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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 55
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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22. Der Angriff

Ein merkwürdiger Zug hatte noch nie einen so ernsten Marsch unternommen. Obwohl die Leute ganz genau wußten, welcher Gefahr sie entgegengingen, waren sie förmlich ausgelassen. Sie waren auch nicht besonders stark bewaffnet. Nur zwei Drittel hatten die langen Gewehre, die anderen Revolver. Aber fast alle trugen die langen, schweren Jagd- und Bowiemesser, die bei einem Kampf Mann gegen Mann die furchtbarste Waffe waren. So zog der kleine Trupp im Sturmmarsch schreiend und jubelnd die Straße hinauf, mit ihrer wehenden, für sie heiligen Flagge voran. Dann bog man rechts durch die Zelte ab, quer durch die Flat gerade auf das Lager der Mexikaner zu.

Was gab ihnen die Zuversicht und diesen fröhlichen Mut? Was ließ ihre Herzen zwar rascher, aber nicht zaghafter schlagen, als sich jetzt vor ihnen der weite Schwarm der Mexikaner ausbreitete und die Indianer näher von den Bergen in die Flat herunterrückten, während die in der Stadt zurückgebliebenen Fremden erstaunt dem kleinen, kecken Haufen nachsahen? Es war das Gefühl, das die Flagge vermittelte, das Bewußtsein, einer Nation anzugehören, einer Nation, die ihren Tod rächen würde, wenn sie jetzt unterliegen sollten. Dann würde diese Flagge noch fester als je zuvor in den Boden gerammt werden.

Unter dem blauen Himmel flattert das Sternenbanner. Die grellen Töne der Pfeife spielen das Nationallied, das sein Volk schon zu hundert Schlachten geführt hat. Übermütig springen und laufen die Männer über den rauhen Boden, überfliegen die gegrabenen Löcher, klettern über die Erdhaufen, nur vorwärts, vorwärts, ihrem Ziel entgegen.

Die Mexikaner sahen erstaunt auf, als sie den Lärm näher und näher kommen hörten. Zuerst hatten sie geglaubt, die Franzosen kämen von dort, um sich ihnen anzuschließen.

Das Sternenbanner und die grellen Töne des zu gut bekannten Schlachtliedes belehrten sie aber bald eines Besseren. Einige warfen sich auf ihre Pferde und flogen im Galopp auf die Berge zu, wo die Indianer hielten. Die Masse ordnete sich in breiter Reihe und besetzte die freie Stelle, die gleich hinter dem aufgewühlten Boden der Flat begann. Noch unschlüssig drängten sich die Anführer dazwischen, um ihre Leute zu ermutigen und sie aufzufordern, ihren Platz zu halten. Was konnte diese Handvoll Amerikaner gegen sie ausrichten! Aber näher und näher schallten die schrillen Töne des Yankeedoodle. Schon konnten sie die wilden, bärtigen, sonnengebräunten Gesichter erkennen, die trotzigen Augen sie anblitzen sehen. Gerade auf die mexikanische Flagge hielt der Zug. Je näher er kam, desto mehr verdoppelte er seine Eile. Dem kleinen Burschen, der die Pfeife blies, war schon fast der Atem ausgegangen. Aber trotzdem hielt er die Melodie durch und wich nicht von Hetsons Seite. Der übersprang jetzt mit der Fahne in der linken, einem gespannten Revolver in der rechten Hand das letzte Hindernis, das ihn noch von den Gegnern trennte.

»Guarda!« schallte es ihnen hier aus hundert Kehlen gleichzeitig entgegen.

»Paßt selbst auf!« schrie sie aber Hetson donnernd in ihrer Sprache an. »Wer eine Waffe hebt, ist des Todes! Sein Fleisch soll an die Kojoten verfüttert werden! Nieder mit der Flagge, ihr Hunde! Ihr habt es gewagt, den Boden hier mit diesen Lügenfarben zu schänden!«

Mehrere Mexikaner liefen mit gezogenen Säbeln herbei, um die Fahne zu verteidigen. Aber Hetson stand schon mit gehobenem Revolver vor der Stange. Er drückte die eigene Fahne dem kleinen Matrosen Jim in die Hand, der sie jubelnd emporhob. Dann griff er den Schaft der feindlichen Fahne mit der linken Hand und riß sie aus der Erde.

