Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 52
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

21. Die mexikanische Flagge

Charles Golway war schnell zu seinem Pferd geeilt. Das arme Tier lahmte aber stärker als vorher, und er konnte es nicht reiten. Solang es noch im Gang war, war das verletzte Bein gelenkig geblieben. Wie der Amerikaner gesagt hatte, war durch die Rast die Wunde geschwollen, und das kranke Bein konnte es kaum heben.

»Armer Bursche«, sagte der Mann und klopfte ihm den schönen Hals. »Du hast mich wohl das letztemal getragen. Ich darf hier nicht warten, bis du wieder hergestellt bist. Komm wenigstens mit in die Ebene auf den weichen Boden, da kannst du dann ruhig weiden und dich erholen.«

Er legte ihm den Zügel wieder an und führte es den bequemsten Weg, schräg am Hang hinunter. Endlich erreichte er weiter westlich den oberen Teil der Flat, wo ein kleiner Bergbach vorüberrieselte, der von den Goldwäschern gerade erst in Angriff genommen wurde. Er erstreckte sich im Schatten der mächtigen Zedern und Kiefern sowie wilder Kirsch- und Haselnußbüsche. Von hier aus konnte man das Zeltstädtchen nicht mehr sehen. Beim Hinuntergehen war ihm aber nicht entgangen, daß dort eine ungewöhnliche Bewegung stattfand. Er konnte sich auch nicht erklären, weshalb die Mexikaner in ihrem Lager eine Flagge aufgezogen hatten. Zu sehr mit seinen eigenen, schmerzenden Gedanken beschäftigt, gönnte er dem Geschehen kaum weitere Beachtung. Was kümmerte es ihn, ob sich die Leute hier friedlich vertrugen, oder ob sie in Haß und Feindschaft lebten. Sein Ziel war wieder die See, die offene See. Sehnsüchtig trieb es ihn zum Meeresstrand. Im Stürmen der Wogen wollte er seinen Kummer betäuben.

Unten, gleich am Eingang der Flat, durch niedriges Buschwerk von der freien Fläche abgetrennt, arbeiteten einige Goldwäscher. Es war eine kleine Gruppe Neger, die hier den Boden aufgewühlt hatten. Eine kurze Strecke von ihnen entfernt sah er einen einzelnen Amerikaner damit beschäftigt, die Büsche an einer anderen Stelle auszuhauen, um da wahrscheinlich ebenfalls zu graben. Als der den Fremden mit dem lahmen Pferd vorbeikommen sah, hielt er in seiner Arbeit inne, um sich aufmerksam das Pferd anzusehen. Es war ein alter Bekannter von uns, Boyles. Er hatte den geringen, aber doch sicheren Erfolg des Grabens dem unsicheren, wenn auch verlockenden Ertrag des Spiels vorgezogen. Mit abgeworfener Jacke und aufgerollten Ärmeln war er eifrig dabei, dem Boden die Schätze zu entreißen. Der Amerikaner und der Engländer interessieren sich beide sehr für Pferde. Besonders die richtigen Backwoodsmen haben ein erstaunliches Gedächtnis für diese Tiere, die sie an kleinen, unbedeutenden Merkmalen leicht wiedererkennen, wenn sie sie auch nur kurz gesehen haben. Übung bekommen sie genug zu Hause, wo sie ihre Pferde und Rinder frei im Wald mit denen der Nachbarn laufen lassen. Sie sind nicht selten auf solche Zeichen angewiesen, um ihr Eigentum herauszufinden.

Nicht weit von Boyles hielt der Engländer an einer Stelle, wo das kranke Pferd Gras und Wasser finden konnte. Im Schatten der Büsche war es auch den Sonnenstrahlen nicht zu sehr ausgesetzt. Er nahm dem Tier Sattel und Zaum ab, um es frei weiden zu lassen.

