Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 68
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

»Don Emilio, welcher gute Stern führt Sie wieder in unsere Nähe?«

»Don Emilio?« flüsterte Manuela leise und wurde dabei rot. Sie durfte aber nicht unfreundlich sein und streckte ihm lächelnd die Hand entgegen und begrüßte ihn herzlich. Und wieviel hatten sich die Leute jetzt zu sagen, von denen Lanzot vorher nur wie von einer flüchtigen Bekanntschaft gesprochen hatte! Alle beide waren rot geworden, und das Mädchen sah ihn mit einem seelenvollen Blick an. Beckdorf verstand leider außer einigen Wörtern kein Spanisch und spielte deshalb bei der Unterhaltung keine sehr geistreiche Rolle. Aber Lanzot hatte seine Existenz völlig vergessen, denn seine Augen hingen an den Lippen Manuelas. Sie erzählte ihm von der Gefangenschaft des Engländers und dem Verdacht, unter dem er ungerechtfertigt stand. Aber was konnte er als vollkommen Fremder dabei tun?

Alles, meinte Manuela, wenn er selbst mit dem Gefangenen sprach, der sonst keinen Freund in der Stadt hatte. Soviel sie gehört hatte, brauchte er Zeugen, und niemand wollte sie herbeischaffen, obwohl schon am nächsten Tag die furchtbare Jury zusammentreten sollte. Er konnte da helfen, hatte er ihnen doch auch so oft geholfen, setzte sie mit einem lieben Lächeln hinzu. In diesem Augenblick war Lanzot fest entschlossen, für sie zu reiten, wohin sie ihn schicken würde. Schon ihre nächsten Worte bannten ihn wieder an ihre Seite. Sie erzählte von Siftly, wie er hierherkam, ihren Vater wieder im Spiel betrogen hatte und sie jetzt gewaltsam zum Spielen zwingen wollte. Sie hoffte nur noch auf den Schutz des Alkalden, wenn der sie schutzlos ließ, war sie verloren.

»Nicht ganz, Manuela«, sagte Lanzot herzlich. »Zuerst wollen wir jetzt den Gefangenen besuchen und sehen, was sich für den armen Teufel tun läßt, und dann...«

»Wenn Sie ihn retten, bin ich Ihnen ewig dankbar!« bat das junge Mädchen. Dann hakte sie sich bei ihrem Vater ein und eilte zu ihrem Zelt zurück.

So süß und lieb ihre letzten Worte auch klangen, hatten sie in Lanzots Brust doch einen bösen Stachel zurückgelassen. Was bedeutete ihr der Fremde, wenn sie so großen Anteil an seinem Schicksal nahm? Sie vergaß ganz ihre frühere Schüchternheit und bat ihn, daß er sich für den Mann einsetzen sollte. Nur einer konnte ihm darüber Auskunft geben – Doktor Rascher. Ihn aufzufinden war jetzt das Wichtigste. Beckdorf, der noch keine Ahnung von der Gefangennahme des Engländers hatte, wollte Lanzot eben wegen seiner genauen Bekanntschaft mit der Dame necken, über die er vorher so gleichgültig gesprochen hatte. Mit wenigen Worten erzählte ihm aber der Freund die Vorgänge des Nachmittags und von dem Interesse, daß die Familie Hetson am Schicksal des Gefangenen hatte. Von Manuela sagte er nichts. Beckdorf war sofort bereit, ihn zu unterstützen. Es dunkelte bereits, und wenn sie heute noch etwas unternehmen wollten, war es höchste Zeit dafür.

Doktor Rascher hatte sich in der Nähe des Platzes, an dem die Deutschen lagerten, in einem Zelt eingemietet. Dahin gingen die beiden jetzt, fanden ihn aber nicht und kehrten deshalb in die Stadt zurück, um in verschiedenen Zelten nachzuforschen. Möglich, daß er ebenfalls von einem der Deutschen zu dem Elsässer eingeladen war, bei dem sie sich abends oft versammelten. Als sie die Straße hinaufgingen, begegnete ihnen ein Mann, der in eine Zarape gehüllt war. Es war schon zu dunkel geworden, um sein Gesicht deutlich zu erkennen. Aber die Gestalt und der Gang fielen Lanzot auf.

