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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 60
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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»Können Sie mir nicht wenigstens sagen«, wandte er sich deshalb noch einmal an ihn, »wo ich die nächsten Goldgräber oder ein Handelszelt finde?«

»Den Bach hinunter«, war die ganze Antwort, die er erhielt.

»Na, dann leben Sie wohl. Ich wünsche ihnen, daß Sie in Zukunft erfolgreicher sind als bisher.«

»Könnt es gebrauchen«, antwortete der Mann und begann wieder, seine Maschine zu schaukeln.

Wie es ihm der Deutsche geraten hatte, setzte der Doktor seinen Weg am Bach entlang fort. Er vermutete, daß der Mann auch von irgendwo seine Verpflegung beziehen mußte. Nach zwei Stunden gemütlichen Gehens auf einem ziemlich ausgetretenen Pfad erreichte er auch ein kleines Handelszelt. Dort erfuhr er, daß das Paradies noch etwa fünf Meilen entfernt läge und von dem nächsten Bergrücken ein befahrener Weg hinführe. Für heute war es ihm aber zu spät geworden, da er sich auch etwas müde fühlte. Er blieb also die Nacht über bei dem Yankee, der das Handelszelt errichtet hatte. Er erhielt ein sauberes Bett und ein ziemlich gutes Abendbrot. Früh am anderen Morgen brach er dann in die angegebene Richtung auf. Leute traf er sehr wenig unterwegs. Ein paar Karren brachten vom Paradies Lebensmittel in die benachbarten Berge, und ein paar Goldwäscher waren unterwegs, die eben überall umherstreiften. Erst als er annahm, daß er nahe an seinem Ziel war, kamen ihm einzelne Mexikaner zu Pferd und andere in kleinen Gruppen entgegen. – Alle waren bewaffnet und schienen in großer Eile zu sein. Ein paar von ihnen sprach er an, aber sie antworteten nicht und ritten weiter in den Wald. Einige folgten der Straße weiter, andere verschwanden direkt im Dickicht, einem nur ihnen bekannten Ziel zustrebend.

Er war die letzte halbe Stunde ziemlich stark bergan gestiegen. Der hier offene Wald mit wenig Unterholz gab ihm den Blick auf große Entfernung frei. Zu seiner Genugtuung bemerkte er, daß er sich dem Talkessel näherte, in dem das Paradies liegen sollte. Als er den Kamm des Bergrückens erreichte, öffnete sich auch weit vor ihm das reizende Tal. Der Berg, der es an dieser Seite einschloß, war an diesem Hang fast völlig kahl. Nur hier und da standen auf der welligen Oberfläche einzelne, kleinere Büsche. Früher hatte hier auch etwas Baumwuchs gestanden. Teilweise war aber das Holz durch einen Waldbrand vernichtet worden, zum Teil hatten die Goldwäscher die noch gesunden, schlanken Stämme zum Hüttenbau ins Tal geholt. Das übrige frische und trockene Holz wurde dann verfeuert. Jetzt hätte man den ganzen Hang absuchen können, ohne auch nur einen einzigen Arm voll Reisig zu finden. Für die Aussicht zum Paradies war das natürlich ein Vorteil, und von dieser Stelle konnte man besser als woanders das ganze Tal mit den zerstreuten Zelten, Büschen und Bäumen und dem ganzen regen Treiben überblicken. Ganz entzückt von dem Anblick blieb der alte Mann stehen und bemerkte nicht, daß noch ein anderer Wanderer kaum zwanzig Schritt von ihm entfernt auf einem Stein saß. Er hatte eine Doppelflinte auf den Knien und sah still in das unbeschreiblich schöne Panorama hinunter. Erst als sein hinter ihm grasendes Pferd beim Nahen des Maultiers wieherte, sah er ihn sitzen, ohne daß der Fremde die geringste Notiz von ihm genommen hätte.

