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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 47
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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19. Don Alonso

Wie es schien, hatten sich die Chinesen zurückgezogen und ihr Eigentum aufgegeben. Nicht weit davon arbeiteten Mexikaner, und schon bald lief unter ihnen das Gerücht von Mund zu Mund, daß die Amerikaner die Fremden vertreiben würden und sie geschworen hätten, alle aus der Flat zu verjagen. Zufälligerweise war gerade in dieser Stunde der lange angedrohte amerikanische Kollektor im Paradies eingetroffen, der die Gebühren von allen Ausländern einsammeln sollte. Einer der Mexikaner war in der Stadt und wollte sich ein neues Brecheisen kaufen. Er brachte die Nachricht mit hinaus. Etwa eine halbe Stunde später hörten alle Mexikaner auf zu arbeiten. Sie versammelten sich in ihrem Lager, das sich östlich zwischen der Flat und den nächsten Hügeln befand. Dann sandten sie Reiter nach verschiedenen Seiten in die Berge hinauf, ohne jedoch eine weitere Demonstration vorzunehmen. Auch die Franzosen zogen sich zusammen. Sie waren nicht durch den Angriff auf die Chinesen beunruhigt, sondern durch das Eintreffen des Kollektors. Bis jetzt hatten sie geglaubt, daß die angedrohte Taxe nur eine Drohung und ein blinder Alarm war, da sich wochenlang kein Kollektor sehen ließ. Sie schienen auch in der Zwischenzeit zu dem Entschluß gekommen zu sein, diese rasend hohe Steuer unter keiner Bedingung zu bezahlen. Jetzt, wo er wirklich eintraf, hielten es doch die meisten für angebracht, sich die Sache noch einmal zu überlegen, ehe sie sich den amerikanischen Autoritäten widersetzten, wenn auch die Hitzköpfigen nichts davon wissen wollten.

Hetson, der neue Alkalde, erfuhr davon mit keinem Wort. Seine Geschäfte bannten ihn heute nachmittag vollständig an sein Zelt. Der Kollektor mußte nämlich, bevor er seine Arbeit beginnen konnte, noch eine Menge Vorarbeiten leisten. Dabei mußte ihn Hetson unterstützen. Das neue Gesetz, die neuen Listen waren durchzusehen, Zertifikate mußten ausgefüllt werden. Die neue Steuer bot in der Praxis manche örtlichen Schwierigkeiten, die der Gesetzgeber in San Francisco nicht kannte und deshalb auch nicht berücksichtigen konnte, die aber hier um so schwerer in die Waagschale fielen. Er erklärte sich bereit, das Einkassieren der Taxen selbst zu erledigen. Er wollte die einzelnen Bergwasser aufsuchen und die dort arbeitenden Fremden notieren und besteuern. Dem Alkalden und dem Sheriff sollte es überlassen werden, die Fremden hier zu überwachen.

Hetson kam es so vor, als wollte der Kollektor, ein echter Yankee aus Connecticut, soviel wie möglich von seinen Schultern abwerfen. Mit Nonchalance, die er ›Vertrauen zu Mr. Hetson‹ nannte, überließ er ihm die größere Arbeit. Der Sheriff wurde der eigentliche Steuereintreiber, und er kontrollierte nur die eingegangenen Summen. Dabei hatte er sich aber in seinen Leuten geirrt. Als Hetson merkte, daß sich der Kollektor auf mündlich erhaltene Befehle aus San Francisco berief, ließ er einfach den Sheriff rufen. Hale war gerade von seiner Runde durch die Flat zurückgekehrt und sah erhitzt und aufgeregt aus, als er in das Zelt trat.

»Mr. Hale«, sprach ihn Hetson an. »Hier, Mr. Slocum, der neue Kollektor, hat Ihnen die Ehre zugedacht, die monatliche Zwanzigdollartaxe von den hiesigen Fremden zu erheben, die...«

»Verdammt, wenn ich's tue!« unterbrach ihn der Sheriff ungeniert. »Wenn Sie mich zum Kollektor gemacht hätten und ich hätte es angenommen, dann könnte ich nichts dagegen einwenden. Wie aber die Sache jetzt steht, danke ich herzlich.«

»Ja, Sheriff«, sagte achselzuckend der Kollektor. »Das wird Ihnen nichts helfen. Das Gesetz ist nun einmal verkündet, und uns ziemt es...«

»Das Gesetz ist gegeben«, rief der Sheriff, »daß die Kollektoren das Geld einkassieren sollen, wenn sie es kriegen können. Jetzt löffelt die Suppe auch aus, die ihr uns eingebrockt habt, und seht mal aus der Türe, wie es draußen aussieht. Drüben in San Francisco können sich die Herren gut und breit an einen Tisch setzen und eine Menge verschiedener Geschichten auf das Papier bringen – Papier ist geduldig. Aber dann sollen sie auch selbst heraufkommen und sehen, wie die neue Maschine arbeitet.«

»Ist etwas passiert, Mr. Hale?« rief Hetson. Ihm war nicht entgangen, daß der sonst so ruhige Mann ziemlich aufgeregt war.