»Hallo, Fremder!«, sagte der Amerikaner, warf seine Axt auf die Schulter und schlenderte langsam auf ihn zu. »Was haben Sie mit Ihrem Pferd gemacht? Donnerwetter, das ist ja Jim Roylicks Brauner, haben Sie das Tier schon lange?«

»Etwa vier Wochen.«

»Na ja, so lange ist es etwa her, daß er es verkauft hat. Soll einen guten Preis dafür bekommen haben.«

»Ich gab ihm zehn Unzen.«

»Donnerwetter, das ist viel Geld. Was haben Sie jetzt damit angefangen?«

»Nichts Schlimmes. Es hat sich an einem dürren Ast im Wald die Haut aufgerissen, und durch Hitze und Staub scheint sich das entzündet zu haben.«

Der Amerikaner hatte seine Axt hingelegt und war zu dem Pferd getreten. Er untersuchte die Wunde genau und musterte dann das Pferd mit Kenneraugen.

»Was wollen Sie jetzt damit anfangen?« erkundigte er sich dann.

»Ich weiß es selbst noch nicht. Ich möchte gern so rasch wie möglich nach San Francisco. Ehe dieses Pferd mich wieder tragen kann, können acht oder vierzehn Tage vergehen.«

»Das bestimmt«, sagte Boyles, »wenn es überhaupt wieder wird.«

»Es ist nur ein Fleischriß, der rasch wieder heilt.«

»Ja, aber mit den Insekten und der Hitze kann auch leicht eine schlimmere Entzündung dazukommen, wenn die Wunde nicht saubergehalten wird. Sie sollten es lieber verkaufen.«

»Es wird mir wohl nichts anderes übrigbleiben. Vielleicht finde ich hier jemand, der es mir gegen Aufpreis gegen ein anderes Pferd oder Maultier tauscht.«

»Wenn Sie nur nach San Francisco wollen«, sagte da Boyles, »dann brauchen Sie noch nicht einmal ein eigenes Tier kaufen. Rückfahrgelegenheit gibt es fast jeden Tag mit einem leeren Wagen oder Maultiertrupp.«

»Ich möchte aber schneller dahin kommen.«

»Gut, Leute, die Ihnen Tiere verkaufen, finden Sie überall, eher noch als solche, die Ihnen ein lahmes Tier abnehmen. Aber... wenn Sie einen mäßigen Preis verlangen, wäre ich selbst nicht abgeneigt, einen Handel über den Braunen abzuschließen. Nur, weil ich das Tier von früher her kenne!«

»Geben Sie mir drei Unzen und das Tier gehört Ihnen«, sagte der Fremde.

»Drei Unzen, das ist verdammt viel Geld für ein lahmes Pferd, für das ich vielleicht in acht Tagen noch einen Schuß Pulver verschwenden muß«, sagte der Amerikaner. Er war aber innerlich schon entschlossen, sich den guten Handel nicht entgehen zu lassen. »Wenn Sie zwei gesagt hätten!«

»Dann laß ich es lieber frei, damit es sich sein Futter selbst im Wald sucht.«

»Wie lange, glauben Sie, läuft es da ohne Aufsicht frei herum? Das dauert nicht lange, und einer der gelbhäutigen Señores hat es am Wickel, um ein Packpferd daraus zu machen, bis es zusammenbricht. Oder die roten Halunken schneiden sich Beefsteaks daraus. Sagen Sie zwei und eine halbe Unze, und geben Sie den Sattel dazu.«

»Nein, Freund, den brauche ich selber, um darauf weiterzukommen. Handeln kann ich ebenfalls nicht. Ich verliere an dem Tier genug. Wenn Sie drei Unzen geben, ist es Ihr Eigentum. Was das Pferd wert ist, brauche ich Ihnen nicht zu sagen.«

»Ja, zum Henker. Aber fordern und bieten macht doch den Kaufmann aus. Wer gibt denn jemand das, was er fordert? Da müßten Sie mal unsere Yankee-Krämer hören!«

