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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 53
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Hale blieb noch eine ganze Weile an der Stelle stehen, als ob er nicht wisse, was er jetzt tun solle. Endlich brach sein Grimm mit ein paar Flüchen heraus. Er stampfte den Boden und rief hinter dem Alkalden her:

»Wir werden nicht fliehen – bin gleich wieder da – So? Ich will verdammt sein, wenn ich das glaube. Gleich wieder da sein, jawohl, jetzt hat er die beste Ausrede, hinter seiner Frau herzulaufen. Hale kann inzwischen ganz gemütlich die Kastanien aus dem Feuer holen. Aber meinetwegen. Schlagen Sie mich tot, ist es auch kein Unglück. Weder hier noch in den Staaten wird ein Mensch eine Träne wegen mir vergießen. Aber ich will lebendig gebraten sein, wenn es nicht ein Skandal ist, daß man keinen richtigen Alkalden finden kann. Habe ich nicht recht, wenn ich behaupte, daß die Kerle, die richtig schreiben und lesen können, ihr Herz in den Federkielen sitzen haben? Es gibt keinen Mann unter ihnen!« Während er sprach, nahm er sein kleines Fernrohr aus der Tasche und sah nach den Bergen hinüber. Schon mit bloßem Auge konnte man da die dunklen Schwärme der Eingeborenen erkennen. Wo eine der kleinen Waldblößen einen Blick in das Tal freigab, hielt eine Gruppe. Bis in die Flat waren sie schon heruntergestiegen und lagerten da, jetzt natürlich noch ohne ein Zeichen feindlicher Absicht. Hale wußte aber recht gut, wie schnell sich das ändern konnte, sobald sich ein Anlaß dafür fand. Wenn diese Männer erst einmal losbrachen, hätten sie auch ohne weiteres das ganze Lager in Brand gesteckt. Langsam schwenkte er sein Glas zu der Stelle, wo die Mexikaner hielten. Plötzlich sprang er mit einem Schrei auf. Er traute dem Glas nicht und wollte mit dem bloßen Auge sehen, was sich ihm da bot: die mexikanische Flagge.

»Da haben wir's!« schrie er dabei und schob sein Glas in die Tasche. »Offener Aufruhr im Lager, und die Amerikaner arbeiten so ruhig das vermaledeite Gold aus dem Boden, als ob sie kein Interesse an der Sache hätten. Kein Alkalde da, kein Pech heiß, um den Teufel zu bezahlen. Ich will verdammt sein, wenn ich mir das gefallen lasse. Und wenn ich allein hingehe, um die Flagge herunterzuholen!«

Wütend über die Frechheit der Fremden sprang er in sein Zelt, um das eigene Gewehr herauszuholen. Was er damit wollte, wußte er selbst noch nicht.

Hetson war inzwischen wirklich in Todesangst die Straße hinaufgeeilt, um zu sehen, ob er die beiden Frauen da fände. Er bereute schwer, sie nicht davor gewarnt zu haben, was ihnen drohte. Aber er wollte sie auch nicht unnötig ängstigen und hatte nicht daran gedacht, daß sie morgens das Lager verlassen könnten, um in den Wald und mitten zwischen die Feinde zu gehen. Als er bei den letzten Zelten ankam, erkundigte er sich vergeblich nach den Vermißten. Nur ein Deutscher wollte sie vor etwa einer Stunde gesehen haben, als sie durch die Flat zu den nächsten Bergen gingen. Gerade dort streiften aber die meisten Indianer umher. Hetson wollte sie da selbst suchen, als ihm die beiden Frauen eilig entgegenkamen.

»Gott sei Dank!« war alles, was Hetson sagen konnte, aber eine Last schien von seiner Seele gewälzt zu sein.

»Sei nicht böse, Frank, daß wir dir heute morgen weggelaufen sind«, bat seine Frau und nahm seine Hand. »Wir hatten keine Ahnung, daß uns in der Nähe der Zelte eine Gefahr drohen könnte.«

»Du hast mir große Sorgen gemacht, Jenny«, rief ihr Mann. Sie traten sofort gemeinsam den Rückweg an. »Ich wußte nicht einmal, wohin ihr gegangen sein könntet. Die Fremden um das Lager zeigen eine immer bedrohlichere Haltung.«

»Die Mexikaner haben eine Flagge gehißt, ist das ein schlimmes Zeichen?« sagte ängstlich seine Frau.

