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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 61
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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An diesem Morgen wollten auch der Justizrat und der Assessor wie gewöhnlich mit ihrer Arbeit am Bergbach beginnen. Schon die Aufregung im Lager ließ sie stutzen. Als sie die Vorbereitungen bemerkten und die Mexikaner mit der Fahne sahen, erhielten sie auch von einem Landsmann, der von den Hügeln kam, die Mitteilung, daß es im Wald nur so von bewaffneten Indianern wimmelte. So beschlossen sie vernünftigerweise, an diesem Tag lieber ruhig in ihrem Zelt zu bleiben und erst einmal abzuwarten, wie sich die Sache erledigen würde. Ihren Händen und Armen schadete es nichts, wenn sie einmal an einem Wochentag rasteten. Der Justizrat drehte ohne weiteres um. Am Zelt angekommen, stopfte er sich seine Pfeife, setzte sich auf seinen gewöhnlichen Platz am Feuer, einen niedrigen Klotz, und lehnte den Rücken an eine junge Eiche.

»Können paar Stück Holz auflegen, Assessor, heute Klöße kochen.«

»Das ist ein guter Gedanke, Herr Justizrat«, rief der gutmütige Assessor. Dann zog er ein schweres Stück Holz in das Feuer, das er gestern mit Mühe aus dem Wald geholt hatte. Der Justizrat rührte keinen Finger, um ihm zu helfen. »Ein ganz hervorragender Gedanke, und wenn wir uns heute ordentlich ausruhen, können wir morgen dafür um so härter arbeiten. So haben wir auch keinen Verlust dabei.«

»Bewahre!« sagte der Justizrat, rauchte noch eine Weile und schlief endlich sanft ein. Der Assessor betrieb mit unermüdlichem Fleiß seine Vorbereitungen für das Mittagessen.

Auch die übrigen Deutschen, Lamberg, Binderhof und Hufner, waren heute im Lager geblieben. Die Bewegung der Indianer hatte ihnen genausowenig gefallen wie dem Justizrat. Trotzdem nahmen die beiden ersten noch Anteil an den Vorgängen im Paradies und interessierten sich für den Erfolg der Amerikaner dieser Menge von Mexikanern gegenüber. Nur an dem Justizrat und dem Assessor gingen die lebendigen Szenen spurlos und vollkommen unbeachtet vorüber. Der Justizrat schlief vollkommen und hörte noch manchmal im halben Traum den Lärm der Gongs und Trommeln und die gellenden Töne des Yankee-doodle, ohne auch nur den Kopf zu drehen. Ebensowenig beachtete der Assessor das Geschehen, das ihn nach seiner Meinung nicht das Geringste anging. Das war Sache der Beamten. Ja, wäre er selbst hier Assessor gewesen, dann würde er sofort den ganzen Fall untersuchen und protokollieren lassen. Die schuldigen Rädelsführer hätten dann schon gehörig brummen müssen. Aber heute mittag hatte er Klöße zu kochen, mit einem delikaten Stück Rindfleisch dazu, das der Sheriff Mr. Hale selbst gestern geschlachtet hatte. Es lag ihm besonders daran, den Justizrat mit seiner Kochkunst zufriedenzustellen.

Wer sich auch sehr wenig um die Auseinandersetzung kümmerte, war Hufner. Ihm gingen weit wichtigere Dinge im Kopf herum. Heute konnte die Schwiegermutter vielleicht schon den Brief bekommen, und was würde sie sagen? Er hatte schon den Postmann, der einmal im Monat die Post nach San Francisco brachte, entsprechend unterrichtet. Sollte eine Dame fragen, wie es ihm hier oben ginge, sollte er nur sagen: »Ganz entsetzlich schlecht.« Jetzt saß er, heute unbeschäftigt, vor seinem Zelt und wußte nicht, was er anfangen sollte, um seine trüben Gedanken zu verscheuchen. Was die Amerikaner heute für einen Lärm machten, was sie nur trieben, Binderhof und Lamberg waren hinuntergegangen, um sich die Sache mit anzusehen. Er hatte aber andere Dinge im Kopf. Endlich sprang er auf, er hielt es nicht länger aus. Er beschloß, einmal zum Justizrat zu gehen, um ihn und den Assessor um ihre Meinung zu fragen. Sie sollten ihm raten, was er tun sollte, wenn seine Schwiegermutter doch noch hierherkäme. In ihr Zelt konnte er sie doch nicht aufnehmen, Binderhof ließ ihm schon so den ganzen Tag keine Ruhe, und was sollte dann geschehen? Wie war sie zu beschwichtigen?

Der Justizrat schlief noch, und der Assessor traute sich nicht, ihn zu wecken. Er wollte leise an ihm vorübergehen, blieb aber mit dem Fuß in einem Stück Holz hängen und stolperte so, daß der Justizrat erschrocken auffuhr.

»Bitte tausendmal um Entschuldigung«, sagte der Assessor.

