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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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»Gentlemen!« rief Siftly noch einmal und stieg wieder auf den Stuhl. »Ich bin zwar noch ein Fremder bei euch im Paradies, aber kein Fremder in den Minen, wo ich mich schon seit sechs Monaten aufgehalten habe und mich also auskenne. Ich war auch bei den letzten Verhandlungen in Sonora dabei und gehörte mit zu dem Komitee, das die Fremden entwaffnete. Sie werden mir deshalb glauben, daß ich nicht für halbe Sachen bin. Wenn es aber paßt, daß wir das Gesetz auf unserer Seite haben und zugleich die Zügel der Regierung, die uns Amerikanern zusteht, fest in die Hand nehmen, dann ist das viel besser. Ich stimme deshalb unserem ehrenwerten Sheriff bei. Glücklicherweise befindet sich gerade ein Mann in unserer Mitte, wenn ich ihn hier auch nicht im Zelt sehe, der alle Eigenschaften vereinigt. Er hat einen festen, entschlossenen Charakter, ist geborener Amerikaner, natürlich aus dem Old dominion (= Virginia), und auch ein ausgezeichneter Jurist. Er ist verheiratet und mit seiner Frau zu uns gekommen – ein Beweis, daß wir es mit keinem leichtsinnigen Schwindler zu tun haben. Wenn wir ihn dazu bringen könnten, die Stelle als Alkalde anzunehmen, dann glaube ich, nein, ich bin überzeugt, daß wir allen amerikanischen Parteien gerecht werden und auch allen amerikanischen Wünschen. Ich selbst gebe ihm mit vollem Herzen meine Stimme.«

»Sie meinen Mr. Hetson?« sagte der Sheriff.

»Allerdings«, sagte Siftly. »Wenn er auch erst kurze Zeit hier ist, so glaube ich nicht, daß das ein Hindernis wäre.«

»Mr. Hetson«, rief da Hale, »scheint nach allem, was ich von ihm weiß, ein sehr ehrenwerter, anständiger Mann zu sein. Wenn er wirklich Jurist ist, wie uns dieser Mann versichert, dann soll er meine Stimme gern haben!«

»Aber warum ist er nicht hier?« rief Briars dazwischen. »Zum Henker noch einmal! Bei einer solchen Gelegenheit gehören alle Amerikaner zusammen, und keiner sollte sich ausschließen!«

»Gentlemen!« nahm hier Mr. Smith Hetsons Partei. »Das ist wohl dadurch zu entschuldigen, daß er versucht, sein Zelt für seine Frau und ihr Mädchen noch etwas wohnlicher zu gestalten. Es ist wohl eine andere Sache, wenn wir in die Minen kommen und uns sofort zu Hause fühlen, wenn wir ein Dach gegen Sonne und Regen über uns haben, oder ob ein Mann mit Familie eintrifft, für die er erst einmal sorgen muß.«

Hale sah den Sprecher von der Seite an. Fast bereute er es schon, dem Fremden so schnell seine Stimme gegeben zu haben. In welcher Beziehung stand er zu ihnen? Welchen Nutzen konnten diese beiden Männer, von denen der eine ein bekannter Spieler war und auch der andere dieser Beschäftigung nachzugehen schien, von der Wahl des Fremden erwarten? Jedenfalls beschloß er, ihn genau zu beobachten. Einige der Amerikaner traten jetzt zu einer Beratung zusammen, und die eigentliche Ursache ihrer Zusammenkunft hatten sie für den Augenblick vergessen.

So wild und zügellos die Burschen auch sonst waren – eine Tatsache hatte bei ihnen Gewicht, nämlich daß der vorgeschlagene Kandidat verheiratet war und seine Frau mit in die Minen gebracht hatte. Das verlieh ihm in ihren Augen, so jung er auch war, ein besonderes Ansehen. So bedurfte es nur noch einiger Erklärungen Siftlys, daß er die Engländer mehr als den Teufel hasse, um die Versammlung blitzschnell für ihn zu interessieren. Briars selbst hatte jetzt nichts mehr gegen ihn einzuwenden, und nach schneller Abstimmung war das Ergebnis fast einstimmig ausgefallen.

