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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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»Was dich das angeht?« lachte Siftly. »Mehr, als du vielleicht glaubst. Die Bürger des Paradieses sind nämlich vernünftig genug gewesen, nicht etwa einen dieser wilden Burschen zu wählen, von denen das Lager voll ist, sondern dich.«

»Mich?« rief Hetson erstaunt und sprang von seinem Stuhl auf. »Du träumst – wer kennt mich hier?«

»Ich kenne dich, alter Freund«, lachte Siftly. »Das war genug. Wer mit solchen Leuten nur etwas umgehen kann, kann sie zu allem bringen, was er möchte, zum Guten wie zum Bösen. Ich habe dich deshalb vorgeschlagen, und du bist einstimmig gewählt worden. Jetzt sind sie draußen, um den Kadaver zu begraben, den sie aus den Bergen heruntergeholt haben. Wenn sie wieder zurückkommen, sollst du deine feierliche Bestätigung erhalten.«

Hetson ging mit untergeschlagenen Armen im Zelt auf und ab. Dann blieb er plötzlich vor Siftly stehen, streckte ihm die Hand entgegen und sagte:

»Bill, ich danke dir für deine Freundschaft. Ich weiß, du hast geglaubt, daß du mir einen Gefallen tust, aber ich kann und werde diese Ehre nicht annehmen.«

»So? Und weshalb?«

»Weil ich... weil ich nicht weiß, wie lange ich hierbleiben werde. Wahrscheinlich werde ich schon in den nächsten Tagen weiterziehen. Ob ich zum Alkalden eines solchen Ortes tauge, ist eine andere Frage, aber die müssen wir nicht erörtern. Du kennst mich noch aus der Heimat. Ich hin seitdem rastloser, ungeduldiger und unsteter geworden. Ein Alkalde muß die gleichen Interessen wie die Leute haben und Freude an der Sache finden. Deshalb glaube ich nicht, daß den Minern mit einem Mann wie mir als Friedensrichter gedient ist.«

»Du willst wieder fort? Und wohin?«

»Ich weiß es selbst noch nicht«, seufzte Hetson. »Ich habe mir das Leben in den Bergen anders, ruhiger gedacht, als es ist. Hier ist das gleiche Drängen und Treiben wie in einer großen Stadt, nur etwas anders, nur auf diesen Punkt konzentriert. Mache ich mich selbst zum Zentrum, um das alles sich dreht und treibt und drängt – wie soll ich da finden, was ich hier gesucht habe?«

»Komm, nimm deinen Hut«, sagte Siftly, der ihm geduldig zugehört hatte. »Was ich dir noch zu sagen habe, erzähle ich besser im Freien. Ich sehe auch, daß euer Tisch schon gedeckt ist, und ich möchte deine Frau nicht gern bei ihrem Frühstück stören. Außerdem«, setzte er flüsternd hinzu, »sind hier die Wände zu dünn. Was ich dir noch zu sagen habe, braucht kein anderer zu hören.«

Hetson sah ihn ängstlich an, nahm dann aber rasch seinen Hut und folgte dem Spieler vor das Zelt. Dort nahm Siftly seinen Arm und führte ihn die Straße hinunter. Nur einzelne Menschen kamen ihnen entgegen, und Siftly fuhr fort:

»Du willst dich also noch weiter in die Berge zurückziehen?«

»Ja«, sagte Hetson nach einigem Zögern. »Wenn ich auch noch nicht weiß, in welche Richtung.«

»Glaubst du nicht, daß du da dem, dem du ausweichen willst, genauso leicht begegnen kannst?«

»So weißt du, wo er ist?« rief Hetson rasch und heftig.

»Pah«, erwiderte der Spieler ruhig. »Wer kann hier schon in den Minen von einem Menschen sagen, wo er sich aufhält. Die ganze Bevölkerung ist ständig auf den Beinen, um sich einen reicheren Arbeitsplatz zu suchen, besonders wenn einer dabei noch etwas anderes im Auge hat. Heute triffst du ihn dort, morgen begegnest du ihm schon wieder, die Decke auf dem Rücken, mitten im Wald, wo er sich vielleicht für kurze Zeit einen neuen Aufenthalt sucht.«

»Und wenn er mich – wenn er Jenny hier findet?«

»So wärst du in die unangenehme Lage versetzt«, entgegnete Siftly weiterhin ruhig, »daß du ihm eine Kugel durch den Kopf schießen mußt. Das könnte, wenn es auch keine ernsten Folgen hätte, doch zu unangenehmen Untersuchungen führen, wenn du hier nur als Privatmann lebst.«

»Und was könnte ich tun, wenn ich Alkalde wäre?« sagte Hetson kopfschüttelnd.

