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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Oberkellner dieses Hauses war eine dürre, vertrocknete Gestalt. Wie alle anderen hatte er nur ein weißes Hemd und eine weiße Hose an. Sein Halstuch wurde mit einer Granattuchnadel gehalten. Sein echt französisches, sonnengebräuntes Gesicht war dem neuen Gast zugewandt, und gleich darauf sandte er einen seiner dienstbaren Geister zu ihm. Der Kellner war ein schlanker, junger Mann mit blondem Haar und blauen Augen. Sein Gesicht wies eine für einen Kellner unpassende tiefe Narbe in der Wange auf. Mit dem Speisezettel in der Hand trat er zu dem Gast, die Serviette über dem Arm.

»Anything you want, Sir?«

Der Doktor sah langsam, noch ganz in Gedanken vertieft, auf und starrte verwundert in das lächelnde Gesicht des Kellners.

»Was bringt Sie denn nach Kalifornien, Doktor?« lachte er da plötzlich und streckte dem Doktor die Hand entgegen.

»Baron Lanzot?« rief der Doktor und sprang erstaunt auf. »Liebe Güte, spielen Sie eine Komödie?«

»Wenn Sie wollen, ja«, lautete die Antwort des jungen Edelmannes. Er ergriff die Hand des Doktors und schüttelte sie. »Für zweihundert Dollar im Monat spiel ich für eine kurze Zeit Komödie, anstatt einem Phantom in den Minen nachzulaufen – dem Phantom des Millionärs.«

»Aber, um Gottes willen, Baron, wenn das Ihre Eltern erfahren... Ihre Mutter würde sich zu Tode grämen!«

»Ich halte sie für eine vernünftigere Frau, Doktor. Sie wird lieber sehen, daß ich hier mein Brot ehrlich verdiene, als daß ich müßig herumlungere und Schulden mache. Alle, die das Schicksal an diese Küste geworfen hat, arbeiten für ihr Leben. Während ich hier einigen als Kellner serviere, lasse ich mir als Gentleman von anderen das Gold aus den Minen graben. Ob das nun direkt oder indirekt in meine Taschen kommt, bleibt sich gleich – wenn es nur den Weg dahin findet!«

»Sie sind Philosoph, Baron!«

»Bitte um Verzeihung, ich bin Kellner«, lachte der junge Mann. »Und wenn Sie nicht bald etwas bestellen, werde ich von meinem französischen Vorgesetzten dahinten wahrscheinlich Ärger bekommen.«

»Aber ich kann mich doch nicht von Ihnen bedienen lassen!« rief der Doktor verlegen aus.

»Sie werden zufrieden mit mir sein«, unterbrach ihn der Kellner und überreichte ihm die Speisekarte. »Bitte, wählen Sie: Beefsteak, Roastbeef, Mutton chops, Eier, Kartoffeln, Bohnen – mehr Auswahl können Sie nicht verlangen. Unsere Weine sind vortrefflich und alle geschmuggelt.«

Der Doktor nahm den Speisezettel, schob ihn aber wieder von sich und rief:

»Also wirklich, Baron, die ganze Geschichte kommt mir wie ein toller Spuk vor. Ich sehe Sie zuletzt in der Soiree des Fürsten Lichtenstein ordensgeschmückt mit der Fürstin tanzen und jetzt mit der Serviette unter dem Arm und den Speisezettel in der Hand – gehen Sie, Sie halten mich doch zum besten!«

Der junge Mann lächelte. »Da ich sehe, daß Sie Ihre in Kalifornien sehr kostbare Zeit mit vollkommen nutzlosen Ausrufen verschwenden, werde ich mich Ihrer annehmen und Ihnen selber etwas zu essen bestellen. Ich hoffe, Sie sind damit zufrieden. Wenn Sie nachher die Preise erfahren, werden Sie merken, daß wir hier keineswegs spaßen, sondern bitteren Ernst machen.«

Der junge Mann ging lachend zum Buffet zurück. Der Doktor saß noch immer stumm und starr vor Staunen an seinem Tisch, denn so hatte er sich Kalifornien doch eigentlich nicht gedacht.

Baron Lanzot – oder besser Emil mit seinem Kellnernamen – kam bald wieder zurück, servierte sehr geschickt und blieb dann an der anderen Seite des Tisches vor dem Gast stehen.

»Aber, bester Baron...«

»Emil, wenn ich bitten darf...«

»Es geht nicht, Baron, es geht wirklich nicht!« rief aber der alte Mann verzweifelt aus. »Bedenken Sie, ich bin noch kein Kalifornier.«

»Das entschuldigt allerdings vieles«, erwiderte Emil. »Ich kann Ihnen übrigens versichern, daß Sie da noch manches erleben werden, wovon Sie im Augenblick nicht zu träumen wagen. Hier in Kalifornien sind alle Bande des gesellschaftlichen Lebens, die wir im alten Vaterland nur zu oft für unumgänglich nötig für jede Existenz halten, gelöst. Jeder lebt für sich, so gut oder so schlecht er kann – der Nebenmann kennt ihn nicht oder kümmert sich nicht um ihn. Wenn er oben schwimmt. hat er es nur allein sich selbst zu verdanken. Wir leben zwar unter den Gesetzen einer zivilisierten Nation, aber auch nur dem Namen nach. Keine Kraft ist ausreichend, um sie aufrechtzuerhalten. Deshalb blüht das Faustrecht wieder so wunderbar und herrlich hier wie bei uns daheim im Mittelalter.«

