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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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17. Hetson und Siftly

Der Sheriff beabsichtigte zunächst, die beiden Freunde als Zeugen mit in das Städtchen zu nehmen. Dann nahm er jedoch davon wieder Abstand, weil er einsah, daß die beiden doch kein Englisch sprachen. Der Tote war ja auch Zeuge genug. Und außerdem wollten sie bis zum Abend dorthin kommen. Graf Beckdorf begleitete ihn aber, denn das Erlebte hatte ihm für heute die Lust zum Arbeiten genommen. So brachte er die Nachricht in die Stadt.

So ruhig sich dabei die Fremden verhielten, so empört waren die Amerikaner. Wieder hatte man es gewagt, die Hand an einen Bürger der Vereinigten Staaten zu legen! Im Nu lief die Nachricht von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz, und kaum eine Stunde später hatte sich schon ein Trupp junger Männer aufgemacht, um die Leiche herunterzuholen und unten auszustellen. Unter ihnen befand sich ein Mann namens James Cook, der den Ermordeten auf den ersten Blick erkannte. Cook war nämlich vor vierzehn Tagen nach Carltons Flat, einem anderen Minenplatz, gewandert. Dort hatte er einige Zeit mit diesem Unglücklichen zusammen gearbeitet und ging dann wieder zurück ins Paradies. Johns, wie der Ermordete hieß, hatte versprochen, ihm zu folgen. Cook beschrieb ihn als einen ruhigen, aufrichtigen Mann. Er war in Virginia geboren und wohnte später in Missouri. Von dort war er im vergangenen Jahr mit einer Karawane über die Felsengebirge gekommen und hatte durch Fleiß und Sparsamkeit ein kleines Vermögen gesammelt. Er war zwar nicht rauflustig, aber es war auch nicht wahrscheinlich, daß er in einem Kampf unterlegen wäre. Er mußte im Schlaf überwältigt und meuchlings ermordet worden sein, um dann beraubt zu werden. Aber wer hatte das Verbrechen begangen? Die Mehrheit legte es den Mexikanern zur Last, was auch der Sheriff dagegen vorbringen mochte. Noch am selben Abend wurde eine Versammlung der Amerikaner zusammengerufen. Man wollte Schritte beraten, die jetzt getan werden mußten, um Leben und Eigentum der Bürger dieser Staaten vor ähnlichen Angriffen zu schützen. Das vergossene Blut schrie außerdem nach Rache und mußte gesühnt werden.

Die Versammlung selbst fand in Kentons Zelt statt. Wenn den Fremden auch nicht der Eintritt verwehrt wurde, so schien man es auch nicht gern zu sehen, daß sie sich dazu einfanden. Trotzdem waren einige Deutsche und Franzosen anwesend, die die englische Sprache gut verstanden. Alles rief nach dem alten Nolten, um ihn zum Präsidenten zu wählen. Nolten war aber schon seit acht Tagen irgendwo draußen in den Bergen, um einen neuen Platz zu finden. An seiner Stelle wurde Briars gewählt, einer der wildesten Burschen, der immer bereit war, einen Streit anzufangen. Dadurch bekam die Versammlung gleich zu Beginn einen wilden und maßlosen Verlauf. Briars eröffnete sie gleich mit der Aufforderung, die Fremden ohne Unterschied zu entwaffnen und aus diesen Minen zu vertreiben. Von allen Seiten schrien und jauchzten die überdrehten Goldwäscher, meistens Backwoodsmen aus dem Westen Amerikas.

»Was haben wir von den Fremden?« schrie Briars. Durch die Stimmung aufgeregt, sprang er auf den nächsten Tisch und streckte beide Arme in die Luft. »Von England, von Frankreich, Deutschland und Mexiko kommen sie herüber, nur um unsere Minen zu plündern und mit dem Raub, so schnell sie können, wieder in ihre Heimat zurückzukehren. Fügen sie sich unseren Gesetzen, solange sie hier sind? Nein, nein, sag ich! Sie fallen die Bürger der Staaten, die ihnen bis jetzt Schutz gewährt haben, mit Dolchen und Pistolen an. Der Mord straft uns, weil wir nicht schon längst den Arm erhoben haben und sie vom kalifornischen Boden weggefegt haben. Unsere Väter haben ihr Blut für unsere Freiheit vergossen, und wir selber sind jederzeit bereit, unser Blut wieder für unseren Boden, für unsere Flagge...«

»Hipp, hipp, hurra!« schrie die Schar. »Three cheers for the glorious flag!« Mehrere Minuten dauerte das Hurrarufen, so daß der Sprecher abwarten mußte.

»Ja, Boys«, schrie Briars, sowie sich der Lärm etwas gelegt hatte. »Wir sind wieder und jeden Augenblick bereit, unser Blut dafür zu verspritzen. Aber wir wollen uns nicht der Gefahr aussetzen, von Wegelagerern und europäischen Banditen von hinten angeschossen und ermordet zu werden!«

»Das ist die richtige Bezeichnung!« schrie ein langer Kentuckyer, der auf einen anderen Tisch sprang und die Rede des Präsidenten unterbrach. »Europäische Banditen! England hat bis jetzt seine Verbrecher nach Australien in die Kolonien geschickt, aber die Australier wollen sich das nicht mehr gefallen lassen. Jetzt soll Kalifornien der Platz werden, auf den sie ihre Gefängnisse ausschütten. Jungens – das dulden wir nicht! Verdamm mich, wenn nicht erst vorige Woche eine ganze Ladung dieses Gesindels von Botany-Bai herüberkam. Ist die Regierung in San Francisco zu schwach und läßt sie an Land, und wenn sie da Schlafmützen als Richter haben, dann müssen wir uns das in den Minen nicht gefallen lassen. Wir sind freie Männer – unsere Vorväter haben dafür ihr Blut vergossen, daß wir...«

»Hipp – hipp – hurra!« unterbrach ihn wieder die wilde Menge.

