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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 54
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Nur Hetson und Hale waren bei der Fahne geblieben. Kaum hatten sich die anderen zerstreut, als der Sheriff auf seinen Vorgesetzten zuging, dessen Hand ergriff und sie herzlich schüttelte.

»Mr. Hetson, Gott soll mich strafen, wenn es mir nicht sehr leid tut, Ihnen unrecht getan zu haben...«

»Mein lieber Hale...«

»Nein, wirklich, Sir. Ich – ich habe Sie für eine Memme gehalten, und... jetzt möchte ich mich dafür selbst verprügeln.«

Hetson lachte, aber ein wehmütiger Zug zuckte doch um seine Lippen. Endlich sagte er:

»Es gibt manches, Hale, das mich ernst und vielleicht auch weich gestimmt hat. Daß ich nicht wirklich feige bin, werde ich Ihnen heute beweisen.«

»Aber Ihre Frau, Sir, wenn uns nun doch... etwas Menschliches passieren sollte!«

»Wir stehen alle in Gottes Hand, Hale«, lächelte der junge Mann. »Ich hin in dieser Hinsicht Fatalist.«

»Fata – was?« sagte der Sheriff. Ihm schoß der Gedanke durchs Hirn, daß das vielleicht eine neue Art von Lebensversicherung sein könnte.

»Fatalist«, lächelte Hetson wieder. »Das heißt: Ich glaube, wenn ich heute sterben soll, kann mich der Tod genausogut hier in meinem Zelt treffen.«

»Mit den Frauen ist das aber immer eine böse Sache.«

»Mit meiner nicht, Hale. Sie ist selbständig und würde im schlimmsten Fall ihren Weg nach San Francisco schon finden. Da kennt sie meinen Bankier, und die Rückkehr in die Heimat wäre für sie kein Problem.«

Ein bitteres Gefühl überkam ihn. Er dachte daran, ob es seine Frau überhaupt als Unglück ansehen würde, ob sie nicht vielleicht... Er mochte den Gedanken nicht beenden, und fast unwillkürlich fuhr er sich mit der Hand an die Stirn.

»Es wird schon nicht so schlimm werden, Mr. Hetson«, flüsterte der Sheriff, der die plötzliche Bewegung einer anderen Ursache zuschrieb. »Wenn alle Kugeln träfen, gäbe es längst keine Soldaten mehr. Wollen Sie aber nicht hineingehen, und ihr... und ihr sagen, daß wir – na, zum Teufel, daß wir den Mexikanern die Jacke ausklopfen wollen?«

»Nein, Hale«, erwiderte Hetson. »Ich bin jetzt gerade in der richtigen Stimmung und möchte mich nicht noch unnötig weich machen. Da kommen auch unsere Freunde schon wieder. Die Zeit verfliegt, und die freche Flagge da drüben hat schon viel zu lange geweht. Aber was schleppen die Leute da an? Können Sie erkennen, Hale, was die da vorn tragen?«

Der Sheriff lachte.

»Es ist und bleibt ein verrücktes Volk!« rief er aus. »Diese westlichen Burschen laufen zu einem richtigen Kampf so übermütig, als ob sie nur zu einem Tanz gehen.«

»Aber was tragen sie da?«

»Ein paar Kindertrommeln und einen Gong, wie die Kochzelte sie hier benutzen, um ihre Gäste zu rufen. Es sieht so aus, als wollten sie sich Musik verschaffen.«

»Herrlich!« rief Hetson freudig aus. »Einen besseren Einfall konnten sie nicht haben!«

»Hurra, Squire!« schrie da Boyles. Er kam mit einer kleinen Kindertrommel angelaufen und trug seine lange Büchse, mit dem Kolben nach hinten, auf der Schulter. »Hier bringen wir den richtigen Stoff, um die Ratten auszutreiben. Hurra für Old America, aber ohne Yankeedoodle können wir nicht in den Kampf gehen!«

»Hu – pih!« gellte gleichzeitig ein langer Arkansasmann seinen Jagdschrei. Dann setzte er eine kleine Kindertrompete an die Lippen und blies einige sehr merkwürdig klingende Töne. »Zu schade, daß wir über die verdammten Löcher da draußen nicht mit unseren Pferden reiten können. Wenn es aber zu Fuß sein muß, wollen wir ihnen auch etwas bieten!«

»Bang, bang!« schmetterte dabei der dröhnende Schlag des Tamtam dazwischen, und die kleinen Trommeln wirbelten, die Trompeten quietschten, und einer hatte eine Blechkaffeekanne mitgebracht, auf der er mit einem Holzlöffel herumklapperte. Die Leute waren so ausgelassen wie Kinder, die sich überall das Material zusammengesucht haben, um einmal Soldaten zu spielen. Dabei trugen sie die scharf geladenen Gewehre auf den Schultern und wußten, daß sie zu einem tollkühnen Kampf gegen eine Übermacht antraten, die sie schon beim ersten Ansturm erdrücken konnte. Hetson musterte die wilde Schar mit einem freudigen und zugleich trotzigen Lächeln. Jedes Anzeichen von Unruhe oder Schmerz war aus seinem Gesicht verschwunden. Er zeigte seine feste Entschlossenheit. Jetzt hob er das Banner, ordnete den wilden Trupp zu einem geschlossenen Zug, und Boyles schrie jauchzend:

»Hallo, Jungens, die Musik gehört nach vorn! Hierher, meine Lieben. Wo ist der Pfeifer, wo ist unser Baby?«

»Hier, Sir!« antwortete eine feine Stimme, und ein kleiner Bursche, höchstens dreizehn Jahre, sprang nach vorn. Er trug Hemd und Hosen und einen breitrandigen Hut aus Wachstuch. Aber jedes Stück verriet, daß er von einem Kriegsschiff weggelaufen war, und die blauen Wogen mit den grünen Bergen vertauscht hatte. Der breite, zurückgeschlagene blaue Hemdkragen mit dem weißen Streifen wäre nicht einmal nötig gewesen, um ihn als Schiffsjungen auszuweisen. Er hatte nur das breite Hutband abgelegt, das früher den Namen seines Schiffes trug. Er wollte wohl den Leuten keinen zu genauen Hinweis geben, um nicht wieder eingefangen zu werden.

»Das Kind dürfen wir nicht mitnehmen!« wandte da Hetson ein. »Leute, glaubt doch bloß nicht, daß wir zu einem Spiel aufbrechen! Wir wollen einen Feind angreifen, der uns an Stärke zehnfach, ja, mit den Indianern sogar dreißigfach überlegen ist!«

»So, Sir?« rief der kleine Bursche und sah ihn keck an. »Ich bin dreizehn Jahre alt, wenn Sie's nicht glauben, und ich habe schon im vorigen Jahr geholfen, die Mexikaner zu verprügeln, jawohl! Wenn Sie das Recht haben, unsere Sterne und Streifen in ihre Reihen zu tragen, dann darf ich ihnen auch den Yankee-doodle in die Ohren blasen. Ich will verdammt sein, wenn ich hierbleibe!«

»Hurra für Jim!« schrien die Männer jubelnd um ihn her. Hetson mußte sich achselzuckend fügen.

Als sie sich jetzt ordentlich aufstellten, kamen zwei Männer auf sie zu. Es waren offensichtlich Franzosen. Aus einem der französischen Zelte drängten jetzt vierzig oder fünfzig andere heraus und blieben am Eingang stehen, um die Gruppe der Amerikaner zu beobachten.

»Aha, da schicken uns die Franzosen ein paar Gesandte!« flüsterte Hale dem Alkalden zu. »Wenn wir die in den Rücken bekämen, könnte die Geschichte unangenehm werden.«

Hetson erwiderte nichts. Mit der Flagge in der Hand trat er den beiden Leuten entgegen. Sie grüßten ihn freundlich. Hale hatte sich nicht geirrt. Einer von ihnen, der sehr gut Englisch sprach, sagte:

»Sir, wollen Sie uns offen eine Frage beantworten, die vielleicht hilft, weitere Störungen und Unzufriedenheit zu vermeiden?«

»Sehr gern, wenn ich es kann«, antwortete Hetson.

»Es gibt ein Gerücht in den Minen«, fuhr der Franzose fort, »daß die Amerikaner alle Fremden von ihren Claims vertreiben wollen, obwohl die Regierung der Vereinigten Staaten uns schon dadurch das Recht einräumt, hier zu graben, indem sie von uns eine enorme Steuer verlangt. Ist das der Fall?«

»Monsieur«, erwiderte Hetson ruhig, während sich die Amerikaner um ihn drängten. »Das Gerücht ist falsch. Daß sich einige meiner Landsleute strafbare Übergriffe erlaubt haben, ist mir bekannt. Ich versichere Ihnen aber, daß wir die ruhigen Fremden nicht belästigen werden. Wo sich jemand über einen Amerikaner beklagen will, soll er sich getrost an mich wenden. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich für sein Recht sorge!«

»Wer hat die Fremden überhaupt hierhergerufen?« schrie Briars dazwischen. »Wir brauchen sie nicht und können...«

»Schweigen Sie, Sir!« donnerte Hetson ihn an. »Was ich gesagt habe, dafür stehe ich ein, solange ich hier Alkalde hin. Wenn es derartiges Gesindel unter meinen Landsleuten gibt, die über Schwache herfallen, um sich durch Raub zu bereichern, so schwöre ich bei Gott, daß sie dafür büßen werden!«

Die schlanke, schmächtige Gestalt des Mannes hob sich dabei unwillkürlich, und sein helles Auge blitzte den sonst so frechen und übermütigen Burschen so zornig an, daß der scheu zurückwich.

