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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 51
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Regungslos stand der Fremde neben den beiden Frauen, er wagte kaum zu atmen. Nur das Rauschen der hohen Baumwipfel unterbrach die feierliche Stille.

»Jenny, meine arme, arme Jenny«, flüsterte Manuela, »fasse dich!«

»Es ist vorbei«, sagte Jenny leise und erhob sich vom Boden. »Keine Sorge wegen mir, Manuela, ich kenne meine Pflicht.« Sie war jetzt wie umgewandelt, als sie ihrem früheren Verlobten gegenüberstand.

»Mr. Golway«, sagte sie mit fester, kaum noch zitternder Stimme, »es wäre besser für uns beide gewesen, hätten Sie uns dieses Wiedersehen erspart. Warum sind Sie uns gefolgt?«

»Gefolgt?« rief mit bitterer Wehmut im Ton der junge Mann. »Gefolgt?« setzte er langsamer hinzu. »Als ich in Chile ankam und die Schreckensnachricht hörte, die alle meine Hoffnungen zerstörte, erfuhr ich von Ihren Eltern, daß Sie mit Ihrem Mann nach Australien gegangen wären. In Chile wollte ich nicht länger bleiben, und da war die wilde Hast, mit der alles nach Kalifornien strebte, gerade passend. Hier konnte ich nicht annehmen, Sie zu finden. Ich hatte keine Ahnung davon, daß Mr. Hetson hierher gefahren ist.«

»Ich dachte es mir«, flüsterte Jenny leise vor sich hin. »Hätte Hetson doch auf meinen Rat gehört!«

»Keine Sorge, Mrs. Hetson, daß ich wieder Ihren Weg kreuze!« sagte der junge Mann. »So schnell ich kann, werde ich mit dem nächsten Schiff Kalifornien verlassen. Ich wäre der letzte, der Ihren Frieden, Ihre Ruhe stören will. Seien Sie mir aber auch nicht böse, daß ich dem Schicksal dafür danke, daß es uns noch einmal zusammengeführt hat. Ich füge mich dem Unabänderlichen. Aber ich nehme doch auch die Überzeugung mit, daß Sie mich noch nicht ganz vergessen haben, so glücklich Sie sich jetzt auch fühlen. Wenn Sie mich auch nicht mehr lieben, so hoffe ich doch, daß Sie mich als Freund in Erinnerung behalten werden. Die See war schon immer meine Heimat, ich wollte sie aufgeben. Gott hat es anders gefügt, und jetzt gehöre ich wieder der See.«

Die Frau erwiderte nichts. Es war, als ob sie reden wollte, aber nicht konnte. Sie brauchte ihre ganze Kraft, um gegen das Gefühl anzukämpfen, das wieder und wieder in ihr aufstieg. Stumm und schweigend stand sie vor ihm und sah wehmütig den jungen Mann an.

»Vielen Dank, Mr. Golway«, sagte sie endlich und streckte ihm langsam die Hand entgegen. »Sie haben so gehandelt, wie ich es von Ihnen erwartet hatte. Ein bitteres Schicksal hat unsere Lebenspfade auseinandergerissen. Sie werden die Einzelheiten von meinen Eltern gehört haben, wie alles zusammenkam, um das zu trennen, was für dieses Leben schien. Wir beide wissen aber auch, daß das Geschehene nicht zu ändern ist, was auch immer unsere Gefühle dazu sagen. Der Mann, mit dem ich verheiratet bin, hat meine ganze Achtung und meine Liebe gewonnen. Ihm gehöre ich an, kein anderer Gedanke darf in mir aufkommen. Ich versichere Ihnen aber...«, setzte sie weicher hinzu, »daß ich den Mann, den ich zuerst geliebt habe, nie vergessen werde. Für diese schöne Zeit soll der Himmel Sie segnen. Ich will Gott bitten, daß er auch Ihren Kummer mildert und Sie glücklich werden läßt. Leben Sie wohl, Charles.«

Der junge Mann hatte, während sie sprach, ihre Hand festgehalten und nicht gewagt, sie zu unterbrechen. Erst bei ihrem Abschiedswort raffte er sich zusammen.