»Ihre Flagge?« rief Hetson. Von diesem Augenblick an war er wie verwandelt. »Komm schneller, wenn du kannst, ich habe keine Zeit mehr zu verlieren. Bist du auch ganz sicher?«

»Von weiter oben konnte man es ganz genau erkennen«, bestätigte auch Manuela. »Selbst von hier aus, wenn Sie ein Stück hierherkommen, Señor, können Sie das wehende, bunte Tuch da draußen erkennen.«

Hetson folgte der Richtung ihres ausgestreckten Armes mit den Augen. Ein einziger Blick genügte, um die Nachricht zu bestätigen.

»Kinder«, sagte er freundlich zu den beiden Frauen, »ihr habt den weiten Weg von den Bergen herunter allein gefunden, da kann ich euch auch diese kurze Strecke allein gehen lassen. Wir sind hier dicht an den Zelten, und ihr braucht nichts mehr zu fürchten.«

»Hetson, ich möchte dir etwas sagen, ehe du uns wieder verläßt«, bat Jenny.

»Betrifft es das Lager da oben oder die Indianer?« sagte der Mann.

»Nein, uns selber – mich.«

»Dann laß es bis nachher. Haltet euch nicht auf und geht, so schnell ihr könnt, zu unserem Zelt zurück, da sehen wir uns wieder...« Ohne eine Antwort abzuwarten, lief er rasch den Weg zurück, den er gekommen war, um den Sheriff zu suchen und die nötigen Maßnahmen zu ergreifen.

Hale hatte eilig sein Gewehr gesäubert und geladen. Er kam eben mit ein paar Amerikanern die Straße herauf und ihm entgegen.

»Na, Alkalde, haben Sie Ihre Frau gefunden?« rief er dem Mann eher höhnisch als freundlich zu. »Ich habe nicht geglaubt, daß Sie so schnell zurück sind.«

»Ja, Sheriff, ich habe sie gefunden«, erwiderte Hetson ruhig. Er trat dabei ruhig zu seinem Zelt, vor dem an einer hohen, geschälten Zeder die amerikanische Flagge lustig im Wind flatterte. »Die Frauen sind in Sicherheit, und wir sollten uns ebenfalls absichern.« Mit diesen Worten löste er das Flaggenseil und war im Begriff, die amerikanische Flagge niederzuziehen. Da sprang Hale mit einem Schrei auf ihn zu, die Büchse im Anschlag.

»Sind Sie wahnsinnig? Wollen Sie die Sterne und Streifen vor den mexikanischen Hunden streichen? Verdamm mich, auch wenn Sie der Alkalde sind, aber ziehen Sie die Flagge noch einen Zoll weiter herunter, und ich sende Ihnen eine Kugel durch das verräterische Hirn!«

»Sheriff«, sagte Hetson und hielt mit der Linken das Flaggenfall. Mit der Rechten zog er seinen Revolver aus der Tasche. »Für diese Bemerkung könnte ich Sie jetzt auf der Stelle erschießen wie einen tollen Hund. Ich würde es tun, wenn ich Sie nicht als ehrlichen und braven Mann kennen würde. Aber wir haben nach außen Streit genug, um nicht auch noch im Lager damit zu beginnen. Kennen Sie ein besseres Mittel, um unsere Landsleute herbeizurufen, als durch das Niederholen der Flagge?«

Der Sheriff schwieg und sah ihn noch immer zweifelnd an. Hetson schob seinen Revolver in die Tasche zurück. Ohne weiter auf den noch immer im Anschlag stehenden Mann zu achten, zog er das wehende Banner entschlossen nieder.

»Und was wollen Sie jetzt tun?« fragte da Hale. Er war durch das entschiedene Auftreten des Alkalden, den er bis dahin nur für einen zaghaften, unschlüssigen Mann gehalten hatte, stutzig geworden.

