bißchen vorsichtiger sein. Es fehlte bei Gott nicht wenig, und wir hätten Sie aufgehängt.«

Hetson nahm den Arm des Engländers und führte ihn wortlos zu den Zelten.

»Hallo, Sir!« rief ihm Cook nach. »Ihr Pferd können Sie bekommen, wann Sie wollen. Es ist sicher aufgehoben.«

Golway nickte ihm zu und folgte dann dem Alkalden eine kurze Strecke zu dessen Zelt. Er war noch unschlüssig, was er tun und wie er handeln sollte. Endlich, als sie die übrigen Männer weit genug hinter sich gelassen hatten, um nicht mehr von ihnen gehört zu werden, blieb er stehen und sagte freundlich, aber mit fester und ruhiger Stimme:

»Mr. Hetson, ich erkenne Ihre freundliche und ehrenhafte Absicht, mich in Ihr Zelt zu bringen, obwohl Sie mich noch immer für Ihren Nebenbuhler halten müssen. Aber, wir täuschen uns beide nicht über unsere Gefühle. Reißen Sie die alten Wunden nicht mutwillig auf, die noch fast bluten. Was geschehen, ist geschehen, und Gott hat es so gefügt. Wir Menschen können nichts mehr daran ändern. Ich habe dafür gebetet, daß Jenny – verzeihen Sie den Namen –, daß Mrs. Hetson mit Ihnen glücklich wird. Sie werden ihr die Nachricht von meiner Rettung bringen, ich bin überzeugt, es wird sie freuen – lassen Sie es damit genug sein. Wider meinen Willen hat uns das Schicksal hier zusammengeführt, vielleicht ist es aber auch gut so. Es kann und wird ein Abschluß der Gefühle sein, die uns beiden noch bis jetzt das Herz bedrückten. Ein längeres Zusammensein würde uns nur unnötig quälen.«

»Aber Sie dürfen so nicht gehen!« drängte Hetson.

»Nein, die Sonne versinkt bald, und ich hin nicht sicher, ob ich den Weg im Dunkeln nach Stockton finde. Ich werde bis morgen früh hier bleiben. Wenn Sie es dann erlauben, komme ich morgen früh zu Ihrem Zelt, um Abschied von Ihnen – von ihr zu nehmen.«

Hetson schwieg und sah eine Weile nachdenklich zu Boden. Dann schlug er in die Hand des Mannes ein und sagte mit freundlicher, ja herzlicher Stimme:

»Golway, Sie sind ein Ehrenmann. So glücklich mich die Liebe Jennys macht, um so mehr fühle ich Ihren Verlust, teile Ihren Schmerz. Sie haben auch hierbei recht, handeln Sie, wie es Ihnen richtig erscheint, tun Sie, was Sie für das Beste halten. Ich darf Sie aber nicht der Gefahr aussetzen, daß Sie hier noch beleidigt oder gestört werden. Wir haben genug wilde Burschen im Ort, und deshalb empfehle ich Ihnen, die Nacht beim Sheriff zu verbringen.«

»Ich habe seine Gastfreundschaft schon in Anspruch genommen«, lächelte Golway.

»Leider«, seufzte Hetson. »Aber jetzt geschieht das unter anderen Umständen. Wollen Sie nicht zu mir herüberkommen, dann folgen Sie wenigstens meinem Rat, und verlassen Sie sein Zelt heute abend nicht, obwohl wir das ›Gesindel‹ nicht aus den Augen verlieren werden. Es ist besser, ihnen nicht in den Weg zu kommen. Daß heute einer von ihnen erschossen wurde, hat sie jedenfalls noch mehr erbittert. Da kommt Hale, nur wenige Worte, und ich weiß Sie sicher aufgehoben.« –