»Leben Sie wohl, Jenny«, flüsterte er leise und hob die Hand, die er noch nicht losgelassen hatte, langsam an seine Lippen. »Gott segne Sie für die freundlichen Worte, die Sie mir gesagt haben. Dieser Augenblick wird mir manche trübe Stunde erhellen. Ich gehe jetzt in die Stadt, um mein lahmes Tier gegen ein anderes Pferd oder Maultier einzutauschen. Noch heute verlasse ich den Ort, um nie wieder hierher zurückzukehren. Leben Sie wohl.«

»Hallo, Fremder!« sagte da eine rauhe Stimme an seiner Seite. Alle drei fuhren überrascht und erschrocken zusammen. »Haben Sie kein... oh, Mrs. Hetson, ich habe Sie im ersten Augenblick gar nicht erkannt, und unsere kleine Señorita auch. Schön, daß ich Sie hier zusammen finde. Haben Sie kein schwarzes Pferd mit weißem rechtem Vorderfuß und weißem Stern an der Stirn hier gesehen? Das Brandzeichen ist ›H. W.‹«

»Nein, Sir«, sagte der junge Mann und musterte den Störer nicht gerade freundlich. Manuela erkannte mit Schrecken den gefürchteten Siftly wieder.

»Hm, tut mir leid«, sagte Siftly. Es war ihm egal, ob er gerade unwillkommen war. »Weiß der Henker, wo sich das verwünschte Vieh herumtreibt. Bei den vielen Rothäuten hier überall im Busch ist es hier genauso sicher wie drüben in den Schneebergen. Aber... sind wir beiden uns nicht schon einmal begegnet? Sie sind Engländer?«

»Das bin ich«, antwortete Charles Golway trocken und drehte sich von ihm ab.

»Sie heißen...«, fuhr Siftly fort. »Warten Sie... wie war doch der Name... John – nein, Charles Galway oder Golway, nicht?«

»Woher kennen Sie mich?« rief der Engländer verwundert aus. Das Gesicht war ihm vollkommen unbekannt.

»Woher? Lieber Gott, hier in Kalifornien kommt man auf merkwürdige Weise zusammen. Wir haben gleichzeitig in Carsons Flat gearbeitet.«

»Ich war nie an diesem Ort!« sagte der Fremde.

»So? Nicht? Na, dann war es woanders. Wenn man sich ständig in den Minen herumtreibt, verwechselt man manchmal die Plätze. – Ich habe hier doch nicht etwa gestört?« setzte er plötzlich mit einem fragenden Blick auf Mrs. Hetson hinzu.

Niemand antwortete ihm auf die Frage. Der junge Fremde war zum Rand des Abhangs gegangen. Noch einmal drehte er sich um und grüßte zurück, noch einmal begegnete er ihrem Blick, dann verschwand er in dem dichten Buschwerk, das den unteren Rand bedeckte.

Siftly war ein stiller, aber aufmerksamer Zeuge der ganzen Szene gewesen. Ein eigenes, spöttisches Lächeln zuckte dabei um seine Lippen.

»Komm, Manuela«, sagte jetzt Mrs. Hetson und griff den Arm des jungen Mädchens. »Wir wollen gehen, damit sich Mr. Hetson nicht um unsere Sicherheit sorgt.« Sie nickte dem Spieler zu und wandte sich um. Siftly war jedoch nicht gewillt, sich die Gelegenheit entschlüpfen zu lassen. Er rief:

»Dazu hätte Mr. Hetson alle Ursache, denn er konnte ja nicht wissen, daß Sie hier oben männlichen Schutz gefunden haben – ein alter Bekannter vielleicht? Wenn der Herr aber nicht wartet, um mit Ihnen hinunterzugehen, würde ich Sie gern begleiten, Mrs. Hetson. Der Wald wimmelt von Indianern, und diesen Burschen kann man jetzt nicht trauen.«

»Der Herr wird allerdings nicht auf uns warten, Sir«, entgegnete ihm Mrs. Hetson, von der Bemerkung verletzt. »Aber ich habe trotzdem keine Angst. So wie wir allein hinaufgegangen sind, werden wir auch den Rückweg finden. Ein ganzer Indianertrupp kam hier vorbei, aber sie haben uns freundlich begrüßt.«

»Um so besser«, lächelte Siftly. »Ich wollte Ihnen auch nur aus Freundschaft für Hetson meine Begleitung anbieten.«

Mrs. Hetson verneigte sich kurz und wollte an ihm vorbei.

