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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 50
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Engländer hatte den Alten mit tiefem Mitgefühl betrachtet. Als er ihn aber so ansah, kam ihm das Gesicht bekannt vor.

»Ich denke, wir haben uns schon irgendwo getroffen?« sagte er dabei. »Ich begegne Ihnen heute nicht zum erstenmal!«

Der alte Mann lächelte.

»Hier in den Minen kümmert sich selten jemand um den Nachbarn. Man läuft wochenlang nebeneinanderher, ohne nur zu fragen, wer es ist, mit dem man zusammentrifft. Allerdings sind wir uns schon begegnet, und zwar die ganze letzte Zeit drüben am Macalome, wo wir keine zweihundert Schritt voneinander am selben Bach gearbeitet haben. Sie haben da mit einem Amerikaner zusammen gewaschen, der nachher krank wurde, während ich mit noch fünf anderen etwas weiter unterhalb den Bach abdämmte.«

»Ich erinnere mich«, sagte der Fremde. »Und Sie wollen jetzt hier Ihr Glück versuchen?«

»Nein«, sagte der Amerikaner. »Ich war nur früher hier und will jetzt am Macalome bleiben, bin auch nur herübergekommen, um noch einige Sachen abzuholen, die hier zurückgeblieben waren. Womöglich kehre ich noch heute nachmittag zurück. Gehen Sie jetzt mit in die Stadt hinunter?«

»Ich weiß es noch nicht«, erwiderte der Fremde. »Zuerst hatte ich ja die Absicht, mich hier nicht aufzuhalten, nach dem Unfall meines Tieres hängt es aber von ihm ab, denn ich bin ein schlechter Fußgänger.«

»Wie alle Matrosen!« lachte der Alte. »Lassen Sie es aber nicht zu lange ruhen, damit es nicht steif wird, sonst bringt es sie gar nicht weiter. Ich denke aber auch, daß Sie da unten einen Käufer finden.«

»Um so besser, und wenn nicht, arbeite ich so lange hier in der Gegend, bis es sich ausgeheilt hat. Dann muß ich mir aber erst einen Partner suchen, denn ich habe mein Werkzeug am Macalome verkauft.«

Der alte Mann hatte ihm ruhig zugehört. Als der junge Fremde schwieg, sagte er freundlich:

»Darf ich Ihnen einen guten Rat geben?«

»Sehr gern, ich bin Ihnen dankbar dafür.«

»Gut, dann lassen Sie sich nicht zu sehr mit den Leuten da unten ein. Sie werden nur wenige oder gar keine Engländer dort finden und bald erfahren, daß die Amerikaner ein Vorurteil gegen Euch haben.«

»Gegen uns Engländer?«

»Ja. Es gibt ein Gerücht, nach dem von Australien eine Anzahl deponierter Verbrecher von der englischen Regierung herübergeschafft wurden. Ich weiß nicht, ob es wahr ist, und kann es mir auch eigentlich kaum denken. Aber trotzdem gibt es gerade unter meinen Landsleuten eine Menge rauhes und wildes Volk. Für die sind solche Gerüchte immer ein guter Anlaß, ihren ungerechtfertigten Haß gegen die Fremden auslassen zu können. Sie hassen besonders die Engländer, und es ist besser, ihnen aus dem Weg zu gehen, da sie meistens wie die Kletten zusammenhängen. Ein einzelner kommt gegen sie nicht an.«

»Ist denn hier schon etwas vorgefallen?«

»Soweit ich weiß, nicht gegen Engländer, aber wenn das wahr ist, was mir heute morgen ein Deutscher erzählte, der von hier kam, dann sind einige unangenehme Vorfälle zwischen Amerikanern und Fremden geschehen. Sie dienen nicht gerade dazu, die Leute günstiger gegeneinander zu stimmen.«

»Es scheint Unruhe in dem Lager zu herrschen«, sagte jetzt der Fremde, der eine Weile gedankenvoll hinabgeschaut hatte. »Was für Leute mögen das da drüben am Berghang sein? Von hier aus sieht es fast aus wie Militär.«

»Das sind Mexikaner«, sagte der Alte. »Sie können erkennen, wie sie die Packsättel im weiten Kreis um den Platz gelegt haben. Ich weiß auch nicht, was sie da alle so zusammengedrängt machen, denn für eine Handelskarawane sind es zu viele. Auch die Indianer haben sich hier in größerer Menge zusammengezogen. Sind Sie keinem ihrer Trupps begegnet?«

»Doch, zweimal, es waren etwa vierzig oder fünfzig Mann. Aber sie schienen friedlich zu sein, und mehrere Mexikaner waren bei ihnen.«

»So? Hm, dann wäre doch nicht alles so in Ordnung im Lager, wie es sein sollte.«

»Wie meinen Sie das?«

»Nun, wir werden ja sehen, wenn wir hinunterkommen. So, good-bye, wenn Sie Ihr Pferd noch hier oben rasten lassen wollen. Ich wünsche Ihnen alles Gute.«

Er reichte dem Engländer die Hand, die der herzlich schüttelte und dabei rief:

»Vielen Dank für Ihre freundlichen Worte. Wären alle Amerikaner wie Sie, würde es wohl nie Zank zwischen den beiden verwandten Nationen geben.«

»Na ja, Sie wissen doch, Geschwister kabbeln sich gerne miteinander«, lächelte der alte Mann. »Es ist aber selten ernst gemeint, und ich hoffe, daß das auch bei uns der Fall sein wird. Aber ich will machen, daß ich runterkomme.«

Damit stieg er wieder langsam in den Sattel, warf noch einen Blick in das freundliche, vor ihm ausgebreitete Tal, nickte dem Fremden zu und lenkte dann den ziemlich steilen Hang hinunter, der in die Flat führte. Der Engländer nahm jetzt seinem Pferd Zügel und Sattel ab und führte es dann etwas abseits an eine Stelle, wo eine Quelle aus dem Felsen sickerte und ringsum frisches, saftiges Gras wuchs. Dort wusch er ihm die Wunde aus und ließ es dann frei, um sich eine Weile auszuruhen, zu fressen und zu saufen. Er selbst lagerte sich unter einem der dichten Rotbeerbüsche, die den größten Teil des Unterholzes bildeten. Mit dem freundlichen Tal vor sich, den Kopf in die Hand gestützt, überließ er sich seinen Gedanken.

Eine halbe Stunde hatte er wohl so gelegen, als er plötzlich helle Frauenkleider durch die Büsche schimmern sah. Gleich darauf betraten zwei Frauen den offenen Platz und sahen von hier aus auf die Stadt zurück. Erst glaubte er, sie wollten vorübergehen, und wunderte sich, wie die Frauen in diese Wildnis kamen. Am Macalome hatte er aber auch einige Mädchen aus Mexiko und Chile getroffen. Als er hörte, daß die beiden Spanisch sprachen, achtete er nicht weiter darauf und blieb unbemerkt ruhig liegen. Die beiden Frauen hatten kaum den Waldrand erreicht, wo sie die Landschaft frei übersehen konnten, als sie gebannt stehenblieben. Eine schlug die Hände zusammen und rief:

»Sieh, Manuela, wie wundervoll und prächtig das hier ist. So viele Tage sind wir schon hier, und der böse Hetson hat uns noch nicht einmal hierhergebracht!«

»Wie still und friedlich liegt die kleine Zeltstadt da unten«, sagte Manuela. »Und doch leben so viele Menschen da unten, die nur die Goldgier kennen.«

»Aber auch viele gute«, lächelte die junge Frau und legte ihre Hand auf den Arm der Begleiterin. »Du mußt das alles nicht in so trüben Farben sehen. Nicht jetzt, wo die Sonne den ganzen Raum so erhellt und alles so schön aussieht. Das ist ein Augenblick, wo man dankbar sein sollte, und nicht klagen, daß neben dem Licht auch Schatten existiert. Sieh da unten die Männer mit den bunten Decken und den vielen Pferden. Das müssen Mexikaner sein. Da drüben die einzelnen Arbeiter in der Flat, wenn sie ihr Werkzeug haben, kannst du es in der Sonne blitzen sehen. Die bunten Zelte mit der wehenden Flagge darüber, die schattigen Baumgruppen zwischendrin, und die herrlichen Berge da drüben! Ich könnte stundenlang hier stehen und mir dieses Bild ansehen. Wenn man nur hier bleiben und Ruhe finden könnte!« Sie hatte ihren Arm auf Manuelas Schulter gelegt und sah lange schweigend in das Tal. Manuela störte sie mit keinem Wort. Aber die heitere Stimmung, in die sie dieser herrliche Morgen versetzt hatte, war auch verschwunden. Als Manuela sie ansah, bemerkte sie, wie zwei Tränen an ihren Wimpern hingen.

»Jenny, was ist mit dir? Fehlt dir etwas? Dich bedrücken selbst Sorgen, während ich dir mein Herz ausschütte. Etwas verheimlichst du mir, was dich nicht glücklich macht!«

»Glaub das nicht, Manuela«, flüsterte Jenny. »Das ist nicht zutreffend. In San Francisco hatte ich schweren Kummer, aber da Hetson sich in der frischen Bergluft so gut erholt hat, habe ich auch nicht mehr die Angst, ihn zu verlieren.«

»Und die Tränen?«

»Sind mir die Tropfen in die Augen gekommen?« lächelte die junge Frau und schüttelte die verräterischen Perlen ab. »Ich habe es nicht gemerkt. Aber sie galten nicht meinem Glück, sondern einem Toten. Nur die Erinnerung an vergangenes Leid hatte mich betrübt oder nur weich gestimmt. Es ist schon wieder vorüber, und wir wollen uns an diesem herrlichen Morgen erfreuen.«

»Was war das?« flüsterte da ängstlich Manuela. Ihr scharfes Auge hatte eine dunkle Gestalt erfaßt, die durch die Büsche glitt.