Die Sonne war untergegangen und in Kentons Zelt hatte man eine Versammlung ›amerikanischer Bürger‹ einberufen. Mit viel Lärm begannen sie ihr Gelage. Wilde, flammende Reden wurden dabei gehalten, als ob die Wütenden alles mit Blei und Messer ausrotten wollten, was sich ihnen in den Weg stellte. Während sie dort noch tobten und rasten, dröhnte das kleine Zeltstädtchen von donnernden Hufen einer Reiterschar. Von dem kleinen Matrosen angeführt, kamen die Männer von Golden Bottom, die meisten mit Jagdhemden bekleidet, die langen Büchsen auf der Schulter. Sie donnerten die Straße entlang und hielten vor dem Zelt des Alkalden. Die Spieler, von dem Hufschlag aufgestört, versuchten sofort Bundesgenossen unter den Neuankömmlingen zu gewinnen. Die Schar bestand aber nicht aus einem zusammengelaufenen Trupp, sondern wurde von dem Richter des Golden Bottom selbst angeführt. Er hatte sie für diesen Streifzug organisiert und vereidigt, um die Gesetze aufrechtzuhalten. Die Leute waren deshalb schon mißtrauisch gegen die Halbtrunkenen und wiesen die angebotenen Gläser ab. Sie hielten ihre Tiere am Zügel und blieben in einer Reihe stehen, bis ihr Anführer sich mit dem Richter und dem Sheriff unterhalten hatte. Hale besorgte ihnen dann Leute, die ihre Tiere zu einem sicheren und guten Weideplatz führten. Die Männer selbst wurden in einem amerikanischen Trinkzelt untergebracht, dessen Wirt kein Spiel erlaubte. Die Raufbolde fühlten sich durch dieses zurückhaltende Wesen der Neuangekommenen eingeschüchtert. Zwar traten noch ein paar Redner auf, aber sie fanden nicht mehr die finsteren Reden und auch nicht mehr die begeisterten Zuhörer wie vorher. Noch vor zehn Uhr gingen die meisten in ihre Betten. Nur diejenigen, die sowieso immer um die Spieltische standen, blieben. Keiner war dem Vorschlag gefolgt, einen Angriff auf die Zelte des Alkalden und des Sheriffs zu unternehmen oder die Wohnungen der Fremden niederzubrennen.

Es mochte zwölf Uhr sein, als Smith und Siftly die Straße zu ihrem Zelt hinaufgingen, das sie beide jetzt gemeinsam bewohnten. Sie gingen schweigend nebeneinander, jeder war nur mit seinen finsteren Gedanken beschäftigt, keiner wollte ein Gespräch anknüpfen. Sie hatten etwa die Hälfte der Wegstrecke zurückgelegt, als plötzlich ein schriller, nicht sehr lauter Schrei dicht neben ihnen vom Boden zu kommen schien.

»Ha – was war das?« rief Siftly, blieb stehen und sah sich um.

»Eine Nachteule«, sagte Smith gleichgültig.

»Es kam dort von der Erde her.«

»Das Zeug fängt Mäuse – jetzt ist sie vor uns – hören Sie?«

Derselbe Ruf erklang in diesem Augenblick etwa hundert Schritt voraus, und Siftly horchte noch einmal in die Richtung, wo er den ersten Laut gehört hatte. Aber alles blieb totenstill. Nur das Laub einzelner Bäume rauschte über ihnen, und die Grillen zirpten. Sehen ließ sich nicht sehr viel, denn die Nacht war dunkel, und der Nebel lag seit Sonnenuntergang noch dichter und fester auf der feuchten Erde. Die beiden Männer gingen weiter, aber kaum vier Schritt von der Stelle, an der sie stehengeblieben waren, erhob sich vorsichtig eine dunkle Gestalt vom Boden und glitt zwischen die Zelte.

»Und wie wird es mit dem grünen Burschen morgen, mit dem Sie sich schießen wollen?« sagte Smith nach einer Weile. »Ihr Plan war ja ganz gut, bis die Hilfstruppen kamen. Jetzt möchte ich meinen Hals aber nicht dafür hergeben.«

»Der ist allerdings mehr dabei gefährdet als Ihre Ohren«, lachte Siftly höhnisch vor sich hin.

»Sie haben gut reden, Siftly«, antwortete mürrisch der verstümmelte Spieler. »Das sag ich Ihnen aber, der Platz wird mir zu warm, wenn wir die Einquartierung behalten. Ich sehe mich lieber nach einem anderen Lokal um, das näher zur Hauptstadt liegt.«

»Sie fürchten sich doch wohl nicht vor den Männern?« rief Siftly. »Zum Teufel, für mich sind das nur neue Kunden, die uns morgen abend schon ihr Gold ins Zelt tragen werden. Was können sie weiter schaden?«

Vor ihnen über den Weg glitt langsam ein dunkler Körper schlangengleich über den Boden hin, zog sich zusammen, als die beiden späten Wanderer ihm plötzlich nahe kamen, und blieb regungslos liegen. Smith ging gerade darauf zu. Als er aber schon den Fuß dagegen hob, fuhr er rasch zurück und bog zur Seite.

