Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 67
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Mit dem, was er hörte, war er ziemlich zufrieden und sogar weit besserer Laune als vorher. Jetzt dachte Siftly auch an seine eigenen Pläne, und für die brauchte er vor allen Dingen Hetson, den er auch ohne weiteres aufsuchte. Die Sonne war schon hinter den waldigen Bergen verschwunden. Als das letzte rosige Licht die höchsten Wipfel der Zedern und Kiefern erreichte und den Wald grau färbte, legte sich auch die Nacht mit dunklem Schleier auf das Tal. Als Siftly das Zelt des Alkalden betrat, war es im inneren Raum schon fast dunkel. Beim Zurückwerfen der Leinwand erkannte er die noch immer am Tisch sitzende Gestalt des Freundes.

»Hetson, schläfst du?«

»Nein, bist du das, Siftly?«

»Ja, aber weshalb sitzt du hier im Dunkeln und träumst? Zünde ein Licht an, oder noch besser, mach mit mir einen Spaziergang durch die Stadt. Ich möchte etwas mit dir bereden, was die Nachbarzelte nicht zu wissen brauchen.«

Ohne etwas zu erwidern, blieb Hetson noch eine Weile in seiner Stellung. Endlich stand er auf, ergriff seinen Hut und folgte dem vorausgehenden Spieler ins Freie.

Hier schob Siftly ziemlich ungeniert seinen Arm in den des Richters und schlenderte mit ihm die Straße hinab.

»Ich habe schon heute morgen mit dir über den Vertrag gesprochen, den ich mit deinem alten Spanier wegen Manuelas Spiel abgeschlossen habe. Ich möchte dich jetzt bitten, dem Mädchen zu befehlen, daß sie sich in etwa einer Stunde bereithält. Sie wird hoffentlich keine Umstände machen.«

»Du hast schon mit mir darüber gesprochen?« sagte Hetson und sah ihn erstaunt an.

»Allerdings«, lachte Siftly, »aber du hattest gerade andere Dinge im Kopf und hast es vielleicht überhört. Die Sache ist ganz einfach, denn Señor Ronez...«

»Ich kenne die Einzelheiten«, unterbrach ihn Hetson, »und zwar von Don Alonso selbst. Übrigens ist es gut, daß du das Gespräch darauf bringst, denn auch ich habe eine Bitte an dich.«

»Und die wäre?« sagte Siftly, die Augenbrauen finster zusammenziehend.

»Einfach die. Don Alonso hat mit dir gespielt, obwohl ich dich dringend gebeten hatte, den unglücklichen Mann nicht mehr dazu zu verleiten.«

»Verleiten? Was kümmert mich der Spanier? Wenn er so ein Narr ist, mir sein Geld zu bringen, soll ich es zurückweisen? Hat er nicht dieselbe Chance wie ich, um meins zu gewinnen?«

»Wir wollen darüber jetzt nicht streiten«, entgegnete Hetson ruhig. »Don Alonso konnte auch sein Gold verspielen, soviel er wollte. Aber er hatte etwas auf eine Karte gesetzt, worüber er kein Recht hat: die Freiheit seiner Tochter.«

»Pah, Freiheit!« lachte Siftly. »Keiner will sie ihm abkaufen, es handelt sich nur um ein paar Stunden, die sie abends in meinem Zelt spielen soll. Übrigens ist Manuela noch nicht mündig, und deshalb steht ihm schon ein Recht über sie zu!«

»Auch das wollen wir hier nicht erörtern«, sagte Hetson. »Meine Bitte an dich ist, dem Spanier seinen Einsatz nachzusehen und dafür das an barem Geld anzunehmen, was du gegen ihn gewagt hast.«

»Verdammt, wenn ich's tue!« rief Siftly und ließ Hetsons Arm los. »Wir sind beide keine Kinder mehr, die um Bohnen oder Pfennige spielen. Wir beide wußten genau, was der Satz bedeutete, ehe die Karten fielen. Daß es ihn jetzt gereut, ist seine Sache, nicht meine.«

