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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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»Hol dich der Böse!« schrie er ihm entgegen. »Wenn du ein Mann bist, dann wehr dich, und ich will dir mit den Fäusten ins Gesicht schreiben, was ich von dir halte!«

»Sehr freundlich«, lachte Siftly. Er machte jedoch keine Bewegung. »Im Moment kann ich aber davon keinen Gebrauch machen. Bin auch gar nicht gekommen, um mich mit Ihnen herumzuschlagen, sondern nur, um meine Hilfe anzubieten. Ich glaube, ich verdiene damit etwas anderes als blaugeschlagene Augen.«

»Und wer hat Ihre Hilfe verlangt?« sagte der junge Amerikaner trotzig.

»Ach, zum Henker mit dem Unsinn«, sagte Siftly und schüttelte unwillig den Kopf. »Wir vertrödeln nur unsere schöne Zeit, und wir Amerikaner sollten die letzten sein, die miteinander Streit anfangen oder harte Worte wechseln.«

Briars musterte seinen vermeintlichen Gegner mit keineswegs freundlichen Blicken. Er wußte nicht recht, ob die Verweigerung des Kampfes Feigheit war oder einen anderen Grund hatte. Siftly ließ ihn aber nicht lange im Zweifel.

»Warum, zum Teufel, graben und hacken Sie hier, wo nichts ist, wofür es sich lohnt? Und die verdammten Fremden holen dicht daneben das Gold vor der Nase weg!«

»Ist das nicht meine Rede?« rief Briars ärgerlich. »Waren Sie denn nicht mit Ihrem Vorschlag schuld, daß wir das fremde Gesindel hier noch dulden?«

»Da sind Sie im Irrtum, Freund«, sagte der Spieler. »Ich habe die Wahl vorgeschlagen, um unsere Kräfte erst recht zusammenzuhalten. Hetson ist der Mann, den wir brauchen, um uns in allen amerikanischen Dingen nichts in den Weg zu legen. Wie ich selbst gesonnen bin, will ich gleich an Ort und Stelle beweisen. Wie weit haben die Fremden hier das Recht, ihre Claims auszudehnen?«

»Nach meiner Ansicht überhaupt kein Recht«, antwortete Briars mit einem Fluch. »Nicht einen Fußbreit Boden sollten sie behacken dürfen, wenn es nach mir ginge.«

»Aber wie die Sache nun einmal steht, gibt es doch Gesetze, die die Länge eines Claims regeln?«

»Für einen Mann werden normalerweise dreieinhalb Meter angenommen.«

»Gut«, sagte Siftly. »Gleich hier unten arbeiten Chinesen in zwei Partien. Wären es wirklich zwei verschiedene Abteilungen, so hätten sie vielleicht eine Art Recht, sich so auszubreiten. Die Burschen halten auch alle zusammen, und einer sieht wie der andere aus – wie aber wollen sie es beweisen?«

»Verdammt wenig, was sie da aus dem Boden herausschaufeln werden!« brummte Briars.

»Meinen Sie? Ich habe mit eigenen Augen gesehen, daß sie das Gold in großen Stücken aus der Erde stochern. Sie arbeiten da unten nur mit ihren Messern.«

»Das ist hundsgemein!« rief Briars und stampfte mit dem Fuß auf. »Müssen wir uns das gefallen lassen?«

»Wer sagt das?« lachte Siftly. »Wenn Sie Lust haben, gehen wir einmal zu den Chinesen hinüber. Gefällt uns der Platz, wer, zum Henker, will uns hindern, ihn auszubeuten? Die glatzköpfigen, langzopfigen Burschen wirklich nicht!«

»Wie viele sind es?«

»Pah, und wenn es ein Dutzend wären!« lautete die mürrische Antwort. »Diese Kerle sind feige, zwei wie wir sind der sechsfachen Anzahl jederzeit gewachsen. Es kommt nur darauf an, ob Sie ihnen das Gold eher gönnen als sich selbst.«

»Und der neue Alkalde?«

»Ist noch nicht vom County Court bestätigt. Wenn auch, die Verantwortung für alles, was Sie Gesetze nennen, übernehme ich.«

»Dann bin ich Ihr Mann!« rief Briars und schlug in die dargebotene Hand. »Was die Prügelei betrifft, so nehme ich sechs auf mich, wenn Sie mit der anderen Hälfte fertig werden.«

