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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 45
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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18. Die Chinesen

Nach seiner Zusammenkunft mit dem Sheriff und der Annahme des Amtes wollte Hetson eigentlich Siftly mit in sein Zelt nehmen, um dort noch einiges mit ihm zu besprechen. Dem lag aber daran, mit Smith etwas anderes zu bereden. Jetzt, wo er die Wahl durchgesetzt hatte, wollte er die Zeit nicht ungenutzt verstreichen lassen. Er wußte ja, daß der Alkalde Wachs in en Händen sein würde. Er wußte, daß ihn sein guter Stern zu keinem günstigeren Moment in diese Minen führen konnte als jetzt.

Hetson hatte einige freundliche Worte mit den anderen Amerikanern gewechselt und wurde dann von Briars völlig in Beschlag genommen. Er verlangte von ihm, daß die gestern vorgeschlagenen Maßregeln gegen die Fremden durchgeführt wurden. Hetson dachte aber gar nicht daran, sich noch einmal durch einen Überfall für etwas gewinnen zu lassen. Er wich dem jungen Hitzkopf dadurch aus, daß er ihm versicherte, er würde sofort eine Versammlung der Bürger der Vereinigten Staaten zusammenrufen, sobald er vom County Court seine Bestätigung als Alkalde erhalten hätte. Vorher könne und dürfe er keine Entscheidungen treffen. Außerdem werde er alle Schritte mit dem Sheriff beraten. Nur halb zufrieden mit sich und dem, was er an diesem Morgen getan hatte, kehrte er in sein Zelt zurück, wo er Jenny und Manuela fand. Die Spanierin war tränenüberströmt.

»Was ist passiert?« rief er besorgt. »Was ist vorgefallen, Jenny? Hat jemand...«

»Mach dir keine Sorgen, Frank«, lächelte die junge Frau. »Es handelt sich nur um eine Furcht dieses armen Kindes. Sie sorgt sich um ihren Vater, der wieder seiner Spielleidenschaft nachgehen könnte, von der wir ihn kaum erst mit Gewalt gerettet hatten.«

»Ich begreife nicht...«

»Sie hat heute morgen ganz plötzlich den Mann wieder hier bei unserem Zelt gesehen, der ganz besonders ihren Vater zum Spiel verführt und ausgeplündert hat«, sagte die junge Frau.

»Hier bei unserem Zelt?«

»Er hat sich nach dir erkundigt und später selbst mit dir im Zelt gesprochen. Ich glaube, du bist sogar mit ihm fortgegangen.«

»Siftly?« rief Hetson erstaunt, fast erschrocken. »Aber das ist doch unmöglich!«

»Siftly heißt er«, bestätigte Manuela. »Von allen Männern, die die Gier nach Gold an diese Küste getrieben hat, unter allen, die nur vom falschen Spiel leben, ist Siftly der schlimmste.«

»Das ist unmöglich!« rief Hetson noch einmal, jetzt wirklich erschrocken. »Jenny, sie meint denselben Jugendfreund von mir, den wir in San Francisco in der ersten Stunde trafen und der uns bei der Wohnungssuche half!«

»Freund?« Manuela seufzte. »Der Mann kennt keinen anderen Freund als das Gold. Er allein ist schuld an unserem Unglück. Ich habe ihn auf den Knien gebeten, meinen Vater in Ruhe zulassen, bis er...« Sie wurde rot und versteckte ihr Gesicht in den Händen.

Hetson hatte sich auf einen Stuhl geworfen und sah nachdenklich vor sich hin. Vieles, was er bis dahin im Verhalten Siftlys nicht beachtet hatte, weil er zu sehr mit seinen Gedanken beschäftigt war, tauchte jetzt plötzlich wieder vor ihm auf. Und wenn Manuela recht hatte? Wenn dieser Mann – er sprang auf und ging im Zelt rasch auf und ab. Dann blieb er vor Manuela stehen und sagte freundlich:

»Sorgen Sie sich nicht, Manuela. Ich kann nicht glauben, daß Siftly so schwarz ist, wie Sie ihn malen.«

»Señor, ich hoffe, daß Sie es nie selbst erfahren werden!« sagte Manuela.

