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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 63
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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»Das ist nicht gerade eine Empfehlung für den Alkalden«, brummte Cook. »Aber wozu brauchen wir dabei den Alkalden? Mit den Gesetzen können wir ihnen doch nichts anhaben, das wissen die Halunken recht gut. Das einzige, was wir tun können, ist, daß wir einmal kurzen Prozeß mit ihnen machen. Sehen Sie nicht das Unheil, das sie heute wieder anrichten werden, wenn sie mit den Indianern zusammentreffen? Kann man es den von allen Seiten mißhandelten Rothäuten verdenken, wenn sie Rache nehmen, wo sich nur eine Gelegenheit bietet? Was würden wir an ihrer Stelle tun, Hale? Hol's der Teufel, ich glaube, ich würde jeden Weißen erschießen, den ich finde, um das Blut meiner Leute zu sühnen. Kalifornien wird einmal ein großes und mächtiges Land werden, da besteht kein Zweifel. Aber wir werden mehr Arbeit haben, die schlechte Bevölkerung, die schon da ist, auszurotten, als eine gute, ackerbautreibende herüberzuziehen.«

»Kein Wunder«, sagte Hale, »denn die ganze Welt schickt uns ja in diesem Augenblick ihre Abenteurer und nichtsnutzen Subjekte, vielleicht sogar ihre Verbrecher herüber. Man kann wirklich keinem Fremden mehr trauen, denn wer kennt ihre Vergangenheit? Aus San Francisco habe ich gestern Briefe bekommen, daß sie einer Bande Engländer oder Irländern auf der Spur sind, die wahrscheinlich aus Australien hierher geflüchtet sind. Die Gerichte in San Francisco sind zu schwach, um gegen sie einzuschreiten, die Anwälte fast alle käuflich und die Richter auch.«

»Natürlich, sie sind alle herübergekommen, um Gold zu graben – jeder auf seine Weise«, sagte Cook. »Die, die es nicht mit Spaten und Hacke können, versuchen es mit der Feder. Hol die Tintenkleckser der Teufel, wir müssen einmal bei ihnen richtig aufräumen!«

»Unseren Alkalden nehmen Sie aber hoffentlich aus«, lachte Hale. »Alle Wetter, Respekt vor ihm, denn wie er sich heute gegen die Mexikaner benommen hat, macht es ihm kein Hinterwäldler vor. Aber wo wollen Sie mit Ihrem Pferd hin? Weg?«

»Nein«, sagte Cook. »Ich habe es nur vorhin eingefangen und muß sehen, wo ich es hier unterbringe, bis sich die Indianer etwas beruhigt haben oder wieder weitergezogen sind. Sie machen sich sonst noch ein Vergnügen daraus und schießen ihm ein Dutzend Pfeile auf den Pelz oder essen es sogar bei einer ihrer Festlichkeiten, wenn es auch einen verdammt zähen Braten abgeben würde. Wer ist denn der Mann, der da drüben steht und uns schon eine ganze Weile aufmerksam betrachtet?«

Hale drehte den Kopf langsam um. »Ich kenne ihn nicht. Jedenfalls ein Fremder, er sieht aber nicht wie ein Amerikaner aus, eher wie ein Engländer. Ich denke, er will etwas von uns, denn er kommt auf uns zu.«

Der Sheriff hatte recht. Der Fremde hatte eigentlich nicht die Männer angesehen, sondern nur das Pferd betrachtet. Er kam wirklich heran, grüßte die beiden und sagte zu Cook:

»Würden Sie das Pferd verkaufen, Sir?«

»Verkaufen?« antwortete Cook. »Hier in den Minen kann man fast alles kaufen, vorausgesetzt, daß man einen ordentlichen Preis nennt, warum nicht auch das Pferd?«

»Und was wollen Sie dafür haben?«

Cook besann sich einen Moment. So erfreut er gerade jetzt über das Angebot war, überlegte er sich doch erst die Antwort, damit er nicht weniger forderte, als der Käufer bereit war zu geben. Endlich sagte er:

»Ich denke, wenn Sie acht Unzen geben, machen Sie einen brillanten Handel, ohne Sattel und Zaumzeug natürlich.«

»Acht Unzen sind viel Geld für ein altes Pferd. Ich brauche es nur, um nach San Francisco zu reiten.«