»Manuela weigert sich zu spielen.«

»Das habe ich mir so schon gedacht«, lachte Siftly, »die alte Geschichte. Aber das wird ihr hier genausowenig helfen wie in San Francisco. Dafür haben wir die Gesetze, damit für uns Amerikaner das Recht den Fremden gegenüber aufrechtgehalten wird.«

»Du könntest dich in diesem Falle irren«, erwiderte Hetson. »Unsere kalifornischen Gesetze stimmen nicht völlig mit denen der Vereinigten Staaten überein. Zugunsten der spanischen Rasse, den früheren Eigentümern des Bodens, ist manches geändert oder nachsichtig behandelt worden, was in ihre Sitten und Gewohnheiten eingreift. Nimm allein das Glücksspiel selbst, das drüben in den Staaten bei schwerer Strafe verboten ist, während es hier den Gesetzgebern gar nicht einfällt, es zu verhindern.«

»Sie wissen auch, warum«, lachte der Spieler. »Sie sollten es versuchen! Aber was streiten wir uns hier um Spreu. Die Sache ist abgemacht, unter volljährigen, vernünftigen Männern abgemacht und zehn oder zwölf Zeugen außerdem dabei. Es ist unnötig, ein weiteres Wort darüber zu verlieren. Tu mir also den Gefallen und stauch die junge Dame etwas zurecht, damit sie ihr albernes Sträuben aufgibt, ändern kann sie doch nichts mehr.«

»Wenn ich dich aber nun bitte, mir zuliebe von deinem vermeintlichen Recht abzusehen und die Sache in Güte beizulegen? Wir haben jetzt genug Unruhe im Lager, um sie nicht noch unnötig zu vergrößern.«

»Dann tut es mir leid, dir die Bitte abschlagen zu müssen«, sagte Siftly trocken. »Ich befinde mich im Recht, und wenn es nicht anders geht, will ich das stolze Mädchen zwingen, sich zu fügen.«

»Du verweigerst also den Einsatz, den ich dir voll und sofort auszahlen würde?«

»Den Einsatz verweigere ich allerdings«, erwiderte Siftly, »und verlange, daß das Mädchen heute abend in meinem Zelt spielt.«

»Dann tut es mir leid, dir mitteilen zu müssen, daß das nicht geschehen wird«, sagte Hetson ruhig. »jedenfalls nicht, solange ich hier Alkalde im Paradies bin.«

»Du vergißt dabei, durch wen du es geworden bist«, rief Siftly in rasch aufloderndem Zorn.

»Durch wen? Durch die Wahl der Bürger«, lautete die kalte Antwort.

»Die aber niemals auf dich gefallen wäre, wenn ich sie nicht gelenkt hätte«, zischte Siftly. »Bedenke, daß ich das, was ich aufgerichtet, auch wieder zerstören kann.«

»Ich glaube, du mutest dir da mehr Kräfte zu, als du wirklich besitzt«, lächelte der junge Mann. »Wenn es auch wirklich so wäre, was machts? Solange ich hier diese Ehrenstelle bekleide, werde ich auch ihre Rechte wahren.«

»Etwa damit, daß du die Rechte der Amerikaner unter die Füße treten willst? Eine verdammt pfiffige Auslegung deiner Stelle. Ich befürchte fast, daß du dabei etwas zuviel auf deine Macht und deine eigenen Kräfte vertraust. Sollte dich dein heutiger, unerwarteter Erfolg so übermütig gemacht haben? Denk daran, daß du noch nicht am Ziel bist!«

»Die Mexikaner sind zerstreut«, sagte Hetson gleichgültig. »Sie werden es unterlassen, mit uns noch einen zweiten Versuch zu wagen.«

»Ich rede nicht von dem feigen Gesindel«, sagte finster der Spieler. »Wenn ihr nur ein Gewehr zwischen den Zelten abgefeuert hättet, wäre der Erfolg der gleiche gewesen.«

»Von was sonst?« sagte Hetson, aufmerksam werdend.

