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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 56
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Rasch ordnete sich der Zug, vor dem Jim ganz ausgelassen sprang. Die weggeworfenen Instrumente wurden wiedergeholt. Als sich die amerikanische Flagge wieder hob, fiel der allgemeine Lärm wieder in die Melodie der Flöte ein. Die Indianer hatten sich in einzelnen Gruppen, wahrscheinlich den zusammengehörigen Stämmen, mehr in die Flat hinabgezogen, als die Amerikaner gegen die Mexikaner vorrückten. Es gab keinen Zweifel, daß sie bei einem ausbrechenden Kampf teilgenommen hätten. Da sich die Mexikaner aber so untätig verhielten und ihre Flagge verschwand, ohne daß ein Schuß fiel und sich sogar ein Teil von ihnen zurückzog, wußten sie nicht, ob sie sie noch unterstützen sollten. Erstaunt waren sie, als sich die verhaßten Fremden wieder sammelten und auf sie zumarschierten.

Zuerst waren sie unschlüssig, ob sie bleiben oder fliehen sollten. Die kleine Gruppe mit dem wilden, jubelnden Lärm kam aber näher und näher, gerade auf sie zu. Langsam, noch immer zögernd, wichen sie zurück. Möglich, daß sie den Befehl von ihrem Häuptling erhielten, aber mehr und mehr zogen sie sich vor der Schar zu den Hügeln zurück. Erst da hielten sie hinter Büschen und Bäumen und schienen abwarten zu wollen, ob man sie angreifen wollte oder nicht. Eine offene Feindseligkeit gegen sie war aber nicht Hetsons Absicht. Der junge Mann wußte genau, wie sehr diese braunen Söhne der Wildnis von seinen Landsleuten gereizt und unterdrückt wurden. Er konnte ihren Haß gegen sie wohl verstehen. Aber er wollte ihnen zeigen, daß die Amerikaner gegen jeden Angriff gerüstet waren und daß sie bereit wären, jeden Eingriff in ihre nun einmal eroberten und gehaltenen Rechte zu bestrafen. Und das erreichte er mit diesem Zug vollkommen. Die Mexikaner wagten nicht, ihnen zu folgen, die Indianer zogen sich in die Berge zurück. Um die Flat und bis auf Pfeilschußnähe zogen Hetsons Männer, bis sie den breiten, wieder zum Paradies einbiegenden Weg erreichten und jetzt lustig in die kleine Zeltstadt hineinmarschierten.

Inzwischen hatten sich fast alle fremden Goldwäscher, die in unmittelbarer Nähe der Zelte arbeiteten und Zeugen des Angriffs wurden, in die Stadt zurückgezogen, um die Amerikaner zu sehen. Besonders die Franzosen waren zahlreich vertreten. Wenn sie sich auch über die Feigheit der Mexikaner ärgerten, konnten sie doch dem kleinen Haufen der Amerikaner ihre Bewunderung nicht versagen. Sie konnten am besten den Wert eines solchen kühnen Angriffs würdigen. Mit lautem Hurraruf kamen jetzt auch die amerikanischen Händler angelaufen, die sich ruhig in ihren Zelten aufgehalten hatten. Fast unwillkürlich stimmten selbst die Fremden mit in den Ruf ein, als die amerikanische Flagge wieder an der alten Stelle emporstieg. Die mexikanische Flagge befand sich noch immer verkehrt darunter. Im selben Augenblick trat Jenny aus ihrem Zelt. Als sie ihren Mann gesund und unverletzt von dem gefährlichen Zug zurückkehren sah, flog ein liebes Lächeln über ihr Gesicht.

»Gott sei Dank, daß du da bist«, flüsterte sie nur leise und streckte ihm die Hand entgegen. Sie konnte nicht mehr sprechen.

»Du hast doch meinetwegen keine Angst gehabt?« erkundigte er sich lächelnd. »Es gab keine Gefahr, kein Schuß ist gefallen, kein Schlag geführt worden.«

Jenny erwiderte nichts und sah ihn nur fragend an. Der alte Nolten, der neben ihm stand, rief:

»Glauben Sie es Madame, ein Schuß ist wirklich nicht gefallen und niemand verwundet worden, aber einen frecheren Zug hat noch niemand unternommen. Niemand hat mehr Mut dabei gezeigt, als Mr. Hetson heute morgen in der Flat!«

»Aber Mr. Nolten...«

»Papperlapapp, junger Freund«, fuhr aber der Alte fort. »Ich bin auch nicht von gestern und habe meine Nase schon in manche kitzlige Sache gesteckt. Ich weiß deshalb auch ungefähr, was ein einzelner Mann leisten kann. Und das, Hetson, haben Sie heute morgen reichlich getan! Sie haben sich tapfer wie ein echter Amerikaner benommen, und ich sehe nicht ein, weshalb Sie das vor Ihrer Frau verheimlichen wollen!«