»Darunter möchte ich es nicht weggeben«, meinte Cook. »Ich hätte noch eins, das ich billiger abgeben könne. Der Racker grast aber irgendwo in den Hügeln, und wo jetzt so viele Indianer herumstreifen, ist es schlecht, nach ihm zu suchen. Wenn Sie einige Tage warten wollen, kann ich das vielleicht suchen.«

»Ich möchte heute fort, wenn ich ein passendes Tier finden kann«, erwiderte der Fremde. »Würden Sie nicht auch sieben dafür nehmen?«

»Ich will Ihnen was sagen, Fremder. Wenn Sie ein Tier brauchen, ist das für Sie spottbillig. Wenn Sie keins brauchen, ist es um zwei zu teuer. Fordern und bieten macht aber Kaufleute. Wollen Sie sieben und eine halbe geben, ist es Ihrs. Sie bekommen dafür ein gesundes, munteres Pferd, das Sie trotz seines Alters von neun Jahren an einem Tag nach Stockton trägt.«

»Glauben Sie wirklich?«

»Sie dürfen sagen, William Cook hat gelogen, wenn es nicht wahr ist.«

»Gut, dann kommen Sie mit in das nächste Zelt, damit ich das Gold da abwiegen kann.«

»Ist nicht nötig«, meinte der Amerikaner. »Haben Sie Ihre Waage nicht dabei?«

»Doch, natürlich.«

»Gut, ich auch. Wiegen Sie es mir vor, und ich wiege es nach. Wenn wir beiden damit zufrieden sind, geht es die Händler nichts an. Deren Gewichte kann überhaupt der Teufel holen. Wenn sie Ihnen sieben Unzen drauflegen, können Sie sicher sein, daß sie acht herunternehmen, und ich will Sie nicht betrügen.«

Der Fremde betrachtete sich noch einmal das Pferd, mit dessen Aussehen er zufrieden schien. Dann ging er zu einem ziemlich großen Stein, um die verlangte Summe abzuwiegen.

»Das ist jedenfalls ein Engländer, dem es zu warm bei uns wird«, flüsterte Hale dem anderen zu, während sie ihm langsam folgten.

»Kann sein«, antwortete Cook. »Er hat so was in der Aussprache. Ich glaube, er war mehr auf der See als auf dem festen Land zu Hause. Na, mit dem Alten hier bekommt er ein sicheres Tier, das ihn weder abwirft noch mit ihm durchgeht – wenn er ihm die Hacken nicht zu fest in die Seiten drückt.«

Der Fremde hatte inzwischen das Gold auf seiner kleinen Waage abgewogen und auf ein Papier geschüttet, als Cook mit Hale zu dem Stein trat, um es zu übernehmen. Er fand es richtig abgewogen.

»Hübsches, grobes Gold«, sagte er dabei. »Wo haben Sie das gegraben?«

»Drüben am Macalome«, lautete die Antwort, »wenigstens teilweise, denn manches habe ich auch für verkaufte Werkzeuge, Zelt und andere Sachen bekommen. Sie sind so gut und warten hier einen Augenblick mit dem Pferd, bis ich meinen eigenen Sattel und Zaumzeug hergeholt habe. Ich habe die Sachen da drüben in dem Zelt liegen.«

»Gut, Fremder«, sagte Cook, der das Gold in seinen eigenen Beutel schüttete. Ein einzelnes Stück behielt er aber unbemerkt in der Hand. Er sah dabei den Engländer einen Augenblick starr und forschend an und schien noch etwas sagen zu wollen – aber er schwieg. Mit einem leichten Kopfnicken ging der andere zu dem Zelt.

»Also, good-bye, Cook«, sagte Hale und hielt ihm die Hand hin. »Jetzt sind Sie die Sorge um Ihr Pferd los.«

»Ich weiß es noch nicht«, flüsterte der, und der Sheriff sah ihn erstaunt an. Im nächsten Augenblick rief er: »Was, zum Teufel, ist los, Mann? Sie sehen auf einmal käseweiß im Gesicht aus. Sind Sie krank?«

»Hale«, flüsterte Cook und hielt ihm das Goldstück in der Hand entgegen. »Ich weiß, wer das Gold hier ausgegraben hat, wem es gehört und – und wer es nur – nur mit seinem Leben hergegeben hat.«

»Sie wissen das? Und wer?«

»Johns«, flüsterte Cook, als ob er befürchtete, daß der verräterische Luftzug den Namen seinem Mörder zuführen könnte.