»Schlagt ihn zu Boden!« brüllten die Mexikaner um ihn, aber der gespannte Revolver mit seinem sechsfachen Tod hielt doch die nächsten zurück, und die anderen drängten vergeblich von hinten. Im nächsten Moment hob sich der Schaft aus der Erde. Einen Augenblick wehte die mexikanische sogar noch über der amerikanischen Flagge. Aber dann wurde sie gefaßt und unter dem Jubelgeschrei der Amerikaner unter die Füße getreten.

Noch war kein Schuß gefallen, aber jeder fühlte, daß der nächste Moment der entscheidende sein mußte. So wenig Amerikaner es auch waren, bildeten sie doch eine kompakte Masse, die mit Revolvern und Gewehren fest im Anschlag lag. Die Mexikaner wußten, daß der Tod in den Rohren lauerte, und die Nähe, in der sich die Feinde gegenüberstanden, machte die Gefahr noch furchtbarer. Da, als Hetson die eigene Flagge wieder ergriffen hatte und selbst den tollkühnen Hinterwäldlern das Herz in der Brust lauter klopfte, stimmte auf einmal der kecke Jim mitten zwischen den Mexikanern wieder den Yankee-Doodle an. Das Lied wirkte wie ein Zauber auf beiden Seiten.

Die Amerikaner brachen in ein wildes »Hurra!« aus, während die Mexikaner scheu ihre Waffen senkten und ihre Feinde nur noch trotzig anstarrten.

»Jetzt ist es Zeit!« flüsterte Hale Hetson leise zu. »Einen besseren Augenblick für unseren Rückzug finden wir nicht, und die Fahne ist in unserer Gewalt!«

»Noch nicht, Sheriff«, sagte Hetson mit fester Stimme. Ein wildes Feuer blitzte in seinen Augen. »Diese Burschen haben noch ihre Waffen, und bei Gott! Ich verlasse den Platz nicht, bis sie abgelegt sind!«

»Passen Sie auf!« warnte Hale. »Die Indianer da drüben sind schon auf kaum fünfhundert Schritt Entfernung herangekommen. Wenn wir in die Löcher abgedrängt werden, sind wir verloren!«

»Dann müssen wir eben vorwärts!« lachte der junge Mann trotzig. Wieder in der spanischen Sprache wandte er sich an die Gegner und rief ihnen mit donnernder Stimme entgegen:

»Ihr habt gegen die Autorität unseres Landes die Fahne und eure Waffen erhoben und habt euch strafbar gemacht. Wir könnten euch hier totschießen wie Hunde oder in die Berge jagen. Aber unsere Regierung erlaubt den Fremden, die hier friedlich ihrer Arbeit nachgehen, den Aufenthalt. Nur Bewaffnete sind Feinde und werden bestraft. Also weg mit den Waffen, die ihr mißbraucht habt. Wer sich widersetzt, wird von mir erschossen!«

»Verdammt!« brummte Briars leise seinem Nachbarn zu. »Das nenne ich hoch gepokert!«

Die Mexikaner schwiegen, waren stumm vor dieser Kühnheit. Hetson stieß die amerikanische Flagge in das Loch, in dem noch vor wenigen Minuten die mexikanische geweht hatte. Dann ging er mit erhobenem Revolver auf den nächsten zu, einen riesigen, fast braunen Burschen. Er hielt ihm die Waffe vor die Stirn und griff nach dem Säbel, den der fest in der Faust hielt.

»Sie haben kein Recht, unsere Waffen zu verlangen!« zischte der Mann. Der Blick, den er dem Amerikaner zuwarf, sprühte Gift.

