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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 49
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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20. Das Wiedersehen

Ein leichter Nebel lag am nächsten Morgen über dem Tal. Mit dem Sonnenaufgang fiel er aber als leichter Tau und gab der Luft eine eigene Frische. Nur ein leichter, von den Sonnenstrahlen rötlich gefärbter Dunst schwebte noch über dem engen Bergkessel, in dem das dunkle Grün des Zedernlaubes eine fast bläuliche Färbung annahm. Die roten, riesigen Stämme dieser stattlichen Bäume schimmerten wie glänzende Säulen aus dem Waldesschatten. So reizend aber sich auch die Natur bieten mochte, so verschieden war der Mensch, ›das edelste Geschöpf der Erde‹, wie er sich selbst gern nannte. Er stand nicht im Einklang mit diesem Rosenschein, der an den Hängen lag, mit dem leise rauschenden Laub, dem murmelnden Bach. Haß, Neid, Zwietracht, Gier nach Gold – das waren die Leidenschaften, die dieses kleine, geschäftige Volk erfüllten. Mit dem Bewußtsein, daß hier das edle Metall im Boden lag, hätten sie sich selbst ein wirkliches Paradies zur Hölle umgeschaffen.

Hetson, der Alkalde dieser wilden, gemischten Völkerschar, war schon mit Tagesgrauen munter. Durch die Unruhe getrieben, neues aus dem Lager zu hören, war er fertig angezogen, um den Sheriff aufzusuchen. Gern hätte er vorher mit Manuelas Vater gesprochen, der ihm gestern abend keine Rede stehen wollte. Der alte Spanier schlief aber noch fest, und er verschob es auf später. Jetzt gingen ihm doch wichtigere Dinge im Kopf herum. Seine Frau bat er, mit dem Frühstück nicht auf ihn zu warten, und verließ das Zelt. Mrs. Hetson hatte wohl bemerkt, daß etwas Ungewöhnliches im Lager vorging, wenn sie auch die wahre Ursache nicht ahnte. Sie dachte auch an keine Gefahr. Aber sie fühlte sich auch glücklich, daß Hetson in den letzten Tagen sein schwermütiges Wesen fast ganz verloren hatte. Er war fast schon heiter und fest, und schien sich in der neuen Beschäftigung wohl und zufrieden zu fühlen. Er hatte jedenfalls eine Tätigkeit gefunden, die ihm bis dahin gefehlt hatte. Mit der Verantwortung, die er dabei übernommen hatte, kräftigte sich auch sein Geist wieder. Mehr und mehr wich der düstere Schatten zurück, der bis dahin schon einigemal sein Leben bedroht hatte. Nur Manuela war heute ernst und trübe gestimmt. Seit dem letzten Abend tauchte auch die Sorge um ihren Vater wieder auf. Daß der Amerikaner, den sie mehr als einen anderen Menschen fürchtete, ihre Zuflucht hier gefunden hatte, beunruhigte sie am meisten. Nicht zu Unrecht hatte sie gefürchtet, daß er den schwachen Vater erneut verleiten würde. Der letzte Abend, an dem sie vergeblich auf ihn gewartet hatte, lieferte ihr den Beweis, daß sie sich nicht geirrt hatte. Nur Hetsons Versicherung hatte sie etwas beruhigt. Er wollte Siftly veranlassen, von jetzt an nicht mehr mit Don Alonso zu spielen.

Manuela, die Mrs. Hetson besonders gern mochte, unterzog sich jeder noch so ungewohnten Arbeit mit Freuden. Sie hatte auch heute schon das Frühstück zubereitet, aber vergeblich auf ihren Vater gewartet. Sie und Mrs. Hetson aßen allein. Weder kam Hetson zurück, noch ließ sich Don Alonso sehen, der sich scheute, seiner Tochter unter die Augen zu treten.

»Komm, Manuela«, sagte da Mrs. Hetson. »Die Männer lassen uns heute im Stich, dein Vater und auch mein Mann. Ich denke, wir haben lange genug auf sie gewartet. Wir wollen deshalb ihr Frühstück warmstellen und einen Spaziergang machen. Einen schöneren Morgen haben wir noch nicht gehabt, seit wir in den Bergen sind. Es ist herrlich draußen und wirklich Sünde, diese Zeit im Zelt zu verträumen.«

»Aber, Mr. Hetson...?«

»Der geht seinen Geschäften nach und kümmert sich auch nicht um uns«, lächelte die junge Frau. »Deshalb darf er es uns auch nicht übelnehmen, wenn wir uns in der freien Luft vergnügen. Lieber Gott, was hat man denn anderes in den Bergen als die wirklich schöne Natur?«

»Aber der Lärm, der gestern überall in der Stadt war?« sagte Manuela besorgt.