»Den Burschen sollte ich kennen, weißt du, wer es war?«

»Der größte Lump, der je auf amerikanischen Boden aufwuchs«, antwortete er. »Ein Spieler, der sich Siftly nennt.«

»Ich dachte es mir. Aber zum Teufel auch... was war das?«

Eine dunkle Figur kam die jetzt fast leere Straße rasch herunter, rannte fast gegen sie und glitt, als sie die beiden Männer bemerkte, wie eine Schlange zwischen die nächsten Zelte.

»Hm«, murmelte Beckdorf vor sich hin und sah der Gestalt erstaunt nach. »Das kommt einem ja fast so vor, als hätte der Bursche kein ganz reines Gewissen. Er sah fast wie ein Chinese aus. Aber die haben doch unsere Flat schon seit einigen Tagen verlassen und kommen nie nach Dunkelwerden in die Stadt. Wir wollen doch einmal sehen, wo der Bursche geblieben ist, ob er noch zwischen den Zelten steckt oder in die rote Flat gelaufen ist. Bleib du hier, ich gehe drüben herum und treibe ihn zurück.«

Beckdorf kannte sich hier gut aus und glitt um das Zelt herum, um dem Flüchtling vielleicht den Weg abzuschneiden. Wer es auch war, er hatte sich davongemacht, der Raum zwischen den beiden Zelten war leer.

»Ach, laß ihn laufen«, lachte der junge Mann, als er zu dem Freund zurückkam. »Hat er böse Streiche vor, werden sie ihn schon erwischen. Vielleicht wich er uns aus, um keine neuen Bekanntschaften zu schließen. Darüber brauchen wir uns nicht zu grämen!«

»Und wo ist hier das Zelt des Elsässers?«

»Gleich da drüben.«

»Laß uns hingehen und sehen, ob wir den Doktor da finden.«

»Baron!« rief sie in diesem Augenblick eine Stimme an. »Sind Sie das?«

»Der Doktor, bei allem, was lebt!« rief der junge Mann erfreut aus. »Doktor, wir haben Sie schon wie eine Stecknadel gesucht, Sie sollen uns Auskunft geben.«

»Uns?«

»Mir und einem alten Freund, den ich hier zufällig in den Minen getroffen habe. Wenn wir zum Licht kommen, stelle ich Ihnen Graf Beckdorf vor. Ich habe mit Manuela gesprochen, wo wird der Gefangene bewacht?«

»Im Zelt des Sheriffs.«

»Glauben Sie, daß wir da Zutritt haben?«

»Das kommt auf einen Versuch an. Aber was wollen Sie ihm helfen? Das einzige, was ihn retten oder zumindest aus dieser fatalen Lage bringen könnte, wäre, ein paar Männer vom Macalome herüberzuschaffen, die ihm ein Alibi bestätigen können.«

»Wenn er ihre Namen weiß«, rief Graf Beckdorf, »dann erkläre ich mich gern bereit, sie selbst hierherzubringen. Selbst bei Nacht kann ich den Weg da hinüber finden.«

»Aber die weiß er doch nicht«, sagte der alte Doktor. »Er ist nur in der Lage, sie zu beschreiben.«

»Dann müssen wir ihn sprechen«, rief Beckdorf rasch. »Der Sheriff kennt mich, gehen wir gemeinsam zu ihm. »Ohne eine Antwort abzuwarten, ging er mit den beiden zu Hales nahe gelegenem Zelt.

Hale hatte inzwischen den Gefangenen unter seine Obhut genommen. Das war in einer solchen Zeltstadt nicht einfach. Ein Gefängnis besaß das Paradies natürlich nicht. Es gab noch nicht einmal ein ordentliches Blockhaus, das einen Menschen hätte halten können. So blieb ihm nichts anderes übrig, als ihn ständig zu bewachen, bis man ihn freigab oder an seine Richter ablieferte. Freiwillige Wachen fanden sich genug, aber es war doch unbequem für alle. Brach der Gefangene nämlich aus und kam er nur zwanzig Schritt in die dahinter liegende, dunkle Flat, dann hätten ihn sämtliche Bewohner des kleinen Zeltstädtchens nicht wieder eingefangen. Das wußte Hale genausogut wie jeder andere, und danach hatte er seine Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Wenn er seinen Gefangenen auch gern so mild wie möglich behandelt hätte, mußte er ihm doch die Hände auf den Rücken fesseln. Er wurde dabei so hingesetzt, daß er nach Dunkelwerden ein Licht hinter sich und eins vor sich stehen hatte, dadurch waren seine Hände und seine ganze Gestalt hell beleuchtet. Neben dem Licht saßen zwei Posten, die geladenen Gewehre auf den Knien, den Revolver im Gürtel. So war eine Flucht unmöglich. Außerdem stand noch eine dritte Wache vor dem Zelt, um Neugierige zurückzuschicken. Der Sheriff wollte nicht, daß der Angeklagte belästigt wurde. Es gab genug Leute im Ort, die sich stundenlang zu ihm gesetzt und ihn angestarrt hätten. Diese Wache wies auch unsere drei Freunde ohne weiteres ab. Beckdorf bestand aber darauf, wenigstens den Sheriff zu sprechen. Als der endlich vor dem Zelt erschien, erlaubte er ihnen einzutreten, allerdings unter der Bedingung, sich dem Gefangenen nicht auf Armlänge zu nähern.