»Ich bin auch kein Yankee-Krämer, lieber Freund«, lächelte der Engländer. »Wenn Sie aber unbedingt etwas abhandeln wollen, dann denken Sie, ich hätte fünf Unzen gefordert, und Sie haben mir zwei weniger geboten. Kommen Sie mit zum nächsten Zelt und zahlen Sie mir da drei Unzen, und das Tier gehört Ihnen. Oder lassen Sie es mir, und ich will sehen, ob ich es nicht woanders verkaufe.«

Boyles konnte sich noch nicht damit abfinden, daß der Fremde gar nichts von dem geforderten Preis nachlassen wollte. Er kannte aber das Pferd und wußte, daß die Verletzung nicht viel zu bedeuten hatte und bald wieder heilen würde. Nach einer Weile sagte er deshalb:

»Meinetwegen, Fremder, wenn Sie so hartnäckig auf Ihrem Preis beharren, soll es mir auf die paar Dollars auch nicht ankommen. In ein Zelt müssen wir aber deshalb nicht gehen, jeder von uns hat ja wohl seine Waage dabei und kann hier gleich alles erledigen.« Dabei hatte er seinen Goldbeutel und die Waage aus der Jackentasche genommen und wog die drei Unzen in Goldkörnern ab. Der Engländer schüttete sie in seinen eigenen Beutel, ohne sie nachzuwiegen. Mit etwas Übung lernt man mit einem Blick die richtige Menge einzuschätzen. Nur hier und da macht feineres oder grobkörnigeres Gold einen geringen Unterschied. Das Pferd war inzwischen zum nächsten Wasser gehinkt, um seinen Durst zu stillen. Während Golway den Sattel zusammenschnürte, wusch Boyles sorgfältig die Wunde aus und band sein Taschentuch darum.

»Leb wohl, mein alter, braver Bursche!« sagte der junge Mann und klopfte den Nacken des Pferdes. »Halte dich tapfer. Hoffentlich behandelt dich dein neuer Herr so gut, wie ich es getan habe.«

»Keine Sorge«, sagte Boyles. »Ich kann mit Pferden umgehen. Wollen Sie jetzt ins Paradies?«

»Ja, aber ich werde mich da wohl nur so lange aufhalten, bis ich ein neues Reittier gefunden habe. Es scheint da unruhig herzugehen.«

»Ach was«, lachte der Amerikaner. »Die Señores da oben am Hügel haben sich etwas zusammengerottet. Aber das Ende vom Lied wird sein, daß sie aufsatteln und einen anderen Platz suchen.«

»Sie haben ihre Flagge gehißt«, sagte Golway.

»Was?« schrie der Amerikaner und sprang überrascht auf. »Die mexikanische Flagge bei uns?«

»Ich sah es, als ich den Berg herunterstieg.«

»Teufel auch! Nun weiß ich erst, weshalb mein Kamerad, mit dem ich hier das Loch graben wollte, nicht zur Arbeit gekommen ist. Donnerwetter, den Schuften wollen wir die Flagge bald wieder herunterholen! Und ich sitze hier inzwischen und hacke die alten Büsche um!«

Der Mann murmelte wilde Flüche in seinen Bart, sprang zu seinem Arbeitsplatz zurück, zog seine Jacke an, ergriff sein Werkzeug und lief, so schnell er konnte, durch die Büsche zu dem nahen Städtchen. Golway hing sich das Zaumzeug um, nahm den zusammengeschnürten Sattel auf den Rücken und folgte ihm langsam auf dem schmalen Pfad, der von hier in die Ansiedlung führte.

