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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 65
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Hale hatte mit einiger Verwunderung die vorherigen Worte gehört, auch wenn er natürlich nicht den Sinn verstand. Jedenfalls mußten sich die beiden von früher kennen, und es entging ihm nicht, daß sich keiner besonders über das Wiedersehen freute. Aber was ging ihn das an? Die Frage des Alkalden war deutlich genug, und so antwortete er bündig:

»Sein Ankläger hier ist James Cook, ein redlicher Farmer aus den Staaten, für dessen Ehrbarkeit ich selbst Bürgschaft leiste.«

»Und was haben Sie gegen den Mann zu sagen, Mr. Cook?«

»Einfach das, Squire, daß ich in seinem Besitz dieses Stück Gold gefunden habe, das ich mit dem vor kurzem hier in der Nähe ermordet aufgefundenen Johns in Carltons Flat zusammen ausgegraben habe. Ich weiß, daß Johns es nie im Leben aus den Händen gegeben hätte, selbst nicht für den doppelten oder dreifachen Wert, denn er wollte es für seine Mutter aufheben oder ihr schicken.«

»Wie sind Sie in den Besitz des Goldes gekommen, Mr. Golway?«

»Die Frage scheint außerordentlich einfach zu sein«, antwortete der Gefangene. »Aber trotzdem fällt es mir schwer, sie zu beantworten. Gehen Sie hier in das Zelt eines Händlers, nehmen sie seinen Geldbeutel, aus dem Sie ein beliebiges Stück heraussuchen, und fragen Sie dann den Mann, von wem er gerade dieses Stück bekommen hat. Mit vollem Recht wird er sagen, daß er das nicht wisse. Ich kann nicht jedes einzelne Stück betrachten, das ich auf die Waage lege.«

»Sie sind kein Händler.«

»Nein, aber ich habe in den letzten Tagen, ehe ich meinen früheren Arbeitsplatz verließ, an verschiedene Leute meine Maschine, mein Handwerkszeug, mein Zelt und mein Bett, ja selbst verschiedene andere Kleinigkeiten verkauft und dafür von allen Gold bekommen. Der Tod dieses unglücklichen Mannes tut mir leid, aber ich selber bin völlig unschuldig daran, und nur ein Mißgeschick konnte diesen Verdacht gegen mich erregen. Allerdings verdenke ich es den Leuten nicht, daß sie mich deshalb zur Rede gestellt haben, aber lassen Sie auch die Sache damit abgetan sein. Ich bin weder Räuber noch Mörder, und möchte keine andere Vergünstigung, als meinen Weg so schnell wie möglich nach San Francisco fortsetzen zu können, damit ich mich schnell einschiffen kann.«

»Daran zweifle ich nicht«, nahm Hale jetzt das Wort. »Damit das aber nicht geschieht, haben wir Sie festgehalten, guter Freund. Cook ist bereit zu beschwören, daß dieses Stück Gold dem Ermordeten gehörte und noch vor wenigen Tagen in seinem Besitz war. Bis Sie uns nicht den Mann genannt haben, von dem Sie es bekommen haben, müssen wir Sie eben für den halten, der es ihm abgenommen hat.«

»Es ist auch genug amerikanisches Blut in Kalifornien vergossen worden«, fiel Cook ein. »Es wird Zeit, daß wir euch Fremden etwas schärfer auf die Finger sehen, als das bislang geschah. Selbst die ehrlichen Leute unter euch dürfen uns das nicht verübeln. Wo England und ganz Europa ihre Zuchthäuser nach Amerika ausleeren, haben wir Amerikaner, meine ich, das Recht, in jedem, der von dort kommt, etwas Ähnliches zu vermuten. An der Nase kann man es niemand ansehen, wie es in ihm aussieht. Finden sich dann noch solche Beweise, dann, denke ich, braucht es mehr als nur gute Worte, um einen solchen Vogel wieder fliegen zu lassen.«

»Trauen Sie mir eine solche Tat zu, Mr. Hetson?« fragte da der Gefangene und wandte sich fast unwillig an den Alkalden.

