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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 69
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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28. Die Jury

Am nächsten Morgen lag dichter Nebel über der Flat, der das ganze Tal in seinen undurchdringlichen Schleier hüllte. Er trug nicht gerade dazu bei, die erregten Gemüter zu beruhigen. Gerüchte liefen durch das Lager, daß sich die Indianer und Mexikaner wieder in den Bergen gesammelt hätten, um einen gemeinsamen Angriff auf die Stadt zu machen und dabei den Engländer zu befreien. Keiner der Amerikaner ging an seine Arbeit. Mit den Gewehren auf der Schulter gingen die Männer im Lager umher oder standen in einzelnen Gruppen zusammen, um die vielleicht notwendigen Maßnahmen zu besprechen. Da man kaum zehn Schritte weit sehen konnte, ließ sich auch nicht feststellen, ob die Nachrichten vielleicht übertrieben waren. Ein paar in den Bergen abgefeuerte Schüsse dienten dazu, die Leute noch unruhiger zu stimmen. Man hielt sie nämlich für Signale der Gegner. Ein paar der Mutigsten gingen auf Kundschaft. Selbst Hetson hatte allein, nur mit Büchse und Revolver bewaffnet, eine Runde um die ganze Flat gemacht. Daß er dabei nichts entdecken konnte, beruhigte die anderen nicht. Sie verlangten jetzt von dem Alkalden das Zusammenrufen der Jury, um über den Gefangenen zu urteilen.

Die Stimmung gegen den war auch unter den Amerikanern nur feindselig. Selbst die ruhigen unter ihnen wollten sich nicht von dem Gedanken trennen, daß ihnen England seine Verbrecher herüberschickte. Deshalb war es auch nötig, denen zu zeigen, was sie hier zu erwarten hatten. Hale versuchte vergeblich, ihnen zu erklären, daß ihnen hier im Ort keineswegs ein Urteil über Leben und Tod eines Menschen zustände, und wenn sie den Verbrecher bei der Tat ertappt hätten. Die Leute waren nicht in der Stimmung, das einzusehen und sich zu fügen. Der Sheriff teilte dem Alkalden seine Besorgnis mit, daß die Männer, wenn die Jury ihn schuldig spräche, wahrscheinlich ›einen dummen Streich‹ machen würden. Unter diesen Umständen hielt es Hetson für besser, ihn gleich unter sicherer Bewachung nach Golden Bottom zum District Court zu schicken. Aber schon die Andeutung dieser Ansicht brachte die Leute außer sich. Sie fühlten sich um ihr Opfer betrogen und erklärten dem Alkalden, daß der Engländer einen von ihnen hier ermordet hätte, und daß er deshalb auch hier büßen müsse, und wenn sich das District Court auf den Kopf stellen würde. Wollte er ihn keiner Jury zum Urteil überlassen, gut, dann würden sie ihn bis zum nächsten Baum bringen und da selbst Gericht über ihn halten. Das sei wahrscheinlich auch das beste und kürzeste.

Hetson versuchte, seiner Frau die gereizte Stimmung zu verbergen. Aber die dünne Zeltleinwand konnte die draußen geführten zornigen Reden nicht dämpfen. Doktor Rascher war die ganze Zeit bei ihr, und Emil Lanzot, der vorher eine lange Unterhaltung mit dem Doktor hatte, sondierte inzwischen die Stimmung seiner Landsleute. Er wollte erfahren, ob sie im Falle eines Gewaltverfahrens auf seiten der Amerikaner waren oder dem Richter beistehen würden. Aber wie sah er sich da getäuscht! Fischer erklärte sich dazu sofort bereit. Alle anderen verweigerten jede auch nur einer Demonstration ähnliche Bewegung. Nur der Justizrat sicherte seine Gegenwart zu, natürlich ohne Waffen. Es war möglich, daß er annahm, er könne die Amerikaner durch sein gewöhnliches, barsches Anfahren zur Vernunft bringen. So sehr ihm aber sonst der alte, komische Kauz Spaß gemacht hatte, nahm er sein Angebot nicht an und versuchte jetzt sein Glück bei den Franzosen, mit demselben Erfolg. Wäre es einer ihrer Landsleute gewesen, dann allerdings, so aber wollten sie sich nicht in amerikanische und englische Streitigkeiten mischen, die die Leute lieber unter sich selbst ausmachten. Sie waren entschlossen, ihre eigenen Rechte in den Minen zu wahren, und wollten deshalb den Amerikanern keinen vielleicht willkommenen Grund geben, mit ihnen anzubinden.