»Allein können wir nichts tun«, sagte Hetson und löste die Flagge, bevor sie den Boden berührte, aus dem Fall. »Aber wenn die gehißte mexikanische und die gesenkte amerikanische Flagge die Burschen nicht ins Lager treibt, dann verdienen sie nicht, Amerikaner genannt zu werden. Sie verdienen dann auch nicht, daß die Sterne und Streifen je wieder über ihrem Kopf wehen.«

»Und dann? Wenn sie kommen?« sagte Hale und schien mit seinem Blick die Gedanken des Alkalden lesen zu wollen.

»Na, dann holen wir uns einfach die mexikanische Flagge hierher und ziehen sie verkehrt unter der amerikanischen auf, ich denke, das wird die Burschen schon zur Vernunft bringen!« sagte Hetson lachend.

»Das wollen Sie wirklich tun?« erkundigte sich Hale noch immer ungläubig.

»Wenn Sie mir dabei helfen, Hale, gewiß! Aber da kommt meine Frau, sie braucht nicht gerade zu wissen, was wir vorhaben, denn sie würde sich nur unnötig ängstigen. Da sehe ich schon einige von unseren Leuten über die Flat springen. Das Mittel hat geholfen, Sheriff. Ist kein Fahnenstock da?«

Mrs. Hetson war in diesem Augenblick mit Manuela herangekommen und stehengeblieben, als ob sie mit ihrem Mann reden wollte. Der winkte ihr aber nur freundlich zu, in das Zelt zu gehen, und wandte sich dann wieder seinen Landsleuten zu. Hale lief schnell, um einen passenden Stock für die Fahne zu suchen. Nach wenigen Minuten kam er schon mit einer Stange zurück. Von verschiedenen Seiten stürmten jetzt die Amerikaner heran. »Was ist los?« riefen einige im Laufen. »Wer hat die amerikanische Flagge eingeholt?«

»Ich war das!« erwiderte der Alkalde völlig ruhig. »Wenn Euch die aufgezogene mexikanische Flagge nicht an Eure Pflicht erinnert, hat es die eingeholte amerikanische getan.«

»Zum Henker!« rief ein langer Kentuckyer dazwischen. »Von uns hat keiner auf die Mexikaner geachtet. Eben erst haben wir den bunten Lappen da oben gesehen. Ich bin gelaufen, daß mir die Puste ausgegangen ist. Hoho, da kommt Boyles und da Briars. Hierher, Jungens, hierher!«

Mehr und mehr Amerikaner sammelten sich auf dem Platz, bis sich so ziemlich alle, die sich dort aufhielten, vor dem Zelt des Alkalden einfanden. Mit zornigen Worten und wilden Flüchen machten sie ihrem Grimm Luft und stießen Drohungen gegen die Mexikaner aus. Ein Jubelruf gellte aus dem mexikanischen Lager herüber und wurde aus Hunderten von Kehlen beantwortet. Er unterbrach die Tobenden, und der Sheriff schrie:

»Bei Gott, sie verhöhnen uns, weil wir unsere Flagge eingezogen haben!«

»Was wollt ihr tun, Männer?« sagte Hetson mit völlig weißem Gesicht. Kein Muskel darin verriet, was in ihm vorging. »Etwa zweihundert Mexikaner sind dort versammelt, und mehr als die doppelte Anzahl Indianer lagert an den Bergen, um sich jeden Augenblick mit ihnen zusammenzuschließen.«

»Schickt Boten an die anderen Minenplätze in der Umgebung!« rief Briars. »Wenn wir noch zwanzig, dreißig entschlossene Männer zusammenbringen, brauchen wir die ganze Bande nicht zu fürchten.«

»In der Zeit haben wir ihnen die amerikanische Flagge zu Füßen gelegt«, knirschte der Sheriff zwischen den zusammengebissenen Zähnen hindurch.