Wie Boyles richtig vermutet hatte, herrschte im Paradies einige Aufregung. Schon am frühen Morgen zeigten die Mexikaner, daß sie ihr bisheriges Verhalten gegen die Amerikaner aufgegeben hatten. Welche Gerüchte sich bei ihnen verbreitet hatten, wußte man natürlich nicht. Aber als Hale, der noch immer hoffte, die Sache in Güte beizulegen, sie aufforderte, ruhig auseinander und an die Arbeit zu gehen, wiesen sie ihn kurz und barsch ab. Er hatte ihnen sogar zugesichert, daß sie nicht weiter belästigt würden, wenn sie die gesetzlich vorgeschriebene Steuer bezahlen würden. Möglich, daß die freundliche Anrede sie in ihrem Widerstand noch bestärkte, denn sie schrieben sie der Furcht vor ihrer Überzahl zu. Aber sie hatten sich geirrt. Hale, der mit höhnischen Bemerkungen nach Hause geschickt wurde, kehrte in das Lager zurück und rief sofort alle Amerikaner zusammen, ohne den Alkalden zu fragen. Die meisten arbeiteten in der Flat. Als er Boten zu ihnen schickte, folgten nur wenige dem Aufruf. Die meisten ließen ihm sagen, daß sie jetzt mehr zu tun hätten, als sich um die lumpigen Mexikaner zu kümmern. Zur Mittagszeit wollten sie kommen. Hale war außer sich. In dieser Stimmung wollte er den Alkalden aufsuchen, um mit ihm die nächsten Schritte zu beraten. Da begegnete er Hetson, der blaß und verstört aus seinem Zelt kam.

»Haben Sie meine Frau nicht irgendwo gesehen?« rief er dem Sheriff schon von weitem zu. »Sie ist nicht im Lager.«

»Ihre Frau?« brummte der Sheriff ungeduldig. »Ja, als ob ich jetzt Zeit hätte, mich um die Frauen zu kümmern! Wo soll sie denn sein?«

»Gott weiß es – vielleicht auf einem Spaziergang, vielleicht sogar in den Bergen.«

»Dann hätte sie sich eine prächtige Zeit dafür ausgesucht«, sagte Hale. »In den Bergen schwärmen heute die Indianer aus. Gott weiß, woher diese roten Halunken auf einmal alle kommen. Mr. Hetson, die Sache wird ernst, und so leicht wir sie bislang genommen haben, müssen wir jetzt etwas tun, um den Burschen Respekt einzuflößen. Warten wir, bis sie den Angriff machen, sind wir verloren. Wir können kaum einen Mann gegen zwanzig stellen.«

»Sie haben recht, Hale, vollkommen recht«, sagte Mr. Hetson. Von innerer Aufregung war er völlig blaß. »Bringen Sie nur um Gottes willen meine Frau hierher. Wenn wir hier einen Kampf beginnen und die Burschen überall herumlaufen...«

»Das ist gut«, sagte Hale ärgerlich. »Gehört das auch mit zu meinem Amt? Warum, zum Henker, läuft sie auch gerade heute draußen herum, wo der Teufel an allen Ecken und Enden los ist. Ist sie ganz allein unterwegs?«

»Manuela muß bei ihr sein.«

»Und in der Stadt ist sie nicht?«

»Ich habe alle Kaufzelte abgesucht.«

»Na ja, Frauen gehören aber auch nicht in die Minen. Donnerwetter, hier hat ein Mann genug zu tun, um sich oben zu halten. Wir müssen jetzt unsere Landsleute so oder so zusammenbringen. Wenn wir bis Mittag warten, kann mehr verdorben sein, als wir in einer Woche gutmachen können. Die Pest über die Burschen, die nicht einen halben Tageslohn verlieren wollen, während alle anderen Nationen wie Kletten zusammenhängen! Von den Franzosen arbeitet kein einziger, sie sind alle drüben in dem einen Zelt versammelt. Wenn die uns auch noch auf den Hals kommen, bleibt uns nichts anderes übrig, als Fersengeld zu geben!«

»Wir werden nicht fliehen, Sheriff«, rief Hetson. Aber er sprach die Worte zerstreut, und seine Blicke schweiften dabei unruhig die Straße auf und ab. »Sammeln sie inzwischen unsere Landsleute. Ich... bin gleich wieder bei Ihnen.« Ohne sich weiter um den Sheriff zu kümmern, der ihm erstaunt nachsah, eilte er rasch die Straße hinauf und verschwand bald hinter den Zelten.

 << Kapitel 51  Kapitel 53 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.