»Keine Sorge«, sagte freundlich Mrs. Hetson. »Du bist vielleicht in deiner Heimat andere Sitten gewöhnt, Manuela, aber die Frauen sind unter den Amerikanern überall sicher. Sie würden bei jedem, und wenn er noch so roh und ungebildet ist, Schutz finden. Nimm deine Mantille, es ist auch die Frage, ob Mr. Hetson vor dem Mittagessen nach Hause kommen wird. Er sagte mir, daß er viel mit dem Sheriff erledigen müßte. Kehren wir rechtzeitig zurück, um das Essen fertigzumachen, werden wir wohl kaum vermißt werden. Ich habe mich auch schon lange danach gesehnt, einen der benachbarten Hügel zu besteigen. Von da aus wollen wir einmal das sogenannte Paradies überblicken.«

Auf der gleichen Waldlichtung, auf der damals der Sheriff mit dem Häuptling Kesos und den Mexikanern zusammentraf, hielt ein einzelner Reiter. Er war abgestiegen und lehnte mit dem rechten Arm auf dem Sattel und sah auf die vor ihm ausgebreitete Szene. Es war ein noch junger Mann mit offenen, ehrlichen Zügen. Sein Gesicht war stark sonnengebräunt, aber ohne Bart. Er hatte braunes, lockiges Haar und helle, blaue Augen. Nach seiner Kleidung gehörte er aber nicht zu den Amerikanern. Seine braune Jacke war aus englischem, wasserdichtem Stoff. Dazu trug er graue, lederne Hosen und einen Panamahut – alles noch ziemlich neu und wenig mitgenommen durch eine Arbeit. Wohl eine Viertelstunde hatte er hier so gestanden. Das Pferd, das wahrscheinlich hungrig war, begann das Gras zu seinen Füßen abzuweiden. Plötzlich warf es den Kopf hoch und wieherte laut. Ein anderes antwortete nicht weit entfernt. Als sich der Fremde umdrehte, bemerkte er einen alten Mann im blauen Jeansanzug, wie ihn die amerikanischen Hinterwäldler meistens tragen. Ein Stück roten Flanell hatte er als Gamaschen um den unteren Teil der Beine gebunden und einen alten, schokoladenfarbigen Filzhut auf dem Kopf. Er führte sein Pferd im Schritt auf dem schmalen Bergpfad durch den Wald. Auf der linken Schulter trug er eines der langen, amerikanischen Gewehre, die man Rifle nannte. Eine alte, oft gebrauchte Kugeltasche mit einem Pulverhorn dran hing an seiner rechten Seite. Als er den Fremden bemerkte, hielt er an, nickte ihm zu und stieg dann ruhig aus dem Sattel. Er warf dabei nur den Zügel hinunter und überließ das Pferd sich selbst.

»Sehen Sie sich die Aussicht an, Fremder?« sagte er und trat zu dem anderen. Er lehnte sich auf seine lange Büchse und blieb so stehen. »Ja, es ist ein prächtiger Blick und tut kranken Augen gut, ein so liebes Plätzchen hier in die Berge hineingedrückt zu sehen. Ich bin auch ein ganzes Stück auf meinem Weg geritten, nur um hier ein Viertelstündchen halten zu können.«

»Es ist wirklich ein wunderbar schönes Land«, erwiderte der Fremde mit tiefer, klangvoller Stimme. »Jammerschade, daß es nur dazu dient, die Täler durch aufgewühlte Gruben entstellt zu bekommen, um das Gold herauszuwaschen.«

»Hoho«, lachte aber der Alte gutmütig. »Damit sind wir noch nicht fertig, und das ist nur der Anfang. Das Gold war schon sehr gut, um die Leute hierher zu locken und Einwanderer in das Land zu bringen. Aber der Kern der Ackerbauer steckt in den wilden Burschen da unten, die sich jetzt nur die größte Mühe geben, ihren Tagelohn gleich selbst aus der Erde herauszufischen, während sie später ihre Zeit besser anzuwenden wissen.«

»Glauben Sie wirklich, daß hier in Kalifornien jemand sich die Zeit nimmt und einen Acker bestellt?« fragte der junge Mann und schüttelte dabei ungläubig seinen Kopf.

