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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 64
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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26. Die Begegnung

Doktor Rascher hatte sich dem Tumult nicht weiter genähert. Dieses wilde Toben und Wüten der Burschen war ihm unangenehm und paßte nicht zu seinem ruhigen, friedlichen Wesen. Er wunderte sich nur, daß die Leute in dem großen und fast noch wilden Land nicht einmal freundschaftlich nebeneinander wohnen konnten. Platz genug gab es doch für jeden, um sich nach Belieben auszubreiten. Er dachte aber gar nicht daran, sich in die Auseinandersetzungen einzumischen, er hatte schon mehr Aufregung gefunden, als ihm lieb war. Hetson kam bald zurück, und mit ihm ging er jetzt zum Zelt des Alkalden. Er wollte nicht nur die ihm lieb gewordenen Menschen begrüßen, sondern auch als Arzt den durch ihn begründeten und jetzt wieder bedrohten Frieden sichern.

Hetson überflog mit einem Blick das Zelt, als sie eintraten. Mrs. Hetson beugte sich tröstend über Manuela, die weinend neben ihr auf dem Boden saß. In der entferntesten Ecke saß Don Alonso, ein Bild der Wut und der Scham. Erschrocken fuhr er auf, als er die Männer erkannte, die ihn so gesehen hatten. Auch Manuela richtete sich rasch empor und wollte schon den Raum verlassen, als sie Doktor Rascher erkannte. Aber auch Mrs. Hetson hatte ihn gesehen, strahlte vor Freude und lief ihm entgegen.

»Sie sendet uns Gott, seien Sie uns tausendmal willkommen!«

»Was ist geschehen?« rief Hetson, dem die Stimmung der Anwesenden nicht entgangen war. Doktor Rascher nahm beide Hände der Frau und schüttelte sie herzlich.

»Laß das doch jetzt«, wehrte Jenny ab, die den auf Manuela gehefteten Blick sah. »Nachher. Du sollst und mußt alles erfahren. Vorher aber, Frank, laß mich dir in Gegenwart dieses Mannes eine Mitteilung machen, für die du nicht unvorbereitet sein kannst, die aber...«

»Ich weiß schon alles«, sagte ihr Mann ruhig. Der forschende, strenge Blick, mit dem er sie ansah, trieb ihr das Blut mit einem Schlag in das Gesicht hinauf.

»Du weißt?« rief sie rasch und erstaunt. Aber ein Gedanke tauchte in ihr auf, und fast erschrocken setzte sie hinzu: »Durch diesen Siftly?«

Hetson wandte den Blick nicht ab, sondern nickte nur schweigend. Seine Frau mußte sich erst sammeln. Sie befürchtete in dem wilden Blick ihres Mannes, die Krankheit wieder ausbrechen zu sehen. Aber bald fand sie die nötige Ruhe wieder, und mit leiser, fast vorwurfsvoller Stimme fuhr sie fort:

»Wenn er dir alles mitgeteilt hat, hat er dir da auch gesagt, daß Charles Golway an dieser Küste, die er sonst nie im Leben betreten hätte, nur durch deine eigene Schuld gelandet ist?«

»Durch meine Schuld?« rief Hetson, durch diese Anklage überrascht.

»Durch deine Schuld«, wiederholte seine Frau. »Wie sehr hatte ich dich damals in Chile gebeten, unser Reiseziel nicht zu verheimlichen! Dein Argwohn, leugne es nicht, deine Fieberträume haben mir alles verraten, dein unglückseliger Argwohn sah einen anderen Grund darin. Du hattest Sorge, ich wollte absichtlich meinem früheren Verlobten eine Spur hinterlassen, damit er mir sicher folgen konnte. Nur dein Mißtrauen hat ihn hierhergebracht. Nach den Berichten, die er in Valparaiso erhielt, glaubte er uns unterwegs nach Australien. So war er vollkommen sicher, uns in Kalifornien nicht zu begegnen, in diesem Menschenstrom, der sich hier zusammenzog.«