»Johns?« rief Hale rasch. »Den wir oben im Wald verscharrt haben?«

»Pst, schreien Sie den Namen nicht so laut, damit der Mann nichts bemerkt! Derselbe. Sie wissen, daß wir beide zusammen arbeiteten. Ich saß an der Maschine, er stand im Loch und hackte, und da fand er dieses Stück, den kleinen Quarzstein umgeben von vier Goldblumen. wie es ein Goldschmied nicht schöner arbeiten konnte. Ich wollte es für mich nehmen, aber er hat mich darum, weil er es seiner Mutter in die Staaten schicken wollte. Ich bin überzeugt, daß er nicht für den doppelten Wert des Goldes es herausgegeben hätte.«

»Und Sie glauben...«

»Daß das sein Mörder ist, den Gott so sichtbar in unsere Hand gegeben hat. Wenn nicht, soll er uns die Beweise bringen, woher er dieses Stück hat.«

»Und Sie kennen es genau, Cook? Bedenken Sie, daß das Leben eines Menschen an der Ähnlichkeit von zwei Stücken hängen kann.«

»Ich will nicht selig werden, Hale, wenn das nicht dasselbe Stück ist«, versicherte aber Cook. »Es ist nicht möglich, daß die Natur in einer Spielerei zwei so ähnliche Stücke schaffen sollte. Und dann noch mehr. Sehen Sie, hier an dem Rückteil ist eine Einhöhlung. In der saß Erde, und Johns kratzte sie mit dem Messer heraus. Hier rutschte es ihm aber aus und ließ die Lücke da zurück, die er nachher wieder mit dem Rücken der Klinge etwas zuklopfte. Noch zwei andere Stücken hatte Johns, die ich genauso leicht und sicher wiedererkennen würde, wie dieses hier.«

»Das ist Beweis genug«, sagte der Sheriff ruhig. »Da kommt er zurück.«

»Was wollen Sie tun?« fragte Cook.

»Natürlich ihn verhaften. Eine Jury kann dann darüber urteilen, ob er schuldig ist oder nicht. Sind Sie bereit, als sein Ankläger aufzutreten?«

»Jederzeit.«

»Gut...«

»Gentlemen, ich habe Sie etwas lange warten lassen«, sagte der Fremde, der mit der Reisetasche und seinem Sattel und Zaumzeug jetzt zu ihnen trat. »Aber ich hatte noch eine kleine Rechnung dort zu bezahlen. Sind Sie so gut, Sir, und nehmen Sie jetzt Ihren Sattel herunter?«

»Gestatten Sie mir eine Frage?« sagte der Sheriff und hielt dem Fremden das Goldstück hin. »Wie kommen Sie zu dem Stück da?«

»Das ist eine merkwürdige Frage«, lächelte der, »besonders in den Minen, wo ein solches Stück seinen Besitzer vielleicht sechsmal an genauso vielen Tagen wechselt. Ich weiß nicht einmal, ob das wirklich mein Stück war.«

»Ich habe es eben aus Ihrer Hand erhalten«, sagte Cook finster.

»Und ist es kein Gold?«

»Allerdings ist es Gold«, erwiderte Hale, »aber ich möchte wissen, wie Sie zu dem Stück gekommen sind. Ob Sie es ausgegraben haben oder von irgend jemand hier erhalten haben.«

»Wer gibt Ihnen ein Recht zu dieser Frage?« sagte der junge Mann finster.

»Ich bin der Sheriff dieses Ortes«, erwiderte Hale.

»Ach, das ist etwas anderes. Dann gehört darauf allerdings auch eine Antwort. Leider werde ich kaum imstande sein, eine befriedigende zu geben.«

»Das wäre schlimm für Sie«, erwiderte Hale ruhig.