»Das ist etwas, was ich selbst noch nicht fertigbringe«, dachte der Doktor. »Aber in Kalifornien muß ich es mir wohl angewöhnen, denn es scheint hier so üblich zu sein: daß ich von keinem, der mir begegnet, oder den ich treffe, Notiz nehme. Rede ich jemand an, der nicht irgend etwas von mir will, kann ich zehn zu eins wetten, daß ich gar keine oder eine grobe Antwort bekomme. Sehe ich mir andere Leute an, die nur mit sich selbst beschäftigt durch die Welt ziehen, dann muß ich gestehen, daß sie in diesem Land völlig vernünftig handeln. Ich werde also gleich den Anfang machen und mich an diese neue Lebensregel halten.«

Damit nahm er ohne weiteres auf einem anderen Stein, etwas von dem Fremden entfernt, Platz. So schwer es ihm auch wurde, nicht wieder mit einem treuherzigen ›Guten Morgen!‹ herauszuplatzen, brachte er es doch fertig, so zu tun, als ob sein Nachbar gar nicht da wäre, und sah in das Tal hinaus. Der Anblick fesselte ihn bald so sehr, daß er den anderen wirklich vergaß und sich gar nicht satt sehen konnte. Wohl eine gute halbe Stunde hatte er so gesessen, als plötzlich jemand lachend ausrief:

»Doktor!«

Rasch drehte er sich um und sprang im nächsten Augenblick mit einem erstaunten Ausruf empor.

»Emil – Baron – zum Donnerwetter, woher kommen Sie denn?«

»Von San Francisco, Doktor«, lachte der junge Mann und streckte ihm freundlich die Hand entgegen. »Ich freue mich, daß gerade Sie der erste Bekannte sind, den ich hier treffe, das müssen Sie mir glauben. Aber wollen Sie abreisen?« setzte er fast bestürzt hinzu.

»Abreisen?« fragte der Doktor. »Ich komme eben erst an. Aber das ist gut. Gerade habe ich mir vorgenommen, mit keinem Menschen auf der Straße mehr ein Wort zu reden, und dann sind Sie der erste, bei dem ich das ausprobieren will. Ich habe Sie aber nicht erkannt, wie Sie da im Minerhemd auf dem Stein saßen, hielt ich Sie für einen Franzosen.«

»Sie sind noch gar nicht im Paradies gewesen? Wissen gar nichts von dort?« erkundigte sich der junge Mann.

»Ich weiß, daß dieser vor uns liegende Ort Paradies heißt. Ob er aber eins für uns werden wird, müssen wir erst noch ausprobieren!« sagte der Doktor lächelnd.

Während er sprach, blickte er seinen jungen Freund scharf an. Es konnte ihm nicht entgehen, daß der leicht rot wurde. Vielleicht bemerkte das auch Emil, denn er brach das Gespräch kurz ab und sagte leichtherzig wie vorher:

»Sehen Sie, Doktor, was das für ein wirklich himmlisches Land ist. Und das haben sich nun mit all den unermeßlichen Schätzen, die gleich bar in den Schubladen liegen, diese glücklichen Amerikaner weggeangelt.«

»Es ist ein freundlicher Anblick, das läßt sich nicht leugnen, Baron«, erwiderte der Doktor. »Ich fühle mich aber im Wald und in der reizenden Flora sehr wohl. Jedesmal überkommt mich dann ein unbehagliches Gefühl, wenn ich mich einer solchen Niederlassung nähere. Gold, Gold, und immer nur Gold – man hört kein anderes Wort. Die Menschen denken an nichts anderes und reden deshalb auch über nichts anderes. Die Qualität jeder ausgearbeiteten oder begonnenen Grube wird besprochen, die gefundenen Stücke oder Stückchen werden beschrieben, was der oder der erbeutet, wieviel an einem Tag, wieviel in einer Woche er zusammengehackt und gewaschen hat. Kurz und gut, die Geschichte wird jedem, der nicht selbst bis an die Ohren darin sitzt, so unangenehm, daß er lieber wieder packen und davonlaufen möchte.«

»Ja, lieber Gott, bester Doktor«, sagte der junge Mann, »dafür sind wir nun einmal in Kalifornien. Das ist ungefähr genauso, als ob ich in ein Fischerdorf gehe und nichts von Fischen hören will. Später wird das vielleicht einmal anders, aber jetzt müssen wir die Dinge nehmen, wie sie sind. Was mich selbst betrifft, so muß ich gestehen, daß ich meinen Spaß an diesem unternehmungslustigen Land habe. Und, was noch mehr bedeutet, ich bekomme langsam auch vor der Nation Respekt. Nach dem, was ich früher über die Amerikaner gelesen habe, stellte ich sie mir immer nur als rohes, tabakkauendes, spekulierendes Krämervolk vor. Wenn ich aufrichtig bin, bin ich zu dem Entschluß gekommen, sie genauso vorgefunden zu haben – aber allen Respekt vor den Leuten. Natürlich gibt es Gesindel unter ihnen, vielleicht auch nicht mehr als bei uns in Deutschland, nur daß es hier nicht in so feinen Anzügen herumläuft. Aber es steckt ein Unternehmungsgeist in den Leuten, eine Kraft und Ausdauer und Zähigkeit, ihr einmal angefangenes Unternehmen zu beenden, vor dem man wirklich Respekt haben muß. Ich verlange nicht, daß wir ihr ekliges Tabakkauen nachmachen sollen, aber wenn wir uns ein Beispiel an ihrem Nationalstolz nehmen, dann könnte das für uns ein großer Segen werden. Vielleicht gewinnen wir dabei auch einen Platz, auf dem es bei uns wachsen könnte.«