»Bravo, bravo!« klang es von der anderen Seite. »Es ist eine Schande für uns gegenüber den Fremden, wenn wir das zulassen!«

»Ich freue mich, das zu hören, Gentlemen«, sagte der Franzose und nahm seinen Hut ab. »Und nun die Steuer, Sir?«

»Das ist ganz einfach«, antwortete Hetson wieder völlig ruhig. »Egal, was wir selbst hier in den Minen über die Taxe denken, ob sie zu hoch oder vielleicht ungerecht ist. Das Gesetz ist nun einmal von der Regierung unserer Staaten gegeben und muß aufrechterhalten werden, unter jeder Bedingung. Wer sich als Fremder weigert, die Taxe zu bezahlen, muß die Minen verlassen. So, wie ich Ihnen mein Wort gegeben habe, daß ich die Fremden gegen jedes Unrecht schützen will, so gebe ich es Ihnen wieder, daß ich das Gesetz aufrechterhalten werde, und wenn es mit meinem eigenen Blut geschehen müßte.«

Der Franzose sah ihm einen Augenblick ernst und nachdenklich ins Auge. Dann reichte er ihm plötzlich die Hand und sagte:

»Sie sind ein Ehrenmann, Sir. Was in meinen Kräften steht, werde ich tun, um Sie bei meinen Landsleuten zu unterstützen. Haben Sie keine Sorge, daß einer von ihnen etwas Feindseliges gegen Sie unternehmen wird. Hüten Sie sich aber davor, mit Ihren wenigen Leuten über die Flat hinauszuziehen. Die Mexikaner sind zum Äußersten entschlossen.«

»Wir wollen ihnen nichts antun und uns nur ihre Flagge hier hereinholen«, sagte Hetson lächelnd. »Übrigens«, setzte er ernster hinzu, »liegt unser Schicksal in Gottes Hand. Jetzt vorwärts, Leute!«

»Hurra!« jubelten die Männer. »Yankee-doodle voran, spiel uns den Yankee-doodle, Jim!«

Ein Pferd kam die Straße heraufgaloppiert. Als sich die Leute danach umsahen, sprengte ein alter Mann mit einer langen Büchse auf der Schulter mitten zwischen sie.

»Heda, Männer, wo wollt ihr hin?«

»Hallo, Nolten, hurra, alter Bursche! Der kommt gerade rechtzeitig!« jubelten ihm die Leute entgegen. »Runter von dem alten Bock, wir wollen uns die Fahne da draußen holen!«

»Da geh ich mit, Kinder!« sagte der Alte und war mit einem Sprung aus dem Sattel. »Ich habe zwar nur eine Stunde Zeit, denn meine Leute warten drüben auf mich, aber die kann ich nicht besser verwenden.«

»Binde das Pferd irgendwo fest und leg den Sattel in mein Zelt«, rief ihm Boyles zu.

»Nicht nötig, mein Junge«, lachte der Alte. Er nahm Sattel und Zaumzeug ab und legte es auf die Straße. Das Pferd ließ er frei laufen. »Mein Schimmel geht nicht weg, und das Zeug liegt da genauso sicher wie in einem Zelt. Aber beeilt euch, damit wir bis zum Mittag wieder hier sind! Ich habe noch nichts gegessen!«

Während er sprach, ordnete sich der Zug erneut. Immer vier Mann standen nebeneinander. Hetson überflog die kleine Schar und zählte jetzt fünfundzwanzig Mann.

»Also vorwärts, Männer!« rief er mit leuchtendem Blick. »Aber keiner von euch schießt, bevor die Feinde selbst beginnen! Jeder haftet mit seinem Leben dafür! Der erste Schuß, der erste Schlag von ihrer Seite, und drauf und dran! Daß keiner danebenzielt, muß ich ja wohl nicht sagen. Seid ihr bereit?«

»Hurra!« jubelten alle erneut und schwenkten die Hüte.

»Hetson!« flüsterte da eine Stimme an seiner Seite. Als er sich umsah, stand Jenny neben ihm. Aber sie sah nicht etwa ängstlich aus, sondern sah ihren Mann mit leuchtenden Augen an. Sein energisches Auftreten hatte ihr gefallen.

»Liebes Kind«, sagte Hetson verlegen. »Dies ist nicht der richtige Platz für dich!«

»Willst du böser Mann ohne Abschied von mir gehen?«

»Wir kommen bald zurück, es ist ja nur...«

»Leb wohl, ich nehme dich beim Wort! Komm bald zurück«, sagte seine Frau und reichte ihm die Hand. Dann ging sie schnell zur Seite. »Gott sei mit euch!«

»Hurra!« schrien die Burschen wieder. Jim stimmte in diesem Augenblick auf einer kleinen Flöte in raschen, schrillen Tönen den Yankee-doodle an. Völlig aus dem Takt fielen die anderen mit Kindertrompeten, Trommeln, Blechkannen und Tamtams ein.

Nur Boyles hatte sein Instrument noch nicht richtig bearbeiten können, denn seine Büchse war ihm dabei im Weg. Aber er wußte sich zu helfen.

»Hier, Tom, trag doch mein Gewehr etwas«, rief er seinem Hintermann zu und drückte es ihm in die Hand. »Nur so lange, bis ich das alte Trommelfell hier zerschlagen habe. Bleib aber dicht neben mir, damit ich sie gleich fassen kann, wenn's losgeht!« Jetzt rasselte er mit den anderen im allgemeinen Lärm mit. Die Melodie wurde soweit gehalten, daß man den scharf und grell daraus hervortönenden Yankee-doodle nicht störte.

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