Der Justizrat murmelte etwas zwischen den Zähnen, was sein rücksichtsvoller Partner glücklicherweise nicht verstand, dann zog er an der Pfeife. Die war aber schon vor anderthalb Stunden ausgegangen und kalt geworden und mußte wieder frisch angezündet werden. Jetzt machte sich auch Hufner bemerkbar. Nach kurzer Einleitung kam er auf den Zweck seines Besuches. Die Schwiegermutter stand wie ein rächendes Phantom vor seiner Seele, und er war sich doch keiner Schuld bewußt.

»Unsinn«, sagte aber der Justizrat. »Schwiegermutter Pappendeckel, selber herkommen und graben versuchen. Kunst, Gold zu finden. Schwiegermutter ist willkommen, hat vielleicht mehr Glück.«

»Ja, aber denken Sie sich, wenn sie vielleicht wirklich käme!«

»Ja, Herr Justizrat«, stimmte ihm der Assessor bei, der in diesem Augenblick unwillkürlich an Frau Siebert dachte. »Das wäre wirklich schrecklich!«

»Alte Weiber!« brummte jedoch der Mann des Gerichts zwischen einzelnen Dampfwolken durch. »Will nichts wissen davon – Klöße fertig?«

»Jawohl, Herr Justizrat, im Augenblick«, sagte der Assessor, der die größte Mühe mit seiner Brille hatte, die jedesmal anlief, wenn er sich über den dampfenden Kessel bog, um den Inhalt zu überprüfen. Endlich fischte er einen der Klöße mit einem selbstgefertigten Holzlöffel heraus, prüfte ihn, indem er ein Stück abschnitt, und fand ihn vortrefflich.

»Mitessen?« sagte der Justizrat zu Hufner und stellte die ausgerauchte Pfeife zur Seite.

»Herzlichen Dank, mir ist der Appetit vergangen, und ich habe seit der Nachricht keinen Bissen über die Lippen gebracht.«

»Unsinn!« antwortete der lakonisch. »Anfangen, Assessor.« Er nahm den Blechteller, den ihm sein Kompagnon gab, mit der Gabel auf die Knie und sah erwartungsvoll zu dem dampfenden Topf. Der Assessor wollte ihn mit der bloßen Hand vom Feuer nehmen, aber der dünne Drahthenkel war entsetzlich heiß geworden. Er mußte erst ins Zelt, um einen Lappen zu holen. Der Justizrat hätte dafür sein Taschentuch genommen.

»Das da unten ist der neue Alkalde!« sagte in diesem Augenblick Hufner zum Justizrat. »Es sieht so aus, als ob er hier vorbei will. Dann werden Sie ihn deutlich sehen können. Es ist ein Amerikaner, und er soll sehr tüchtig sein.«

»Hm, meinetwegen«, lautete die Antwort des Hungrigen. »Assessor, Donnerwetter, wo bleiben Sie denn?«

»Augenblick!« rief der Assessor. Er kam eifrig mit einem unter seinen Sachen herausgesuchten Wischlappen herbeigelaufen. »Jetzt werden wir gleich sehen, wie sie sich machen, wenn sie nur gar genug sind.«

Er bog sich eben über den Topf, um ihn gut und sicher anfassen zu können, als dicht über ihnen am Berghang ein polterndes Geräusch laut wurde. Alle sahen unwillkürlich hinauf. Hufner und der Assessor behielten aber kaum Zeit, aus dem Weg zu springen. Da kam das Rad herunter, prallte an einem Stein ab, beschrieb einen kurzen Bogen und schlug pfeifend vor Kraft und Schnelle mitten auf den Kessel.

Einen Augenblick war alles verwirrt. Der Assessor schrie laut auf, der Justizrat sprang in die Höhe und ließ Gabel und Teller fallen, und im Feuer zischte die heiße Brühe und warf Funken, Rauch und Asche hoch in die Luft. Das Rad hatte jetzt eine andere Richtung bekommen, schnellte sich noch einmal nach vorn, drehte sich, überschlug sich seitlich mehrfach und rollte dann langsam dicht an dem Alkalden vorbei, bis es von einem kleinen, struppigen Busch aufgefangen wurde und liegenblieb. Hetson befand sich nicht gerade in der Stimmung, über etwas zu lachen. Trotzdem war die ganze Szene mit dem wie aus den Wolken gefallenen Rad so komisch, daß er ein Lächeln kaum unterdrücken konnte. Er stieg ein paar Schritte bergan, um zu sehen, ob noch jemand zu Schaden gekommen wäre. Er hatte den Justizrat und Hufner, beide Kajütpassagiere der ›Leontine‹, erkannt und wußte, daß Hufner etwas Englisch sprach. Er fand Hufner und den Assessor sprachlos vor Schreck vor den Trümmern ihres Mittagessens und den Justizrat im höchsten Grad der Entrüstung. Er stieß dabei eine Menge abgebrochener, selbst seinen Landsleuten unverständlicher Verwünschungen aus. Hetsons scharfe Augen entdeckten am Waldrand nirgends einen Menschen. Er schloß daraus, daß der Schaden nur durch einen Zufall und nicht böswillig verursacht worden sei. Das versuchte er dem Justizrat begreiflich zu machen, aber lieber Gott – er hätte ebensogut zum Rad selbst reden können. Der Mann hörte und sah nichts, er stampfte mit den Füßen, warf mit den Händen um sich, und nur einzelne Worte wie: »Kriminalprozeß«, »Klöße«, »Halunken«, »Kalifornien« und »aufhängen« ließen sich unterscheiden.

