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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 62
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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25. Der Gefangene

Lanzot bemerkte, daß der Amerikaner mit seinem alten Freund etwas zu bereden hatte, zu dem sie keinen weiteren Zeugen brauchten. Als sie den Lagerplatz der Deutschen und den zornigen Justizrat verlassen hatten, nahm er sein Tier wieder am Zügel und ging voran in das Paradies, während die beiden im Gespräch zurückblieben. Der alte Mann schüttelte mehrfach bedenklich mit dem Kopf und sprach ein paar beschwichtigende Worte dazwischen, denn Hetson schüttete sein ganzes Herz vor ihm aus und erzählte ihm mit gedämpften Worten alles, was in den letzten, so verhängnisvollen Tagen vorgefallen war. Trotzdem freute sich der alte Arzt aber auch über die gute Veränderung, die im ganzen Wesen seines früheren Patienten vorgegangen war. Das war nicht mehr der schwankende, zaghaft verzweifelnde Mann, wie er ihn an Bord des Schiffes und in San Francisco kannte. Sein ganzes Benehmen, seine Ausdrucksweise und seine Ansichten waren gefestigt. Sogar als er um Rat fragte, war er schon zum Handeln entschlossen. Nur wie ein dünner Schleier lag die Erinnerung an die Vergangenheit noch auf seiner Seele. Nur eines machte ihn noch wankend und nagte innerlich an ihm: der Gedanke, und nach Siftlys Worten die Gewißheit, daß seine Frau vor ihm von der Anwesenheit ihres früheren Verlobten gewußt hatte. Und daß sie, egal zu welchem Zweck, ein heimliches Treffen mit ihm hatte. Das aber leugnete der alte Doktor Rascher. Nach seiner festen Überzeugung konnte sie mit ihm zusammengetroffen sein, aber nie würde sie selbst zu einem Treffen gegangen sein. Die Schilderung, die er dem jungen Amerikaner dabei von Siftly gab, machte das, was er sagte, noch wahrscheinlicher. Hetson erinnerte sich auch, daß seine Frau ihn selbst um eine Unterredung gebeten hatte. So wollte er einen Entschluß hinausschieben, bis er sie gesprochen hatte.

Die beiden Männer waren sich darüber einig, daß der Engländer den Platz auf jeden Fall verlassen mußte. Wenn er ein Ehrenmann war, was Rascher fest glaubte, dann würde er das von selbst tun. Weigerte er sich, so mußten entweder Mittel gefunden werden, ihn zu entfernen, oder Hetson mußte mit seiner Familie einen anderen Ort aufsuchen. Ins Gespräch vertieft, hatten sie den Mittelpunkt der Stadt schon wieder erreicht, ohne es selbst zu bemerken. Da wurden sie auf wilden Lärm und Gedränge von Menschen aufmerksam. Hetson war sich nicht sicher, ob die gereizten Mexikaner gemeinsam mit den Indianern nicht doch noch einen Überfall wagen würden. Er bat Rascher, auf ihn zu warten, und eilte, so schnell er konnte, zum Mittelpunkt des Aufruhrs. Den bildete kein anderer als unser alter Bekannter, der arg mißhandelte und entstellte Smith. Mit dem geronnenen Blut auf der Schulter und blutigem Gesicht, totenbleich, die Haare wirr um den Kopf hängend, hing er mehr auf seinem Pferd als er saß. Mit gellender, kreischender Stimme rief er die Amerikaner zur Rache gegen die Indianer auf.

Die leicht erregbaren wilden Männer, die noch ihre Waffen in der Hand hatten, waren auch sofort bereit, dem Ruf zu folgen. Alles schrie nach Hetson, vor dem sie nach den Ereignissen dieses Tages großen Respekt hatten. Er sollte sie anführen. Der einzige, der bei dem Lärmen und Toben ruhig und gleichgültig blieb, war der alte Nolten. Schon wieder gerüstet, um zu seinem Arbeitsplatz und seinen Gefährten zurückzukehren, hielt er auf seinem grobknochigen Schimmel mitten zwischen den Leuten. Als Mr. Smith eben seinen kreischenden Aufruf beendet hatte und nun erschöpft innehielt, um Atem zu holen und dann wieder zu beginnen, sagte er:

»Verdammt der Finger, den ich für diesen Kerl rühre. Alle ehrlichen Amerikaner werden sich hoffentlich genauso besinnen. Hätte er nicht neulich den armen indianischen Teufel erschlagen, würde er jetzt so sicher zwischen ihnen hindurchreiten können, wie ich es in der nächsten Viertelstunde tue. So ist ihm aber recht geschehen! Mißhandeln und treten wollt Ihr das arme Volk, und wenn sie die Hand aufheben, um sich zu schützen, schreit Ihr alles zusammen und fordert Rache. Daß sie ihm das Leben gelassen haben, begreife ich nicht. Mit dem Abschneiden der Ohren ist ihm aber recht geschehen, das ist meine Meinung. Wenn ihm das nicht paßt, kann er es mir sagen.«

Damit lenkte er sein Pferd langsam durch die ihn umringenden Amerikaner und Fremden hin, aus deren Mitte ihm manches zustimmende Wort heraustönte. Im Schritt ritt er die Straße wieder hinauf, den Bergen zu. Hetson wollte sich jetzt in die Menge mischen, als ihm Hale entgegenkam. Er nahm ihn am Arm und führte ihn zurück, während er mit kurzen Worten die damaligen Vorgänge erzählte. Der Spieler hatte unnötiges Blut vergossen, und die Indianer damit so gereizt, daß diese Rache vollkommen entschuldigt war. Hale sprach sich auch ganz entschieden aus, daß er, was seine Person beträfe, fest entschlossen sei, keinen Schritt gegen die Indianer zu unternehmen. Hätten sie sich früher nicht der Sache angenommen, dürften sie auch jetzt nicht den Spieler schützen. Daß der ein Bürger der Vereinigten Staaten sei, wäre ohnehin ein Unglück. Wenn einige der Männer verrückt genug waren, um an den Indianern Rache zu nehmen, könnte er sie nicht halten. Seine Meinung sei aber, daß der Alkalde ihnen ein gerichtliches Einschreiten rundweg abschlagen sollte. Wenn sie sich in ihrem Recht von den Eingeborenen gekränkt glaubten, sollten sie sie verklagen, und eine Jury würde dann entscheiden.

»Hallo, Hetson«, rief da eine rauhe Stimme. Als er sich umdrehte, kam ihm Siftly mit dem bleichen Smith an der Seite entgegen, gefolgt von einem Haufen lärmender Burschen. »Und Sie stehen noch da und schwatzen und beraten? Sollen wir etwa ruhig zusehen, wie die verdammten Rotfelle uns überfallen und verstümmeln? Eher die ganzen Fremden mit diesen dunkelhäutigen Halunken von der Erde vertilgt, ehe wir einen einzigen Tropfen amerikanisches Blut ungerecht diesen Boden färben lassen!« rief er.

Hetson betrachtete mit Ekel und Mitleid die traurige Gestalt des Verstümmelten und erkundigte sich jetzt nach den Einzelheiten des ganzen Überfalls. Smith trug sie auf seine Weise vor und schmückte sie aus. Als er aber dem Alkalden erzählte, daß der Häuptling Kesos ihn geplündert und achthundert Dollar abgenommen habe, da rief auf einmal eine laute, kräftige Stimme durch den Lärm:

»Das ist eine Lüge!«

Alles drehte sich rasch und erstaunt nach dem Rufer um. Mitten unter die Männer trat dem Alkalden gegenüber Graf Beckdorf. Er kam, wie er seinen Arbeitsplatz verlassen hatte, im roten Hemd und mit dem Strohhut.

»Wenn dieser Mann da Grund hat, jemand dankbar zu sein, daß ihm wenigstens das Leben geschenkt wurde, dann dem Häuptling. Ich selbst war Zeuge der ganzen Szene, wenn auch mein Kamerad und ich nicht in der Lage waren, den armen Teufel vor seinem Schicksal zu schützen. Daß wir uns dabei alle Mühe gegeben haben, muß er uns bestätigen. Keiner der Indianer hat aber sein Geld angerührt, und er konnte ungehindert sein Pferd besteigen, auf dem die Satteltasche hing.«

»Als sie mich den Berg hinaufschleppten, habe ich es verloren«, stammelte der Spieler, vor Wut die Zähne zusammenbeißend. »Was wissen Sie davon? Setzen sich noch für die roten Verbrecher ein!«

»Ich setze mich nur für den Häuptling ein, der sich wie ein Gentleman benommen hat«, sagte Beckdorf ruhig. »Daß Sie bestraft wurden, ist Ihre Sache, und ich kann kein Urteil darüber fällen. Ein Raub wurde aber nicht verübt, und wenn das Geld nur einfach verloren wäre, müßte es sich wiederfinden. Achthundert Dollar in Gold oder Silber trägt man aber nicht in der Brusttasche bei sich, und Banknoten haben wir hier nicht. Ich dachte mir übrigens, daß der Herr da die Sache hier im Lager nicht so erzählen würde, wie sie wirklich war, und bin deshalb hergekommen, um eine etwaige falsche Aussage zu entkräften.«

»Was, zum Henker, geht Sie die ganze Sache an, daß Sie sich so merkwürdig darum bemühen?« rief Siftly mit ausbrechendem Zorn über den Fremden.