»Schlimm für mich?« wiederholte rasch der Engländer. »Wieso? Ich habe allerdings Gold gegraben, in der letzten Zeit aber, als ich nach San Francisco zurückwollte, mein Zelt und mein Handwerkszeug verkauft. Heute morgen sogar noch mein lahm gewordenes Pferd. Das letzte Gold, das ich erhalten habe, war dafür, aber ich kann nicht sagen, ob gerade dieses Stück dabei war. Ich könnte es wenigstens nicht beschwören, da ich es durcheinandergeschüttelt habe. Was für eine Bewandtnis hat es mit dem Stück Gold, daß Sie so dringend nach dem früheren Eigentümer fragen. Wer war er?«

»Ein armer Teufel«, sagte Hale und betrachtete den Fremden mit scharfem Blick. »Er wurde eines Morgens in unserer Gegend ermordet und eingescharrt gefunden.«

»Ermordet!« rief der Fremde erschrocken. »Das ist ja furchtbar!«

»Ich will Ihnen etwas sagen, mein Freund«, meinte da der Sheriff und ging langsam auf ihn zu, um seine Schulter leicht mit der Hand zu berühren. »Sie sind mein Gefangener, und ich rate Ihnen im Guten, sich nicht zu widersetzen. Es würde nichts helfen und die Sache nur verschlimmern.«

»Gefangener? Und eine Mordanklage? Hier?«

»Sind Sie unschuldig, dann werden Sie Beweise vorbringen können. Sind Sie aber schuldig, dann müssen Sie auch gewußt haben, was Ihnen droht, wenn Sie entdeckt werden. Sie sind geborener Engländer?«

»Das bin ich.«

»Ich dachte es mir. Und von Australien herübergekommen?«

»Nein, von Valparaiso.«

»Aber vorher von Australien?«

»Nein, direkt aus England.«

»Na gut, das wird sich alles finden. Jetzt sind Sie so gut und kommen mit mir. Cook, Sie sind so freundlich und begleiten uns, das andere soll dann der Alkalde bestimmen.«

»Sir«, sagte der Engländer. »Hier liegt ein unglückliches Mißverständnis vor, das sich aufklären wird. Ich kann Ihnen aber nicht sagen, wie unangenehm mir der Aufenthalt ist, der mich gerade hier...«

»Ja, das kann ich mir wohl denken«, unterbrach Hale ruhig. »Hilft aber nun nichts. Mr. Hetson wird die Sache inzwischen schon bald in Ordnung bringen.«

»Was? Wer, haben Sie gesagt?« rief wirklich erschrocken der Gefangene.

»Hoho, das sieht nicht gerade nach einem guten Gewissen aus. Kennen Sie den Mann?« rief Cook.

»Ich habe ihn nie gesehen«, erwiderte der Gefangene, der jetzt völlig gefaßt war. »Ist er der Alkalde?«

»Ja. Übrigens keine Sorge wegen dem Pferd«, sagte Cook, als er bemerkte, daß der Gefangene einen Blick auf das Tier warf. »Sind Sie unschuldig, so steht es zu Ihrer Verfügung, sobald Sie von der Jury freigesprochen werden. Ich gebe inzwischen gut darauf acht. Sind Sie schuldig, dann brauchen Sie es nicht mehr, denn den kurzen Weg können Sie dann zu Fuß gehen.«

»Hetson«, murmelte der Gefangene leise vor sich hin. Der Blick zum Pferd hatte nicht der Sorge um das Tier, sondern der eigenen Freiheit gegolten. Wenn er in den Sattel sprang und floh – ehe sie ihn überholen konnten, war er im Wald.

Und wer hätte ihn in diesen Bergen wieder auffinden sollen? Sollte er so dem Mann vor die Augen treten, der ihm das Glück seines Lebens geraubt hatte? Aber Flucht war auch unmöglich, denn Cook, der vielleicht so etwas befürchtet hatte, hatte den Sattel des Pferdes locker geschnallt und seine Büchse fest im Griff im linken Arm ruhend. Es war vergeblich, er konnte seinem Schicksal nicht mehr entgehen.

»Haben Sie Waffen bei sich?« erkundigte sich der Sheriff. »Weigern Sie sich nicht, sie abzugeben, ich tue nur meine Pflicht, aber die richtig, darauf können Sie sich verlassen.«

»Hier«, sagte der Gefangene nach kurzem Zögern und nahm einen Revolver aus der Tasche. »Es ist alles, was ich habe, dieses Taschenmesser ausgenommen.«

»Sie haben kein anderes, breiteres Messer bei sich?«

»Nein, untersuchen Sie mich.«

»Es ist gut«, sagte Hale und nahm die Waffen an sich. »Alles andere hören Sie vom Alkalden selbst, kommen Sie.«

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