Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 59
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

24. Alte Bekannte

Einen alten Bekannten vom Schiff haben wir lange aus den Augen gelassen: den Doktor Rascher, der schon vor den Hetsons in die Berge gegangen war, um seinen botanischen Forschungen nachzugehen. Später, wenn er in dem blumenreichen Land ›geerntet, wo er nicht gesät‹ hatte, wie er meinte, wollte er mit der befreundeten Familie in dem Minenstädtchen wieder zusammentreffen. Er war an einfaches, bescheidenes Leben seit seiner Jugend gewöhnt. So machte es dem alten Mann nichts aus, nachts entweder bei einem einsamen Goldwäscher zu übernachten oder auch einmal unter einem Baum mitten im Walde. Das Maultier, das seine Sammlung, seine Decken und das Kochgeschirr trug, weidete dann das Gras in seiner Nähe ab. Wenn der Tau am nächsten Morgen abgetrocknet war, zog er fröhlich weiter. Die Goldwäscher, auf die er gelegentlich stieß, wunderten sich freilich, einen Mann in den Bergen herumstreifen zu sehen, der weder Spitzhacke noch Schaufel oder Pfanne bei sich hatte. Er rupfte dafür Pflanzen mit der Wurzel aus und legte sie in eine Blechbüchse oder zwischen Papier. Der alte Mann war aber so freundlich und gewinnend, daß niemand ein spöttisches Wort wagte. Im Gegenteil gaben ihm auch die Amerikaner oft Stellen an, wo sie auffallende Blumen und Pflanzen gesehen hatten.

So war er etwa fünf bis sechs Tage in den Hügeln herumgestiegen und mit der Ausbeute zufrieden. Er beschloß, seinen Kurs jetzt Richtung Paradies zu halten. Dort wollte er eine Zeitlang bei den Hetsons bleiben und die Flora in der Nachbarschaft untersuchen. Dann sollte es weitergehen. Wohin? Das war ziemlich gleich, wenn er nur etwas Neues entdecken konnte. Er hatte sich aber die ganze Zeit so wenig um eine Richtung gekümmert, daß er gar keine Ahnung hatte, ob er sich östlich, westlich, nördlich oder südlich vom sogenannten Paradies befand. Er mußte also erst einmal jemand im Wald treffen, der ihm die richtige Richtung angeben konnte. An einer ziemlich offenen Bergwand ging er mit seinem Tier am Zügel langsam entlang. Da entdeckte er unten im Tal einen einzelnen Goldwäscher. Das fiel ihm jedoch nicht besonders auf, denn soviel hatte er schon vom kalifornischen Minenleben mitbekommen: Viele waren mit der Stelle, an der sie bis dahin gearbeitet hatten, nicht zufrieden, nahmen ihr Handwerkszeug und ihre Sachen auf und gingen aufs Geratewohl in die Berge hinein, um an anderen Stellen zu graben und sich einen neuen Arbeitsplatz zu suchen. Hatten sie ihn gefunden, gingen sie zurück, holten ihr Zelt und die anderen Sachen nach und siedelten sich vorübergehend an der neuen Stelle an. Solches Umherstreifen, um einen anderen Arbeitsplatz zu finden, nannten die Leute ›prospektieren‹.

Diese Männer wußten aber meistens auch gut in der Nachbarschaft Bescheid, die sie vielleicht schon wochenlang durchzogen hatten. Doktor Rascher beschloß, hier in das Tal zu gehen und sich bei dem Mann nach dem ›verlorenen Paradies‹, wie er lachend vor sich hinmurmelte, zu erkundigen. An dem schattigen Berghang fand er aber wieder so manche Pflanze, die ihn aufhielt und fesselte. So war es dann Mittag geworden, ehe er das eigentliche Tal und damit auch den Goldwäscher erreichte, der ganz still und heimlich das kleine Bergflüßchen nach seinen Schätzen durchsuchte. Doktor Rascher malte sich in seiner gemütlichen Weise schon ein Bild von dem Mann aus. Es war bestimmt ein abgehärteter Amerikaner, der hier zufällig den reichsten Boden gefunden hatte und das kostbare Metall in Massen aus der Erde wusch. Vielleicht überlegte er schon sorgenvoll, wie er das wertvolle Gewicht unbemerkt von bösen Menschen nach San Francisco bringen sollte. Er brütete vielleicht über seinem kostbaren Schatz, den er wie Argus bewachte, ohne zu wagen, ihn zu verlassen. Möglich, daß der Unglückliche auf diese Weise in der Wildnis verschmachten mußte. Der Mann arbeitete auf dem weichen Boden und hatte ihm den Rücken zugedreht. Bei dem Rascheln und Schütteln seiner eigenen Maschine konnte er die Schritte des Doktors nicht hören. So kam er ganz geräuschlos an ihn heran und befürchtete nicht zu Unrecht, daß er ihn mit einem plötzlichen Anruf erschrecken würde. Vielleicht ergriff er dann seine sicher neben ihm liegende, gespannte Büchse oder einen Revolver und sprang in die Höhe? Mit einem Anflug gutmütiger Neckerei freute er sich aber auch wieder auf diesen Moment. Da das Maultier ebenfalls ganz still dicht hinter seinem Herrn hergegangen war, hatten die beiden den Goldwäscher auf kaum fünf Schritt erreicht und ihn so überrumpelt, ohne daß er ihre Nähe auch nur ahnte. Jetzt hatte er ihn, wo er ihn haben wollte, und rief mit ziemlich lauter Stimme:

