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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 70
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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»Das glaubt dir der Teufel!« schrie Briars auf. »Damit du uns unterwegs im Dickicht und Nebel durch die Lappen gehst, nicht wahr? Warum nicht lieber die Zeugen aus England holen?«

»Ruhe in dem Court!« rief da der Sheriff. »Briars, Sie haben hier kein Wort mitzureden!«

»Habe ich nicht?« höhnte er. »Dann wollen wir doch sehen, wer hier das letzte Wort hat, wir oder die Tintenkleckser! Er soll beweisen, von wem er das Goldstück hat, und da er das nicht kann, soll er hängen!«

»Ich will verdammt sein!« rief Hale und wollte auf den Mann zuspringen, um die Würde seines Sheriffsamtes hier zu wahren.

»Halt, Halt!« rief ihm der Alkalde zu. »Lassen Sie jetzt den Mann mit seiner Drohung zufrieden und rufen Sie Boyles hierher, um sich gegen die Anklage zu verteidigen.«

»Boyles, Boyles! Wo, zum Henker, steckt der denn, er war doch noch da?« rief es von mehreren Stimmen.

Einzelne gingen in die Zeltstraße, um nach ihm zu suchen, andere wurden zu seinem und Kentons Zelt geschickt, aber er war nirgends zu finden. Nach etwa einer Viertelstunde kehrten alle wieder zurück.

»Wozu, zum Henker, brauchen wir auch Boyles?« rief wieder Briars. »Vereidigt mich für ihn als Zeugen, denn ich war dabei, als ihn Hale nach dem Stück fragte. Er weiß nichts davon und hat es nie im Leben gesehen. Das sind doch alles nur Ausflüchte, die der Bursche machen will!«

»Ich danke Ihnen, Sir«, antwortete Hetson ruhig, dem der Aufenthalt erwünscht kam. »Sie können wir für einen anderen nicht als Zeugen gebrauchen. Bis Boyles nicht gefunden wird, müssen wir die Verhandlung aussetzen.«

»Ich denke doch, daß der Sheriff, der mit dem Mann schon gesprochen hat, am besten für ihn eintreten kann«, sagte da Siftly. »Wir Amerikaner sind fest entschlossen, daß die Sache vorwärtsgeht, und unter uns ist wohl keiner, der Boyles einen Mord zutraut.«

»Ich werde nicht für Boyles eintreten«, sagte Hale. »Ich habe ihn zwar gefragt und ihm das Stück, gezeigt, und er hat mir gesagt, daß er nichts davon wisse.«

»Na, was wollen wir denn mehr?« rief Briars.

»Sein ganzes Benehmen dabei gefiel mir aber nicht«, fuhr Hale ruhig fort. »Er schien selbst nicht so ganz sicher zu sein. Jedenfalls soll er seine Antwort auch hier selbst abgeben. Übrigens habe ich ihm gesagt, daß er in dem Court erscheinen soll.«

»Gentlemen of the jury«, sagte da Hetson, »die ganze Anklage dieses Mannes, gegen den sonst nicht das geringste Verdächtige vorliegt, beruht auf diesem einen Goldstück. Gerade der Mann, von dem er glaubt, es erhalten zu haben, ist trotz erhaltener Vorladung hier nicht anwesend. Ich bin deshalb der Meinung, daß es in Ordnung wäre, die Jury wenigstens so lange zu verschieben, bis er aufgefunden ist.«

»Und wenn Boyles nicht erscheint?« sagte Siftly. »Wenn er vielleicht an das langweilige Gericht gar nicht denkt und in die Berge gegangen ist, um zu prospektieren?«

»Dann werde ich den Gefangenen mangels Beweise entlassen«, sagte ruhig der Richter.

»Ist das auch eure Meinung, ihr Männer von Kalifornien?« schrie da Briars. »Sollen wir diese australischen Verbrecher hier mit Pistole und Dolch unter uns herumlaufen und unser Blut vergießen lassen, um nachher zuzusehen, wie sie von einem schwachköpfigen Richter freigegeben werden und uns auslachen?«

»Der Mann ist überführt!« riefen jetzt auch Siftly und einige andere. »Was kümmert uns Boyles, mit dem haben wir nichts zu tun.«

»Dann wollen wir auch keine Umstände mehr machen«, rief Boyles und sprang vor. »Wer echtes amerikanisches Blut in den Adern hat, folgt mir!« Damit eilte er auf den Gefangenen zu, während Siftly mit acht oder zehn anderen sich um ihn drängten.

