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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 66
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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27. Der Abend im Lager

Wie ein Lauffeuer hatte sich inzwischen das Gerücht in dem kleinen Ort verbreitet, daß man den Mörder des unglücklichen Johns entdeckt und gefangen habe. Alle Welt wußte sofort, daß er ein Engländer war, der in Australien entsprungen war oder sogar von der englischen Regierung als Deportierter hier herübergeschafft wurde. Daß er nun ohne weiteres an dem nächsten Baum aufgehängt werden müßte, verstand sich von selbst. Außerdem hatten die Leute an dem heutigen, unruhigen Tag nicht gearbeitet, sondern nur in den verschiedenen Zelten ihren Durst gelöscht. Dadurch befanden sie sich schon in einer aufgeregten Stimmung.

Die Rückkehr des Trupps, der gegen die Indianer ausgezogen war, vermehrte nur diese Stimmung. Die Beteiligten waren um so mehr gereizt, weil sie keinen einzigen Indianer, wie sie sich ausdrückten, ›zum Schuß bekommen konnten‹. Aber von überall aus schwer zugänglichen Felsschichten oder aus Büschen heraus waren Pfeile auf sie geflogen, deren Spitzen einige leicht verwundeten, ohne daß sie die Schützen entdecken konnten. Besonders Siftly war wütend, denn sie hatten sein Pferd an drei oder vier Stellen getroffen. Schließlich mußten sie die Verfolgung ohne Resultat aufgeben. Die Indianer zogen sich in die Berge zurück, und es wäre gefährlich für sie gewesen, ihnen in den steilen Schluchten noch länger zu folgen. Herabbröckelnde Steine und Felsblöcke bedrohten sie von allen Seiten und zeigten ihnen, daß der wachsame Feind alle Höhen besetzt hatte und für sie unerreichbar blieb.

Siftly hatte sich am äußersten Ende des Paradieses ein Zelt errichtet, in dem er nur mit Smith ein Spiellokal betreiben wollte. Es war von den letzten Wohnungen nur durch ein paar ausgehobene, aber jetzt nicht mehr bearbeitete Gruben getrennt. Dadurch hatte er sich von der Konkurrenz abgesetzt. Er kannte seine Leute gut genug und wußte, daß sie bei ihm zusammenströmen würden, wenn Manuela dort spielte. Wenn die Männer auch keinen Sinn dafür hatten, hörten sie doch gern Musik, und schon das Neue der Sache hätte sie unwiderstehlich angezogen. Dort beschäftigte er sich jetzt mit seinem Pferd. Er hatte den Sattel abgenommen und wusch ihm die verwundeten Stellen mit Branntwein aus. Dabei fluchte er kräftig vor sich hin. Da kam Boyles die Straße herauf und blieb neben ihm stehen. Zuerst nahm der Spieler keine Notiz von ihm, denn er war ärgerlich, daß gerade Boyles sich nicht seinem Zug angeschlossen hatte. Er war auch ärgerlich über den mißglückten Zug selbst und ärgerlich über die ganze Welt. Boyles ging aber trotzdem nicht von der Stelle, sah ihm eine Weile zu und sagte dann:

»Siftly, ich bin gekommen, um Ihnen mit bestem Dank das neulich geborgte Gold zurückzuzahlen.«

»Den Dank können Sie sich sparen«, brummte der Spieler. »Geben Sie mir das Gold, Sie scheinen doch lieber draußen zu hacken und zu graben, als auf leichtere Art das Glück zu zwingen. Na ja, jeder nach seiner Neigung oder seinen Fähigkeiten.«

»Sie haben recht«, sagte Boyles ruhig. »Ich tauge nicht zum Spieler, das hat mir Smith neulich bewiesen, und deshalb überlasse ich das Geschäft lieber geschickteren Leuten. Hier sind die vier Unzen im Beutel, Sie können es nachwiesen, es wird gerade passen.«

»Schon gut«, sagte Siftly und steckte das Gold gleichgültig in seine Tasche. »Gehen Sie da hinten vom Pferd weg. Der Branntwein brennt in seinen Wunden, und es tritt aus.«

»Sie scheinen also doch mit den Indianern zusammengetroffen zu sein?«

»Gott verdamme die Hunde! Aber was geht Sie das an? Sie hatten ja Ihre Haut in Sicherheit.«