»Passiert«, brummte Hale. »Das ganze Nest ist in Aufruhr, und wir werden wohl noch Zustrom aus den Bergen erhalten.«

»Was ist geschehen?« riefen der Kollektor und Hetson gleichzeitig.

»Unsinn, natürlich«, sagte der Sheriff ärgerlich. »Ihr Freund, Mr. Hetson, dieser Siftly mit dem großen Bart und dem kalifornischen Poncho, hat damit angefangen, ein paar Chinesen von ihrem Claim zu verjagen. Das waren arme Teufel, die niemand etwas getan hatten. Ein paar von den rauhen Burschen, die schon lange auf so einen Anfang gewartet haben, machen sich jetzt über andere Plätze her, wo vorher Mexikaner gearbeitet hatten. Sie werfen das Werkzeug der anderen heraus, graben in den Löchern und schwören, daß sie jedem Fremden, der sie darin hindern will, eine Kugel durch den Kopf schießen würden.«

Hetson biß sich auf die Lippen.

»Sie sagen, Siftly hat den Anfang gemacht?«

»Der und dieser Briars«, bestätigte der Sheriff. »Jetzt rotten sich die Fremden zusammen, weil sie darin den Anfang gemeinsamer Maßnahmen gegen sie alle sehen. Die Franzosen haben eben in einem ihrer Zelte eine Versammlung. Sie schleppen alles an Waffen zusammen, was sie bekommen können. Die Mexikaner haben sich in ihrem Lager aufgestellt. Aber nicht nur das – sie haben Boten in die Berge geschickt. Die Indianer haben sich ja nicht mehr blicken lassen, seit dieser Smith den alten Mann erstochen hatte und der Häuptling dafür keine Genugtuung bekam. Auf dem nächsten Hügel lagern vielleicht dreihundert Mann. Keine einzige Frau ist bei ihnen, ein sicheres Zeichen, daß sie auf keiner friedlichen Expedition sind und etwas im Schilde führen. Außerdem stecken die Mexikaner mit ihnen unter einer Decke. Wenn sie alle über uns herfallen, können wir das ausbaden, was ein paar Spielerlumpen gesündigt haben.«

»Wie viele Amerikaner sind wir etwa in der Stadt?« sagte der Alkalde nach kurzem Überlegen.

»Höchstens zwanzig, auf die man sich verlassen könnte«, brummte Hale. »Und vielleicht hundert Franzosen und zweihundert Mexikaner, ohne die Deutschen.«

»Glauben Sie, daß die Deutschen sich mit den anderen verbünden?«

»Nein«, sagte der Sheriff. »Eher würde ein Teil von ihnen uns beistehen. Bei einigen bin ich da sicher.«

Mr. Slocum war bei diesem unerwarteten Bericht sehr blaß geworden. Jetzt sagte er:

»Wenn sich das Lager im Aufstand befindet, kann ich allerdings meine Aufgabe hier nicht erfüllen. Ich werde lieber gleich wieder zum Golden Bottom zurückkehren und Bericht erstatten und Hilfe suchen.«

Der Sheriff warf ihm einen spöttischen Seitenblick zu, erwiderte aber nichts. Hetson sagte:

»Das werden Sie hoffentlich nicht tun. Als Beamter der Vereinigten Staaten und als Abgesandter aus San Francisco ist es Ihre Pflicht, hier auszuharren und zu sehen, wie sich die Lage gestaltet und ob wir hier nicht in der Lage sind, die Ordnung aufrechtzuerhalten.«

»Aber wenn zweihundert Mexikaner und dreihundert Indianer...«

»Noch hat Ihnen gegenüber niemand die Taxe verweigert«, unterbrach ihn Hetson ernst, »denn Sie haben sie noch von niemand verlangt. Wollen Sie deshalb schon Beschwerde führen, wäre das ein unverantwortlicher Leichtsinn und könnte schlimme Folgen haben. Ich bin selbst nicht mit dieser hohen Steuer einverstanden. Was ich während meines kurzen Aufenthaltes hier gehört habe, bestärkt meinen Glauben, daß die Herren in San Francisco nach den übertriebenen Berichten der Händler und nicht nach dem wirklichen Verdienst der Goldsucher gegangen sind. Das Gesetz ist jedoch verabschiedet und muß von allen Amerikanern aufrechterhalten werden, bis eine Revision möglich ist. Wir wollen aber nicht gleich von vornherein mehr tun, als es aufrechtzuhalten, um die Fremden nicht noch mehr zu reizen.«