»Da ist von glauben keine Rede, Fremder!« sagte der Alte. »Das ist so sicher wie die Sonne, die da drüben auf die prächtigen Zedern scheint. Wenn auch die ganze Welt ihre Abenteurer hierhergeschickt hat, so blüht doch dem Land hier einmal eine große Zukunft. Das wird einmal der hellste Stern in unserer Fahne – oder sein schlimmster Konkurrent.«

»Wer will sich denn hier niederlassen und Frau und Kinder in dieses wilde Treiben bringen?«

»Jetzt wäre das auch noch zu früh«, lachte der Alte. »Und Frauen würden sich nicht gerade behaglich in diesem Leben fühlen, wenn auch unsere Backwoodsfrauen nicht gerade verwöhnt sind. Aber lassen Sie noch ein Jahr vergehen, und sehen Sie dann einmal, wie sich die Sache geändert hat. Schon jetzt können Sie sehen, wie überall unsere spekulierenden Holzleute an den Ufern der Flüsse ihre Blockhütten aufschlagen. Sie haben sich Stellen ausgesucht, wo Mühlen angelegt werden können, oder an Kreuzwegen, wo der Verkehr vorbeikommen wird. Die Leute sichern sich das Vorkaufsrecht. Wenn sie jetzt auch nur schlechte Lebensmittel und erbärmlichen Brandy für schweres Geld an Reisende verkaufen, werden sie bald genug anfangen, den Acker zu bebauen, oder Mühlen und Sägewerke zu errichten. Wenn der Anfang gemacht ist, glauben Sie gar nicht, wie schnell die Farmen überall wie Pilze aus dem Boden wachsen.«

»Ich glaube allerdings kaum, daß ich das sehen werde«, lächelte der junge Mann. »Ich bin nur hierhergekommen, um das merkwürdige Land einmal zu durchreisen, und vielleicht auch, um wenigstens den Versuch zu machen, hier und da einmal nach Gold zu graben. Aber ich könnte es mir nicht als meine künftige Heimat denken.«

»Sie sind Engländer?«

»Ja.«

»Sie haben etwas Seemännisches an sich. Ich weiß nicht, woran es liegt, ob an Ihrem Halstuch oder Hut oder der ganzen Gestalt, aber Sie sehen aus, als ob Sie mehr an Bord eines Schiffes als auf einem Pferd zu Hause wären. Ihr Pferd scheint übrigens etwas zu haben.«

»Sie haben recht«, erwiderte der Fremde. »Ich bin auch ein Seemann und mit Schiffen besser vertraut als mit Pferden, obwohl ich sie ziemlich gut reiten kann. Das arme Tier hat sich aber, als wir heute morgen über einen umgestürzten Baumstamm setzten, an einem herausstehenden Ast das Vorderbein beschädigt und eine Fleischwunde davongetragen. Ich führe es jetzt, um es soviel wie möglich zu schonen. Allerdings kam mir der Zufall gerade jetzt sehr ungelegen, denn ich habe einen längeren Ritt vor, den das Pferd so nicht ertragen kann.«

»Na, dann tauschen Sie es doch gegen ein anderes!« sagte der Amerikaner, der die Wunde inzwischen untersucht hatte. »Es ist nichts weiter als ein Fleischriß, und das Pferd sieht sonst brav und tüchtig aus. Wer es ein oder zwei Wochen schonen kann, und die Weide im Wald kostet ja kein Geld, hat dann immer ein gutes Tier. Sie kommen vom Macalome, nicht wahr?«

»Allerdings.«

»Und es gefiel Ihnen da nicht mehr?«

»Liebe Güte, es ist ein Ort nicht schlechter als der andere«, sagte der Engländer. »Ich habe aber die Minen satt und will nach San Francisco zurückkehren, um mich dort wieder einzuschiffen.«

»Dann gefällt Ihnen ganz Kalifornien nicht? Ich denke doch aber, daß es für einen alleinstehenden Mann ein prächtiges Land ist. Ein bißchen wild, ja, aber wer sich so haus- und heimatlos in der Welt herumtreibt, wie ein Seemann, dem sollte es nicht darauf ankommen, es auch einmal ein Jahr an einem solchen Ort zu versuchen. Für einen Junggesellen gibt es kein besseres Land als Kalifornien.«

»Und wie steht es mit Ihnen?« erkundigte sich der Fremde. »Haben Sie keine Familie?«

Ein trauriger Zug zuckte über das wetterharte Gesicht des Alten, und ein tiefer Seufzer hob seine Brust. Endlich sagte er leise:

»Ich hatte Familie, Fremder, und zwei so prächtige Jungen, die so nur je an einem Büchsenrohr entlanggesehen haben. Im letzten mexikanischen Krieg fielen sie aber beide an einem Tag Seite an Seite, und meine Alte – hat den Schlag nicht verwinden können. Sie kränkelte von da an, bis wir sie auch hinausgetragen haben. Jetzt«, setzte er hinzu und kämpfte die alte Erinnerung gewaltsam herunter, »bin ich auch wieder Junggeselle, und wenn ich auch für mich selbst kein Ziel habe, so freue ich mich für unsere Jugend, wenn ich dieses blühende, tatkräftige und lebendige Land betrachte. Wir haben es uns teuer erkauft, denn es ist mit dem Blut unserer Besten bezahlt. Viele, viele Tränen hat es gekostet, aber dafür halten wir es auch und kennen seinen Wert.«

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