»Es zuckt mir schon im Finger, Mann!« schrie Hetson. »Ich zähle bis drei, und wenn du dann nicht losläßt, bist du eine Leiche. Eins – zwei –« Er fühlte, wie sich der Griff des Mannes lockerte und entriß ihm den Säbel. Neben der Flagge warf er ihn nieder. Schon hatte er den zweiten gefaßt, und Hale, selbst zu jeder Tat bereit, war an seiner Seite, um ihn zu unterstützen.

Die Mexikaner wichen jetzt unschlüssig einige Schritte zurück, aber die Amerikaner ließen ihnen keine Zeit, sich zu besinnen. Die Männer mit Gewehren blieben weiter im Anschlag, während die anderen mit vorgehaltenen Pistolen an Waffen wegnahmen, was sie erreichen konnten. Nicht ein Schuß fiel. Die feigen Burschen hatten nicht den Mut, sich dem kleinen Trupp entschlossener Männer zu widersetzen. Von den entfernter stehenden Mexikanern schlichen sich schon einige weg, gingen zu ihren Tieren, sprangen in die Sättel und galoppierten den Bergen zu. Soviel sie erreichen konnten, nahmen die Amerikaner Säbel, Pistolen und Flinten an sich. Drohend flatterte darüber das Sternenbanner, höhnisch schrillten die Töne der unharmonischen Nationalhymne. So zeigte man den näher gekommenen Indianern deutlich genug, wer hier gesiegt, wer das Feld behauptet hatte.

Für die kleine Gruppe der Amerikaner war aber nur der Beginn des Unternehmens, den Gegnern die Waffen abzufordern, gefährlich gewesen. Ein Ausbruch, und sie hätten rettungslos der Übermacht unterliegen müssen, auch wenn sie viele erschossen hätten. Aber diesen Punkt überwunden, und die Anführer der Gruppe mehr durch ihren Mut als durch wirkliche Gewalt eingeschüchtert, und schon dachten auch die anderen nicht mehr an Widerstand. Alle, die sich noch zurückziehen konnten, wichen den Gegnern aus. Hetson war zu klug, um seinen dadurch gewonnenen Vorteil wieder aufs Spiel zu setzen. Er behielt seine Leute zusammen. Was sich zurückzog, blieb unbelästigt. Selbst als sich einige wieder an einem Hügelhang sammelten, nahm er davon keine Notiz. Mit der Waffenabnahme waren sie gedemütigt worden, auch wenn sich nur ein Teil gefügt hatte. Hetson wußte, daß er von ihnen nichts mehr zu befürchten hatte. Leute, die sich unter für sie so günstigen Verhältnissen die Flagge nehmen und vor ihren Augen in den Staub treten ließen, würden nie selbst einen Angriff wagen. Aber eine schlimmere Demütigung war für sie noch aufgespart worden.

»Das ist schon recht«, sagte Hale, der vergnügt die aufgeschichteten Waffen betrachtete. »Wenn wir nur schon mit der Bagage im Lager wären! Werfen wir aber die ganze Bescherung hier in eine der Gruben und schütten sie zu, dann graben sie die Mexikaner in der Nacht wieder aus. Schleppen ist auch unbequem, besonders über den aufgerissenen Boden.«

»Schade, daß wir kein Maultier haben, Hale«, sagte Hetson.

»Wißt ihr was, ich laufe schnell ins Lager und hole mein Pferd«, rief der alte Nolten. »Wenn ich auch den Umweg oben herum nehmen muß, werden mich die Indianer schon ungeschoren lassen. Wenn sie es nicht tun, haben sie selbst schuld.«

»Denen wollen wir noch selbst einen Besuch abstatten, Mr. Nolten«, sagte Hetson lächelnd. »Wenn Sie mich alle begleiten wollen.«