»Von deinem glücklichen Fang«, erwiderte Siftly, »zu dem ich dir unter anderen Umständen herzlich gratuliert hätte.«

»Ich weiß nicht, wie ich diesen sogenannten Fang glücklich nennen soll«, sagte Hetson finster. »Ich selbst habe aber damit nichts zu tun. Der Mann untersteht dem Gesetz und wird frei oder bestraft, je nachdem, ob man ihn schuldig findet.«

»Ja, wir kennen das«, lachte der Spieler. »Aber wenn er nun frei ausgeht? Wenn er durch diese ›unschuldige‹ Gefangenschaft und Lebensgefahr für deine Frau noch viel interessanter, viel lieber geworden ist? Bei den Frauen spielt nun einmal das Mitleid fast noch eine größere Rolle als die Liebe...«

»Siftly!«

»Stell dir vor, ich trete selbst auf und bezeuge, daß der Bursche das Gold von mir bekommen hätte! Ich habe doch gerade in der letzten Zeit in den verschiedenen benachbarten Minen von den Mexikanern viele merkwürdig geformte Goldstücke gewonnen. Kann das nicht dabeigewesen sein? Glaubst du, einer würde die Frechheit haben, mich des Mordes zu beschuldigen? Stell dir vor, daß ich das deiner Frau zuliebe täte?«

»Siftly«, sagte Hetson, blieb stehen und ergriff den Arm des Spielers. »Ich weiß nicht, ob du fähig wärst, eine falsche eidliche Aussage zu machen. Ich glaube, du machst dich da in deinem Übermut schlechter, als du bist. Bist du aber imstande, mir den wahren Beweis dafür zu bringen, daß der unglückliche Mann unschuldig ist, dann würde ich dir mit vollem Herzen danken.«

Siftly sah den Mann erstaunt an, als ob er hinter den Worten eine List vermutete. Dann aber rief er plötzlich aus:

»Wahnsinnig genug wärst du, und der Teufel soll aus dir klug werden. Aber jetzt zum letzten Mal: Willst du mir kraft deines Amtes und deiner Autorität zu meinem Recht verhelfen?«

»Nein, das ist mein letztes Wort.«

»Also soll ich mir selber helfen?«

»Versuchs, aber beim ewigen Gott, wer mein Zelt ohne meine Erlaubnis oder gewalttätig betritt, stirbt von meiner Hand!«

»Pah«, lachte der Spieler verächtlich. »So viel für deine Drohung! Aber du verweigerst den Frieden mit mir, also nimm, was du haben willst: Krieg. Aber daß wir noch Männer im Lager haben, will ich dir beweisen!«

Damit schlug er seine Zarape um die Schultern und ließ den Richter allein stehen. Rasch ging er die dunkle Straße hinauf zu Kentons Zelt.

Graf Beckdorf führte inzwischen seinen wieder getroffenen Freund in das Tal hinauf. Hier war Fischer trotz der indianischen Unruhe und dem ganzen wilden Treiben um ihn her ruhig an der Maschine geblieben und hatte weitergearbeitet. Der Streit, den die Indianer mit den Amerikanern hatten, interessierte ihn, aber doch nicht so sehr, daß er deshalb seine Arbeit versäumte. Seine Dienste als Dolmetscher wurden im Paradies auch nicht mehr benötigt, denn der jetzige Alkalde sprach besser Spanisch und Französisch als er selbst. So konnte er getrost die beiden Parteien für sich lassen, ohne sich weiter zu bemühen. Mit einiger Ungeduld hatte er aber die Rückkehr Beckdorfs erwartet. Ohne sein Schaufeln zu unterbrechen, ließ er sich jetzt die Vorgänge im Paradies bis in die kleinsten Details erzählen. Nur als Beckdorf ihm von dem Zug gegen die Indianer erzählte, lachte er und meinte:

»Die können genausogut versuchen, ihren eigenen Schatten zu fangen. Dafür, daß sie dem Falschspieler die Ohren abgeschnitten haben, mag ich sie jetzt noch lieber als früher!«

Die jungen Männer unterhielten sich, und Lanzot half seinem Freund, die Erde auszugraben und zu der Maschine zu tragen. Das war sein Anfang in der edlen Kunst des Goldgrabens, in dessen Geheimnisse er gleich eingeweiht werden sollte. Da sie nach den Ereignissen einen interessanten Abend im Lager erwarten konnten, beschlossen Fischer und Beckdorf, heute keinen neuen Platz mehr anzufangen, sondern Feierabend zu machen, wenn dieser ziemlich ergiebige Platz ausgewaschen wäre. Abends wollten sie sich wieder im Zelt des Elsässers treffen. Fischer ging dann direkt nach Hause, während Beckdorf mit Lanzot noch einen Spaziergang zum oberen Teil der Flat machte, um erst an der anderen Seite des ›roten Bodens‹ wieder das Paradies zu betreten.