Hetson errötete bei diesem verdienten Lob. Lächelnd nahm er die Hand seiner Frau und sagte:

»Er will, daß ich eitel werde, Jenny. Glaub ihm nicht die Hälfte von dem, was er da sagt. Wir sind nur den Mexikanern zu Leibe gerückt und haben ihnen die Fahne abgenommen, das war alles.«

Die Augen der Frau leuchteten, als sie ihren Mann ansah. Mit fester, aber herzlicher Stimme sagte sie:

»Du hast dich bestimmt schon meinetwegen in keine unnötige Gefahr gestürzt, Frank. Aber daß du so konsequent gehandelt hast, freut mich sehr. Vielleicht kannst du nun auch mir bald eine halbe Stunde Gehör schenken. Ich muß dir manches sagen, was ich nicht länger aufschieben möchte.«

»Jetzt noch nicht, meine Liebe«, bat sie aber Hetson. »Du siehst, wie ich jetzt in Anspruch genommen bin. Sobald ich kann, komme ich zu dir. Verlaß aber bitte nicht das Zelt, denn die Indianer schwärmen noch auf den Bergen herum. Sie werden heute nicht gerade bester Laune sein. Ha, Siftly!« unterbrach er sich plötzlich, als der Spieler auf seinem Pferd die Straße herabgeritten und auf ihn zukam. Seine Frau zog sich, als sie ihn erblickte, in ihr Zelt zurück. »Du bist heute morgen anderweitig beschäftigt gewesen und konntest dich uns nicht anschließen?«

»Wie ich sehe, habt ihr euch die mexikanische Flagge geholt«, sagte der Spieler gleichgültig. »Das ist gut, was sollte auch die Spielerei!«

»Ist die Flagge für Sie eine Spielerei, Sir?« sagte der alte Nolten und sah den Spieler nicht gerade freundlich an.

»Allerdings«, lachte Siftly vollkommen unbekümmert. »Für was denn sonst?«

»Meiner Meinung nach hätten Sie heute unter unsere Flagge gehört«, entgegnete ihm der alte Mann finster. »Wenn Sie sich überhaupt für einen Amerikaner ausgeben!«

»Das bin ich nur durch Geburt«, sagte Siftly. Er stieg lässig von seinem Pferd herunter und nahm es am Zügel. »Sonst bin ich Kosmopolit. Wer mir abends sein Gold an meinen Tisch bringt, ist mein Freund – solange er eben Gold hat.«

Der alte Amerikaner wandte ihm verächtlich den Rücken zu und sagte laut genug, damit er es verstehen konnte:

»Wenn alle ehrlichen Amerikaner so denken würden wie ich, sollte solches Gesindel bald den Platz hier räumen.«

Siftly hatte die Worte verstanden. Er warf dem Alten nur einen höhnischen Blick nach und sagte dann zu Hetson:

»Ich habe dir auch etwas zu sagen, was dich interessieren wird. Aber erst muß die Bande da mit dem verwünschten Yankee-doodle und ihren Trommeln aufhören. Es ist ja ein Lärm, daß einem die Trommelfelle platzen.«

»Da du an unserer Sache so wenig Anteil nimmst, Freund«, erwiderte Hetson kalt, »ist es vielleicht besser, du gehst dem Yankee-doodle aus dem Weg.«

»Vielen Dank«, lachte Siftly. »Aber noch bin ich mit dem Paradies nicht fertig. Übrigens, Kamerad«, setzte er mit leiserer Stimme hinzu und bog sich zu Hetsons Ohr. »Du solltest der letzte sein, der mir mangelnde Teilnahme vorwirft. Wenn ich heute morgen im Lager fehlte, geschah es nur in deinem Interesse.«

»In meinem Interesse?« wiederholte Hetson ungläubig. »Was willst du denn da unternommen haben?«

»Er ist da, hier im Ort«, flüsterte ihm Siftly zu, und Hetson wurde blaß. Er fühlte, wie seine Knie, sein ganzer Körper zitterte.

»Woher weißt du...?« stammelte er und griff den Arm des Mannes.

»Ich habe ihn gesehen und gesprochen«, sagte Siftly gleichgültig. Er folgte dem Alkalden, der ihn einige Schritte von seinem Zelt fortführte.

»Hier im Ort?«

»Nein, etwa eine halbe Stunde von hier an einem schattigen Waldflecken«, lachte der Spieler. »Da hatte er ein Rendezvous mit einer alten Bekannten und ihrer Freundin.«

»Du lügst, Siftly!« stöhnte Hetson, der die Worte kaum herausbrachte.