»Was?« rief Siftly. »Teufel auch, natürlich alles! Mit dem anderen Gesindel hältst du dir den Kerl auch vom Hals, und daß wir dir dabei beistehen werden, brauche ich dir doch wohl nicht erst noch zu sagen.«

»Du sprichst in Rätseln.«

»Weil du gestern nicht bei der Versammlung warst und nicht die Beschlüsse gehört hast, die dort gefaßt wurden. Wir sind nämlich fest entschlossen, die Fremden, die die Berge unsicher machen, hier nicht länger zu dulden. Das sind besonders die Mexikaner, die Engländer und Iren, von denen die meisten aus Australien herübergeschickte oder entflohene Verbrecher sind. Dieser Charles... wie hieß der Kerl noch?«

»Charles Golway...«

»Gut, dieser Golway ist ebenfalls Engländer. Wäre er ein Ehrenmann, würde er nicht die Frau eines anderen verfolgen. Wenn er sich hier also nur blicken läßt – und ausfindig machen werden wir ihn schon bald –, bekommt er die Anweisung, den Platz zu verlassen. Gnade ihm Gott, wenn er nicht gehorcht. Wird ein anderer als Alkalde gewählt, wenn du wirklich hartnäckig bleibst, so garantiere ich für nichts. Mit Gold kann man hier in den Minen fast alles erreichen. Käme wieder einer wie der, den sie früher hier gehabt hatten, dann braucht dieser Golway nur ein paar Unzen bezahlen, und sein Aufenthalt ist hier gesichert. Die Leute sind zufrieden, wenn sie sich die Masse vom Leibe halten, und werden einen einzelnen, für den sich der Alkalde dann verbürgt, nicht belästigen.«

»Siftly... wenn ich wüßte...«

»Sei nicht albern«, lachte aber der Spieler. »Eine bessere Gelegenheit wird dir nicht geboten, um dir Frieden zu verschaffen. Und, zum Henker, du bist ja auch nicht an die Scholle gebunden. Wenn es dir in vierzehn Tagen oder vier Wochen einfällt, das Paradies zu verlassen, wer will dich dann halten? Wir sind hier freie Menschen, und jeder kann kommen und gehen, wie er will. Jeder Amerikaner wenigstens, denen der Boden eigentlich gehört.«

»Und wenn ich das Amt wirklich annähme?« sagte Hetson zögernd.

»Dann wirf auch deine Sorgen über Bord«, sagte der Spieler und lachte erneut. »Du hast dann nichts weiter zu tun, als hier in den Minen treu zu uns Amerikanern zu halten. Das versteht sich doch eigentlich von selbst. Wenn du Arme brauchst, die dich unterstützen sollen, dann kann ich dir versichern, daß wir dich auch nicht im Stich lassen.«

»Komm zurück in mein Zelt«, sagte Hetson. Er war plötzlich stehengeblieben, um den Rückweg anzutreten. »Du frühstückst mit uns, und dann – frage ich meine Frau, ob ihr die Berge hier so gefallen, daß wir uns einige Zeit hier aufhalten können.«

»Ich danke dir, ich habe schon gefrühstückt«, sagte Siftly. »Und was deine Frau betrifft, so könnte sie keine reizendere Umgebung als diese Berge in Kalifornien finden. Ich bin auf meinen Wanderungen durch die nördlichen und die südlichen Minen gekommen, aber selbst am Featherriver habe ich kaum ein hübscheres Tal gefunden als dieses hier. Unsere Landsleute sind ja sonst mit Ortsbezeichnungen oft sehr ungeschickt. Aber diesem Platz hätten sie keinen besseren Namen geben können.«