»Sie hören die Bestätigung dessen, was ich Ihnen schon lange vorher gesagt habe, lieber Mr. Hetson«, fiel hier der alte Doktor Rascher ein. »Der Gefahr waren Sie ausgesetzt, wenn Sie es mit einem ehrlichen und aufrichtigen Mann zu tun hatten, und einen Schurken brauchten Sie nicht zu fürchten. Es mußte ein anständiger Mann sein, den Mrs. Hetson früher geliebt hatte.«

»Und was soll jetzt geschehen?« flüsterte Hetson, in dem die Gefühle durcheinanderwirbelten. »Was ist zu tun, um das Unheil abzuwenden, das uns durch seine Nähe droht?«

»Zu tun?« sagte seine Frau mit einem wehmütigen Lächeln um die schmerzhaft zusammengezogenen Lippen. »Uns bleibt da nichts zu tun, Frank. Was überhaupt geschehen konnte, hat er selbst schon getan. Er will weg von hier, und wahrscheinlich trägt ihn eben schon sein Pferd weit, weit weg von uns, um nie wieder unseren Pfad zu kreuzen.«

»Das gebe Gott«, flüsterte Hetson leise vor sich hin, »das gebe Gott.«

»Ich habe das nicht anders erwartet«, sagte Rascher ruhig. »Deshalb, Mr. Hetson, waren auch alle Ihre bisherigen Befürchtungen, die zuletzt sogar die Form einer gefährlichen Krankheit annahmen, so grundlos, ja, fast selbstmörderisch. Sie vernichteten unnötigerweise Ihr eigenes Glück, Ihren eigenen Frieden.«

»Und wo hast du ihn getroffen?« flüsterte der Mann jetzt mehr, als er sprach, und sah seine Frau wieder an.

»Auf dem Berg oben. Ich bin mit Manuela dorthin gegangen, um den wundervollen Morgen zu genießen«, antwortete Jenny ruhig.

»Aber du hast früher unser Zelt nie so weit verlassen!«

»Allerdings, aber gerade deshalb lockte uns die reine, frische Luft auf die Höhen, um die Aussicht in das Tal zu genießen. Keiner von uns hatte eine Ahnung, daß die Gegend so unruhig war und so viele Indianer dort umherstreiften.«

Wieder schwieg ihr Mann, doch es war offensichtlich, daß er noch eine andere Frage auf dem Herzen hatte, die er nicht aussprechen wollte. Aber er konnte sie auch nicht zurückhalten, er mußte Klarheit in dieser Sache haben. Mit entschlossener, aber doch scheuer Stimme sagte er endlich:

»Und... hattest du... hattest du vorher keine Ahnung, Jenny, daß du... daß du diesen Mann dort oben treffen würdest?«

»Frank, um Gottes willen«, rief die Frau erschrocken aus. »Die Frage kommt nicht aus deinem eigenen Herzen. Den Argwohn hat ein anderer, uns beiden feindlicher Mann gesät. Bin ich denn auch nur ein einziges Mal unaufrichtig zu dir gewesen? Habe ich je ein einziges Geheimnis nur kurze Zeit vor dir gehabt?«

»Auch Manuela wußte nichts von ihm?« fuhr aber Hetson fort, den trüben Becher bis auf den Satz ausleerend.

»Manuela?« sagte Jenny, und ein bitteres Gefühl beschlich sie zum ersten Mal. »Du bist ein Meister der Kunst im Peinigen. Aber ich will auch diese Frage einfach beantworten. Nein – bei meinem Wort –, sie wußte nichts. Bist du jetzt zufrieden?«

Hetson schwieg, und fast unwillkürlich suchte sein Blick Manuela, die zitternd neben der Freundin stand.

»Aber was ist hier vorgegangen?« rief er jetzt, indem sein Blick von dem Mädchen zu ihrem Vater hinüberflog. »Was ist geschehen? Manuela hat geweint, als ich in das Zelt kam.«

»Der Mann«, sagte Jenny mit fester, entschlossener Stimme, »den du deinen Freund nennst, ist ein Schuft.«

»Siftly?«

»Das ist sein Name«, lautete die fest und bestimmt gegebene Antwort. »Auf schlaue, teuflische Weise hat er den alten Mann wieder gelockt. Als er ihm die wenigen Dollars abgenommen hatte, die er sich mit schwerer Arbeit draußen erarbeitet hatte, brachte er ihn soweit, daß er in seiner furchtbaren Spielleidenschaft seine Tochter einsetzte.«

»Manuela?« rief Hetson erschrocken.