»Briars, ich warne Sie!« schrie Hale. »Sie greifen in mein Amt, und ich will verdammt sein, wenn Sie dem Mann ein Haar krümmen ohne meinen Willen!«

»So sei es, mein Bursche!« lachte Siftly, griff den Gefangenen an der Schulter, um ihn hochzureißen. Eine rauhe Hand packte ihn aber an der Brust und warf ihn so von da zurück, daß er sich kaum auf den Füßen halten konnte.

»Hölle und Teufel!« schrie da der Spieler in voller Wut. »Tritt mir das Breigesicht wieder in den Weg? Du kommst mir gerade recht!« Mit diesen Worten riß er seinen Revolver aus der Tasche. Ehe er ihn aber spannen oder richten konnte, hatte ihn Lanzot unterlaufen und faßte ihn an der Kehle, während einer der Geschworenen kam, um die in dieser Menge gefährliche Schußwaffe unschädlich zu machen. Nicht so harmlos lief der ebenso rasch geführte Kampf zwischen Hale und Briars ab. Als der Sheriff neben Lanzot vor den Gefangenen sprang, stieß der fast rasende Mann mit dem scharfen, ausgezackten und mit Messing beschlagenen Kolben seiner Büchse nach dem Gesicht des Sheriffs. Hätte er es richtig getroffen, wäre es zerschmettert. Hale behielt auch kaum Zeit, den Kopf zu drehen, und selbst da noch riß ihm die untere Kante die Backe auf. Hale war aber mit seinem Revolver schneller als Siftly. Ehe Briars den Schlag wiederholen konnte, warf ihn der gerade in sein Gesicht abgefeuerte Schuß tot auf den Boden.

Merkwürdig ruhig hatten sich bei diesem kaum Sekunden dauernden Kampf die frisch eingetroffenen Amerikaner benommen. Keiner von ihnen redete auch nur ein Wort hinein und hob eine Hand, solange der Wortstreit dauerte. Kaum hatte aber der wilde Briars seinen Angriff gemacht und Siftly die Waffe gezogen, als sie fast alle ihre Büchsen in die Höhe warfen und über Briars' Leiche vor den Gefangenen und den verwundeten Sheriff traten. Ein alter Mann mit kleinem, aber zähem Körperbau und schneeweißen langen, flatternden Haaren schien ihr Anführer zu sein. Er trug ein ledernes Jagdhemd, Leggins und Mokassins. Er war als der ›kleine Teufel‹ überall in den Minen gut bekannt.

»Seid ihr Amerikaner?« schrie er jetzt die Raufbolde wütend an und nahm seine lange Büchse in den Anschlag. Die Mündung richtete er direkt auf sie. »Pfui über euch Gesindel! Gott soll mich strafen, wenn ich nicht dem nächsten, der die Hand hebt, die Sonne durchs Gehirn scheinen lasse!«

»Laßt mich los!« schrie Siftly, der die Drohung nicht hörte oder beachtete. »Ich will sein Blut haben!«

»Hinter ihm weg da!« rief aber jetzt der Sheriff, der, ebenfalls gereizt, mit gespanntem Revolver Siftly gegenüberstand. »Einen Schritt vorwärts, mein Junge, und du kannst dich mit dem da begraben lassen!«

»Feige Hunde!« tobte der Spieler völlig außer sich. »Alle auf einen, um eine Bande von Fremden zu schützen. Ist denn kein Mann unter euch, der es wagt, sich mir zu stellen?«

»Hier nicht! Verdammt will ich sein, wenn hier in dem Court noch einer eine Hand aufhebt!«

»Wenn Sie einen Wunsch haben, Sir«, sagte da Lanzot kalt, »dann stehe ich Ihnen morgen früh mit Vergnügen zu Diensten. Ich habe schon einmal vergeblich auf Sie gewartet!«

»Gut! Beim Teufel, ich nehme dich beim Wort, mein Bursche!« jubelte Siftly. »Da drüben am Hügel morgen früh um sieben...«

Lanzot nickte leicht, als klappernde Hufschläge die Straße entlangtönten.