»Guten Morgen!«

Anstatt aber in panischem Schrecken hochzufahren, wie es sich der Doktor ausgedacht hatte, blieb der Mann ruhig sitzen und drehte noch nicht einmal den Kopf herum. Als ob er einem Bekannten auf der Straße begegnete, sagte er ruhig in deutscher Sprache:

»Guten Morgen!«

»Na, das nenn ich kaltblütig«, sagte Doktor Rascher lächelnd. Er ging an dem vollkommen gleichgültigen Mann dicht vorbei, um das Gesicht dieses merkwürdigen Philosophen zu betrachten. Der Goldwäscher sah kaum von seiner Arbeit auf, als das Maultier an ihm so dicht vorüberkam. Er drehte den Kopf etwas zur Seite und sagte:

»Schlägt der Racker aus?«

»Nein«, lächelte der Doktor. »Es ist ein ganz gutes Tier.«

»So? Die Bestien sind sonst sehr schnell mit den Hinterbeinen. Neulich hat mich eins hierher getroffen, daß ich acht Tage nicht sitzen konnte.«

Er machte dabei eine entsprechende Bewegung, ohne eine Miene zu verziehen. Der Doktor mußte laut herauslachen.

»Ja, Sie haben gut lachen!« sagte der Goldwäscher und arbeitete ruhig weiter.

Als ihn Doktor Rascher näher betrachtete, kam ihm das Gesicht bekannt vor, obgleich es schwer war, in seinem jetzigen Zustand bestimmte Züge herauszufinden. Der Mann hatte sich in den letzten fünf bis sechs Wochen nicht rasiert und sich wahrscheinlich auch genausolange nicht gewaschen. Allem Anschein nach trug er auch sein Hemd genausolange. Unter dem alten, zerknitterten Strohhut, den er womöglich nachts als Kopfkissen benutzte, sahen die langen, struppigen blonden Haare sehnsüchtig nach einem Kamm heraus und spreizten sich auch hier und da aus einzelnen Öffnungen der Kopfbedeckung heraus.

Er bot das echte, traurige Bild eines verwahrlosten Menschen, dem die Einwirkung anderer fehlte, um sein Äußeres wieder zu pflegen. Wahrscheinlich fehlte ihm aber auch die Kraft, das von sich aus zu tun, wozu ihn andere vielleicht gezwungen hätten. Ein Europäer, der die schlechten Eigenschaften der Indianer angenommen hatte, ohne eine einzige der besseren dabei mit aufzunehmen. Ein verlorenes Subjekt, wie man es nicht nur in Kalifornien, sondern auch in vielen anderen wilden Ländern findet, in der amerikanischen Wildnis genauso wie im australischen Busch, das sich nur vegetierend am Leben erhielt – und doch dabei nach Gold grub.

»Sagen Sie, sind wir nicht schon irgendwo zusammengetroffen?« sagte endlich der Doktor.

»Nicht daß ich wüßte, Herr Doktor«, antwortete der Miner.

»Nanu, und trotzdem kennen Sie mich?«

»Nun ja«, erwiderte der Mann. »Warum soll ich Sie denn nicht kennen? Wir haben ja die ganze lange Seereise zusammen gemacht.«

»Aha«, lächelte Rascher. »Sie waren im Zwischendeck?«

»Ich war so dumm«, erwiderte der Mann freimütig. »Ich bin in diesem Marterkasten in das verdammte Kalifornien geliefert worden, Passage bezahlt und alles, freier Speck und Erbsenbrühe!«

»Aber hier sind Sie doch hoffentlich für alle Entbehrungen und Beschwerden reichlich entschädigt worden?«

»Wer? Ich? Ich möchte wissen, wo?« brummte der Bursche verdrießlich in den Bart. »Ich wollte nur so viel, daß ich mir den neuen Hof in Hesselbach kaufen konnte. Jetzt rackere ich mich schon fünf Wochen in den Bergen ab, lebe wie ein Hund, arbeite wie ein Pferd und habe noch nicht einmal genug zusammen, um nur die Grenzsteine zu bezahlen. Wenn ich nur die Zeitungsschreiber hier hätte, die ihre verfluchten Lügen in Deutschland verbreitet haben...« In seinem verbissenen Grimm über sein Schicksal schüttelte er die Maschine mit solcher Kraft und Gewalt, als ob er einen der Verantwortlichen am Kragen hätte. Der Doktor lächelte, aber trotzdem tat ihm der Mann leid, der hier mit einem Berg zerstörter Hoffnungen in der Wildnis saß und mit sich, Gott und der Welt grollte. Die Gesellschaft war ihm aber auch nicht besonders angenehm, um sich lange aufzuhalten. Er versuchte deshalb, zunächst den Weg zu erfragen und dann weiterzugehen.