»Halt, Siftly!« sagte der Richter und ergriff seinen Arm. »Ich bin dem Mann dankbar für seine Mitteilung, denn er verhindert, daß wir einen ungerechten Zug unternehmen, der sich kaum vermeiden ließe, wenn dieser Mr. Smith auch von den Indianern ausgeplündert worden wäre. Daß sie Rache für einen verübten Mord oder Totschlag genommen haben, ist eine Sache und gehört vor eine Jury, wenn dein Freund gewillt ist, Klage gegen die Indianer zu erheben. Natürlich werde ich ihn dabei unterstützen.«

»Wirklich?« rief Siftly und musterte ihn höhnisch von Kopf bis Fuß. »Schade nur, daß wir keine Lust haben, darauf zu warten. Wer geht mit, Jungens, um sich ein halbes Dutzend Skalpe da draußen von den roten Kanaillen zu holen?«

»Eine ganze Menge, denk ich«, schrie Briars, stets bereit für einen Kampf. »Ich – wir alle gehen mit.«

»Nein, wir alle gehen nicht mit«, sagte ruhig ein anderer Amerikaner. »Wer sich in den Bergen etwas zuschulden kommen läßt, soll auch die Folgen davon tragen. Mit dem Kerl, der so erbärmlich ohne Ohren aussieht, stimmt auch nicht alles, sonst hätte er nicht gelogen und uns mit den achthundert Dollar locken wollen. Dasselbe haben wir schon einmal in Murphys drüben genauso erlebt. Verdammt die Hand, die ich gegen einen Indianer erhebe!«

»Hat auch keiner von Ihnen verlangt, Mr. Cook«, sagte Siftly trotzig. »Wenn wir ein halbes Dutzend richtige Messer zusammenbringen, hauen wir die ganze Sippschaft in die Pfanne. Vorwärts, Männer, wir wollen den Kanaillen zeigen, was es heißt, sich an einem Weißen zu vergreifen!«

Während sich ein Teil der Amerikaner um ihn versammelte, zog er mit ihnen die Straße hinauf. Die meisten blieben aber zurück, und viele trennten sich noch später von dem Zug. Sie hatten entweder kein Interesse daran oder hielten ihre Sache nicht für so ganz gerecht. Daß die Indianer dem Amerikaner die Ohren abgeschnitten hatten, war eine große Frechheit. Aber sie waren auch gereizt worden. Der Häuptling selbst hatte sich stets freundlich gezeigt, und dann – wimmelten die Berge auch noch von dem roten Gesindel, und man wußte eigentlich nie recht, wie man mit ihnen dran war. Graf Beckdorf stand mit untergeschlagenen Armen neben dem Sheriff und sah dem fortziehenden Schwarm mit finsterem Blick nach. Da fühlte er eine Hand auf seiner Achsel, drehte sich um und blickte in ein Paar braune, lachende Augen. Erstaunt sah er das Gesicht eine ganze Weile an, und es war offensichtlich, daß er den Fremden kannte. Aber zwischen all den wilden Gestalten umher und den vielen fremden Gesichtern, die uns in einem solchen Land begegnen, fand er nicht gleich die richtige Verbindung.

»Entschuldigen Sie, Herr Graf, wenn ich Ihnen...«, sagte lachend der Fremde.

»Emil!« rief Beckdorf, der seinen Augen kaum traute, unter diesen Umständen mit einem alten Freund zusammenzutreffen. »Bist du es denn wirklich?«

»Wie du siehst, lebendig, frisch und gesund«, lachte der junge Mann. »Aber, zum Teufel, Georg, gräbst du denn auch nach Gold? Du siehst wenigstens wie ein richtiger Miner aus, rotes Hemd und Strohhut und rechts ein schiefgetretener Schuh.«

Beckdorf hatte seine Hand ergriffen und schüttelte sie aus Leibeskräften.