»Meine eigene Meinung kommt hier nicht in Betracht«, erwiderte Hetson. »Egal, ob Sie zu Ihren Gunsten oder Ungunsten ausfiele. Wir stehen hier auf kalifornischem Boden und unter kalifornischen Gesetzen, und denen müssen wir uns beide fügen. Alles, was in meinen Kräften steht, um Ihre Unschuld zu beweisen, will ich tun, wie das auch meine Pflicht ist. Sagen Sie mir also ehrlich, was Sie von dem Goldstück wissen und wen Sie zu Ihren Gunsten als Zeugen nennen können.«

»Alle, die für mich zeugen können, sind am Macalome«, antwortete Golway. »Ich könnte sie aber nicht nennen, denn nur von wenigen kenne ich überhaupt den Vornamen. Einen traf ich allerdings heute morgen in der Nähe der Stadt oben in den Hügeln. Aber er wollte sich hier nur ganz kurze Zeit aufhalten und ist sicher zu seinem alten Minenplatz zurückgekehrt.«

»Und wie heißt er?«

»Seinen Namen habe ich nie gehört. Ich weiß nur, daß er ein geborener Amerikaner ist.«

»Und Sie sind auch nicht imstande, die Leute genauer zu beschreiben, von denen Sie Gold für Werkzeug oder andere Sachen bekommen haben?«

»Wenn ich sie sähe, ja. Einer davon befindet sich sogar hier im Ort, und ich habe mein lahmes Pferd an ihn verkauft. Ich glaube fest, daß ich von ihm das Stück erhalten habe, denn ich weiß noch, daß er mir grobkörniges Gold gab. Ich war allerdings nicht in der Stimmung, besonders darauf zu achten. Ich konnte ja nicht ahnen, daß es solche Folgen haben würde.«

»Und dessen Namen kennen Sie auch nicht?«

»Nein. Wer fragt hier einen anderen nach dem Namen, wenn man einen Handel abschließt? Hätte der Mann das Gold auf unredliche Weise bekommen, so würde er doch leugnen, und ich wäre nicht in der Lage, meine Aussage zu beschwören.«

»Aber Sie wissen doch ungefähr, wie er aussah und wo er arbeitet?« sagte Hale, der nach diesen so allgemein gehaltenen Antworten nicht mehr daran zweifelte, den wirklichen Mörder vor sich zu haben. Nur die Leute wollte er jetzt auffinden, die der Engländer angab, um mit deren Aussagen ihn um so sicherer zu überführen.

»Er sah aus wie alle Leute, die hier in den Minen herumhacken«, sagte Golway finster, »und arbeitete gleich drüben am Berghang, wo die Büsche noch eine Strecke in das Tal hinablaufen. Ein schmaler Reitpfad führt von da in dieses Camp, und ganz in der Nähe arbeiten auch mehrere Neger.«

»Oh, ich weiß schon. Ihr Pferd war lahm, sagten Sie?«

»Ja, es hatte sich an einem trockenen Ast die Haut und das Fleisch des Vorderbeins aufgerissen. Ein braunes Pferd, das linke Hinterbein über den Fesseln weiß und mit einem weißen Stern auf der Stirn.«

»Na, das ist aufzufinden«, sagte Hale. »So viele lahme Pferde wird es im Paradies nicht geben. Aber wie bekommen wir die Zeugen vom Macalome herüber, wenn Sie nicht in der Lage sind, Ihre Namen zu nennen?«

»Geben Sie mir jemand mit, und ich will selber...«

»Ja, kann ich mir denken!« rief der Sheriff. »jetzt, wo die Gegend von Indianern wimmelt. Ich weiß nicht einmal, ob wir einen Boten finden würden, der hinüberreiten möchte.«

»Was können die auch helfen«, sagte Cook. »Höchstens bezeugen, daß er drüben gearbeitet hat. Denn daß er den Platz nicht einmal für einen halben Tag oder in der Nacht verlassen hat, wird keiner beschwören können.«

»Und wie bewachen wir den Burschen jetzt?« wollte Hale wissen. »Lange können wir ihn nicht halten, und Gefängnisse haben wir auch nicht.«

»Wir können nichts weiter tun, Mr. Hale«, sagte der Alkalde, »als an Ort und Stelle erst den Tatbestand festzustellen und die Zeugen zu vernehmen. Halten wir ihn dann für schuldig, dann müssen wir ihn an das District Court abliefern, die sein Urteil sprechen wird. Mir steht kein Recht über Leben und Tod zu.«

»Aber der Jury steht es zu«, rief Cook wild dazwischen. »Glauben Sie, wir werden den Mörder eines so ehrlichen, anständigen Mannes den Advokaten nach Golden Gate oder San Francisco hinüberschicken, damit sie ihn dort vielleicht wieder laufenlassen?«

»Sie werden tun, Sir«, sagte der Richter ernst, »was Ihnen die Gesetze gebieten.«

»Wenn Sie das glauben, dann kennen Sie die Kalifornier noch nicht. Aber verdammt will ich sein...«, sagte Cook lachend.