»Kennen Sie sich in der Gegend aus, Freund?« erkundigte er sich nach kurzer Pause.

»Ich? Ich glaube schon«, erwiderte der Mann. »Ich kenne hier jeden Fleck, wo nichts liegt. Sehen Sie, da – dort – da drüben – da oben, diese Löcher habe ich ganz allein gegraben, und Platz genug ist da, daß eine Million hätte drin stecken können.«

»Nein, ich meine in den benachbarten Minen?«

»Was gehen mich die benachbarten Minen an?« knurrte aber der Deutsche, »Ich habe von Kalifornien schon mehr gesehen, als mir lieb ist.«

»Dann können Sie mir also nicht sagen, wo das sogenannte Paradies liegt?«

»Sogenannte Paradies?« wiederholte der Mann und sah den Doktor erstaunt an. Er nahm wohl an, daß der andere ihn aufziehen wollte. »Na, wenn Sie hier in dem vermaledeiten Kalifornien ein Paradies suchen, wünsche ich Ihnen viel Glück. Sollten Sie's aber wirklich finden, lassen Sie's mich bitte wissen, Doktor. Sie brauchen ja nur der Botenfrau ein paar Zeilen mitzugeben. Paradies – ja, schönes Paradies, Eldorado, und wie sie es sonst noch in den Büchern genannt haben. Es soll der Teufel holen, wenn ich erst einmal wieder draußen bin!«

Der Doktor sah ein, daß er von dem Mann, der hartnäckig wie ein Maulwurf das ganze Tal durchwühlt hatte, nichts erfahren konnte. Es interessierte ihn aber doch, wie dieser griesgrämige Geselle hier eigentlich lebte. Er konnte nirgends eine Wohnung, ein Zelt oder eine Hütte entdecken. Dicht neben dem Arbeitsplatz befand sich eine Feuerstelle, bei der ein paar Blechtöpfe und ein kleiner, eiserner Kessel hingen.

»Wo wohnen Sie denn eigentlich?« sagte er endlich. »Verlassen Sie nie den Bach, und bleiben Sie Tag und Nacht hier?«

»Mein Schlafzimmer ist gleich hinter dem Baum«, antwortete der Deutsche, ohne von seinem Sitz aufzustehen. »Wenn Sie es sich einmal ansehen wollen, es lohnt sich wirklich. Es ist nur noch nicht ordentlich eingerichtet.«

Doktor Rascher ging über den Bach auf einem schmalen Damm, sah sich aber auch dort vergeblich nach einem Zelt um und drehte sich deshalb wieder zu dem Mann um.

»Gleich hinter dem Baum, sag ich Ihnen ja«, rief der nur. Der Doktor, der noch ein paar Schritte nach vorn machte, sah sich im nächsten Augenblick der Höhle dieses wild gewordenen deutschen Staatsbürgers gegenüber.

Er hätte den Platz vielleicht selbst jetzt noch übersehen. Der Eingang bestand aus einem etwa 90 Zentimeter großen Loch, über das noch von oben einige Büsche herabhingen. Der sehr primitive Schlafplatz war einfach roh in den Berg gehauen. Rechts und links vom Eingang fielen sofort zwei kleine Holzbrettchen auf. Auf dem einen stand mit Kohle geschrieben: »Hier liegen Selbstschüsse!« und auf dem anderen: »Verbotener Eingang!«

Links davon war der Kleiderschrank. In die Zeder, deren Stamm den Eingang halb verdeckte, hatte der Mann einen Pflock eingeschlagen und daran hing ein früher vielleicht einmal erbsengelb gewesener Mantel mit unzähligen Kragen. Darunter lehnte ein arg verschossener, grüner Baumwollregenschirm lebensmüde mit dem abgebrochenen Griff an der rauhen Rinde.

»Und da wohnen Sie wirklich, Freund?« rief der Doktor, der von der Einfachheit überrascht war.

»Allerdings«, sagte der Deutsche und hielt einen Augenblick mit dem Schaukeln inne, um wieder frische Erde in die Maschine zu schütten. »Wenn Sie näher treten möchten, genieren Sie sich nicht. Das mit den Selbstschüssen ist nur so geschrieben, wenn ich einmal weg bin und so ein verwünschter Indianer spioniert hier herum.«

»Vielen Dank«, sagte aber der Doktor. Nach allem, was er von dem Eigentümer draußen gesehen hatte, verspürte er keine besondere Lust mehr, in dieses Loch zu kriechen. »Wenn Sie aber hier, so ganz allein, einmal krank werden?«

»Ach was«, sagte der Mann. »Ich bin in meinem ganzen Leben nicht krank gewesen, noch nicht einmal seekrank.«

Doktor Rascher konnte sich noch immer nicht über den Burschen und sein Leben beruhigen. Er betrachtete abwechselnd ihn und seine Schlafstätte und schüttelte nachdenklich den Kopf. Da der Deutsche aber keine Notiz mehr von ihm nahm, wollte er sich auch nicht weiter hier aufhalten, sondern Menschen suchen, die ihm bessere Auskunft geben konnten.

 << Kapitel 58  Kapitel 60 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.