Hale hatte übrigens dem Alkalden mitgeteilt, daß ein Deutscher noch in der Nacht nach Macalome hinübergeritten sei, um den alten Nolten als Zeugen für den Gefangenen zu holen. Danach war Hetson fest entschlossen, die Jury nicht vor dem späten Nachmittag zusammenzurufen. Außerdem hatte er noch einen Boten nach Golden Gate geschickt. Das war der kleine Schiffsjunge, der sich beim Angriff auf die Mexikaner so mutig benommen hatte. Der kleine Bursche schwor, daß er sich die Indianer und Señores schon vom Leib halten wolle. Da Fischer ihm sein Pferd borgte, ritt er keck in den Nebel hinein, um den Brief dort an der Judge des District Court abzugeben und ihm von dem Fall zu erzählen. Mehr konnte Hetson nicht tun, aber damit war auch eine Last von seiner Seele genommen. Was auch geschah, er brauchte sich selbst wenigstens keine Vorwürfe mehr zu machen.

So verging der Vormittag im Camp, und schwül und bleiern, wie die Luft über dem Tal lag, war auch die ganze Stimmung. Das kochte und gärte in den unruhigen Köpfen. Die von gestern noch aufgereizten Männer verlangten nach einem Gegenstand, an dem sie sich Luft machen konnten. Wehe dem Unglücklichen, der dann einem Pöbelhaufen preisgegeben war!

Mit großer Ungeduld hatte inzwischen Doktor Rascher die Stunden schwinden sehen, und noch immer kam der junge Deutsche mit dem versprochenen Zeugen nicht zurück. Es war zwölf, ein, zwei Uhr geworden, und noch immer ließ er sich nicht blicken. Hatte er sich vielleicht im Nebel verirrt? Lagen doch die düsteren Schwaden heute so zäh wie noch nie über Berg und Tal und wankten und wichen nicht. Aber auch die Amerikaner fingen an zu murren, als sich der Tag mehr und mehr neigte, ohne daß Anstalten gemacht wurden, mit dem Verhör zu beginnen. Mit Cook an der Spitze erklärten sie endlich dem Alkalden, daß sie die Jury unter keiner Bedingung mehr länger als bis vier Uhr hinausschieben wollten. Die Jury war inzwischen schon gewählt. Es lag dann später nur noch an dem Gefangenen, einen Teil von ihnen zu verweigern, für die dann andere eintreten mußten. Aber wie konnte der Fremde unter ihnen wählen, wo er keinen von ihnen kannte!

Vier Uhr kam, und die Jury wollte sich, wie üblich, im Zelt des Alkalden versammeln. Hetson hatte aber den Sheriff gebeten, ihnen diesmal sein eigenes Zelt zu überlassen, und Hale ging gern darauf ein. Siftly hatte sich inzwischen nicht mehr blicken lassen, aber er war für seine Zwecke die ganze Zeit tätig gewesen. Dadurch war die Stimmung bei einigen Amerikanern für den Alkalden nicht mehr sehr günstig, trotz seines gestrigen Verhaltens. Die besseren unter ihnen hielten sich aber von dem Spieler fern. Sie ärgerten sich nur, daß der Alkalde den Engländer nicht preisgeben wollte. So duldeten sie stillschweigend, daß der wilde Haufen mit Briars an der Spitze damit drohte, Gewalt anzuwenden, wenn es nicht im guten ging.