»Haben Sie in Ihrem Claim gar nichts gefunden?«

»Nicht die Spur Gold! Verdammt, nicht so viel, wie ein Glas Brandy kosten wurde. Drei Tage habe ich wie ein Pferd gearbeitet, nur um so tief zu kommen.«

»Gut, dann können Sie ja da drüben ernten«, lachte Siftly. »Denn die Mühe haben uns die Burschen wenigstens erspart. Aber jetzt vorwärts, damit uns nicht ein anderer zuvorkommt.«

Briars ließ sich nicht lange bitten. Siftly lachte vergnügt vor sich hin, als er mit seinem neu gewonnenen Freund die kurze Strecke zum Arbeitsplatz der Chinesen ging. Die Wahl seines neuen Gefährten war für den Zweck sehr gut gewesen. Er wußte ganz gut, daß die Amerikaner allgemein den Spielern nicht besonders freundlich gesinnt waren. Mit diesem wilden Mann zum Freund hatte er auch die ganze wilde Partei auf seiner Seite. Daß sie den ersten direkten Angriff auf die Fremden wagten, wurde ihnen von vielen hoch angerechnet, das wußte er. Gab das dann den Anlaß, die Mexikaner und auch die anderen Fremden, die sich auch wenig an den Spieltischen betätigten, aus den Minen zu verjagen, dann blieben die Amerikaner allein die Herren. Was sie leicht aus den eroberten Gruben erbeuteten, floß jedenfalls zum Teil wieder in die Taschen der Spieler. Briars hatte nicht so weitreichende Pläne. Er hielt sich aber in seinem ersten Ärger über die mißglückte Arbeit im Recht. Seiner Meinung nach gehörte der Boden den Amerikanern allein. Sie hatten ihn mit ihrem Blut von den Mexikanern erobert. Die Fremden waren nur Eindringlinge, die man verjagen mußte oder wenigstens in ihrer Ausbreitung einschränken sollte. Niemand konnte ihnen das verwehren, es war vielmehr die Pflicht aller, der Union treu zu dienen.

Die Chinesen hatten inzwischen ruhig weitergearbeitet und sich nicht um den Amerikaner gekümmert, der sie gestört hatte. Es passierte öfter, daß in dieser Art Fremde zu ihnen kamen, besonders seitdem sich das Gerücht verbreitet hatte, daß sie einen reichen Platz gefunden hatten. Dadurch, daß sie sich gar nicht mit ihnen einließen, hatten sie sich auch von ihnen freihalten können. Der Anführer des kleinen Trupps, der auch nur selten bei der schweren Aushubarbeit half, stand meistens an der Waschmaschine. Er war nach Siftlys Verschwinden nach oben gestiegen und zu der etwa dreißig Schritt entfernten Grube gegangen, wo eine andere Abteilung seiner Landsleute arbeitete. Vorsichtigerweise hatte er auch dabei das Gold mitgenommen, das sie an diesem Morgen ausgegraben hatten. Die anderen wühlten inzwischen fleißig in dem ausgeworfenen Loch weiter. Siftly hatte richtig gesehen, der Platz war ausgesprochen reich, und sie wollten ihn so schnell wie möglich ausbeuten. Gerade, als sie damit beschäftigt waren, tauchten die beiden Amerikaner auf. Briars warf einen raschen Blick in die Grube und rief aus:

»Beim Teufel, die Langzöpfe sitzen hier mitten im Gold drin, und wir, denen der Boden gehört, hacken für einen Hungerlohn. Raus da, oder ich will verdammt sein, wenn ich euch nicht Beine mache!«

Die fünf Söhne des Himmlischen Reiches sahen erschrocken zu der rauhen Stimme auf, antworteten aber genausowenig wie vorher. Was sie inzwischen wieder an Gold gefunden hatten, deckten sie zu und arbeiteten still weiter.

»Auf diese Weise kommen wir nicht ans Ziel«, sagte Siftly. »Das Spiel habe ich schon vorhin versucht. Wir könnten eine Stunde auf sie einreden, ohne auch nur eine Silbe aus ihnen herauszubringen. Mit denen müssen wir anders sprechen.« Damit nahm er einen Brocken Erde auf und warf ihn einem Chinesen auf den Rücken. Dazu rief er:

»Hinaus mit euch, habt ihr mich verstanden, oder soll ich noch deutlicher reden?«

Der Getroffene fuhr auf und stieß einen lauten Schrei aus. Die anderen redeten wild und laut in ihrer Sprache durcheinander. Verstehen konnten die Amerikaner natürlich nichts, aber sie machten auch keine Miene heraufzukommen.