»Nolten, bei Gott!« rief der Sheriff, als aus dem Nebel die Gestalten von drei Männern auftauchten, die quer durch die Zelte herübersprengten. »Nolten und Beckdorf.«

»Zu spät?« schrie der alte Mann erschrocken, als er die Leiche vor sich auf dem Boden liegen sah.

»Wenn Sie dem Lumpen da helfen wollten, allerdings«, lachte der alte Jäger. »Aber für den Gefangenen nicht. Kommen Sie als Zeuge für oder gegen ihn?«

»Für ihn, Mac Kinney, für ihn!« rief da der alte Nolten. Er sprang von seinem Pferd und ließ es frei laufen. Wie ich sehe, Gott sei Dank noch rechtzeitig.«

»Robins!« rief jetzt auch Golway jubelnd aus, als er den Mann erkannte, der den alten Nolten begleitete. »Das ist nett von dir, daß du mich nicht im Stich gelassen hast!« –

»Im Stich gelassen?« rief der junge Amerikaner, sprang aus dem Sattel und lief auf den Gefangenen zu, um ihm die Hand zu schütteln. Da sah er die Fesseln, zog sein Messer aus der Scheide und schnitt sie durch.

»Landsleute!« rief er dabei und drehte sich zu den Männern um. »Den Mann hier habt ihr als Mörder verdächtigt, und dabei gibt es keinen besseren Menschen auf der Erde. Als ich krank wurde, hat er mich gepflegt wie einen Bruder. Ich kann mit heiligem Eid beschwören, daß er Macalome auch für keine Viertelstunde verlassen hat bis vorgestern abend, wo wir beide uns trennten.«

»Wenn ihr noch einen anderen Zeugen haben wollt, dann stehe ich hier«, sagte der alte Nolten. »Daß ich nicht lüge, ist wohl allgemein bekannt. Hat er Gold bei sich gehabt, das dem Ermordeten gehörte, so klebt deswegen nicht sein Blut an seinen Händen.«

»So?« rief Hale. »Dann bleibt uns jetzt nichts anderes übrig, als diesen Mr. Boyles irgendwo aufzuspüren, denn ich habe eine Ahnung, daß wir durch den auf eine andere Fährte kommen. Hurra, Jungens, hat noch einer von euch etwas dagegen, daß wir den Engländer ziehenlassen? Na? Wo, zum Teufel, ist denn die Jury?«

»Oh, eben beim Teufel, Hale!« lachte einer der Leute. »Kann man denn den Leuten eine Ordnung beibringen?«

Hetson war vielleicht der einzige, der an dem Aufruhr keinen Anteil genommen hatte, ja, sich überhaupt nicht rührte. Nur seine Hand faßte den Revolver, die gefährliche Schußwaffe, die er wie jeder andere trug. Aber er schien erst den Moment abzuwarten, wo er selbst einschreiten wollte. Als die fremden Amerikaner dazwischensprangen und den Gefangenen schützten, ließ auch seine Hand die Waffe wieder los.

Jetzt kam er langsam von seinem Sitz und trat zu Golway. Er faßte seinen Arm und sagte mit fester, aber bewegter Stimme:

»Sir – Sie sind frei. So leid es mir tut, daß Sie solche Schwierigkeiten hatten, so freue ich mich doch jetzt, Ihnen volle Sicherheit versprechen zu können – solange Sie hier bei uns bleiben wollen.«

»Mr. Hetson...«

»Kommen Sie mit mir«, erwiderte der Mann, während er ihm fest ins Auge sah. »Jenny hat sich sehr um Sie geängstigt.«

Golway schwieg und begegnete dem Blick. Dann sagte er leise:

»Ich glaube, es ist besser, Sie lassen mich ziehen, Sir. Hätten mich die Leute nicht gewaltsam zurückgehalten, wäre ich jetzt weit von hier entfernt.«

»War es wirklich Ihre Absicht, die Minen zu verlassen?« erkundigte sich Hetson. Wieder zuckte, wie vor langer Zeit, ein unheimliches, banges Gefühl durch sein Herz.

»Zweifeln Sie daran?« sagte Golway und sah ihn ruhig an.

Hetson erwiderte nichts, aber er ergriff seine Hand und drückte sie fest.

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