»Ah, Señorita«, rief der Spieler. »Ihr Papa wird Ihnen wahrscheinlich schon gesagt haben, daß wir gestern einen Vertrag gemacht haben.«

»Mein Vater hat mir nichts gesagt«, antwortete das Mädchen abwehrend. »Er muß mir keine Rechenschaft geben.«

»Wie eine brave Tochter gesprochen!« lachte Siftly. »Na ja, die paar Stunden werden für Sie auch nicht weiter schlimm sein.«

»Die paar Stunden?« sagte Manuela, der es unangenehm wurde.

»Also wissen Sie noch gar nichts? Das ist aber nicht richtig von Señor Ronez, denn Ihre Finger brauchen bestimmt wieder einige Übung, um die alte Meisterschaft zu erlangen.«

»Mein Vater?« rief Manuela und konnte kein anderes Wort über die Lippen bringen. Die Angst vor der Enthüllung nahm ihr die Sprache.

»Oh, Sie müssen nicht erschrecken, Señorita«, lächelte Siftly. Ein Zug boshafter Schadenfreude um seine Lippen straften seine freundlichen Worte Lügen. »Es handelt sich bei der ganzen Sache nur um eine unbedeutende Kleinigkeit, eigentlich mehr um eine Unterhaltung für Sie als um eine Arbeit.«

»Er bringt mich um mit seinem kalten Hohn«, flüsterte die Arme leise vor sich hin.

»Ich habe mit ihm vereinbart«, fuhr Siftly fort, »daß Sie nur vorläufig in den nächsten vier Wochen, eigentlich einen Monat, aber das nehmen wir nicht so genau, in meinem neuen Zelt jeden Abend nur zwei Stunden spielen sollen. Da es...«

»Das kann mein Vater nicht abgemacht haben«, unterbrach ihn Manuela in Todesangst. »Das kann, das darf er nicht. Er weiß, daß ich geschworen habe, keinen Fuß wieder in ein solches Spielzelt zu setzen.«

»Man schwört manches in der Welt, schönste Señorita«, sagte der Spieler noch immer lächelnd. »Oft ist man aber nicht imstande, es durchzuführen. Wie oft habe ich schon geschworen, nicht mehr zu spielen. Aber es übt einen so unwiderstehlichen Reiz auf mich aus, daß ich es doch nicht lassen kann. Der Himmel ist sehr nachsichtig mit solchen Schwüren.«

»Niemand, Sir«, sagte da Mrs. Hetson, »wird das junge Mädchen zwingen können, einen solchen Vertrag einzuhalten. Sie müßte erst einwilligen, wenn es so einen Vertrag wirklich gäbe.«

»Man sieht, daß Sie die Frau eines Anwalts sind«, sagte Siftly und lächelte verbindlich. »Auf diese Einwilligung können wir hier aber leicht verzichten, weil Señorita Manuela noch unmündig ist und unter dem Willen ihres Vaters steht. Die Sache ist aber auch wirklich zu unbedeutend, um großes Aufsehen darum zu machen. Zwei Stunden an jedem Abend sind nicht der Rede wert.«

»Ich spiele nicht!« rief Manuela so entschlossen und gereizt, daß sie in diesem Augenblick sogar die Scheu vor dem sonst verhaßten Menschen überwand. »Wenn mein Vater sein Kind wieder verkauft hat, da wird mich das Gesetz schützen! Die Hand soll verdorren, die je wieder einen Bogen führt, wenn Sie Ihr falsches, tückisches Spiel spielen!«

Bei den heftigen Worten sah Siftly still lächelnd vor sich auf den Boden. Dann sagte er freundlich:

»Ereifern Sie sich nicht so, Señorita. Das Unabänderliche erscheint uns oft schwer, nicht wahr, Mrs. Hetson? Aber wir lernen doch, daß wir uns fügen müssen, wenn wir einsehen, daß es nicht anders geht.«

»Mr. Hetson wird nie erlauben, daß es geschieht!« sagte die Frau selbst erregt.