»Ich will nach Golden Bottom hinüberreiten«, sagte da Mr. Smith, der entsetzlich bleich und unruhig aussah. »Ich habe ein sehr gutes Pferd und kann schon morgen früh mit Verstärkung hier sein!«

»Donnerwetter!« rief Boyles. »Sollen wir uns hier von den Mexikanern verhöhnen und nachher von unseren Landsleuten auslachen lassen, weil wir nicht einmal im eigenen Lager Ordnung halten können?«

»Aber was wollen Sie tun?« rief Smith dagegen. »Wenn der ganze Schwarm Mexikaner und Indianer über uns einbricht, drücken sie uns zusammen tot und plündern das ganze Nest!«

»Dann hätten wir auch nicht die Flagge einholen sollen!« rief ein anderer. »Zum Teufel, Alkalde, binden Sie das Ding nicht hier unten fest, sondern lassen Sie es wenigstens wieder oben an seinem alten Platz wehen, damit die Schufte sehen, daß wir uns nicht vor ihnen fürchten!«

Hetson äußerte kein Wort zu den verschiedenen Vorschlägen. Er hatte die amerikanische Flagge an der Stange befestigt. Dann ergriff er sie, hob sie empor und stieß das untere Ende in die Erde, so daß sie wieder im Wind wehte.

»Amerikaner!« rief er dabei mit seiner hellen, kräftigen Stimme über die Menge. »Ich habe geschworen, daß ich als Alkalde die Rechte unseres Landes vertreten und beschützen will. Keine andere Flagge außer unserer darf auch nur eine Stunde lang ungestraft hier wehen. Wenn Ihr Leute in die Nachbarminen schicken wollt, um da bekanntzumachen, was uns hier droht – gut, ich habe nichts dagegen. Ich fordere euch jetzt aber alle auf, die ein Gewehr haben oder ein Messer schwingen können, mir zu folgen. Mit Gottes Hilfe holen wir die feindliche Flagge herunter, wie sie unsere Landsleute vor wenigen Monaten erst so glorreich unter ihre Füße getreten haben. Wer geht mit mir?«

»Na, ich glaube doch wohl, alle!« rief Boyles. »Fragen Sie lieber, wer hierbleibt?«

»Und wenn die Indianer von den Bergen aus den Mexikanern zu Hilfe kommen?« sagte der Sheriff. »Wir müssen wenigstens darauf gefaßt sein!«

»Ich glaube es nicht«, rief Hetson. »Unsere einzige Hoffnung gegen diese Übermacht ist, daß wir die Hauptpartei einfach angreifen. Unterliegen wir, werden uns unsere Landsleute rächen. Ich vertraue aber auf die Macht unserer Schußwaffen und noch mehr auf die Überraschung unseres Angriffs, der die ohnehin feigen Männer einschüchtern wird. So, auf, und holt eure Büchsen, in fünf Minuten brechen wir auf!«

»Hurra!« schrien die Männer, die dem Tod schon oft ins Auge gesehen hatten, wild durcheinander. »Hurra für unseren Alkalden! Die Waffen her, nieder mit den Mexikanern!« Damit stürmten sie in alle Richtungen, um aus ihren Zelten die Waffen zu holen. Den meisten war der tollkühne Angriff völlig recht und aus der Seele gesprochen. Die wenigen, die mit ruhigerer Überlegung vielleicht gern zurückgeblieben wären, wagten es nicht gegenüber den anderen. Nur Smith, der nicht gewillt war, sein erbeutetes Gold oder sogar sein Leben in Gefahr zu bringen, hatte schon rechtzeitig alles zusammengepackt und sein Pferd geholt. Er beschloß jetzt, unter dem Vorwand, Hilfe zu holen, seine eigene Haut in Sicherheit zu bringen. War dann die Sache vorüber, die nur wenige Tage dauern konnte, konnte er noch immer zurückkehren. In den von Fremden gesäuberten Minen würde er dann ein reiches Betätigungsfeld finden. Mit Siftly hatte er sich schon verabredet. Deswegen war der auch so früh losgegangen, um sein Pferd zu suchen. Was interessierte den Spieler der Kampf, wo nur Blei und kein Gold zu holen war. Er selbst wollte dem Streit aus dem Wege gehen.

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