»Ruhig, Cook«, unterbrach ihn Hale. »Die Sache geht jetzt ihren Gang, und daran können Sie nichts ändern, ob Sie den lieben Herrgott oder den Teufel zu Hilfe holen. Die Hauptsache ist jetzt, den Burschen so zu bewachen, daß er nicht auskneifen kann.«

»Ich werde nicht fliehen«, antwortete der Gefangene ruhig.

»Das ist sehr schön, aber auf diese Zusicherung möchte ich nicht bauen. Noch etwas zu sagen, Mr. Hetson?« meinte der Sheriff.

»Nein, Sie sorgen dafür, daß dem Gefangenen nichts fehlt.«

»Er soll zu essen und zu trinken haben.«

»Und daß er nicht beleidigt wird...«

»Er steht unter meiner Obhut«, sagte Hale finster. »Solange wir nicht wissen, ob er schuldig ist, werde ich ihm die Burschen schon vom Leibe halten.«

»Und wo wollen Sie ihn bewachen?«

»In meinem eigenen Zelt. Freiwillige Wachen werden sich schon dazu finden.«

»Es ist gut. Noch einmal, Mr. Golway. Es tut mir leid, Sie in solcher Lage zu sehen, aber...«

»Tun Sie Ihre Pflicht«, sagte Golway, »mehr verlange ich von Ihnen nicht.«

»Sonst noch etwas, Squire?« fragte der Sheriff.

Mr. Hetson schüttelte den Kopf, und die beiden Männer führten den Gefangenen weg, um ihn in das Zelt des Sheriffs zu bringen, bis die Jury zusammengerufen wurde.

Doktor Rascher hatte dem Verhör schweigend, aber aufmerksam zugehört. Jetzt erst, als die Männer das Zelt verlassen hatten, wandte er sich an Hetson.

»Mr. Hetson, meine feste Überzeugung sagt mir, daß der Mann unschuldig ist.«

»Und das Gold?«

»Wie leicht kann das bei solchen Verkäufen durch den wirklichen Verbrecher oder die zweite und dritte Hand in seinen Besitz gekommen sein. Halten Sie den Mann, den Ihre Frau einmal heiraten wollte, für fähig, eine solche Tat zu begehen?«

»Die Frage hat er schon selbst an mich gerichtet«, sagte Hetson. »Wer will aber in ein Menschenherz sehen?«

»Sie haben das getan«, sagte der alte Mann überzeugt. »Sie so gut wie ich. Sie sind überzeugt, daß er das Verbrechen nicht begangen hat, nicht begehen konnte, und Sie müssen alles, was in Ihren Kräften steht, tun, um ihm die notwendigen Beweise zu verschaffen, wenn nicht Ihr ganzes späteres Leben ein einziger Vorwurf, ein Leben bitterer Reue werden soll.«

»Er untersteht dem Gesetz«, sagte Hetson finster.

»Das tun wir alle«, erwiderte der Doktor. »Ihnen brauche ich doch wohl kaum zu sagen, wie es mit den Gesetzen hier in Kalifornien steht, und wie die aufgeregte Menge im wilden Aufruhr Gesetz und Ordnung unter die Füße tritt, wenn sie glaubt, daß diese Gesetze ihr störend im Wege sein könnten. Ich erinnere mich zu gut an die langen Jahre in den Staaten, wo ich Zeuge der willkürlichen Lynchgesetze war.«

Hetson hatte sich in einen Stuhl geworfen und stützte sich auf den linken Ellbogen. Dabei sah er finster auf den Tisch. Er hörte nicht, wie seine Frau leise wieder in das Zelt trat und auf ihn zuging. Erst als sie ihre Hand leicht auf seine Achsel legte und seinen Namen flüsterte, hob er langsam seine Hand, die sie ergriff. Aber er drehte nicht seinen Kopf zu ihr um.

»Frank«, sagte seine Frau mit flüsternder, angstbebender Stimme. »Ich habe alles gehört, die dünne Zeitwand ist nur ein schwacher Schutz gegen das laute, zornige Wort der Männer. Sie haben Böses mit dem Unglücklichen im Sinn, und du, du wirst ihn nicht schützen können.«

»Und wenn er den Mord wirklich verübt hätte?« sagte Hetson, ohne sie anzusehen.

»Frank, um Gottes willen, diese Frage meinst du nicht im Ernst«, bat ihn seine Frau in Todesangst.

»Man hat ein Goldstück bei ihm gefunden, das dem Toten gehörte!«

»Und wenn ein Engel vom Himmel käme und sagen würde, er wäre schuldig, ich sage nein, nein, und tausendmal nein«, rief Jenny in wilder Leidenschaft.

