Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Die Auswanderer nach Nordamerika oder Australien scheuen sich, ihr Schiff gleich am ersten Tag der Ankunft zu verlassen. Sie wollen sich doch erst einmal umsehen und den Boden kennenlernen, auf dem sie ihre neue Heimat gründen wollen. Aber hier suchte sich alles rücksichtslos eine Gelegenheit, schnell an Land zu kommen, Boden zu gewinnen, den man mit Spaten und Spitzhacke bearbeiten konnte. Daß dort Gold lag, verstand sich von selbst. In diesem Drängen konnte sich natürlich keiner um den anderen kümmern. So geschah es denn auch, daß Frau Siebert, der man bis dahin jede Freundlichkeit erwiesen hatte, allein und unbeachtet mit ihren drei Kindern an Deck stand. Mit klopfendem Herzen sah sie auf die Bai, von wo sie jeden Augenblick das Boot ihres Mannes erwartete. Das geankerte Schiff zeigte schon lange die Hamburger Flagge, er wußte, daß sie von dort um diese Zeit eintreffen mußte, und hatte sicher schon seit Wochen auf sie und die Kinder gewartet. Er hatte ja auch in seinem Brief versprochen, sie gleich von Bord abzuholen – aber er kam nicht.

Nur der alte Assessor Möhler war bei ihr geblieben. Er sorgte sich um das jüngste Kind, das in der allgemeinen Verwirrung an Deck vielleicht zu Schaden kommen könnte. Dann sagte ihm auch ein nicht gerade ermutigendes Gefühl, daß er immer noch früh genug das fabelhafte Land betreten würde. So gab er der Frau Schutz und suchte zugleich auch bei ihr Schutz. Er glaubte auch, daß er unter keinen günstigeren Umständen die Bekanntschaft des reichen Kaliforniers machen konnte.

Eine große Anzahl der kleinen Boote kreuzte herüber und hinüber zwischen den verschiedenen Schiffen und dem Land, oft dicht auch an ihrem Schiff vorbei. Wenn sie angerufen wurden, schüttelten sie den Kopf oder antworteten nicht, sie hatten ein anderes Ziel. Was kümmerten sie die Neuangekommenen, denen Schiff auf Schiff folgte. Nur ein paar leere Boote, von einzelnen Männern gerudert, legten längsseits, um Passagiere mit hinüberzunehmen. Es waren Amerikaner, die sich mit ihren eigenen Booten auf diese Weise ihren Lebensunterhalt verdienten. Die Passagiere wunderten sich darüber, solche Leute noch hier zu finden. Warum waren die nicht oben in den Minen und gruben Gold?

Mr. Hetson hatte seit dem Passieren des Goldenen Tores das Deck noch keinen Augenblick verlassen. Er rief jetzt eines der Boote heran und mietete es für einen enormen Preis für seine Frau und sein Gepäck. Andere Boote wurden von den übrigen Kajütpassagieren in Beschlag genommen. Mehrere Stunden mochten vergangen sein, als das viereckige, kastenähnliche Fahrzeug, das den Matrosen der Bremer Barke zur Flucht verholfen hatte, zwischen den Schiffen sichtbar wurde und auf sie zuhielt.

Der Kapitän der ›Leontine‹ war inzwischen schon lange mit seiner eigenen Jolle an Land gefahren, und der Steuermann wollte das gut gemerkte Fahrzeug nicht anlegen lassen. Den Passagieren brannte aber das Deck unter den Füßen, und sie drohten dem Seemann, ihn über Bord zu werfen, wenn er ihnen verbieten wolle, das Schiff zu verlassen. Das leichte Boot nahm übrigens keinerlei Notiz von den drohend hinübergerufenen Worten des Offiziers. Einige Passagiere warfen Taue hinunter, und die Matrosen sahen tatenlos zu. Alle, die ihr Gepäck schon bereit hatten, reichten Koffer und Kisten hinunter. Dann kletterten sie, so schnell sie konnten, hinterher. Von dem Treiben völlig unberührt, stand Frau Siebert an Bord und hatte nur Augen für die vom Land abstoßenden Boote, um dann immer wieder enttäuscht zu werden. Der alte Assessor sprach ihr ständig Mut zu und bat sie, nicht ungeduldig zu werden. In dem Wirrwarr an Land hätte Herr Siebert die Ankunft ihres Schiffes übersehen können. Wenn er aber darauf gewartet habe, dann hätte er auch die ihnen folgende Flotte bemerken müssen. Noch eine Hamburger und eine Bremer Flagge wehten von deren Masten, und es wäre doch möglich, daß er zuerst zu den falschen Schiffen gefahren sei. Die Frau nickte schweigend. So zuversichtlich sie bislang aufgetreten war, so beengend war jetzt das Gefühl, das sie, eingenommen hatte. Sie kam sich einsam und verlassen in dem fremden Land vor. Natürlich wußte sie, daß das ja nur für ein paar Stunden dauern mußte, aber sie hatte sich den Empfang doch anders ausgemalt. Sie hatte gehofft, daß ihr Mann an Bord springen würde, solange noch alle Passagiere versammelt waren, um sie dann im Triumph an Land zu bringen. Und jetzt – ein Boot nach dem anderen glitt an ihnen vorüber, und in keinem war der so heiß Erwartete.