»Manuela«, bestätigte seine Frau, während ihr der Zorn die feinen Lippen fester zusammenzog. »Du weißt, wie sie unter der entwürdigenden Behandlung in dieser Spielhölle gelitten hat, wo sie als Lockvogel für die wüste Schar spielen mußte. Um dem zu entgehen, zog sie mit uns hierher und fühlte sich glücklich in dem stillen Leben. Jetzt hat ihr eigener Vater das einzige Kind verspielt, damit sie diesem Teufel in Menschengestalt wieder dient.«

»Ich verstehe das nicht...«, rief Hetson erstaunt.

»Sie soll für ihn einen Monat lang jeden Abend zwei Stunden in seinem Zelt spielen. Das verlangt er, und er glaubt, das Recht dazu zu haben.«

»Und Manuela?«

»Will eher sterben, als ihm gehorchen.«

Während sie sprach, war Don Alonso langsam von seinem Sitz aufgestanden. Wenn er auch nur gebrochen Englisch sprach, verstand er doch gut genug. um was es sich handelte. Jetzt trat er an die Seite des Amerikaners, der ihn finster ansah. Er ergriff seinen Arm und sagte mit leiser, bewegter Stimme in seiner eigenen Sprache:

»Señor, Ihre Frau hat Ihnen die Wahrheit gesagt. Aber glauben Sie mir bei allem, was Sie auf und über der Erde für heilig halten, dieser Mann hat falsch gespielt.«

»Ist das eine Entschuldigung, Señor?« sagte der Amerikaner. »Macht das die Tat, mit der Sie Ihre Tochter leichtsinnig wieder in das alte Elend stoßen, weniger verächtlich?«

»Das wollte ich damit nicht sagen«, stöhnte der alte Mann und schlug verzweifelt die Hände zusammen. »Ich wollte nur diesem furchtbaren Land entfliehen. Mit den dreihundert Dollar, die er dagegen setzte, hätte ich meine Heimat mit meinem Kind wieder erreicht.«

»Und jetzt?« fragte Hetson kalt.

»Gott allein weiß es«, stöhnte der Unglückliche und bedeckte das fahle Gesicht mit den Händen.

»Spricht das Gesetz dem Spieler das Mädchen zu?« erkundigte sich besorgt Doktor Rascher, während Manuelas Blicke an den Lippen des Richters hingen, als ob sie von ihm ihr Todesurteil erwarte.

»Wie alt ist Manuela?«

»Achtzehn Jahre.«

Wieder schwieg der Alkalde, und eine peinliche Stille herrschte in dem Raum.

Da richtete sich Don Alonso noch einmal auf. Wieder faßte er den Arm des Amerikaners und sagte mit heiserer, von innerer Bewegung fast erstickter Stimme:

»Señor, was ich in dieser Nacht gelitten habe, könnte ich Ihnen nicht schildern, auch wenn ich es versuchen wollte. So, wie ich den Morgen erwartet habe, muß dem Verdammten zumute sein, auf den der Henker mit Sonnenaufgang wartet. Ich habe geweint und gebetet, aber ich habe auch den festen Vorsatz gefaßt, von diesem Tag an nie wieder eine Karte zu berühren. Bitten Sie Ihren Landsmann für mich, daß er mir diesmal den Satz erläßt. Ich will vom Morgengrauen bis in die späte Nacht arbeiten, um ihm die dreihundert Dollar zu bezahlen, die er, wenn auch nur zum Schein, gegen mich gewagt hat. Ich weiß, er hat mich betrogen, aber vor den Augen der Welt bin ich sein Schuldner.«

»Vater!« rief die Tochter, flog in seine Arme und barg krampfhaft schluchzend ihren Kopf an seiner Brust. »Vater, mein lieber, lieber Vater!«

Wilder Lärm vor dem Zelt schreckte sie auf, und als sich alle umdrehten, warf Hale plötzlich die Leinwand zurück.