Siftly verstand nicht, wie Hetson dazu kam, die Befreiung seines Todfeindes zu wünschen, vor dem er früher so große Angst hatte. Aber es durchkreuzte seine Pläne. Hatte der sonst so schwankende, charakterlose Mann nie gewagt, ihm zu trotzen, ihm, der ihm doch zu diesem Amt verholfen hatte, damit er ein willenloses Werkzeug in der Hand hatte, um Recht und Gesetz so zu drehen, wie er es brauchte? Weg also mit ihm, wenn er sich nicht mehr gebrauchen ließ. Dazu gab es keinen günstigeren Zeitpunkt als jetzt. Daß er die Spanierin nicht mitnehmen konnte, ehe die ihren Vertrag erfüllt hatte, dafür wollte er schon sorgen. Wenn sie von Hetson getrennt und in seiner Gewalt war, gehörten sie und ihr Vater ganz ihm. Der Verbrecher knirschte wild in grimmiger Freude mit den Zähnen, als er sich die Zukunft in lockenden Bildern ausmalte. Erst der Ruf der Jury weckte ihn aus seinen Träumen.

Im Lager waren inzwischen auch andere Amerikaner aus den benachbarten Minen eingetroffen, die von der Erhebung der Mexikaner gehört hatten. Sie waren gekommen, um ihren Landsleuten zu helfen. Alle trugen Gewehre, und manche wilde, sonnenverbrannte Gestalt war unter ihnen, von Jagd- und Indianerkämpfen in der Heimat abgehärtet. Hale kannte auch mehrere von ihnen und hoffte, daß sie eher dem Gesetz als den rauflustigen Gesellen beistehen würden, falls es zum Äußersten kommen sollte. Hales kleines Zelt konnte die Menge nicht aufnehmen, und man beschloß, die Jury in der offenen Flat, dem ›roten Boden‹, zu versammeln. Zwanzig eifrige Hände waren auch sofort dabei, ein paar der Gruben zuzuwerfen, um einen größeren Platz einzuebnen. Auf einen der Erdhaufen wurde dann etwas erhöht ein Stuhl für den Alkalden gestellt, rasch Pfosten eingeschlagen und Bretter darübergelegt, um Bänke für die gewählte Jury herzustellen.

Trotzdem Siftly alles versucht hatte, um mit zu dieser Jury zu kommen, hatte man keinen der bekannten Spieler dabeihaben wollen. Die Amerikaner spielten wohl und verschleuderten ihr Gold dabei, aber sie kannten auch die Männer, die ein Geschäft daraus machten. Sie hielten sie für ein solches Ehrenamt für unwürdig. Niemand sprach darüber, aber die Spieler erhielten nur wenige Stimmen, die sie sich gegenseitig gaben. So stand Siftly, die Zarape fest um sich geschlagen, den breitrandigen Hut in die Stirn gedrückt, nicht weit von Hetsons Stuhl, um den Gang der Verhandlung von dort zu beobachten.

Es war halb fünf geworden, und während der Angeklagte von seinen Wächtern vorgeführt wurde, erschien auch Hetson zwischen den Männern. Aber es wäre schwer gewesen, den Schuldigen unter den beiden herauszusuchen, so ernst und totenbleich sahen beide aus. Von Hale hatten einige der Neuankömmlinge gehört, wie tapfer sich der Richter gestern benommen hatte, und sie begrüßten ihn. Seine Siegestrophäe, die mexikanische Flagge, wehte noch immer unter der amerikanischen, allen Feinden zum Trotz. Sie schüttelten ihm die Hand und bedauerten nur, daß sie den Spaß nicht mitmachen konnten.

Der Himmel hatte sich etwas aufgeklärt. Während die Leute ihre Plätze einnahmen, brach sich in den oberen Luftschichten die Sonne Bahn und zeigte etwas blauen Himmel. Dadurch drückte sie aber den zähen Nebel noch fester auf den Boden.

Der für die Jury bestimmte Platz war jetzt hergestellt und alles versammelt. Nur Hetson zögerte noch immer, zu beginnen. Er hoffte, daß der Deutsche doch noch mit seinem Entlastungszeugen eintreffen könnte.