»Begleiten?« rief Nolten und ergriff die Hand des jungen Mannes. Er drückte sie wie in einem Schraubstock zusammen. »Squire, mit Ihnen gehe ich in die Hölle. Sie haben meinem alten Herzen heute eine große Freude bereitet. Wir Amerikaner dürfen stolz auf Sie sein, und ich werde Ihnen das nie im Leben vergessen.«

»Ich habe nicht mehr getan als alle anderen auch«, erwiderte Hetson. »Daß keiner von uns das Maß überschritten hat und keiner schoß, obwohl wir die Büchsen im Anschlag hatten, sicherte uns mehr den Sieg, als wenn wir uns wild in einen verzweifelten Kampf gestürzt hätten. Und doch gehörte mehr Mut dazu, sich hier zurückzuhalten als anzugreifen!«

»Ich weiß nicht«, lachte Nolten. »Wir standen an einer heiklen Stelle. Einmal die Büchsen abgeschossen, wäre es doch sehr fraglich, ob uns die Señores Zeit zum Laden gelassen hätten. Mit der Aussicht ist es keine große Kunst, seinen Schuß zurückzuhalten. So eine Kugel ist verdammt schnell aus dem Lauf, aber nur sehr langsam wieder hinuntergeschoben. Wo will denn der Junge hin?«

Die Frage galt dem kleinen Jim, der sein Instrument in die Tasche geschoben hatte und blitzschnell zu den Mexikanern lief.

»He, Jim«, riefen ihm ein paar Leute nach. »Sei kein Narr und bleib hier!« Der kleine Bursche hörte aber nicht und lief einfach auf ein paar angebundene Maultiere zu. Ohne weiteres machte er eins von seinem Lasso los. Der Eigentümer stand nicht weit entfernt und wollte Einspruch erheben. Aber Jim, der ein paar Worte Spanisch sprach, machte ihm mit lebhaften Gesten klar, daß er das Tier nur ausborgen und zurückbringen wollte. Er ließ sich aber auch nicht zurückhalten. Da Boyles und zwei andere Amerikaner in Sorge um den Jungen näher kamen, fügte sich der Mexikaner. Wenige Minuten später war Jim auch mit dem erbeuteten Maultier bei der Flagge angelangt. Hier begann er, die Waffen zusammenzulegen und ein festes Bündel zu schnüren. Lachend sahen ihm Hetson, Hale und Nolten zu, während andere ihn dabei unterstützten. Bald war der ganze Vorrat auf dem Packsattel des Maultiers so befestigt, daß er transportiert werden konnte. Nur die wenigen geladenen Gewehre hatte man unten gelassen. Eventuelle Selbstentladungen wurden so vermieden und gleichzeitig die Amerikaner ohne Gewehr damit bewaffnet.

»Wohin jetzt?« sagte Hale. »Durch die aufgerissene Flat können wir mit dem bepackten Maultier nicht durch. Unten herum ist es ein weiter Weg und sieht beinahe aus wie ein Rückzug.«

»Der liegt nicht in unserem Plan«, erwiderte Hetson. »Gentlemen, wir haben unsere Arbeit noch nicht beendet. Es bleibt uns noch übrig, die Probe zu machen, wie sie wirken soll. Wir müssen den Indianern da drüben zeigen, was sie von ihren Bundesgenossen, den Mexikanern, zu erwarten haben. Also her mit der Flagge!«

»Was wollen Sie tun, Hetson?«

»Sie verkehrt unter unserer befestigen und damit gegen die Indianer marschieren. Gehen Sie mit?«

»Hurra für Hetson!« schrien die Leute jubelnd auf. Im Nu war die entehrte Flagge von ihrem Stock gerissen und unter die amerikanische gebunden.

»Und jetzt wieder die Musik voran«, lächelte der Alkalde. »Ordnet euch wieder zu einem Zug, aber keinen Schuß gegen die Indianer. Sie werden uns auch nicht belästigen. Sind sie wirklich wahnsinnig genug, uns anzugreifen, ist noch immer Zeit genug, sie zurückzuweisen. Ich will kein indianisches Blut vergossen haben.«

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