»Hör mal, Hetson«, sagte der Spieler ruhig, »ich bin gern bereit, wegen deines Zustandes viel zu verzeihen. Aber du solltest doch vorsichtig mit deinen Bemerkungen sein. Ich sage nichts, was ich nicht beweisen kann.«

»Beweisen? Womit?«

»Mit deiner Frau selbst. Sage es ihr auf den Kopf zu und wenn sie, was ich nicht glaube, nicht rot wird und wirklich leugnet, dann laß mich meine Worte in ihrer Gegenwart wiederholen.«

Hetson erwiderte nichts, aber seine Hände ballten sich krampfhaft zusammen, und der Schweiß stand ihm in großen Tropfen auf der Stirn.

»Und sie war dort?« stöhnte er endlich.

»Mit dieser Spanierin, der Tochter Don Alonsos, die ihr wahrscheinlich dabei half. Das spanische Blut ist dafür wie geschaffen. Apropos, Hetson, ich habe mit ihrem Vater einen Vertrag abgeschlossen, damit sie jeden Abend in meinem Zelt spielt. Das unverschämte Ding weigert sich aber. Aber ich weiß, daß das Recht auf meiner Seite ist, und werde sie schon zwingen. Übrigens kann ein entschiedenes Wort von dir die ganze Sache leicht und rasch erledigen.«

Hetson hörte gar nicht, was er sagte. Geistesabwesend ging er neben dem Spieler die Straße hinunter. Sein Blick haftete stier auf der Erde oder streifte über die Menschen, ohne sie wahrzunehmen.

»Nimm dir das aber nicht zu sehr zu Herzen«, sagte Siftly nach einer Weile. »Die Sache hat im Grunde nichts zu bedeuten. Es ist eigentlich sogar gut, daß wir den Burschen endlich Auge in Auge haben. Verlaß dich dabei auch auf meine Unterstützung. Es ist wirklich ein Glück, daß ich gerade jetzt in das Paradies gekommen hin, besser hätte es sich nicht treffen können.«

»Ist er noch hier?«

»Sicher. Glaubst du, daß der den Platz hier so rasch und allein freiwillig wieder verläßt? Ich glaube aber, daß ich Mittel finde, um ihm Beine zu machen, wenn wir ihm nicht vorher die Füße wegziehen.«

Hetson hatte wie im Traum neben Siftly den Weg verfolgt, bis sie die letzten Zelte hinter sich ließen. Der Spieler frohlockte, daß er jetzt ein Mittel hatte, um Hetson ganz nach seinem Willen gefügsam zu machen. In Hetson ging inzwischen eine Veränderung vor. In den letzten Monaten war Charles Golway für ihn immer ein Phantom, ein Schreckensbild gewesen, das nicht greifbar war und ihn deshalb fast bis zum Wahnsinn trieb. Während er sich Tag und Nacht damit quälte, wie er einmal mit dem Mann zusammentreffen würde und sein Glück zerstört wurde, rieb er sich dabei völlig auf. Jetzt war er plötzlich da und hatte schon, noch bevor er seine Nähe ahnte, seine Hand ausgestreckt, um sein Glück zu zerstören. Aber er war noch da. Das Phantom war zu Fleisch und Blut geworden, die Gefahr war jetzt greifbar geworden. Mit diesem Bewußtsein kam eine eigene Ruhe und Zuversicht über ihn, die er bis dahin nicht für möglich gehalten hatte.

»Er ist da!« flüsterte er nur leise vor sich hin, als wollte er sich selbst die Gewißheit geben, daß er ihm jetzt nicht mehr ausweichen könnte. »Er ist da!«

»Was schadet's?« lachte Siftly, der den Worten eine ganz andere Bedeutung gab. »Ich werde dir beweisen, daß ich dein Freund bin. Schlag dir alle Sorgen aus dem Kopf und verlaß dich ganz auf mich. Der Bursche wird bald wünschen, daß sein Schiff, mit dem er dich verfolgt hat. lieber an einem freundlichen Felsen gestrandet wäre als daß er kalifornischen Boden betreten hat. Na, was hast du?«

»Laß mich einen Augenblick allein«, bat ihn Hetson. »Die Nachricht hat mich doch überrascht, und ich muß mich sammeln. Ich gehe in mein Zelt zurück und möchte mir die Sache überlegen.«

»Schön«, sagte Siftly und reichte ihm die Hand. »Sei aber nicht zu hart mit deiner Frau. Meiner Meinung nach ist die Spanierin an der Geschichte mehr schuld als sie. Also bleibt es dabei, was ich dir vorhin sagte?«

»Laß mich jetzt bitte, mir wirbelt der Kopf, und ich weiß nicht, an was ich zuerst denken soll.«

Hetson hatte sich von ihm abgewandt. Siftly lächelte spöttisch vor sich hin und sagte: »Good-bye, wir sehen uns nachher im Lager wieder.« Dann ging er rasch die Straße zurück, die er mit ihm gekommen war.

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