Der Abend war schon zu weit vorgeschritten, um den neugewählten Alkalden noch heute mit seiner neuen Würde bekannt zu machen und seine Einwilligung dazu zu holen. Man durfte die Frauen so spät nicht mehr stören. Siftly übernahm es, ihm gleich morgen früh die Neuigkeit zu überbringen. Zur Mittagszeit, wenn die Goldwäscher von der Arbeit zurückkamen, sollte dann das übrige besprochen werden. An dem Abend wurde auch keine weitere Resolution verfaßt. Briars versuchte noch einmal, die Leute zu einem Beschluß aufzureizen, um die Fremden gleich morgen aus den Minen zu vertreiben. Man sollte Plakate in französischer und spanischer Sprache schreiben, nach denen sie die ›Diggings‹ sofort zu verlassen hätten. Die Mehrzahl wollte aber davon im Moment nichts mehr wissen, und die ruhigeren der Amerikaner wollten alles von einem vernünftigen Alkalden und vernünftigen Maßregeln erwarten. So sollte alles aufgeschoben werden, bis sie mit einem Friedensrichter einen Beschluß fassen konnten. So wurden die Tische wieder abgeräumt, um den Abend wie gewohnt mit Trinken und Spielen zu verbringen.

Der nächste Morgen brach an, aber keiner der Amerikaner ging an seine gewohnte Arbeit. An diesem Morgen sollte der Ermordete beerdigt werden. Fast alle Amerikaner beteiligten sich dabei, und abwechselnd von sechs Mann wurde der Tote in die ›rote Flat‹ hinausgetragen. An der Grenze des aufgewühlten Bodens sollte er seine letzte Ruhe finden. Nur Siftly hatte sich entschuldigt, um den künftigen Alkalden von seinem Amt zu unterrichten und seine Einwilligung zu erreichen. Das Resultat wollte er dann den Männern, wenn sie von der Beerdigung zurückkamen, in Kentons Zelt mitteilen.

Siftly hatte Hetson seit seiner Ankunft im Minenstädtchen noch nicht gesehen und ihn auch absichtlich vermieden, ohne daß er eigentlich wußte, weshalb. Diese Gelegenheit kam ihm aber doppelt recht, und er zweifelte keinen Augenblick daran, daß Hetson diese Ehre sofort annehmen würde. So ging er nach Sonnenaufgang zu dessen Zelt. Hetson hatte den vergangenen Tag gut genutzt und seine Einrichtung erheblich verbessert. Nicht nur sein Zelt war so wohnlich eingerichtet, wie es hier möglich war, sondern noch ein zweites, kleines Zelt dicht hinter dem großen aufgebaut, das zum Aufbewahren der Vorräte und des Kochgeschirrs diente. Der freie Platz dazwischen diente als Küche und konnte bei Regen mit einem Zeltdach überspannt werden.

Das Hauptzelt wurde in eine größere und zwei kleinere Abteilungen unterteilt. Es bildete so ein gemeinsames Wohn- und zwei Schlafzimmer. Eines war für Manuela eingerichtet, während ihr Vater in dem neu angebauten Zelt schlief. Hier arbeitete das junge Mädchen tagsüber, denn sie hatte sich die Küchenarbeit nicht nehmen lassen. Lebensfroh und heiter war sie jetzt, das schöne Kind des Südens, das ein böses Geschick an diese wilde Küste geworfen hatte. In der Gesellschaft der jungen Frau begann für sie ein neues Leben. Die furchtbare Zeit, in der sie ihr Talent verschwenden mußte und als Lockvogel für unglückliche Opfer diente, lag hinter ihr. Nie mehr mußte sie abends mit Todesangst am stieren Blick des Vater hängen, der wieder einmal alles im Spiel verloren hatte. Wenn sich ihre zarten Hände auch erst an diese Arbeit gewöhnen mußten, so war sie doch dankbar dafür. Auch heute war sie wie immer mit dem Morgengrauen munter geworden, hatte das Feuer angezündet und arbeitete eifrig an dem kleinen Kochofen, um das Frühstück rechtzeitig fertig zu haben. Sie hielt sich für völlig ungestört von dem Betrieb auf der Hauptstraße. Die ›rote Erde‹, an die das Zelt grenzte, wurde seit dem verunglückten Versuch nicht mehr bearbeitet. Ganz mit der Arbeit beschäftigt und ein Lied summend, hatte sie die Kaffeekanne auf die Glut geschoben und sprang auf die Seite des Zeltes, um noch etwas trockenes Holz zu holen. Plötzlich fuhr sie erschrocken zurück und konnte einen Aufschrei nicht unterdrücken. Ein leichtes Frösteln lief ihr dabei über den ganzen Körper. Wie gebannt haftete ihr Blick auf der wie aus dem Boden auftauchenden Gestalt des Mannes, den sie am meisten fürchtete – auf Siftly.