Hetson wollte auch gerade aufgeben, sich verständlich zu machen und ihn austoben zu lassen, als er zwei Männer den Hang hinabkommen sah, die ihre Lasttiere am Zaum führten. In ihnen vermutete er die Urheber des Unglücks. Da er eine heftige Szene zwischen den Parteien verhindern wollte, blieb er stehen, um sie zu erwarten. Kaum waren sie aber etwas näher gekommen, als er in dem einen seinen alten Freund, Doktor Rascher, erkannte und ihm mit einem Jubelruf entgegeneilte.

»Doktor!« rief er dabei und streckte die Hand aus. »Sie sendet mir in diesem Augenblick der Himmel. Ich weiß nicht, wessen Gesicht ich gerade jetzt lieber sehen möchte als Ihres!«

»Lieber Mr. Hetson«, rief der alte Mann ebenso freudig aus, »es tut meinen alten Augen wohl, Sie so gesund und frisch zu sehen. Nur sehr blaß sind Sie noch, entsetzlich blaß, die Bergluft hat noch nicht lange genug auf Sie einwirken können. Aber bald werde ich ja wohl sehen, daß Sie vollkommen hergestellt sind.«

»Doktor, ich muß Ihnen etwas Wichtiges mitteilen.«

»Sofort, ich stehe zu Ihren Diensten. Ihre Frau ist doch wohl munter und gesund?«

»Vollkommen.«

»Gott sei Dank! Dann möchte ich Ihnen vor allen Dingen einen lieben Freund, den Baron von... Ja, so, den Mr. Lanzot vorstellen. Er führt sich nicht gerade auf die beste Weise bei Ihnen ein, denn ich sehe, daß sein mutwillig bergab gerolltes Rad Verwirrung angerichtet hat. Doch hoffentlich nicht in Ihrem Zelt?«

»Nein«, lächelte Hetson. »Aber es sind Schiffsgefährten von uns, denen Sie das Mittagessen verdorben haben. Unter anderem auch dieser komische Kauz mit der langen Pfeife, den sie Jus – wie war der Name gleich, justice?«

»Oh, der Justizrat«, lachte der Doktor. »Wir müssen versuchen, ihn zu besänftigen, was ja wohl nicht so schwer werden wird. Lieber Lanzot, ich habe das Vergnügen, Ihnen hier Mr. Hetson vorzustellen. Sie erinnern sich, daß wir über ihn und seine nette Frau sprachen, als ich ihr damals die junge Spanierin als Begleiterin empfahl.«

»Mr. Hetson«, sagte der junge Mann und verbeugte sich leicht. Dabei schoß ihm wieder das Blut in den Kopf. »Ich freue mich, Sie kennenzulernen und bedaure, daß es auf diese Weise geschieht.«

»Sie werden sich wohl mit Ihren Landsleuten deswegen verständigen können«, sagte freundlich der Amerikaner. »Darf ich Sie bitten, lieber Doktor?«

»Sie scheinen in Eile zu sein, aber erst müssen wir doch hier die Sache regulieren. Mir als altem Schiffskameraden und sonst ruhigem, gesetztem Mann werden sie wohl leichter glauben, daß die Ursache für das Unglück kein bösartiger Mutwille war. Wir sind ja gern bereit, jeden erlittenen Schaden zu ersetzen.«

Hetson mußte sich fügen, und die Männer stiegen jetzt gemeinsam zu dem empörten Justizrat hinunter. Der war zuerst nicht einmal bereit, den ruhigen Erklärungen des alten Doktors zuzuhören. Er wollte die Sache unbedingt zu einem »Kriminalprozeß« treiben. Die Erklärung, den angerichteten Schaden zu ersetzen, machte ihn dabei noch böser. Erst als er sich in seinem Grimm eine frische Pfeife gestopft hatte, schien sich sein Ärger etwas zu legen. Das Mittagessen war total in die Asche gefallen, und es gab keine Möglichkeit, auch nur einen Teil zu retten. Der Assessor versprach in seiner unverwüstlichen Gutmütigkeit, sofort für etwas anderes zu sorgen. Hufner lief fort, um für den zerstörten Kessel einen neuen zu holen, und der Justizrat wurde endlich dazu gebracht, dem jungen Lanzot die Hand zu geben.

»Schön – Dummheiten – Rad bergunter rollen«, sagte er dabei. »Beinah Pfeife zerbrochen – verdammtes Kalifornien.« Als die drei sie verlassen wollten, setzte er hinzu: »Maulaffe – Kessel zerbrochen – Hand schütteln – Tür hinauswerfen« – und qualmte stärker als je zuvor.

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