Der Eigentümer des viereckigen Lichterboots war mit an Bord gekommen und lehnte an der Schanzkleidung. um das Einladen der Fracht zu überwachen. Was sonst an Bord vorging, schien ihn überhaupt nicht zu interessieren, denn er hatte nur Augen für die auf seinem Boot eingestauten Güter. Der Assessor stand kaum zwei Schritt von ihm entfernt, aber der Bootsmann drehte ihm den Rücken zu und überhörte auch ein paar höflich an ihn gerichtete Fragen des alten Mannes. Wer von ihm etwas erfahren wollte, mußte laut sprechen.

»Heda, Hans!« rief er da plötzlich in deutscher Sprache einem der Männer im Boot zu. »Donnerslag, pack nich alles da hinüber nach Stürbord. Du willst uns woll den Kasten umdrehn?«

»Aber die Passagiere...?« rief der Mann zurück.

»Die sollen sehen, wo sie Platz finden!« lautete die Antwort. »Hinüber damit, Junge, wir können ja sonst das eine Ruder nicht führen!«

»Verzeihen Sie«, faßte sich der Assessor jetzt ein Herz, als er den Mann deutsch sprechen hörte. Er klopfte ihm leicht auf die Schulter.

»Ja?« sagte der Seemann und drehte den Kopf nach ihm um.

»Kennen Sie einen Herrn Siebert hier in Kalifornien?« erkundigte sich der Assessor. Er war jetzt fest entschlossen, die Sache aufzuklären. Die Frau horchte auf, als sie den Namen hörte.

»Ja, guter Mann, Kalifornien ist groß, und da mögen schon einige Siebert herumlaufen. Einen Gottlieb Siebert habe ich allerdings gekannt, wenn es der sein soll?« antwortete der Bootseigentümer und sah wieder aufmerksam zu seinem Fahrzeug.

»Gottlieb heißt mein Mann!« rief da die Frau und trat rasch auf den Bootsführer zu. »Kennen Sie den, guter Freund, und ist er in San Francisco?«

»Hm«, sagte der Mann und drehte sich nach ihr um. »Sie sind seine Frau? Ja, ich weiß, er hat sie von Deutschland erwartet.«

»Ist er in San Francisco?« bat die Frau.

»Jedenfalls nicht weit davon«, murmelte der Deutsche leise vor sich hin und spuckte seinen Tabaksaft über Bord. »Tut mir leid, Madame, den... haben wir vorgestern begraben.«

»Begraben?« schrie die Frau und faßte in Todesangst den Arm des Mannes, der ihr die furchtbare Nachricht übermittelt hatte. Selbst der Assessor setzte das kleine Kind, das er bislang auf dem Arm hatte, auf das Deck, denn er befürchtete, daß er es fallen ließe. Der Schreck war ihm in die Glieder gefahren. Der Deutsche nickte und sagte:

»Ja, tut mir leid, aber... Sie hätten es ja doch erfahren müssen, und so ist es vielleicht besser, Sie hören es gleich von Anfang an. Er ist an einer Art Ruhr gestorben, und die Sache muß entsetzlich schnell gegangen sein. Abends waren wir noch zusammen, am anderen Morgen lag er tot in seinem Bett.«

Frau Siebert war in die Knie gesunken und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. Ein paar Passagiere kamen näher, um zu erfahren, was passiert sei.

»Siebert ist tot!« ging da die Nachricht von Mund zu Mund. »Na, das ist eine schöne Geschichte – die arme Frau, die sitzt jetzt da. Was ist aus seinem Gold geworden?«

Der Deutsche zuckte die Achseln.

»Es sind böse Zustände hier in Kalifornien«, meinte er. »Es sollte mir lieb sein, wenn seine Frau noch etwas davon fände, aber... es sind schon zwei Tage vergangen. Na, jetzt fragt mal in Nergels deutschem Boarding-Haus nach. Halt, da, Hans... nimm nichts mehr ein – wir haben genug! Was jetzt nicht mitkann, muß bis zur nächsten Fuhre warten. Runter mit euch, wer mitfahren will, wir stoßen jetzt ab, und wer nicht drin ist, bleibt zurück!«

Der Mann schwang sich dabei auf die Schanzkleidung und hinüber. Er wollte eben nach unten gleiten, als der Assessor noch einmal seinen Arm ergriff.

»Wie hieß das Haus, das Sie uns nannten? Wo hat Siebert gewohnt?« fragte er rasch und ängstlich.

»Nergels Boarding-Haus«, lautete die kurze Antwort. »In der Pacific Street.« Im nächsten Augenblick war er unten bei seinen Leuten. Ihm drängten die Passagiere nach, die ihre Sachen bereits im Boot hatten. Andere winkten ein ähnliches Boot heran, das gerade vorüberfuhr und dem Ruf folgte. Schließlich fuhren sie in der Bucht nur umher, um Passagiere und Güter von den frisch eingelaufenen Schiffen an Land zu befördern. Um die Frau kümmerte sich niemand mehr, auch wenn sie der Meinung waren, daß es wohl schlimm für sie wäre, ohne Mann allein in Kalifornien zu sitzen. Aber sie hatten alle viel zuviel mit sich selbst zu tun und konnten ja doch nichts an ihrer Lage ändern.

Nur der alte Assessor war zurückgeblieben. Als das zweite Lichterboot von Bord abstieß, kauerte Frau Siebert immer noch auf dem Deck, das Gesicht hinter ihren Händen versteckt. Der alte Mann stand neben ihr, hielt das jüngste Kind auf dem Arm und zeigte ihm die lebendige Bai. Das Herz blutete ihm, als er dem Kind das rege, lustige Treiben da drüben zeigte, um es abzulenken.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.