»Gut«, sagte Hetson freundlich. »Wir wollen wirklich annehmen, daß er spielt, ja, was noch schlimmer wäre, daß er ein wirklicher Spieler ist und Ihren Vater mehr und mehr verleitet hätte. Haben Sie aber keine Angst, daß das hier auch passiert. Bei dem ersten Versuch, den er machen würde, will ich selber mit ihm reden. Ich werde ihn bitten, den alten Mann in Ruhe zu lassen, wenn nicht Ihret-, dann meinetwegen. Ich glaube, ich habe genug Einfluß auf ihn, daß er mir diese einfache Bitte erfüllt. Sind Sie jetzt zufrieden?«

»Ich muß es sein«, sagte Manuela leise. »Ich habe mich hier so glücklich und froh gefühlt. Aber als ich ihn heute morgen wieder gesehen habe, in seine tückischen Augen geblickt habe, bin ich wieder unruhig. Eine Ahnung einer entsetzlichen Gefahr durch seine Nähe lastet auf mir. Ob sie mir oder einem anderen droht, weiß ich nicht. Aber ich möchte fliehen, fliehen, so weit mich meine Füße tragen, um ihr – und ihm zu entgehen.«

»Hat er Ihnen heute morgen etwas gesagt?«

»Nein, nur seinen Gruß. Aber er hat mich angesehen, und in diesem Blick lag alles, alles, wovor ich mich fürchte. Mir ist das Herz zu Eis erstarrt.«

»Und was denkst du von ihm, Frank?« erkundigte sich seine Frau leise.

»Ich weiß es wirklich nicht«, sagte Hetson freundlich. »Aber ich kann euch versichern, daß ihr, und besonders Sie, Manuela, nichts von ihm zu befürchten haben.«

»Ich bitte dich, meide ihn, Frank«, bat da Jenny. »Manuela würde nicht diese Anklage gegen ihn erheben, wenn sie nicht die Gewißheit hätte. Wenn dich nicht ein ganz besonderes Interesse an diesen Platz fesselt, dann laß uns lieber weiterziehen, und wäre es nur wegen der Ruhe dieses armen Mädchens.«

Hetson schwieg, eine eigene Unruhe überkam ihn. Er hätte gern seiner Frau nachgegeben, aber er war durch sein Versprechen gebunden. Die Stelle fesselte ihn nicht für immer an diese Scholle. Aber was hätten seine Landsleute gesagt, wenn er nach dem heutigen Morgen den Platz so schnell verlassen würde? Er durfte nicht, konnte jetzt noch nicht gehen. Gerade das, was ihn hier hielt, konnte auch die Befürchtungen beschwichtigen, die seine Frau und Manuela hegten. Er bezwang sich gewaltsam und sagte lächelnd:

»Macht euch keine Sorgen, Kinder. Die Sache ist nicht so schlimm, wie sie aussieht. Wenn ich auch deinen Wunsch nicht sofort erfüllen kann, Jenny, so ist mir heute morgen durch die Bürger die Macht gegeben worden, Unannehmlichkeiten von euch fernzuhalten. Ich bin nämlich zum Alkalden gewählt worden und habe die Stelle angenommen.«

»Stört dich das nicht bei deinem Vorhaben, hier die Ruhe und Einsamkeit zu genießen?« sagte seine Frau besorgt.

»Das schon, aber es gibt mir auch eine Beschäftigung. Auf die Dauer wäre vollständige Untätigkeit doch lästig geworden. Außerdem dreht sich die ganze Sorge eines Alkalden in den Minen doch wohl nur um einzelne, kleine und unbedeutende Streitigkeiten zwischen den Goldwäschern selbst, die ein ruhiger, leidenschaftsloser Mann bald beseitigen kann. In schwierigen Fällen wird eine Jury gewählt, und alle ersten Fälle, bei denen es um Leben und Tod geht, gehören vor das County Court und liegen außerhalb meiner Befehlsgewalt.«

»Und dieser Siftly?«

»Ich werde ein wachsames Auge auf ihn haben«, sagte Hetson nach einigem Zögern. »Ist er wirklich ein solcher Mensch, wie ihn Manuela schildert, dann hoffe ich, ihn im guten bewegen zu können, das Spiel zu lassen. Ich hoffe ja immer noch, daß Manuela in der Sorge um ihren Vater zu schwarz sieht. Siftly wird es auch tun, wenn er einsieht, daß er nicht anders kann«, setzte er finster und entschlossen hinzu.