Boyles antwortete nichts darauf und sah eine Weile schweigend dem Mann zu. Endlich nahm er das Gespräch wieder auf. »Hier im Camp ist inzwischen allerlei passiert.«

»Ich weiß«, brummte der andere. »Sie haben Johns Mörder erwischt. Bin nur neugierig, wer die feine Nase gehabt hat.«

»Dieser Cook«, sagte Boyles. »Er hatte mit Johns eine Weile gearbeitet und kannte einen Teil des Goldes, das der Ermordete bei sich hatte. Besonders ein gut erkennbares Stück war darunter, das er im Besitz des Fremden fand. Daraufhin ist der Mann verhaftet worden.«

Siftly hatte mit seiner Arbeit aufgehört. Er stützte seinen rechten Ellbogen auf das Pferd und blickte den Erzähler überrascht und aufmerksam an.

»Ein besonderes Stück?« lachte er endlich. »Das müßte wirklich besonders sein, wenn er da eins von den anderen unterscheiden könnte.«

»Er will darauf schwören.«

»Dann werden sie ihn hängen«, lachte der Spieler gleichgültig. »Was kümmerts mich! Verdamm die Fremden, so ist einer weniger da!«

»Wissen Sie, Siftly«, sagte aber Boyles, während er sich umsah, ob niemand in der Nähe war. »Wissen Sie, was das... ist jemand in Ihrem Zelt?«

»Nein – warum?«

»Wissen Sie, was das für ein Stück Gold war, wegen dem er verhaftet wurde?«

»Ob ich das weiß? Sind Sie verrückt oder betrunken? Wie soll ich das wissen?« höhnte der Spieler.

»Eins von denen, die Sie mir neulich morgens geborgt haben«, fuhr Boyles fort, ohne sich aus der Fassung bringen zu lassen.

»Ich?« rief Siftly und fuhr wütend auf. »Haben Sie Lust, mich in die Geschichte mit hineinzuziehen, nur wegen einer fixen Idee, die sie sich in den Kopf setzen? Verdammt, Boyles, dann wäre es für Sie besser, Sie hätten Kalifornien nie in Ihrem Leben betreten!«

Der Blick, den er dabei dem jungen Mann zuschleuderte, war so drohend und voll wilder Leidenschaft, daß der fast unwillkürlich davor zurückschrak. Aber er mußte das loswerden, was ihm seit einer Stunde mit schwerer Sorge auf der Seele lag. Er mußte wenigstens für sich selbst Gewißheit haben. Deshalb fuhr er mit ruhiger, aber doch zitternder Stimme fort:

»Mißverstehen Sie mich nicht, Siftly. Sie waren immer freundlich zu mir, und ich wäre der letzte, der Sie in eine unangenehme Geschichte verwickeln will. Aber eine Frage müssen Sie mir beantworten, nur mir allein, keinem Menschen sonst. Alles übrige überlassen Sie dann mir.«

»Erst verraten Sie mir, wer Ihnen eine solche fixe Idee in den Kopf gesetzt hat.«

»Welche?«

»Daß Sie das Gold von mir bekommen haben. Und wie kam es später in die Hand des Fremden?«

»Ich kaufte ihm sein lahm gewordenes Pferd ab.«

»Lahm geworden?« fragte Siftly, der aufmerksam wurde. »Der vermeintliche Mörder ist ein Engländer, wie?«

»Ja, ein noch junger Mann.«

»Das Pferd war ein Brauner mit weißem Stern und, wenn ich mich nicht irre, einem weißen Hinterbein.«

»Allerdings, haben Sie es früher schon gesehen?«

Ein boshaftes, höhnisches Lächeln zuckte um Mund und Augen des Mannes, als er vor sich hinbrummte:

»Also der Bursche ist es, dem hätte ich ein ähnliches Ende prophezeit. Aber es geschieht ihm recht, warum kommt er hierher!«

»Also kennen Sie ihn?«

»Nur vom Sehen. Und der hat geschworen, daß er das Gold von Ihnen bekommen hat?«

»Nein, das hat er nicht. Er hat sogar gesagt, er könne es nicht beschwören, da er in der letzten Zeit mehrere Sachen verkauft und das Gold nicht genau angesehen hat. Aber er glaubt, daß es unter dem Gold war, das er von mir erhalten hätte, und der Sheriff stellte mich deshalb zur Rede.«