»Bravo!« sagte der Sheriff und nickte vergnügt mit dem Kopf. »Ganz meine Meinung und genau getroffen. Ich glaube auch, daß keine große Gefahr droht, wenn wir nur unser eigenes Gesindel im Zaum halten können. So übermütig, wie die aber sind und gerade die Fremden noch mehr reizen, kann ich für nichts garantieren. Ich könnte es ihnen auch nicht verdenken, wenn sie losschlagen würden.«

»Aber unter diesen Umständen kann ich doch keine Taxe einkassieren«, sagte Mr. Slocum bestürzt. »Da setze ich mich den größten Unannehmlichkeiten aus!«

»Daß Sie natürlich heute nicht anfangen, versteht sich von selbst«, erwiderte Hetson. »Sie sind ja noch nicht einmal mit Ihrer Einteilung fertig. Machen Sie das erst einmal heute und morgen, und bis dahin wird sich die Aufregung schon etwas wieder gelegt haben. Spricht man dann vernünftig mit den Leuten, dann glaube ich kaum, daß es für Sie die geringste Schwierigkeit geben wird.«

»Keine weiter, als daß sie ihm weglaufen«, lachte der Sheriff. »Alle, denen die Steuer zu hoch ist, brauchen sich nur in die Berge zu schlagen, und niemand findet sie. Und falls doch, kann sie keiner festhalten. Soviel weiß ich, daß es mit dem friedlichen Leben in unseren Minen vorbei ist. Ich wollte, diese Taxe wäre beim Kuckuck! Wenn Sie nur Ihre Frau nicht hier oben hätten! Die Frauen werden jetzt unsere ganze Unterhaltung gehört haben.«

»Nein«, sagte Hetson. »Die beiden haben einen kleinen Spaziergang in die Stadt gemacht und sollen auch vorläufig nichts erfahren, bis man es nicht mehr verheimlichen kann. Weshalb sie vorzeitig ängstigen! Hoffentlich ist alles nichts weiter als eine Demonstration, die keine schlimmeren Folgen hat. Ich bitte Sie jetzt, Mr. Hale, weitere Erkundigungen einzuziehen, besonders was die Sache mit den Chinesen betrifft. Sie sind ein ruhiger, vernünftiger Mann, und ich weiß, ich kann mich da auf Sie verlassen.«

»Ich glaube, Ihr Freund hat uns da keinen Gefallen getan«, sagte Hale.

»Sich selbst vielleicht auch nicht«, sagte Hetson ernst. »Wenn die Chinesen wirklich in ihrem Recht gefährdet sind, sollen sie sich an mich wenden, und ich werde ihnen dazu verhelfen.«

Hale sah den Richter etwas erstaunt an. Er wußte nicht, wie weit der das ernst meinte. Hetson hatte sich abgewandt, um die verschiedenen Papiere wieder durchzusehen. Der Sheriff wollte eben das Zelt verlassen, um den Auftrag auszufahren, als Hetson ihn noch einmal ansprach.

»Übrigens, Mr. Hale, haben Sie nichts von meinem Mitbewohner, dem Spanier Don Alonso Ronez, gesehen? Ich hoffe doch nicht, daß er sich den Mexikanern angeschlossen hat?«

»Der nicht«, lachte Hale. »Das ist ein stiller Kauz, wie die meisten anderen auch, wenn man sie zufriedenläßt. Er arbeitet schon seit gestern ganz fleißig und allein in einem kleinen Gulch da drüben. Ob er etwas findet, weiß ich natürlich nicht. Aber der Platz sieht nicht schlecht aus.«

»Wenn Sie zufällig da wieder vorbeikommen, bitten Sie ihn doch, daß er heute abend nicht zu lange wegbleibt. Ich hätte ihm etwas zu sagen.«