»Ich fürchte mich jetzt selbst vor ihm«, sagte Mrs. Hetson.

»Das brauchst du wirklich nicht, Jenny«, antwortete ihr Mann. »Siftly hat sich lange Zeit im Westen unter dem rauhen Volk umhergetrieben und vielleicht manches von ihren Sitten und von ihrem Wesen angenommen. Ich halte ihn aber nicht für schlecht, und die Zukunft wird uns hoffentlich zeigen, daß ich mich darin auch nicht geirrt habe.«

Das Gespräch wurde hier durch den Sheriff unterbrochen, der herüberkam, um Einzelheiten mit dem Alkalden zu besprechen. Die Frauen zogen sich in die abgetrennten Zeltabteilungen zurück.

Seit dem letzten Abend hatte sich die Aufregung fast völlig gelegt. Wer die Leute, die gestern wilde Reden gegen die Fremden gehalten hatten und sie mit Feuer und Schwert ausrotten wollten, heute mittag wieder so ruhig mit Schaufel und Spitzhacke graben sah, hätte diesen raschen Stimmungswechsel nicht für möglich gehalten. Das Gold ist aber ein mächtiger Hebel, und für den Augenblick waren alle durch die Wahl des Alkalden beruhigt. Er mußte die nächsten Schritte unternehmen, und die Leute wollten nicht bei Tageslicht ihre kostbare Zeit nutzlos vergeuden. Selbst Briars, der wildeste der Burschen, war zu seinem Claim am Ausfluß des Teufelswassers aus der Flat zurückgekehrt. Er hatte am gestrigen Tag bis zur goldhaltigen Erde durchgegraben und war neugierig, was er wohl finden würde und ob sich die Mühe gelohnt hatte.

Etwa zwanzig Schritt weiter von ihm entfernt arbeitete die chinesische Gesellschaft. Von ihr wurde gerüchteweise erzählt, daß sie sehr viel Gold da fände. Die Leute ließen sich aber mit niemand in ein Gespräch ein, verstanden auch wirklich die fremde Sprache nicht und wurden nicht verstanden. Nur ihr Anführer, der breitschultrige Chinese in der blauen Jacke mit dem prächtigen rabenschwarzen Zopf, schien ein paar Worte Englisch zu verstehen. Vielleicht hatte er in der Heimat etwas von den Seeleuten aufgeschnappt. Er besorgte auch die Einkäufe in den Zelten und war der einzige, der mit den Amerikanern dadurch in Verbindung trat. Was er kaufte, bezahlte er bar. An ihn gerichtete Fragen beantwortete er nur durch unverständliche Gaumenlaute. Er war anscheinend bereit, jede Auskunft zu geben, solange er zwischen den Amerikanern war. Wenn sie ihn nicht verstehen konnten, war es ihre eigene Schuld.

Nach seinem Gespräch mit Smith hatte Siftly eine Wanderung durch die Flat gemacht, um sich den Platz etwas näher anzusehen. Er war auch eine Zeitlang neben dem Arbeitsplatz der Chinesen, einer ziemlich tiefen Grube, stehengeblieben. Als er aber an den oberen Rand trat, wurde er bemerkt. Seinem scharfen, darin ziemlich geübten Blick entging es nicht, daß einer der Burschen, ein kleiner, schmutzig aussehender Geselle, ein Gefäß mit grobem Gold rasch unter seine weite Jacke steckte. Grund und Boden sah auch so aus, als ob hier die Chinesen auf die richtige Ader getroffen waren. Hier schien sich einiges von dem edlen Metall gesammelt zu haben, das vor unendlich langer Zeit aus den Bergen ins Tal gewaschen wurde. Die Hast, mit der sie das Goldgefäß versteckten, bestätigte nur noch den Verdacht des Amerikaners.