Lanzot hatte inzwischen alles erzählen müssen, was ihm passiert war und was ihn nach Kalifornien getrieben hatte. Dann gab ihm Beckdorf humorvolle Skizzen seines Minerlebens und beschrieb die skurrilen Charaktere, mit denen sie hier zusammentrafen.

»Ein eigenartiges Land bleibt es immer«, sagte Lanzot. »Ich werde nie bereuen, es gerade in dieser Anfangszeit erlebt zu haben. Später wird sich das alles wieder normalisieren, und diese eigenartigen Menschen werden sich mit anderen aus den Staaten vermischen. Aber jetzt erleben wir noch das urwüchsige Kalifornien, wie es ein glücklicher Fund aus der Erde hervorgezaubert hat. Nimm einmal ein ganzes Land von Männern wer hätte das früher für möglich gehalten, und doch existiert es hier vor unseren Augen!«

»Halt, da nehm ich unser Paradies in Schutz«, rief aber Beckdorf. »Es zeichnet sich nämlich zu seinem Vorteil vor fast allen anderen Minenstädten aus. Neben ein paar sehr anständigen Backwoodsfrauen, die mit ihren Männern über die Felsengebirge gekommen sind, haben wir auch ein paar wirkliche Damen hier, und nicht nur etwa zwielichtige!«

»Wirklich?« sagte Lanzot. Hätte ihn Beckdorf jetzt angesehen, hätte er sich vielleicht eine Erklärung ersparen können. »Ach ja, jetzt erinnere ich mich, Mr. Hetson, ein Amerikaner hat seine junge Frau mit in die Minen gebracht.«

»Und eine sehr liebe Spanierin ist in ihrer Begleitung«, sagte Beckdorf. »Auch sie gehört nicht zu der Sorte, die wir hier öfter antreffen, sondern zu einem höheren Stand. Sie soll außerdem wunderbar schön die Violine spielen. Vor ein paar Minuten ging sie dort drüben mit ihrem Vater in des Zelt des alten Amerikaners, dessen Frau krank ist.«

»Wo?« rief Lanzot rasch. »Ich habe niemand gesehen.«

»Weil du immer zur Stadt siehst. Wenn wir uns hier etwas aufhalten, können wir sie zurückkommen sehen. Soviel ich weiß, bringt sie der alten Frau da drüben manchmal eine Stärkung.«

»Du sagst, sie spielt Violine?«

»Sie soll Violine spielen, gehört habe ich sie noch nicht.«

»Dann ist es vielleicht dieselbe, die ich in San Francisco gekannt habe, und ihr Vater heißt Señor Ronez.«

»Ganz recht«, versicherte Beckdorf. In seiner ahnungslosen Gutmütigkeit gab er die Bestätigung für etwas, was Lanzot viel besser wußte als er selbst. »Tatsächlich, da kommen sie. Bieg hier links ab, Emil, da treffen wir auf dem Fußpfad mit ihnen zusammen.«

Wie Beckdorf gesagt hatte, brachte Manuela der in der Nähe wohnenden kranken Frau einige Erfrischungen. Aus Angst vor dem Spieler mußte sie aber ihr Vater begleiten. Sie hielt sich auch nur kurz auf, um die Sachen abzugeben. Auf dem Heimweg zu den etwa zweihundert Schritt entfernten Zelten der Stadt sah sie nicht von ihrem Weg auf, sondern ging rasch und ängstlich an der Seite ihres Vaters. Die beiden näher kommenden Männer hatte sie gehört, wagte aber nicht, zu ihnen aufzusehen. Auch Don Alonso achtete nicht auf sie, bis er durch den Ausruf »Hallo, Señor!« aufschrak. Kaum hatte er jedoch den alten Freund erkannt, als er auch stehenblieb und ihm die Hand entgegenstreckte.

 << Kapitel 66  Kapitel 68 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.