»Aber weshalb sind Sie nach Kalifornien gegangen?«

»Fragen Sie das Jahr 1848«, sagte achselzuckend der junge Mann. »Es gibt nichts Entsetzlicheres als einen Bürgerkrieg, und da ich die Wahl hatte, zog ich diese Verhältnisse vor. Ob sie mir auch auf Dauer zusagen werden, ist eine andere Sache, über die ich mir aber noch nicht den Kopf zerbreche. Jetzt bin ich in Kalifornien, und mit den Wölfen – Sie kennen wohl das Sprichwort. Wohnen Sie hier im Hause?«

Der Doktor nickte nur und arbeitete sich in die ihm vorgesetzten Speisen hinein. Dabei schüttelte er aber ständig den Kopf und schmeckte gar nicht, was er aß. Emil wurde in diesem Augenblick abgerufen, und das Gespräch war zunächst unterbrochen.

Hetson ging inzwischen in den Spielsalon, wohin ihn Siftly bestellt hatte. Als er den interessanten Raum betrat, vergaß er einen Augenblick, was ihn hergebracht hatte.

Es war ein nicht sehr hoher, aber wohl fünfzig bis sechzig Schritt langer und vierzig Schritt breiter Saal. Die Wände ziemlich kahl und nur hier und da mit schlechten Ölgemälden bedeckt. Man darf wohl kaum sagen ›geschmeckt‹, denn sie waren schlecht in der Motivwahl wie in der Ausführung. Sie sollten auch nicht dem Schönheitssinn der Besucher dienen, sondern ihre Sinne reizen und sie einige Zeit fesseln, und das erreichten sie auch.

Rechts war ein Buffet angebracht für alkoholische Getränke, im Hintergrund ein ziemlich rohes Gerüst aufgebaut, auf dem eine Anzahl Individuen saß und Musik machte. Sie bildeten zusammen zwar eine Art Orchester, und die entsprechenden Instrumente waren alle vertreten. In ihrem Zusammenspiel blieb aber immer mehr guter Wille als wirkliche Kunst erkennbar. Wenn man ihnen wenige Minuten zuhörte, fand man bald, daß sie sich über ein bestimmtes Stück geeinigt hatten und nun jeder nach Gehör seinen Einsatz gab. Wer dann zufällig aus dem Takt kam, wartete nur einen Augenblick, bis er die anderen wieder ›erwischen‹ konnte. Nachdem sie die verschiedenen Stücke auf diese Weise drei-, viermal durchgearbeitet hatten, ließ sich ganz gut unterscheiden, was sie eigentlich spielen wollten.

Es kam aber hier auch nicht darauf an, ordentlich zu musizieren. Es sollte nur Musik gemacht werden. Die wenigen amerikanischen Lieblingslieder und Nationalmelodien, die im Lande überall bekannt waren, lernte das Orchester auch bald spielen. Dazu gehörte vor allem der ›Yankee-doodle‹, dann ›Washingtons Marsch‹, das ›Sternenbanner‹ und ein sehr mittelmäßiger Marsch, den sie merkwürdigerweise ›Napoleons Rückzug‹ nennen. Diese Melodien sang und stampfte das Publikum hier und da mit. Dabei war es bescheiden genug, sie wieder und wieder anzuhören, ob sie nun auf einem wirklich kunstvollen Instrument oder auf einer Maultrommel vorgetragen wurden. Die Musik lockte die Vorbeigehenden in den Saal, die Bilder hielten sie dort, damit sie ihr Geld am Trinkstand ausgaben und an den Spieltischen versuchten. War das eigentliche Hasardspiel erst einmal versucht, waren Musik und Bilder nicht mehr nötig, um sie zu halten. Diese Spieltische bildeten auch deshalb das Zentrum des Saales. Hetson blieb überrascht auf der Schwelle stehen, denn in dieser Ausdehnung hatte er sich die ›Spielhöllen‹, von denen er früher schon soviel gehört und gelesen, doch nicht gedacht.

Etwa dreißig verschiedene Tische standen ungeordnet, wie es der Raum zwischen den Säulen gestattete, bunt durcheinander. Dazwischen war gerade genug Platz für die hindurchführenden Passagen. Jeder Tisch verfolgte seine eigenen Interessen, hatte sein eigenes Kapital und spielte auch oft sein eigenes Spiel.