»Gute Geschäfte da unten, he?« rief Siftly in die Grube. Die Chinesen sahen zu ihm auf, aber keiner antwortete. Sie stocherten mit ihren kleinen Messern in den Wänden umher und schienen ihre Arbeit aufgegeben zu haben, bis der Weiße wieder ging.

»Na, könnt ihr die Mäuler nicht aufmachen, ihr langzöpfigen Halunken?« rief der Spieler wieder. Es half aber nichts, die Chinesen taten gar nicht, als ob er existiere, und stocherten ruhig weiter.

»Hunde!« zischte Siftly mit einem wilden Fluch zwischen den Zähnen hindurch. »Ich hoffe, ich erlebe noch die Zeit, in der man euch zum Reden bringen wird!« Er warf seinen Poncho um sich und verließ den Platz, um zum Lager zurückzugehen.

Ein kräftiger Fluch aus einer der nächsten Gruben lenkte seine Aufmerksamkeit dorthin. Als er näher kam, sah er noch, wie der hier arbeitende Briars seine Spitzhacke voller Wut von sich schleuderte und dabei seinem Herzen mit den wildesten Flüchen Luft machte.

»Hallo, halten Sie Ihr Morgengebet da unten?« rief der Spieler lachend, als er an dem Loch stehenblieb.

»Gott verdamm den Platz und die Flat und ganz Kalifornien und schlage das verdammte Land zehn Klafter tief in den Boden rein!« schrie der Mann, der durch das spöttische Lachen nur noch mehr gereizt wurde.

»Hahaha, das ist ein christlicher Wunsch«, lachte Siftly in aller Ruhe. »Was kann das Land dafür, daß Sie am falschen Ort graben?«

»Falschen Ort?« rief der Goldwäscher gereizt hinauf. »Sagen Sie mir, wo der richtige ist, wenn Sie so verdammt klug sind. Die Pest über ganz Kalifornien! Habe ich nicht in diesen verfluchten Boden Loch für Loch gegraben, eins immer tiefer als das andere, und kann ich etwa mehr als das erbärmliche Leben fristen mit dieser Quälerei?«

»Aber Sie machen es nicht richtig.«

»Geh zum Teufel!« fluchte der Gereizte. Er hatte keine Lust, in dieser Stimmung ein Gespräch anzufangen. »Ich habe Sie nicht um Ihren Rat gefragt. Wenn ich Sie brauche, werde ich Sie rufen lassen.«

»Vielen Dank«, erwiderte Siftly vollkommen ruhig. Dabei zuckte ein spöttisches Lächeln um die Mundwinkel. »Vielleicht brauchen Sie mich aber gerade jetzt?«

»Ich gebe Ihnen einen guten Rat, Fremder«, sagte da Briars mit kaum verbissenem Zorn. »Ich bin jetzt nicht bei Laune. Wenn Sie wissen, was für Sie selbst gut und nützlich ist, dann machen Sie, daß Sie hier wegkommen. Wenn Sie aber da oben stehenbleiben, dann lassen Sie mich mit dem Gewäsch in Ruhe, oder Sie sind damit an den Falschen gekommen!«

»Nichts für ungut, Kamerad!« lachte Siftly, der den Burschen in dieser Stimmung zu einem rasch entworfenen Plan am besten gebrauchen konnte. »Sie haben aber doch gestern eine so schöne Rede über das Blut gehalten, das unsere Vorfahren für ihr Vaterland vergossen haben.«

»Verdammt!« knirschte der wutentbrannte Goldwäscher zwischen den fest zusammengebissenen Zähnen hindurch. Mit einem Satz fuhr er hoch und faßte den Rand der Grube. Im nächsten Augenblick schwang er sich hinauf und stand kaum drei Sekunden später dem anderen kampfbereit gegenüber, der es gewagt hatte, ihn trotz der Warnung zu verspotten.

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