Im Zelt selbst sah es wild und malerisch genug aus. Die beiden Hinterwäldler mit ihren langen Büchsen vor dem flackernden Kerzenlicht neben sich boten ein eigenartiges Bild. Der Gefangene saß in finsterem Schweigen auf einer Holzbank und starrte vor sich nieder. Eine Matratze lag neben ihm auf dem Boden, auf der er wohl schlafen sollte. Aber er dachte noch nicht an Schlaf. Ein zertretenes Leben lang hinter ihm. Mit dem bitteren Gefühl, durch nichts die Schicksalsschläge verdient zu haben, sog er seinen Groll nur noch tiefer in sich hinein. Er fand sogar eine selbstmörderische Freude daran, sich die letzten trüben Szenen immer wieder auszumalen. Die drei Deutschen kamen freundlich auf ihn zu, aber es dauerte eine ganze Zeit, ehe der Unglückliche das Mißtrauen beseitigte, das er gegen alle Fremden hegte. Erst als sich Doktor Rascher als Freund von Mrs. Hetson vorstellte, wurde er aufmerksam. Doktor Rascher bat ihn in ihrem Auftrag, er sollte ihnen mitteilen, wie er Mittel für seine Rechtfertigung finden könnte.

Die Angaben, die er machen konnte, waren aber so dürftig, daß Doktor Rascher nur traurig mit dem Kopf schüttelte. Der Sheriff, der sich wieder auf sein Bett geworfen hatte, sagte:

»Wenn Sie morgen nichts Besseres zu Ihrer Verteidigung sagen können, dann sieht es schlecht aus. Es genügt nicht, daß Sie sagen, Sie wären woanders gewesen, ohne das jedoch beweisen zu können! Ich möchte nicht in Ihrer Haut stecken.«

Beckdorf hatte aufgefaßt, was er von dem alten Mann erzählte, den er oben auf dem Berg getroffen haben wollte, und der auch ins Paradies geritten war, um hier irgendetwas zu erledigen. So gut er sich erinnerte, mußte er sein Äußeres beschreiben. Das paßte allerdings auch auf einige andere. Hale hörte ebenfalls aufmerksam zu. Bis jetzt war der Sheriff ziemlich fest davon überzeugt gewesen, daß der Engländer den Mord wirklich begangen hatte. Der ungebildete Amerikaner, auch wenn er sonst ein guter Mensch ist, hegt noch immer den Gedanken, daß England über Amerika herrschen möchte und haßt deshalb alle Engländer. Ja, er würde sogar einen Krieg mit England für den größten Segen für das Land betrachten. Das niedergeschlagene Benehmen des Fremden, das allerdings eine ganz andere Ursache hatte, bestärkte ihn noch in seinem Verdacht. Jetzt aber, wo sich der junge Beckdorf, den er als rechtschaffenen Mann kannte, so sehr für den Engländer interessierte, wankte sein Verdacht wieder. Vor ihm tauchte die Möglichkeit auf, daß der Gefangene am Ende doch unschuldig sein könnte. Aber weshalb hatte er es so eilig gehabt, von hier wegzukommen? Hale überlegte, wen er wohl mit dem alten Amerikaner meinen konnte. Der heutige Tag hatte allerdings seine Aufmerksamkeit zu sehr in Anspruch genommen, um sich an einzelne erinnern zu können.

»Wenn ich nicht irre«, sagte da Golway endlich, »dann sprach er davon, daß er seine beiden Söhne im letzten mexikanischen Krieg verloren hat.«

»Lieber Gott, wenn Sie nur wenigstens einen Vornamen als Anhaltspunkt wüßten!« sagte Beckdorf.