»Er wird es nicht verhindern können, beste Frau«, erwiderte Siftly achselzuckend. »Nach unseren in den Minen gültigen Gesetzen müssen vor allen Dingen Spielschulden in Ehren gehalten und eingelöst werden.«

»Also verspielt – auf eine Karte gesetzt – das eigene Kind!« stöhnte Manuela und schlug ihre Hände vor das Gesicht.

»Nein, das soll und darf nicht sein!« rief aber Mrs. Hetson entrüstet aus. »Was auch Ihre Gesetze hier sagen und behaupten mögen, Sir, die Gesetze der Menschlichkeit sagen nein und abermals nein. Manuela steht unter unserem Schutz, und gegen ihren Willen soll sie nicht gezwungen werden. Hetson wird mir die Bitte nicht abschlagen.«

»Und wenn ich Sie nun bitte«, sagte da Siftly mit derselben lächelnden, frechen Ruhe, »mein Fürsprecher bei Ihrem Mann zu werden? Wenn ich dann dafür dieses angenehme Zusammentreffen mit Ihrem alten Bekannten, Charles Golway, vergessen würde? Manuela wird ihrer Freundin gern dieses Opfer bringen, wenn man es wirklich so bezeichnen kann.«

Mrs. Hetson fühlte, wie ihr das Blut ins Gesicht stieg. Mit der Gewißheit, daß der Mann da vor ihr mehr von ihrem Privatleben wußte, als sie ahnte, und in gerechtem Zorn über diesen Verdacht, rief sie aus:

»Was auch Ihre versteckte Drohung bedeuten soll, will ich Ihnen sagen, daß sie machtlos an mir abprallt. Ich habe kein Geheimnis vor meinem Mann, keines, das ich mit Ihnen teilen möchte. Jetzt komm, Manuela, die roten Kinder dieser Wildnis werden uns weniger beleidigen als dieser Mann, der sich Freund meines Mannes und Amerikaner nennt.« Sie ergriff rasch den Arm des Mädchens und eilte mit ihr den Abhang hinab, um so bald wie möglich das Lager wieder zu erreichen.

Siftly blieb mit untergeschlagenen Armen stehen, die Zähne fest zusammengebissen. Mit einem boshaften Lächeln sah er den beiden nach, aber es war offensichtlich, daß er sich von seiner Drohung mehr Erfolg versprochen hatte.

»Ach, zum Teufel!« murmelte er endlich leise vor sich hin. »Geh du nur und arbeite mir selbst schon vor. Der alte Freund hätte zu keiner günstigeren Zeit hier in den Bergen auftauchen können. Keine Sorge, daß ich seine Nähe ausnutzen werde. Und was das trotzige Mädchen betrifft, verdammt will ich sein, wenn ich mir die Beute wieder aus den Fingern schlüpfen lasse. Ich habe Hetson nicht umsonst zum Alkalden gemacht! Inzwischen werde ich... ha, was ist das?« unterbrach er sich plötzlich. »Die Mexikaner da drüben haben eine Fahne gehißt? Sollten die feigen Señores doch noch Ernst machen wollen? Wenn ich nur mein Pferd hätte! Es fällt den Roten doch noch als Braten in die Hände!«

Unschlüssig, wohin er gehen sollte, blieb er noch einen Augenblick stehen. Aber die Sorge um seine eigene Sicherheit war stärker als die um sein Pferd. Er wußte recht gut, daß er hier am meisten der Gefahr ausgesetzt war, wenn die Feindseligkeiten wirklich ausbrachen. Jedenfalls zeigte ihm die Flagge im mexikanischen Lager, daß die Burschen dort drüben gemeinsames Handeln berieten. Mit einem Fluch warf er den Poncho um sich und ging den Pfad, auf dem die Frauen voraneilten, in das Lager zurück.

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