»Dann begleite mich wenigstens...«

»Gern, aber erst müssen wir mit den dort zurückkommenden Leuten sprechen«, sagte Siftly. »Sie haben uns schon gesehen und wissen, daß ich heute morgen ihren Auftrag ausrichten wollte. Wenn wir jetzt in das Zelt gehen, wo sie gerade auf uns zukommen, so würde das so aussehen, als wollten wir uns aus dem Staub machen. Je kecker man diesen Burschen gleich von Anfang an entgegentritt, desto besser. Du kennst die Leute ja noch von den Staaten her.«

Hetson blieb unschlüssig stehen, denn er wußte in diesem Augenblick wirklich noch nicht, was er tun sollte. Siftly enthob ihn der Mühe, für sich selbst zu denken. Er schwenkte den Hut und rief den nicht mehr weit entfernten Amerikanern zu:

»Hallo, Boys, hierher, damit ich euch euren neuen Alkalden vorstellen kann!«

»Siftly, du zwingst mich hier zu etwas, was ich vielleicht später...«

»Nie bereuen werde«, unterbrach ihn lachend der Spieler. »Im Gegenteil, du wirst dich bei mir bedanken, und unser Paradies wird sich auch nicht schlechter dabei fühlen.«

Weitere Zeit zum Reden blieb ihnen nicht mehr. Die ersten aus der Schar, die von der Beerdigung zurückkehrte, waren nur noch wenige Schritt von ihnen entfernt und kamen jetzt gerade auf sie zu. Unter ihnen befand sich übrigens Hale. Er trat auf Hetson zu, schüttelte derb seine Hand und sagte:

»Mr. Hetson, ich freue mich, daß Sie die Wahl angenommen haben. Ein sehr ruhiges Leben werden Sie dadurch nicht bekommen, denn es ist ein unruhiges Volk, das sich hier in den Bergen herumtreibt und einem oft zu schaffen macht. Wenn wir aber alle fest zusammenhalten, brauchen wir nicht zu befürchten, unter Wasser zu kommen. Ich bin der Sheriff, und mein Name ist Hale.«

»Mr. Hale«, erwiderte Hetson, noch immer verlegen. »Die mir zugedachte Ehre hat mich als Fremden in Ihrer kleinen Stadt so überrascht, daß ich...«

»Bitte«, sagte Hale. »Ich glaube, Sie stellen sich die Sache anders vor, als sie eigentlich ist. Es ist verdammt wenig Ehre dabei zu holen, denn eine schlimmere Bande Lumpengesindel wird es woanders so schnell nicht geben. Das schadet aber nichts. Wir haben auch einige ordentliche Kerle dazwischen, Männer aus echtem amerikanischem Korn, und mit deren Hilfe wollen wir schon zusammen durchschwimmen.«

»Also, dann in Gottes Namen«, sagte Hetson und erwiderte den Händedruck herzlich. »Ich versichere Ihnen, Mr. Hale, daß ich dem in mich gesetzten Vertrauen Ehre machen werde.«

»So«, meinte Hale, »die Sache ist also abgemacht. Nachher, wenn Sie nichts dagegen haben, werde ich zu Ihnen ins Zelt kommen. Dann wollen wir die wenigen Papiere durchsehn, die unser alter Major in der Eile zurückgelassen hat. Zu schreiben bekommen Sie nicht viel, ausgenommen, Sie laden sich's selbst auf. Wir machen nämlich fast alles mündlich ab, und deshalb ist auch das Amt nicht so schwer. Die Meldung müssen wir aber gleich zum County Court hinüberschicken, damit wir die Bestätigung von dort erhalten. Dann haben wir die Arme frei.«

»Gut, Mr. Hale«, sagte der neue Alkalde. »Tun Sie, was Sie für richtig halten. Bedenken Sie, daß ich in der ersten Zeit noch sehr von Ihrer praktischen Erfahrung abhängig sein werde.«

»Wir werden uns schon vertragen«, sagte Hale treuherzig. »Das sind alles Nebensachen. Die Hauptsache ist, daß Sie etwas davon verstehen, was rechtens ist, und – das Herz auf dem richtigen Fleck haben.«

»Ich hoffe, Sie werden beides so finden, Mr. Hale.«

»Um so besser für uns alle«, erwiderte der Sheriff. Er nickte dem neuen Alkalden freundlich zu und ging dann die Straße zu seinem Zelt hinauf.

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