»Hol die Kerle der Henker!« rief Briars. »Ich werde ihnen da unten Feuer machen. Dann werden sie wohl verstehen, was wir meinen.« Ohne sich weiter um die Menge der Chinesen zu kümmern oder eine Antwort Siftlys abzuwarten, lehnte er seine Hand auf die etwa 3,50 Meter tiefe und vielleicht genauso breite Grube und sprang dann mitten in die auseinanderstiebenden Chinesen hinein.

Mit Händen und Füßen gestikulierte er hier und packte sogar zwei, die er in eine Ecke schob, in der eine junge Zeder zum Hinausklettern lehnte. Da erschien am oberen Rand der Anführer der Gruppe. Er übersah wohl rasch, was hier vorging, und wandte sich in gebrochenem Englisch an Siftly. Ärgerlich fragte er ihn, was sie hier wollten.

»Was wir hier wollen?« lachte der Spieler und wandte sich gegen den Mann. »Das will ich dir sagen. Der Platz hier gehört uns. Ihr habt kein Recht, hier zu arbeiten, und jetzt macht, daß ihr wegkommt, wenn nicht noch etwas passieren soll!«

»Der Platz mir...«, sagte der Chinese in seinem eigentümlichen Tonfall. »Ich bezahlt zwei Dollar... Alkalde... ich Nummer.«

»Genug geredet! Allons – vamos! Verstanden?« Dabei nahm er den Mann am Kragen, drehte ihn um und wollte ihn zur Seite schieben. Aber der Chinese war kräftig und, wie es schien, nicht so feige wie seine Kameraden. Er fuhr unter dem Arm des Amerikaners hindurch und stieß ihn mit solcher Gewalt von sich, daß er drei, vier Schritte zurücktaumelte. Der Boden war durch die aufgeworfene Erde rauh, und Loch lag neben Loch. Siftly blieb an einer Scholle hängen und stürzte rückwärts in ein etwa zweieinhalb Meter tiefes Loch.

Der Chinese kümmerte sich nicht weiter um ihn und sprang wieder an den Rand seiner Grube. Da schrie er hinein:

»Du da – Amerikaner – raus da, schnell, verstanden? Du nichts verloren da unten.«

»Du verdammter kahlköpfiger Schuft!« fluchte aber Briars. »Wünsch du mich nicht hinauf! Wenn ich nach oben komme, schlage ich dir den Schädel so weich, wie dein Hirn ist. Siftly, hallo, Siftly, wo, zum Teufel, sind Sie? Geben Sie doch dem Langzopf in meinem Namen...« Er konnte den Satz nicht zu Ende sprechen. Schäumend vor Wut, von einem verachteten Chinesen so behandelt worden zu sein, schwang sich Siftly gerade wieder aus dem Loch heraus und warf sich auf den Gegner. Er war von der Erde verschmutzt, sein Haar flatterte wild um die Schläfe, die Zähne waren fest zusammengebissen, die kleinen Augen blitzten in Haß und Bosheit.

Als aber der Chinese nur einen Blick auf den förmlich rasenden Amerikaner warf, fühlte er auch, daß er ihm nicht gewachsen war. Trotzdem stemmte er sich fest in den Boden, um dem ersten Ansprung zu begegnen. Dabei stieß er einen schrillen, eigentümlichen Schrei aus. Konnte Briars vorher die Chinesen weder durch Stoßen noch durch Drängen aus ihrem Eigentum entfernen, so vermochte dieser Ruf das blitzschnell. Ohne auch nur einen Blick zu dem Amerikaner zurückzuwerfen, kletterten sie wie die Katzen an ihrem Baum hinauf. Nur der erste gelangte rechtzeitig hinauf, um zu sehen, wie sich der Amerikaner auf ihren Anführer warf und ihn mit einem Schlag seiner Faust zu Boden streckte. Er wollte ihm zwar zu Hilfe kommen, aber ein zweiter Stoß sandte ihn ebenfalls auf die Erde. Als jetzt auch noch Briars nach oben sprang, um dem Gefährten zu Hilfe zu kommen, und auch andere Amerikaner, die den Schrei gehört und den Kampf gesehen hatten, herbeieilten, stoben die armen Chinesen wie ein aufgescheuchtes Volk Rebhühner auseinander. Siftly aber, noch schäumend vor Wut über die erlittene Mißhandlung, warf sich auf den noch betäubten Chinesen. Er schlang seinen langen Zopf um seine Hand und schrie dem eben am Hand der Grube auftauchenden Briars zu, ihm einen Stock zu geben.