»Was gibts?« fragte sein Begleiter.

»Hier liegt einer dieser Baumstümpfe mitten im Weg, so daß man sich Hals und Beine brechen kann«, sagte Smith. »Ich wäre beinahe darüber gestürzt.«

Als die beiden vorüber waren, hob sich das, was Smith für einen Baumstamm gehalten hatte, vom Boden empor. Es war die nicht große, aber gedrungene und kräftige Gestalt eines Mannes, der jetzt hinter den beiden herschlich und gleichen Abstand zu ihnen hielt. Eine andere schloß sich an, und ein leiser, zischender Laut, den der eine der beiden Verfolger ausstieß, wurde nicht weit davon beantwortet.

»Das weiß der Teufel, was das für Bestien sind, die heute nacht hier herumschwärmen«, brummte Smith. »Ob es wirklich Eulen sind?«

»Ich bin doch entschlossen, die Sache mit dem Mädchen bis zum Äußersten zu treiben, Smith«, sagte Siftly, der schon nicht mehr auf die Töne achtete und die Bemerkung gar nicht gehört hatte. »Spielschulden müssen bezahlt werden, das Mädchen ist noch nicht mündig, und kein Gerichtshof Kaliforniens kann sie davor retten. Der Distriktsrichter wird deshalb auch, besonders nach den Vorfällen mit den Mexikanern, diesen charakterlosen Hetson zurechtweisen. Zum Henker, ich will sie haben, und es wäre das erste Mal, daß ich etwas nicht durchsetze, was ich will.«

»Nehmen Sie sich in acht, Siftly«, warnte ihn aber Smith. »Die Schufte hier im Camp sind nicht besonders gut auf uns Spieler zu sprechen und munkeln viel.«

»Pah, was können sie tun?« lachte Siftly. »Wenn sie ihr Gold verloren haben, sind sie wütend, aber nur so lange, bis sie wieder neues haben, um es dann genauso sicher wieder an unsere Tische zu bringen. Sie können uns eben nicht entbehren und würden vor Langeweile sterben, wenn wir weg wären.«

Die beiden hatten inzwischen ihr Zelt erreicht. Sie hätten es nicht so ruhig betreten, wenn sie die dunklen Gestalten gesehen hätten, die es kurz vorher belebten und an dem Eingang horchten. Jetzt war alles ruhig. Gleich am Eingang stand ein Feuerzeug, mit dem Siftly Licht machte. Im Zelt selbst waren zwei rohe Bettstellen aufgeschlagen. Auf eingerammte Pfähle hatten sie nur genagelte Bretter gelegt. Eine ziemlich harte Matratze und eine darübergeworfene Wolldecke waren das Bettzeug. Die Zarape, die jetzt beide um die Schultern trugen, diente als Decke. Vor den Betten war noch bei jedem ein niedriges Tischchen befestigt, auf das die Spieler nach ihrem Eintritt die Revolver und Messer legten. Sein Geld nahm jeder mit in das Bett, um es immer gleich zur Hand zu haben.

Smith schmerzten seine Wunden, und er wickelte sich fest in seine Wolldecke ein. Siftly, auf dessen kleinem Tisch das Licht brannte, lag noch eine ganze Weile wach auf seinem Lager und sah finster, die Zähne fest zusammengebissen, vor sich nieder.

Die Wolldecke, die über seiner Matratze lag, bewegte sich einmal. Der untere Rand hob sich langsam und vorsichtig empor, und ein dunkles Auge wurde sichtbar – aber das Licht brannte noch.

»Smith«, sagte Siftly nach einer ganzen Weile, in der kein Laut die Totenstille unterbrochen hatte. »Oh, Smith!«

Der Mann antwortete nicht, und sein regelmäßiges Atmen verriet, daß er eingeschlafen war. Siftly murmelte einen Fluch zwischen den Zähnen durch, löschte dann das Licht, wickelte sich in seine Zarape und warf sich auf die Seite.

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