»Hale? So? Und Sie?«

»Siftly«, sagte der junge Mann und drehte sich halb von dem Spieler ab, denn er schämte sich für sein Rotwerden. »Ich... gab ausweichende Antworten... ich sagte dem Sheriff, daß ich das Stück Gold nicht kenne.«

»Na? Dann ist doch alles in Ordnung«, lachte Siftly. »Was wollen Sie mehr?«

»Was ich mehr will?« sagte Boyles erstaunt. »Sie vergessen, daß sie durch den Beweis des gefundenen Goldes den Unglücklichen hängen können.«

»Das ist ihre und seine Sache«, brummte der Spieler, nahm seinem Tier den Zaum ab und trat zur Seite, um es frei laufen zu lassen.

»Aber der Mann ist unschuldig«, flüsterte Boyles.

»Und woher wissen Sie das?« fragte Siftly kalt.

»Siftly, bei Gott, das Stück Gold habe ich von Ihnen bekommen«, versicherte Boyles fest, wenn auch mit unterdrückter Stimme. »Ich kenne es zu genau, denn es gefiel mir so, daß ich es behalten und später eine Tuchnadel daraus machen wollte. Hätte ich es getan! Heute morgen dachte ich aber nicht daran, ich dachte nur an das Pferd, mit dem ich einen guten Kauf gemacht habe.«

»Und was wollen Sie jetzt von mir?« unterbrach ihn Siftly, und wieder sah er ihn mit dem drohenden Blick an.

»Sie fragen, woher Sie das Stück Gold bekommen haben.«

»Um mich nachher ebenfalls vor diese langweilige Jury zu bringen, he?«

»Habe ich nicht gesagt, daß ich selbst den Besitz des Goldes verleugnet habe?«

»Ach, ich vergaß!« lachte der Spieler. »Also nur für Ihre eigene Beruhigung wollen Sie die Frage beantwortet haben?«

»Ja.«

»Nun, den Gefallen kann ich Ihnen tun, wenn Sie das beruhigt. Ich glaube doch nicht, daß Sie wahnsinnig genug sind und mich etwa für den Mörder halten. Das Gold, das ich Ihnen an dem Morgen geborgt habe, habe ich am Abend vorher einem Mexikaner drüben im Cedar valley abgenommen.«

»Und kennen Sie den Mann?«

»Kennen? Woher soll ich ihn kennen? Ich habe auf sein Gold und seine Karten und Finger gesehen, nicht auf sein Gesicht. Weiß der Henker, diese Señores sehen sich alle ähnlich.«

»Aber dann«, rief Boyles, dem sich bei der Antwort eine Zentnerlast von der Seele wälzte, »kann man ja auch dem armen Teufel helfen, dem der Strick schon verdammt nahe am Hals sitzt. Wenn ich Hale...«

»Sie sind wohl verrückt«, rief Siftly finster. »Mich wollen Sie in diese Angelegenheit verwickeln, einem der verdammten Fremden herauszuhelfen? Nicht schlecht. Was glauben Sie wohl, wie ich den Mexikaner wieder auffinden soll, von dem ich das Gold bekommen habe? Soll ich mich so lange in Untersuchung herumschleppen lassen? Verdammt will ich sein, wenn ich's tue.«

»Aber Sie können doch nicht wollen, daß der Fremde unschuldig gehängt wird, Siftly?«

»Unschuldig? Wissen Sie, ob es unschuldig geschieht? Er ist doch einer der englischen Verbrecher, Räuber und Mörder, mit denen die Staaten überschwemmt werden. Ob er hier oder in San Francisco gehängt wird, ist egal. Ich versichere Ihnen aber, daß ich nicht bereit bin, für ihn einzutreten. Wenn Sie es wagen, dem Sheriff meinen Namen zu sagen, werden Sie auch die Folgen tragen.«

»Ich?«

»Wie wollen Sie mir beweisen, daß Sie das Gold von mir bekommen haben, he? Oder haben Sie etwa den Mississippisumpf schon ganz vergessen?«

»Siftly, an dem Tod des Mannes war ich unschuldig«, rief Boyles, und sein Gesicht wurde aschfahl. »Sie wissen das auch, Sie müssen das wissen, und hätte ich eine Minute früher von der Absicht des Mannes eine Ahnung gehabt, wäre es nicht geschehen, jedenfalls nicht in meiner Gegenwart.«

»Sie haben also den Tag doch noch nicht ganz vergessen?« lachte Siftly.