»Aber es gibt doch auch entsetzlich viel und oft sehr bösartiges Gesindel unter ihnen«, sagte der Doktor. »Das finden wir so nie in Deutschland. Nehmen Sie nur allein die Spieler!«

»Nicht so öffentlich und frech bei uns, da gebe ich Ihnen recht. Aber genauso schlecht im geheimen und damit gefährlicher«, sagte der junge Mann. »Diese Spieler sind der Auswurf der ganzen Nation. Man könnte eigentlich sagen, der Auswurf der ganzen Welt, indische Thugs und italienische Banditen nicht ausgenommen. Übrigens, von diesem Siftly habe ich doch seit diesem Tage nichts mehr gesehen! Er war und blieb spurlos verschwunden. Ich hörte nur einmal, daß er seinem durchgegangenen Kompagnon gefolgt war.«

»Möglich, ich sehne mich nicht nach seiner Bekanntschaft!« sagte der Doktor. »Deshalb wünsche ich auch, daß wir uns nicht wieder begegnen. Aber können Sie mir nicht sagen, weshalb da zwei Flaggen an der hohen Stange wehen?«

»Ja, darüber habe ich mir auch schon den Kopf zerbrochen«, sagte Baron Lanzot. »Soviel ich erkennen kann, scheint die obere die amerikanische zu sein. Aber was die andere bedeutet, kann ich nicht erkennen.«

»Es ist in der Stadt auch ziemlich unruhig, wenn man diese Zeltstraße überhaupt so nennen kann. Ein sehr ruhiges Leben scheinen die Bewohner des Paradieses nicht zu führen.«

»Wer weiß, was sie haben«, sagte Baron Lanzot. »Wie wär's, wenn wir hinabgehen?«

»Sehr gern. Aber was in aller Welt hat Sie, Baron, jetzt in die Minen geführt? Den Titel Emil haben Sie ja hoffentlich in San Francisco zurückgelassen.«

»Der liegt bei den Servietten«, lachte der. »Aber noch früher, schon vor der Abfahrt aus der alten Heimat, habe ich den Barontitel beiseite gelegt. Deshalb, lieber Doktor, bitte ich Sie herzlich, mich nur einfach Lanzot zu nennen. Nur wenn Sie hartnäckig höflich sein wollen, setzen Sie den ›Mister‹ davor.«

»Na gut, Sie haben recht, Mr. Lanzot, oder Lanzot, wenn Sie das lieber hören«, sagte der alte Mann. »Den Rang mußten Sie zurücklassen, als Sie dieses merkwürdige Land betraten, denn Rang ist eine eigene Sache, die nur in der Masse und in der entsprechenden Umgebung wirkt. Ein einzelner Soldat zwischen Bürgern sieht auch komisch aus, und die grell abstechenden Farben wollen dem Auge nicht gefallen. In Reih und Glied macht er sich dafür um so besser. So lassen Sie also den Namen fallen, bis Sie zu Hause wieder einmal in Reih und Glied einrücken. Die Spitzhacke und die Schaufel sind dann auch weniger auffällig.«

»Ach was«, lachte Lanzot. »Die würden weniger gegen den Barontitel abstechen als Serviette und Teller.«

»Das ist allerdings wahr«, sagte der Doktor. »Was Sie nur bewogen haben kann, diesen Broterwerb auch nur für kurze Zeit auszuüben, wird mir immer ein Rätsel bleiben. Aber Sie haben es jetzt selbst satt bekommen, nicht wahr?«

Wieder war es, als ob der junge Mann leicht rot wurde. Aber lachend antwortete er:

»Satt allerdings, ich habe meinem ›Capitaine‹, Sie kennen ja den kleinen, ausgetrockneten Franzosen, neulich einen Satz Teller vor die Füße und ihn selber über den Tisch geworfen. Anschließend habe ich mich in aller Freundschaft von ihm verabschiedet. Ich bin auch überzeugt, daß wir beide froh waren, endlich voneinander los zu sein. Dann bin ich einfach von San Francisco in die Berge gegangen, um mein Glück zu versuchen. Da ich wußte, daß Sie hier in der Nähe stecken, und weil der Name sehr verlockend in meinen Ohren klang, bin ich hierhergekommen.«

»Also meinetwegen«, lächelte der Doktor vergnügt vor sich hin, als ob ihm etwas anderes durch den Kopf schoß. Ernster, aber immer noch freundlich, setzte er hinzu:

»Nehmen Sie sich aber in acht, lieber Lanzot, und lassen Sie sich die Verbindung mit Monsieur Rigault eine Warnung sein. Solche Verhältnisse passen nicht für Sie, wenigstens nicht für die Zukunft, die auf Sie noch in der Heimat wartet. Denken Sie immer an die, und halten Sie sich stets den Rücken so frei, daß Sie ihren Kompagnon mit gutem Gewissen über einen Tisch werfen können. Mehr muß ich Ihnen ja wohl nicht sagen.«

»Nein, lieber Doktor«, lächelte der junge Mann. »Ich werde an Ihren Rat denken. Aber jetzt wollen wir machen, daß wir in das Tal kommen. Ich habe heute morgen noch nichts gegessen und möchte vor allen Dingen in ein Wirtszelt. Komm, guter, alter Grauschimmel, hier kannst du dich ein paar Tage ausruhen, wenn wir nicht – vielleicht schon morgen wieder weiterziehen. Also vorwärts dann!«

Der Doktor hatte nichts dagegen, und beide Männer nahmen ihre Tiere am Zügel, um mit ihnen in das Tal hinabzusteigen. Mit Ausnahme der Hauptstraße existierten hier keine ordentlichen Wege, und die Karren mußten sich oft ihren Weg durch den Wald erst brechen. Gar nicht selten passierten dabei Unglücke. So fanden auch unsere Wanderer die Trümmer eines kleinen Karrens, der erst vor kurzem verunglückt sein mußte. Das meiste war schon in das Tal gebracht worden, aber das Vorderteil mit einem Rad lag noch dort hinter dem Stumpf eines abgehauenen Stammes. Lanzot ergriff das Rad und drehte sich zu seinem Begleiter.

»Was meinen Sie, Doktor, sollen wir das Ding einmal in Gang bringen?«

»Rollen Sie es nicht weg«, warnte Doktor Rascher. »Der Eigentümer wird sicherlich zurückkommen, um es abzuholen.«

»Dann kommt es ihm vielleicht entgegen«, lachte Lanzot. »Es war überhaupt eine meiner Hauptleidenschaften, Steine einen steilen Hang hinabzurollen. Es sieht herrlich aus, wenn sie ins Tal springen.« Damit gab er dem kleinen Rad einen Schwung und ließ es bergab laufen. Am Anfang rollte es auch ganz prächtig den nicht zu steilen Hang hinab. Durch den wellenförmigen Untergrund kam es aber mehr und mehr in Schwung. Aber statt rechts oder links abzubiegen und sich dann zu überschlagen und liegenzubleiben, sauste es plötzlich in langen und hohen Sätzen ins Tal, sprang über ein paar niedrige Büsche und verschwand hinter ihnen. Die beiden Männer waren von dem unerwarteten Erfolg überrascht stehengeblieben und horchten auf das Poltern des springenden Rades, das noch immer aus der Tiefe zu ihnen herauftönte. Plötzlich gab es einen Schlag, und gleich darauf gellte ein lauter Aufschrei an ihr Ohr.

»Um Gottes willen!« rief Lanzot erschrocken. »Wenn ich mit meiner albernen Spielerei noch ein Unglück angerichtet habe!«

»Das wollen wir nicht hoffen!« sagte der alte Mann bestürzt. »Vielleicht ist nur ein armer Teufel heftig erschrocken. Jedenfalls müssen wir hinunter und nachsehen.«

»Natürlich!« rief der junge Mann rasch. »Ich habe Unsinn gemacht und muß dafür auch büßen. Ein Glück, daß es hier keine Glasgeschäfte gibt, in die das Rad hätte springen können. Für einen Topfmarkt wäre es auch eine Überraschung geworden. Wenn nur kein Mensch zu Schaden gekommen ist!« Ohne noch ein Wort zu wechseln, eilten die beiden hastig den Hang hinab.

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