»Jenny!« rief Hetson und stand erstaunt auf. »Du bist ja völlig außer dir.«

»Mrs. Hetson, bitte fassen Sie sich!« sagte auch Doktor Rascher.

»Warum?« rief Jenny in ihrer Aufregung. »Mußte ich meinem Herzen denn nicht lange genug Gewalt antun all diese langen Jahre? Kannte ich einen anderen Gedanken als den Frieden dieses Mannes, einen anderen Seelenwunsch, als ihn glücklich zu sehen und ihn von der unglücklichen Wahnvorstellung zu heilen, die ihn lähmte? Selbst in diese Wildnis zwischen Menschen, vor deren Roheit sogar die Indianer zurückweichen, bin ich ihm gefolgt. Aber alles hat seine Grenze, auch das Leben. Es gibt einen Punkt, der mich zum Wahnsinn treibt, es gibt eine Stelle in meinem Herzen, die man tödlich treffen kann. Davor warne ich, denn für die Folgen kann ich nichts.«

»Also liebst du deinen früheren Verlobten noch immer?« sagte Hetson, und seine Stimme klang hohl, fast geisterhaft.

»Lieben«, wiederholte leise und matt seine Frau, und der ausgestreckte Arm sank an ihrer Seite herunter. »Lieben? Ja, wie man einen Toten liebt. Aber ich will ihn nicht noch einmal vor meinen Augen ermordet sehen«, setzte sie rascher und heftiger hinzu. »Spiele nicht mit den Gefühlen, Frank, die Gott uns ins Herz gelegt hat. Dieser Mann war meine erste, heiße Liebe. Und wenn ich auch das Gefühl selbst mit der Wurzel aus der eigenen Brust gerissen habe, so blieben doch die feinen Fasern, die es früher genährt haben, darin zurück. Ich habe auf ihn verzichtet und freue mich über deine Liebe, Frank, und nicht der Schatten seines Bildes soll zwischen uns stehen. Aber du kannst nicht verlangen, daß ich ihn vergessen soll, du kannst nicht glauben, daß ich seinem Mörder...«

»Jenny!« schrie Hetson erschrocken und streckte die Hand aus.

»Es ist gut«, sagte seine Frau kurz abbrechend. »Gott will uns nicht mehr auferlegen, als wir tragen können, und tut er es doch, dann liegt ja gerade in der Krankheit auch die Heilung für alles Leid.«

»Beruhigen Sie sich, Mrs. Hetson«, bat Doktor Rascher. »Ist Mr. Golways wirklich unschuldig, woran ich selbst nicht zweifle, dann muß er für sein Leben oder seine Freiheit nichts befürchten. Zufällige Umstände sprechen aber gegen ihn, und von denen muß er, auch der Öffentlichkeit gegenüber, gereinigt werden. Wir können ruhig dem Ende der Untersuchung entgegensehen, und daß alles geschehen soll, um dem Fremden hier gerecht zu werden, dafür lassen Sie mich und Ihren eigenen Mann sorgen.«

Als Jenny nicht mehr sprach, war Hetson in seine alte Stellung zurückgesunken, und Jenny wollte sich noch einmal an ihn wenden. Rascher bat sie aber durch ein Zeichen, ihn jetzt allein und ungestört zu lassen. Mit einem tiefen Seufzer fügte sie sich der Bitte und drückte seine Hand. Langsam verließ sie den vorderen Teil des Zeltes, um sich in ihren eigenen Bereich zurückzuziehen.

»Mein lieber Hetson«, sagte Doktor Rascher, als sie hinter der Leinwand verschwunden war. Hetson unterbrach ihn aber. Nicht unfreundlich streckte er ihm die Hand entgegen und sagte leise:

»Bitte, lassen Sie mich jetzt einen Augenblick allein, lieber Doktor. Ich muß mich erst einmal sammeln und mit mir ins reine kommen, ehe ich mich anderen Eindrücken hingeben kann. Sie nehmen mir das nicht übel, nicht wahr?«

»Ich kann Sie in keiner besseren Gesellschaft lassen«, sagte der alte Mann herzlich. »Das Edle und Gute, das Sie so reichlich in Ihrem Herzen haben, wird bei einer Selbstbetrachtung leicht die Oberhand über die bösen Träume und Gedanken gewinnen. Wenn ich wiederkomme, hoffe ich, daß Sie mir froh entgegentreten können.«

Hetson erwiderte nichts darauf. Als der Doktor das Zelt schon lange verlassen hatte, ja, als schon der Abend seine Dämmerschatten über das Tal warf, saß der Mann noch immer, den Kopf in der Hand, den Ellbogen auf den Tisch gestützt, und starrte still vor sich hin.

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