Er hatte sie schon in San Francisco ständig verfolgt, und er war es auch, der ihren Vater immer wieder zum Spiel ermuntert hatte. Jetzt, wo sie glaubte, daß sie ihm entkommen war, wo sie die waldigen Berge segnete, die sie zwischen sich und diesem Mann glaubte, stand er plötzlich wieder vor ihr. Er war sehr bleich und lächelte dabei tückisch. Die kleinen, dunklen Augen waren fest und durchdringend auf sie gerichtet. Um seine Lippen spielte das höhnische Zucken, das mit dem Opfer spielt, um es dann um so sicherer zu vernichten.

Sie wollte fliehen, war aber nicht imstande, auch nur ein Glied zu rühren. Sie wollte die Arme abwehrend vorstrecken – sie hingen ihr wie Blei am Körper. Starr den Blick auf den gefürchteten Mann geheftet, stand sie da und schien ihn zu erwarten.

»Sieh da, mein spanisches Täubchen!« lachte Siftly, der das Entsetzen in ihrem Gesicht nicht zu bemerken schien. »Von San Francisco ausgeflogen, um den Ölzweig in das Paradies zu bringen? Hahaha, das ist herrlich, und ich freue mich wirklich, dich hier wiederzutreffen. Wie geht es dir?« Er streckte dabei dem Mädchen die Hand entgegen. So willenlos war sie durch den plötzlichen Schrecken, daß sie mechanisch ihre Hand hob, die der Amerikaner ergriff. Siftly hatte jetzt aber andere Pläne, als sich hier auf offenem Platz weiter mit dem Mädchen zu unterhalten. Er ließ sie deshalb wieder los und sagte in seinem gebrochenen Spanisch:

»Ist Señor Hetson zu Hause?«

»Ja«, nickte Manuela, noch nicht in der Lage, ein klares Wort über die Lippen zu bringen.

»Bueno, mein Herz«, lachte der Mann. »Dann sei so gut und sag ihm, daß ein alter Freund...«

»Siftly?« rief in diesem Augenblick Hetson, der die Stimme schon lange gehört und erkannt hatte. Er trat aus dem Zelt. »Du hier im Paradies?«

»Das ist doch ein Platz, alter Junge, wo wir früher oder später alle einmal hinkommen wollen«, lachte Siftly. »Je früher wir also da eintreffen, desto besser. Übrigens bringe ich dir eine gute Nachricht.«

»Du mir?« rief Hetson rasch, und das Blut stieg ihm ins Gesicht. »Aber nicht hier«, setzte er dann schnell hinzu. »Komm vorn herum, zu dem vorderen Eingang des Zeltes. Ich mache dir da auf, und sowie ich mich angezogen habe, machen wir einen Spaziergang.«

»Es ist kein Geheimnis«, lachte Siftly. »Aber ich gehe vorn herum, da können wir dann alles besprechen.«