Aber die Jury wurde unruhig, und die Amerikaner wollten die ›Ausflüchte‹ nicht länger gelten lassen. Die festgesetzte Zeit war verstrichen, der Abend vor der Tür, und das vergossene, amerikanische Blut schrie nach Rache. Hetson konnte es nicht entgehen, daß sich die meisten seiner Leute in einer fieberhaften Aufregung befanden. Das Resultat der Verhandlung konnte kaum noch bezweifelt werden. Golway war verloren, wenn diese Leute sein Urteil sprechen durften. Lauter und dringender verlangten sie den Verhandlungsbeginn, sie wollten nicht länger hingehalten werden, und die nächste Stunde mußte das Schicksal des Gefangenen entscheiden. Hetson gab endlich das Zeichen zur Eröffnung des Court.

Auf Hales Rat wies Golway nur Briars von den Geschworenen zurück, obwohl er zu Beginn die Jury überhaupt nicht anerkennen und gegen das ganze Verfahren protestieren wollte. Hale bewog ihn aber, das nicht zu tun, weil es an der Sache nichts ändern würde und die schon gegen ihn herrschende Stimmung nur verschlimmern konnte.

Cook trat jetzt als Ankläger vor und erzählte so einfach wie möglich den ganzen Tatbestand. Wie Johns, mit dem er zusammen gearbeitet hatte, ermordet und verscharrt im Wald gefunden wurde, wie er sein Pferd an den Mann da verkauft habe und von ihm ein Stück Gold bekam, das Johns Eigentum gewesen war, was er beschwören könnte. Freiwillig hätte der sich davon nie getrennt. Er beschrieb dann, wie sie dieses und noch zwei andere auffallende Stücke zusammen ausgegraben hatten, von denen sich aber nur das eine bei dem Gefangenen gefunden hätte. Johns hätte sich damals sehr darüber gefreut und es seiner Mutter schicken oder bringen wollen. Jetzt läge er in seinem blutigen Grabe, während die arme Frau vergeblich auf Nachricht von ihrem Sohn warte. Könne der Fremde beweisen, von wem er das Stück habe, so sei damit auch seine Unschuld bewiesen. Könne er das nicht, so meine er wenigstens, müsse man ihn deswegen zur Rechenschaft ziehen.

Wildes Gemurmel drohender Stimmen durchlief die Versammlung, als Cook schwieg. Das Bild, das er vielleicht ganz unabsichtlich heraufbeschworen hatte, verfehlte seine Wirkung nicht. Mitleid mit der armen Mutter und Abscheu gegen den feigen Mörder erfüllten ihre Herzen. In dieser gegen ihn arbeitenden Stimmung erhob sich jetzt der Angeklagte. Wenn sein Gesicht auch noch blaß war und seine Stimme zuerst zitterte, sammelte er sich bald. Sein Blick wurde lebhaft, als er der drohenden Gefahr die Zähne zeigte. Entrüstet wies er die Anklage von sich ab. Mit kurzen Worten erzählte er, wie er am Macalome gearbeitet hatte, bis er dieses Leben leid war. Er sei ein Seemann und auf dem Meer daheim, und dahin wollte er zurück, als ein unglückliches Mißverständnis ihn hier aufgehalten hatte. Das Gold, das er durch den Verkauf seines Zeltes und seines Werkzeuges bekam, hatte er nicht genau genug betrachtet, um die einzelnen Stücke zu kennen. Je mehr er aber darüber nachdachte, desto mehr sei er davon überzeugt, daß er das fragliche Stück von dem Mann erhalten habe, dem er sein lahm gewordenes Pferd verkauft habe, auch wenn der, wie ihm der Sheriff sagte, das leugnen würde. Übrigens könne er den Mord nicht verübt haben, da er erst vorgestern abend spät vom Macalome aufgebrochen wäre. Das würde er beweisen, wenn man ihm Zeit und Gelegenheit gäbe, um die Zeugen dafür zu bringen. Ein junger Deutscher habe das versucht, sich jedoch wahrscheinlich im Nebel verirrt. Sie dürften aber über keinen Mann richten, dem sie nicht die volle Gelegenheit geboten hätten, sich zu rechtfertigen, und deshalb verlange er, nach Macalome gebracht zu werden, um seine Unschuld zu beweisen.

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