»Teufel auch«, rief Hale und sprang von seinem Bett auf. »Das ist genug Anhaltspunkt! Jetzt weiß ich, wen er meint – den alten Nolten!«

»Haben Sie den Namen nie gehört?« fragte Beckdorf rasch den Engländer.

»Nein, ich erinnere mich nur, daß er mir das erzählte.«

»Und der ist in Macalome? Schon wieder zurückgeritten?« erkundigte sich der Sheriff.

»Dahin wollte er zurückreiten.«

»Dann hol ich ihn«, rief Beckdorf entschlossen. »In sechs Stunden reite ich hinüber, und bis morgen mittag kann ich mit ihm zurück sein.«

»Ach was«, sagte Hale. »Sie können jetzt nicht bei Nacht und Nebel über die Berge, wo unsere Leute die Indianer so gereizt haben!«

»Die muß ich nicht fürchten. Sie kennen mich und wissen, daß ich ihnen freundlich gesonnen bin.«

»Bei Nacht sind alle Katzen grau, und sie spicken Sie und das Pferd mit Pfeilen, ehe Sie nur ›Walle-Walle‹ sagen können!« rief Hale.

»Glauben Sie, daß Noltens Aussage ihm nützen würde?«

»Ich denke schon«, antwortete Hale. »Nolten ist ein Ehrenmann durch und durch. Wenn der hier vor Gericht beschwört, daß er den Engländer die letzten acht Tage in Macalome jeden Tag gesehen hat, wird das einen großen Unterschied in der Sache machen. Ich glaube es nur noch nicht recht.«

»Wann sollte die Jury zusammenberufen werden?«

»Morgen früh. Wenn Sie aber mit Sicherheit einen Entlastungszeugen bringen, nehme ich es auf mich, das Verhör bis morgen abend aufzuschieben. Mit wem haben Sie denn da zusammengearbeitet?«

»Zuerst mit einem Landsmann...«

»Der nutzt uns nichts«, sagte Hale kopfschüttelnd.

»Er ist auch nicht mehr in Macalome. Später arbeitete ich mit einem Amerikaner namens Robins zusammen. Wenn der noch in Macalome wäre, brauchte ich keinen anderen Zeugen. Er war lange Zeit krank, und wir schliefen im gleichen Zelt. Aber er hat leider vor ein paar Tagen, als es ihm besser ging, auch die Minen verlassen. Wohin er ging, weiß nur Gott. Der alte Amerikaner, den sie Nolten nennen, bleibt deshalb meine einzige Hoffnung. Er ist mir, glaube ich, auch freundlich gesinnt. Wäre ich seinem Rat gefolgt, hätte ich diesen Unglücksplatz nie betreten. Vielleicht bringt er noch einen seiner Bekannten mit, die mich auch da gesehen haben.«

»Ja, glauben Sie denn, daß die Goldwäscher nichts anderes zu tun haben, als in der Welt herumzureiten?« lachte Hale. »Der alte Nolten tut es vielleicht, wenn er jemand damit helfen kann. Und Sie wollen wirklich heute abend noch los, Beckdorf?«

»Sofort, wenn ich nur wüßte, wo ich jetzt im Dunkeln mein Pferd finde.«

»Ich würde dir meins geben, wenn ich dich nicht begleiten würde«, sagte Lanzot.

»Dann gib es mir, denn ich kann dich dabei nicht gebrauchen. Du hältst mich nur auf, und ich habe nichts zu befürchten. Also, auf Wiedersehen, Sir, und – nur Mut! Bis morgen Mittag bringe ich hoffentlich Hilfe.«

Golway nickte ihm wehmütig lächelnd zu, und die drei Deutschen verließen ihn, um keine Zeit mehr zu versäumen.

»Die Fremden hängen zusammen wie ein Sack voller Nägel«, sagte der eine Amerikaner, der kopfschüttelnd dem Gespräch zugehört hatte.

Der Sheriff erwiderte nichts. Aber er ging zu dem Gefangenen und band ihm die Hände los.

»So, weg kann er nicht, weil ihm die Füße noch gebunden sind. Aber er sitzt etwas bequemer. Paß gut auf, Bill, daß er sich nicht danach bückt.«

Als ihm Golway danken wollte, drehte er sich von ihm ab und legte sich auf sein Bett.

 << Kapitel 67  Kapitel 69 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.