Zwischen den Tischen drängten sich die Müßiggänger der Stadt hindurch, von denen es selbst in San Francisco genügend gab. Amerikaner und Deutsche, Franzosen und Engländer, Mexikaner und Kalifornier, alles in buntem Gemisch. Einzelne waren elegant gekleidet, andere in zerlumpter, abgerissener Minerkleidung, mit zerknickten Hüten und schiefgetretenen Schuhen. Wer aber achtete auf die Kleidung? Das Gold, das auf den Tischen lag, ebnete alles. Und wenn die abgerissenen Burschen, was oft der Fall war, nur tüchtige Lederbeutel mit Goldstaub unter den zerrissenen Hemden trugen, war hier niemand, der ihre Gesellschaft beanstandete. Karten, Würfel, Roulette und alles, was sonst Glücksspiel heißt, fand sich hier vertreten. Bedeutende Summen wechselten ständig von einer Hand in die andere, ohne eine Äußerung der Leidenschaft hervorzurufen – einen leise gemurmelten Fluch manchmal ausgenommen.

Zuviel Neues wurde Hetson hier geboten, und er wäre noch eine Stunde dort stehengeblieben, wenn ihn nicht Siftly aus seinen Träumen geweckt hätte.

»Na, bist du da?« lachte er. »Hier kannst du nun auch gleich die Quintessenz kalifornischen Lebens und Treibens kennenlernen. Hier konzentriert sich das ganze wunderbare Schaffen in den Bergen draußen. Diese Tische hier sind unser Barometer in San Francisco, wie der Reichtum im Landesinneren steigt und fällt. Sind die Tische schlecht besetzt, dann darfst du auch sicher sein, daß die Ausbeute in den Minen ungünstig ausfiel, durch welche Umstände auch immer. Drängt sich aber auch am Tage alles herein, wie das heute geschieht, so haben die Leute ›vortrefflich ausgemacht‹, wie sie sagen, und das Gold wandert lustig von Hand zu Hand. Hast du dein Glück schon an einem der Tische probiert?«

»Ich spiele nie«, sagte Hetson ruhig.

»Pah, das darf man hier in Kalifornien nicht sagen«, lachte sein Freund. »Daß du selber Gold graben willst, kann ich mir nicht denken, und dem Glück muß man selber ein Pförtchen öffnen, wenn es uns nicht ganz im Stich lassen soll. Ich zum Beispiel habe mir alles, was ich eigentlich besitze, an den Tischen da geholt, und mit einiger Vorsicht denke ich mir auf diese Art ein kleines Vermögen zusammenzulegen und dann nach den Staaten als reicher Mann zurückzukehren.«

»Und wenn du wieder verlierst, was du gewonnen hast?«

»Dem Kühnen lächelt das Glück, Freund!« rief der Amerikaner und warf den Kopf trotzig zurück. »Ja, es gibt sogar Mittel, das Glück zu zwingen, uns zu gehorchen. Wenn du Lust hast, unterrichte ich dich vielleicht einmal in dieser Kunst. Jetzt aber wollen wir unsere Zeit hier nicht nutzlos versäumen, sondern einmal einen Gang durch den Saal machen. Ich muß dir doch Kalifornien erst vorstellen.«

Ohne auch weiter eine Antwort abzuwarten, zog er Hetsons Arm in seinen und schlenderte mit ihm in einen der Gänge hinein, die zwischen den Tischen hinführten. Einzelne waren eben unbesetzt, d. h., es standen keine Fremden daran, denn zwei Spieler sitzen an jedem einander gegenüber. Zwischen ihnen war ein größerer oder kleiner Haufen Silberdollar, Goldstücke und Goldstaub in kleinen Lederbeuteln oder einzelnen ›Klumpen‹ aufgehäuft. Die müßigen Spieler mischten dann meistens ihre Karten, hoben ab und probierten mögliche Erfolge, bis ein Vorbeikommender auf eine der Karten setzte und dann auch meistens andere nach sich zog.

An verschiedenen Tischen standen dagegen die Spieler und Zuschauer so dichtgedrängt, daß man kaum vorüberkommen konnte. Das war dann ein sicheres Zeichen, daß hohe Einsätze das Interesse der Leute erregt hatten. Kopf an Kopf drängte sich über- und nebeneinander, und nicht selten standen dort sehr bedeutende Summen auf dem Spiel.

An einem der gerade nicht benutzten Tische saßen sich zwei Leute kartenmischend und stumm gegenüber. Vielleicht erregten sie durch ihren Kontrast Hetsons Aufmerksamkeit. Der eine von ihnen war ein kleiner, rotbäckiger, dicker Mann mit ein paar entsetzlichen Vatermördern, die ihm selbst die Ohren halb bedeckten. Wenn er den Kopf zur Seite drehte, konnte er gerade über diesen Kragen hinwegsehen. Der andere war das Gegenteil. Lang und knochendürr, zeigte er nicht eine Spur frischer Wäsche, die sonst im amerikanischen Anzug eine Hauptrolle spielt. Der enganliegende braune Rock war so fest zugeknöpft, wie er seine schmalen Lippen geschlossen und die kleinen braunen Augen zusammengekniffen hielt. Auch den hohen schwarzen Hut, den er selbst im Saal trug, hatte er sich tief in die Stirn gedrückt. Es sah so aus, als wollte der Mann sowenig wie möglich von seiner Person sehen lassen.

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