»Und wenn ich tausend Jahre alt würde«, stöhnte zusammenschaudernd der junge Mann. »Ich könnte ihn nicht vergessen.«

»Um so besser für Sie«, sagte Siftly trocken. »Der Mann war ein Verräter, und wenn Sie wissen, was für Sie gut ist, halten Sie den Mund und lassen die Welt ihren Gang gehen, den Sie nun doch nicht ändern können. Soviel verspreche ich Ihnen aber: Wenn Sie mit dieser wahnsinnigen Anklage gegen mich auftreten oder anderen nur einen Hinweis deswegen geben, dann fühle ich mich auch nicht länger gebunden zu schweigen. Und mit einem solchen Beweis gegen Sie wollen wir doch einmal sehen, für was sich die Jury entscheiden würde.«

»Aber Siftly, um Gottes willen!«

»Geh zum Teufel!« rief der Spieler. »Das sind Freunde, hahaha! Das Sprichwort stimmt wirklich, daß einer mit seinen Feinden eher fertig werden kann. Machen Sie, was Sie wollen. Dem Sheriff haben Sie schon gesagt, daß Sie das Gold nicht kennen und daß es der Fremde nicht von Ihnen erhalten hat. Jetzt gehen Sie wieder zu ihm und erzählen Sie ihm, es wäre Ihnen gerade eingefallen, daß ich der frühere Besitzer sein könnte, weil ich vor ein paar Tagen dumm genug gewesen war, Ihnen Gold zu borgen. Lassen Sie mich dann gegen Sie auftreten, und wir wollen dann doch einmal sehen, für wen sich die Jury am meisten interessieren wird. Unsere eigene Rechnung machen wir dann später miteinander ab.« Ohne auf eine Antwort des Mannes zu warten, griff er Sattel und Zaumzeug auf und trug alles in sein Zelt.

Boyles wartete noch eine Weile, aber der Spieler kam nicht zurück. So wollte er sich jedoch von dem Mann, den er weit mehr fürchtete als liebte, nicht trennen. Zögernd und unschlüssig, wie er immer war, betrat er endlich nach ihm das Zelt. Eine Viertelstunde blieb er drin, dann kamen die beiden heraus. Siftly hatte seinen linken Arm auf Boyles Schulter gelegt, und langsam gingen sie in die Stadt hinunter.

Überall standen hier einzelne Gruppen zusammen, die die Vorgänge des ereignisreichen Tages besprachen. Zuerst hatte man sich noch für die Mexikaner interessiert. Aber die hatten vielleicht befürchtet, daß die Amerikaner sie noch einmal mit einbrechender Nacht angreifen würden. Oder sie hatten sich auch geschämt und wollten nach ihrer heutigen Niederlage nicht länger hierbleiben. Jedenfalls waren kurz nach Mittag die letzten die Flat hinab in die Berge gezogen und keiner mehr von ihnen zu sehen. Seit sie verschwunden waren, nahm der gefangene Mörder des Amerikaners die Aufmerksamkeit der Leute in Anspruch. Daß er es wirklich war, daran zweifelte kein Mensch. Siftly trennte sich hier von Boyles und blieb bei verschiedenen Gruppen stehen, um zu hören, was über den Fall gesprochen wurde. Die Männer waren alle der Ansicht, daß die Jury am nächsten Morgen zusammentreten würde, und gegen Abend konnte man ihn dann hängen. Was nämlich die Auslieferung an das District Court betraf, so schwor Briars mit seinen Genossen, daß sie verdammt sein wollten, wenn das geschehen sollte. Sie wären hier Manns genug, um mit solch einem australischen Sträfling fertig zu werden. Wenn die Advokaten in dem District Court Futter wollten, sollten sie es sich selbst besorgen.

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