»Tut mir leid, wenn ich störe, Ladies«, sagte er dabei. »Aber die Sache läßt sich nun einmal nicht ändern. Squire, wir bringen einen Mann, den wir im dringenden Verdacht haben, daß er den armen Johns erschlagen und beraubt hat. Hier, Sir, treten Sie vor, und wenn...«

»Charles!« stieß Jenny in einem fast gellenden Schrei aus und mußte sich an der Lehne des nächsten Stuhles festhalten, um nicht in die Knie zu sinken.

Hetson zuckte bei dem Namen zusammen, als hätte ihn eine Kugel getroffen. Aber in seinen fast marmorbleichen Gesichtszügen zeigte sich nicht die geringste Veränderung. Nur sein kaltes, dunkles Auge glitt forschend von seiner Frau zu dem Angeklagten und haftete auf ihm, als ob er das Bild für immer in sich aufnehmen wollte. Auch der Gefangene war blaß, aber er begegnete fest und ernst, fast traurig dem Blick des Richters, und beide Männer standen sich so eine Zeitlang gegenüber.

Eine Anzahl Miner wollte in ihrer unbekümmerten Art in das Zelt nachdrängen. Hale wies sie aber zurück, konnte jedoch nicht verhindern, daß einige den Zelteingang emporhoben, um einen Blick in das Innere zu werfen. Da endlich wandte sich Hetson an seine Frau und sagte ernst, aber nicht unfreundlich:

»Jenny, du wirst einsehen, daß hier in diesem Augenblick kein Platz für Frauen ist. Sei so gut und zieh dich mit Manuela zurück.«

»Hältst du Charles Golway für einen Mörder, Frank? Kannst du nur annehmen, daß er dazu fähig wäre?« fragte seine Frau, wenn auch mit unterdrückter, doch dringend mahnender Stimme.

»Er wird Gerechtigkeit bekommen«, sagte der Richter kalt. »Ist er wirklich schuldlos, so hat er genausowenig von uns zu befürchten, als wenn er vor einem Gericht seines Landes stände. Wäre er aber schuldig, dann müßte er die Strafe erleiden, und wenn ich meinem eigenen Bruder gegenüberstände.«

Seine Frau zögerte noch. Es war, als ob sie sich von der Stelle, auf der sie stand, nicht losreißen könnte. Aber sie fühlte auch, daß ihre Gegenwart nicht nur überflüssig war, sondern sogar störend wirken könnte. Sie ergriff Manuelas Hand und verließ mit ihr die vordere Zeltabteilung, ohne sich noch einmal umzusehen.«

»Mr. Hetson«, sagte der Gefangene, der ihnen mit dem Blick folgte, bis die Leinwand hinter ihnen herunterfiel. »Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, daß unsere Begegnung unfreiwillig geschieht. Ihr eigener Sheriff wäre dafür mein bester Zeuge. Ich versichere Ihnen aber, daß es mir sehr leid tut, Ihren Frieden hier gestört zu haben, auch wenn das ganz zufällig geschah. Ohne diesen unglückseligen Zufall – ein Zusammentreffen von Umständen – würde ich jetzt auf meinem Pferd nach San Francisco reiten.«

»Das ist wenigstens verdammt ehrlich gesprochen«, sagte Cook. »Es wird die ganze Geschichte nur vereinfachen. Daß er gern ausgekniffen wäre, kann ich beschwören.«

»Mr. Golway – so heißen Sie doch?« sagte ruhig der Richter, der eine eiserne Ruhe zeigte. Der Engländer verbeugte sich leicht.

»Charles Golway«, sagte er fest.

»Charles!« flüsterte Hetson leise vor sich hin. Aber nur für einen Augenblick lenkte ihn der Name von seinem Ziel ab. Mit vollkommen ruhiger Stimme setzte er gleich darauf hinzu:

»Mr. Golway, ich muß Ihnen nicht verhehlen, daß mir nach allem, was geschehen ist, ein solches Zusammentreffen mit Ihnen sehr schmerzhaft ist. Trotzdem bin ich als Alkalde dieses Distrikts gezwungen, meine Pflicht zu tun, und Sie werden erlauben, daß ich dabei dem Geschäftsgang folge.«

Der Gefangene nickte, und der Alkalde wandte sich an Hale.

»Was veranlaßte Sie, einen so schweren Verdacht gegen diesen Fremden zu schöpfen, Sheriff, und wer ist sein Ankläger?«

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