»Tausendmal willkommen in den Bergen! Was dich auch hergeführt hat, eine solche Freude hätte ich mir nicht träumen lassen. Bleibst du hier?«

»Zunächst ja. Ich bin gerade auf einem Streifzug, der mich an keinen Platz bindet, wie das in Kalifornien so üblich ist. Wer bindet sich hier?«

»Bist du schon lange im Land?«

»Etwa sechs Monate. In der Zeit war ich Holzhauer, Kaufmann, Bootsmann, Maultiertreiber und Kellner. Aber die gleichen Fragen könnte ich dir stellen. Welcher Wind hat dich aus den deutschen Salons in diese Wildnis geweht?«

»Wahrscheinlich derselbe, der dich herüberfegte«, lachte Beckdorf. »Es war der Äquatorialsturm, der im Jahre 1848 in Paris ausbrach und wie ein echter Tauwind von Westen das alte, morsche Eis im Vaterland brach. Besser konnte ich da die Zeit nicht anwenden, als daß ich auf Reisen ging.«

»Und jetzt arbeitest du hier?«

»Mit einem anderen Deutschen zusammen. In den Minen hast du wohl dein Glück noch nicht versucht?«

»Noch nicht.«

»Sehr gut, dann weihe ich dich gleich heute in die Geheimnisse des edlen Goldwaschens ein. Du hast doch Zeit?«

»Ich – hm, ja, allerdings. Welche Beschäftigung sollte ich schon haben?«

»Gut, dann begleitest du mich zu meinem Arbeitsplatz. Mein Partner wird schon schmerzlich auf mich warten, und unterwegs und draußen unterhalten wir uns richtig.«

»Und wann kommen wir wieder zurück?«

»Zum Feierabend«, lachte Beckdorf. »Die Bedeutung dieses Wortes wirst du in diesem Lande schon kennengelernt haben, wenn wir zu Hause auch nicht viel davon wußten.« Ohne eine Antwort abzuwarten, legte er seinen Arm in den seines Freundes und ging mit ihm die Zeltstraße hinauf, der stillen Talschlucht entgegen.

Noch immer finster auf seine Büchse gelehnt stand Cook, ein alter Siedler aus den westlichen Staaten, der dem Spieler seine Meinung gesagt hatte und dadurch viele von dem Zug abhielt. Nur sein Pferd, das er am Zaum hielt, war ungeduldig geworden und scharrte mit den Hufen den Staub auf, was sein Herr aber nicht beachtete. Hale, der den Alkalden eine Strecke zu seinem Pferd begleitet hatte, kam wieder die Straße herauf.

»Na, Cook, was gibt's, Sie stehen ja da, als wollen Sie die Sandkörner auf dem Boden zählen! Was haben Sie?«

»Ich? Verdammt wenig«, lautete die mürrische Antwort. »Ich ärgere mich nur, daß dieses nichtsnutze Volk sich amerikanische Bürger nennen darf. Hol mich der Teufel, wenn wir uns mit denen nicht vor den australischen Sträflingen schämen müssen.«

»Sie meinen diesen Siftly?«

»Ich meine die ganze verbrannte Spielerbande!« sagte der Mann unwirsch. »Sind die Schufte nicht wie die Aasgeier auf einem erlegten Stück Wild sofort da, wenn ein paar Pfund Gold aus der Erde gegraben werden, und arbeiten sie jemals ehrlich? Nur auf die armen Teufel lauern sie, die dumm oder eingebildet genug sind, das, was sie Glück nennen, zu versuchen. Das geht so lange, bis sie vollständig gerupft wieder zu Hacke und Spaten greifen müssen.«

»Aber ist es nicht die eigene Schuld der dummen Leute?«

»Natürlich!« rief Cook. »Und ich gönne es ihnen von Herzen. Aber deswegen hasse ich dieses Gesindel nicht ein Gramm weniger. Warum können wir es hier nicht auch so machen, wie die Goldwäscher am Rich Gulch? Sie einfach hinausjagen mit Schimpf und Schande? Was habt Ihr von ihnen, daß Ihr sie noch immer hier duldet? Hat ein einziger von der ganzen Bande etwa heute morgen ein Gewehr mit ergriffen?«

»Was ich von ihnen habe?« lachte Hale. »Wenn es nach mir ginge, würden sie lieber heute als morgen hinausgeworfen. Ich weiß nur nicht, wie unser Alkalde darauf zu sprechen ist, denn dieser Siftly ist ein alter Freund von ihm.«

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