»Einen Stock?« lachte Briars, als er die komische Gruppe sah. »Da können Sie weit in den Bergen herumklettern, ehe Sie nur einen anständigen Hickory finden, wie sie bei uns zu Hause wachsen. Geben Sie ihm einige Hiebe mit dem eigenen Zopf, das wird ihm nicht besonders schaden.«

»Zum Teufel, Sie haben recht!« schrie der Amerikaner und riß sein Messer aus der Scheide.

»Keinen Mord, Siftly, um Gottes willen!« schrie Briars und sprang erschrocken dazu.

»Keine Angst!« lachte der Spieler. »Nur den Zopf will ich mir bequemer herrichten!« Mit ein paar Schnitten trennte er den Stolz des Chinesen von dem sonst kahlen Kopf, nahm ihn in die rechte Hand und schlug erbarmungslos auf den am Boden Liegenden ein. Andere Amerikaner und einige Franzosen hatten sich um die Gruppe versammelt. Es dauerte aber einige Zeit, bis sich Siftly beruhigte und den Chinesen losließ. Den Zopf warf er ihm zu. Den Männern erzählte er, wie ihn der kahlköpfige Bursche plötzlich gepackt hätte und in das Schlammloch geworfen hätte. Mit den fürchterlichsten Flüchen schwor er dabei, daß er jedem Chinesen, der ihm wieder zu nahe käme, eine Kugel in den Kopf schießen würde. Dann stieg er mit Briars in die eroberte Grube hinab, um ihren Raub auszubeuten.

Die anderen Goldwäscher kümmerten sich nicht darum. Das war eine Sache, die beide Parteien miteinander ausmachen mußten. Als sie sich überzeugt hatten, daß der Chinese nicht tot, sondern nur betäubt war, ließen sie ihn liegen und gingen lachend oder gleichgültig ihrer Wege. Der andere Chinese war schon länger erwacht und hatte sich davongemacht. Nur ein paar Franzosen blieben bei dem mißhandelten Mann und holten Wasser, gossen es ihm ins Gesicht und brachten ihn wieder zu sich. Sie sahen auch, daß ihm nichts weiter geschehen war. Über den abgeschnittenen Zopf lachten sie nur und ließen ihn dann, als er sich langsam wieder aufrichtete, allein. Verstehen konnten sie ihn doch nicht und wollten auch nicht zuviel Zeit mit ihm versäumen.

Der Chinese erholte sich nach und nach wieder. Als er halbwegs zur Besinnung gekommen war und merkte, daß er auf der Erde lag, war sein erster Griff in alter Gewohnheit nach dem heiliggehaltenen Zopf. Als er den für ihn furchtbaren Verlust bemerkte, knirschten seine Zähne zusammen. Der Schaum trat ihm vor den Mund, und fast traten seine Augen aus den Höhlen. Er ging zur Grube, in der jetzt die Amerikaner arbeiteten. Was er da, außer sich vor Wut, hinunterrief, konnten die beiden nicht verstehen. An den Gebärden des armen Teufels erkannten sie aber, was er ihnen wünschte. Siftly zog ruhig seinen Revolver aus der Tasche, spannte den Hahn und richtete die Waffe auf den Chinesen. Er schwur, daß er im nächsten Augenblick das Tageslicht durch ihn scheinen lassen wolle, wenn er nicht sofort verschwände. Der Chinese blieb trotzdem noch eine volle Minute und trotzte selbst der auf ihn gerichteten Waffe. Dann besann er sich aber. Er drehte sich ab und ergriff den am Boden liegenden Zopf, den er sich wie einen Gürtel um die Hüften band. Dann sah er sich nach seinen Gefährten um. Als er sie alle an der zweiten Grube sah, ging er langsam auf sie zu, blieb eine Weile bei ihnen stehen und verschwand dann, von ihnen gefolgt, am Ausgang des Tales, wo sie ihre Zelte stehen hatten.

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