Der Sheriff nickte und ließ den Kollektor mit dem Alkalden allein bei ihren Geschäften. Hale hatte übrigens seinen Bericht nicht übertrieben. Auch in bezug auf die Indianer hatte er recht. Ihr plötzliches Auftauchen schien keineswegs friedlicher Art zu sein. Frauen und Kinder waren irgendwo in den Bergen in einem sicheren Versteck zurückgeblieben. Die Männer waren alle bewaffnet, einige von ihnen bemalt und mit Adlerfedern geschmückt. Sie sahen genauso aus, als wären sie auf einem Kriegszug. Trotzdem war Hale, der einige von ihnen kannte, ganz allein und nur mit einem Revolver bewaffnet zwischen ihnen gewesen. Jeder Indianer hielt aber seinen Bogen und Köcher bereit und hatte einen Pfeil herausgezogen, um sofort davon Gebrauch machen zu können. Auskunft erhielt er von keinem, und den Häuptling sah er nirgends. Die Indianer lagerten auf dem langen Hügelrücken, der das Tal im Norden begrenzte. Sie bildeten Trupps mit vierzig oder fünfzig Mann und lagerten an verschiedenen, kleinen Bergquellen. Sie hatten Boten zu den Mexikanern abgesandt, mit denen sie eine ständige Verbindung unterhielten. Als Hale auch in deren Lager gehen wollte, um zu sehen, was sie trieben, wurde er von einzelnen Mexikanern zurückgewiesen. Die Leute waren nicht gerade unfreundlich gegen ihn, erklärten ihm aber, daß er dort nichts zu suchen habe und seiner Wege gehen sollte. Fast alle hatten aufgehört zu arbeiten, nur hier und da waren noch einzelne in der Flat beschäftigt. Es schien, als wollten sie ihre Claims so schnell wie möglich ausbeuten.

Das alles verriet dem Amerikaner, daß etwas Außergewöhnliches passierte. Die Stimmung der Fremden gegen die Amerikaner war feindselig, und es bedurfte vielleicht nur eines geringen Anlasses, um einen Ausbruch zu verursachen. Hale erfuhr von einigen ruhigeren Amerikanern Einzelheiten über den Angriff von Siftly und Briars auf die Chinesen. Schon bald wurde ihm klar, daß dieser Übergriff die eigentliche Ursache für die ganze Unruhe war. Dazu kam die Ankunft des Kollektors. Dadurch wurden alle, die die englische Sprache nicht beherrschten, unnötig gereizt. Sie wußten ja auch nicht, wie weit die Rechtlosigkeit gegen sie noch getrieben würde. Auf der einen Seite wollte man sie besteuern und auf der anderen Seite unabhängig davon von ihren Claims vertreiben. Diesen Gedanken mußte Hale zuvorkommen und entsprechend handeln. Er wußte, daß die meisten Amerikaner zu den besonneneren Menschen gehörten, und denen mußten sich die anderen beugen, ob sie wollten oder nicht. Er wollte deshalb vor allen Dingen die Chinesen finden und war fest entschlossen, ihnen wieder zu ihrem Eigentum zu verhelfen. Aber ihr Lager war abgebrochen. Die in der Nähe arbeitenden Amerikaner hatten sie den Bach hinunterziehen sehen. Als er sich da nach ihnen erkundigte, konnte ihm niemand Auskunft geben. Sie waren wohl vom Weg abgewichen und in die Berge gegangen, wo sie keiner finden konnte.

So brach der Abend an, ohne daß sich die Stellung der verschiedenen Parteien geändert hätte. Um so übermütiger waren aber die Amerikaner geworden, die einzelne Fremde aus ihren Gruben vertrieben und so auf leichte Art reiche Beute gemacht hatten. Schon eine Viertelstunde vor Einbruch der Dunkelheit waren Siftly und Briars mit ihrem Claim fertig geworden. Während Siftly das Gold in Sicherheit brachte, warf sich Briars in das nächste Trinkzelt, um das rasch gewonnene Gold wieder zu verprassen. Dort fand er Menschen seines Schlages, die ihm Gesellschaft leisteten. Eine günstigere Gelegenheit, diese halbbetrunkenen Männer zum Spiel zu verleiten, kam aber nicht so bald wieder. Smith und Siftly, mit allen Schlichen ihres ehrlosen Geschäftes gut vertraut, versäumten sie auch nicht. Kaum war die Sonne in der Zedernwaldung eingetaucht, als schon die Tische hergerichtet wurden und das aufgeschichtete Gold die Spiellustigen herbeilockte. Und welche Gewinnaussichten eröffneten sich nicht auch den streitsüchtigen Kerlen, die jetzt im Bewußtsein ihrer amerikanischen Bürgerschaft das volle Anrecht auf alle Arbeitsplätze der Fremden zu haben glaubten! Die ließen sie jetzt ihre schwere Erdarbeit tun und zu dem Gold hinuntergraben. Wenn sie soweit waren – dann sprangen sie hinein und ernteten. Die Leute befanden sich auf dem besten Weg, ein vollständiges Raubsystem mit erlaubtem Totschlag zu organisieren.

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