»Wo?« sagte Jenny rasch. »Hast du etwas gesehen?«

»Gleich da drüben, keine zwanzig Schritt von uns – da, wieder! Lieber Gott, es sind Indianer, und wir haben uns so weit weggewagt!«

»Laß uns zurückgehen«, flüsterte ihr Jenny erschrocken zu. »Hetson weiß noch nicht einmal, in welche Richtung wir gegangen sind. Vielleicht haben sie uns noch nicht gesehen.«

»Es ist zu spät, sie haben uns bemerkt und kommen herüber.«

Jenny war totenbleich geworden, aber sie erwiderte kein Wort. Krampfhaft hielt sie sich an Manuelas Arm und erwartete die braunen Gestalten, die, wie aus dem Boden auftauchend, von allen Seiten heranglitten. Die ersten wechselten einige Worte und sahen die Frauen an, aber sie hatten nichts Feindseliges gegen sie vor. »Walle-Walle«, sagten sie freundlich grüßend und gingen weiter. »Walle-Walle!« sagten die nächsten, und wenige Minuten später war die ganze Gruppe wieder verschwunden. Noch wagten die Frauen nicht, sich zu bewegen, aus Angst, daß die Indianer zurückkehren würden. Endlich sagte Jenny:

»Komm, wir verlassen lieber den Platz. Wenn diese Waldkinder auch gutmütig sind, so könnte ein zweiter Trupp doch vielleicht weniger freundlich sein. Wir sind auch zu weit vom Lager weggegangen, und Mr. Hetson wird vielleicht noch böse, wenn er es erfährt.«

»Da kommen noch mehr«, flüsterte Manuela. »Wenn wir doch schon weg wären! Es war auch zu leichtsinnig, ohne Begleitung allein in den Wald zu gehen.«

»Das ist nur ein Pferd«, beruhigte sie Jenny. »Es scheint zu weiden, und dann sind auch Weiße in der Nähe. Da – dort ist sein Reiter. Gott sei Dank, jetzt haben wir nichts mehr zu befürchten. Die Indianer haben doch Angst vor Schußwaffen.«

Es war der junge Engländer, der sich Sorgen um sein Pferd machte, als er die Indianer vorüberkommen sah. Man erzählte sich in den Minen, daß sie Pferde und Maultiere gern mitnahmen, um sich an ihrem Fleisch satt zu essen. Das Tier hatte sich jetzt auch genug erholt, um die kurze Strecke in die Stadt zurücklegen zu können. Er war gerade dabei, es wieder aufzuzäumen. Der rauhe Boden mit einigen Steilklippen zwang ihn, bei den beiden Frauen vorbeizugehen, um zu seinem Tier zu gelangen. Manuela hatte ihm den Kopf zugedreht, er erkannte auf den ersten Blick, daß es ein Mädchen mit spanischer Herkunft war. Nach dem, was er über diese ›Señoritas‹ in den Macalome-Minen gehört hatte, wollte er keine weitere Notiz von ihnen nehmen. Aber als er näher kam, wunderte er sich über die Schönheit und das kindliche Wesen des jungen Mädchens. Unwillkürlich grüßte er freundlicher, als es seine Absicht war. Im selben Moment fiel sein Blick auch auf die andere, neben ihr stehende Gestalt. Erschrocken hielt er an. Er sah, daß sie blaß wurde und sich auf die Freundin stützte. »Jenny!« rief er, und streckte die Arme nach der Frau aus, die fast ohnmächtig wurde.

»Jenny, um Gottes willen, was ist mit dir?« rief Manuela und stützte sie mit beiden Händen.

»Nichts, es ist schon vorüber«, flüsterte die junge Frau und richtete sich gewaltsam auf.

»Jenny!« sagte da der Fremde mit weicher, tiefbewegter Stimme, ging auf sie zu und ergriff ihre Hand. »Hier – so müssen wir uns wiederfinden?«

Jenny Hetson stand aufrecht vor ihm. Sie sprach kein Wort, aber sie hatte Manuelas Arm zurückgeschoben. Sie drehte den Kopf zur Seite und schien einen Fluchtweg zu suchen, um diesem furchtbaren Zusammentreffen zu entgehen. Aber unwillkürlich sah sie den Fremden wieder an. Ihr Blick ruhte auf dem edlen Gesicht mit den gramzerfurchten Zügen, und alle Gefühle, die sie bis dahin gewaltsam zurückgedrängt hatte, brachen plötzlich hervor.

»Charles!« rief sie und drückte die Hände auf ihr Herz, das wild schlug. »Charles!« Weinend und lachend zugleich stürzte sie an die Brust des Mannes und lehnte ihren Kopf an ihn. Minutenlang hielten sie sich in den Armen. Sein Gesicht war totenblaß geworden. Er rührte und regte sich nicht, hatte sie nur an sich gepreßt. Da endlich richtete sich die Frau wieder auf. Die Arme, die sie umschlossen hatten, ließen sie frei. Sie wandte sich ab und sank betend in die Knie, dabei verdeckte sie ihr Gesicht mit den Händen. Neben ihr kniete Manuela und umarmte sie.

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