Er nickte Manuela zu und verschwand wieder hinter dem Zelt. Hetson betrat aufgeregt das Hauptzimmer, um seinen Jugendfreund dort zu begrüßen. Hatte er auch von dem wahren Charakter Siftlys keine Ahnung, so war es ihm doch irgendwie unangenehm, hier einen Menschen zu treffen, der ihn kannte. Er hatte gehofft, in diesen wilden, weit von der Zivilisation entfernten Bergen still und unbemerkt eine Zeitlang hausen zu können und dann wieder gekräftigt nach den Sandwichinseln fahren zu können. Vielleicht konnte er dann alles vergessen, was ihn in der letzten Zeit bedrückt hatte. Jetzt bestand die Möglichkeit, daß auch ein anderer ihn hier so leicht finden könnte. Seine ganze Hoffnung auf Sicherheit und Frieden drohte über ihm zusammenzubrechen.

»Guten Morgen, Hetson«, sagte Siftly, als er ihm den Eingang geöffnet hatte. Er war dabei so ruhig und unbefangen, als hätten sie sich erst gestern abend getroffen und wären nicht nach vielen Wochen hier wieder zufällig zusammengetroffen. »Wie geht es dir hier oben? Du siehst immer noch blaß und angegriffen aus. Na, die Bergluft wird dir bald wieder auf die Beine helfen. Herrliche Luft hier und ein gutes Klima in Kalifornien, das muß man ihm lassen. Wir haben da, wenn man noch an das Gold denkt, gar keinen so schlechten Handel mit Mexiko gemacht. Hahaha, die Señores werden jetzt fluchen, daß wir ihnen das Gold so vor der Nase weggefischt haben und sie hier so lange Jahre in dem Nest gesessen haben, ohne auch nur eine Spur davon zu bemerken.«

»Was wolltest du mir sagen, Siftly?«

»Donnerwetter, jetzt hätte ich die Hauptsache beinahe vergessen.«

»Betrifft es – ihn?« flüsterte Hetson leise und faßte krampfhaft den Arm des Mannes.

»Ihn...?« sagte Siftly wie erstaunt. »Ja, so, du meinst deinen...«

»Pst, nicht so laut, hier hört man jedes Wort.«

»Nein, sei unbesorgt, Mann!« lachte der Spieler. »Hör endlich mit deiner Furcht vor diesem Laffen auf. Und wenn er hierherkäme...«

»Du weißt also, wo er ist?« rief hastig, mit unterdrückter Stimme der junge Mann.

»Wo er dir im Moment nichts schaden kann«, sagte Siftly. Er wußte natürlich von Charles Golway genausowenig wie Hetson selbst. Aber es gehörte zu seinem Plan, das Bild des Nebenbuhlers in der Seele des Unglücklichen festzuhalten. »Ich bin jedoch imstande, dir etwas anzubieten, was dir die Macht gibt, ihn sofort unschädlich zu machen, selbst wenn er in diesem Augenblick dein Zelt betreten würde. Ich hätte zu keiner glücklicheren Stunde in die Minen kommen können als gerade jetzt.«

»Was meinst du?«

»Du hast von dem Mord gehört, der vor einigen Tagen hier passiert ist?«

»Ja, allerdings. Die oft gerühmte Sicherheit in den Minen scheint sich nicht zu bestätigen.«

»Ach was«, lachte der Spieler. »In den zivilisierten Städten der Welt kommen solche Dinge vor, warum nicht hier in den Bergen, wo es von Indianern, Mexikanern und freigelassenen englischen Deportierten nur so wimmelt. Es ist ein Wunder, daß so etwas nicht noch öfter passiert und wir in den dünnen Zelten doch so sicher wohnen wie in festverschlossenen Backsteinhäusern. Trotzdem haben die guten Bürger dieser ›Stadt‹ beschlossen, diesem Übel in Zukunft vorzubeugen. Gestern abend hatten wir eine Volksversammlung, an der du eigentlich hättest teilnehmen sollen. Als erster Schritt wurde da ein entschlossener Mann, ein Amerikaner natürlich, zum Alkalden gewählt.«

»Aber was geht mich das an?«

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