»... daß wir unsere Freiheit bewahren sollen«, schrie der Kentuckyer durch das Toben, »und wir wollen doch einmal sehen, ob wir uns das Gesindel, diese mexikanischen, englischen und irischen Verbrecher, nicht vom Halse schaffen können!«

»Bravo, Jim, bravo, mein Junge, give it to them!« jubelten die Leute, die inzwischen auch dem Alkohol kräftig zusprachen.

»Wir wollen ein Komitee wählen und morgen früh die ganze Bande aus den Minen hinausjagen!«

»Gentlemen!« rief da Hale, der bis jetzt ein stiller, aufmerksamer Zeuge gewesen war. »Wollen Sie mir ein Wort erlauben?«

»Jawohl, Hale, stump it, old fellow! Hinauf auf den Tisch, du bist ein richtiger Kerl und aus richtigem amerikanischem Blut!«

»Vielen Dank«, sagte Hale und stieg auf den Tisch, den der letzte Sprecher eben geräumt hatte. Er wollte zur Theke gehen und seine trocken gewordene Kehle anfeuchten. »Wenn ihr mich meine Meinung frei sagen lassen wollt, so kann ich nur sagen, daß ihr hier – ihr Bürger der Vereinigten Staaten – Skandal genug macht, das muß euch der Neid lassen. Aber ihr bellt ganz entschieden unter einem falschen Baum, wie wir bei uns zu Hause sagen.«

»Hallo, Hale, was ist jetzt im Wind?« rief einer aus der Schar.

»Unsinn, Bursche!« antwortete der Sheriff, der sich nicht einschüchtern ließ. »Ihr wollt das Kind mit dem Bad ausschütten und habt dazu weder das Recht noch die Macht. Wir wissen auch noch gar nicht, von wem der Mord eigentlich verübt wurde, von einem Engländer, einem Mexikaner oder sogar von einem Amerikaner selber...«

»Hol's der Teufel, Hale!« schrie da Briars. »Die Amerikaner schneiden sich untereinander nicht die Hälse durch, und Sie sollten gerade der letzte sein, der für die Fremden eintritt. Das Blut, das unsere Vorväter...«

»Hört doch mit der alten Geschichte auf!« unterbrach ihn ungeduldig der Sheriff. »Ich halte soviel von meinem Vaterland wie jeder andere. Aber ich denke, es ist unnötig, immer wieder die alten Taten aufzuwärmen, um uns zu neuen anzuspornen. Wir wissen auch so, was wir zu tun haben. Gebt mir deshalb die Beweise, daß ein Fremder diesen Mord verübt hat, und seht zu, ob ich nicht mein eigenes Leben wage, um den Schuldigen aufzuspüren und an den Strick zu bringen. Bis wir aber nicht wissen, ob wir den Verbrecher nicht unter unseren Landsleuten suchen müssen, dürfen wir den Mord nicht den Fremden anlasten. Wir wären sonst unwürdig, freie Amerikaner zu sein.«

»Was ist mit der Botany-Bai-Gesellschaft, die nach Kalifornien gekommen ist?« rief der Kentuckyer wieder.

»Soll sich hüten, daß wir sie hier auf keinem faulen Pferd erwischen«, entgegnete ruhig der Sheriff. »Sonst würden wir verdammt wenig Umstände mit ihnen machen. Aber erwischen müssen wir sie erst, ehe wir sie bestrafen können. Ich glaube doch nicht, daß einer unter euch ist, der einen Unschuldigen das büßen lassen will, was ein anderer begangen hat!«

»Gentlemen!« rief da eine Stimme aus der Menge. »Wollen Sie mir erlauben, einen vernünftigen Vorschlag zu machen?«

»Wenn es ein vernünftiger ist, natürlich, unvernünftige haben wir bis jetzt genug gehört«, sagte Hale.

»Schön«, sagte Siftly, der gerade gesprochen hatte. Er warf Hut und Poncho über einen Stuhl. »Ich werde Sie nicht lange behelligen. Sie werden zugeben, Gentlemen, daß es ein undankbares Geschäft ist, in diesem Zelt über den Mörder zu rätseln, ob es ein Fremder oder ein Amerikaner war. Die Mehrheit glaubt an einen fremden Täter, und mit den Beweisen, die wir in den Nachbarminen gegen Mexikaner und Botany-Bai-Burschen gesammelt haben, glaube ich auch nicht, daß wir uns irren.«

»Bravo, bravo!«

»Wir befinden uns aber in der unangenehmen Lage, gegen keinen gesetzliche Schritte unternehmen zu können, selbst wenn wir Beweise in der Hand hätten. Es fehlt in dieser Stadt das gesetzliche Oberhaupt, der Friedensrichter oder Alkalde. Deswegen geht mein Vorschlag dahin, Gentlemen, zuerst einmal einen von uns zu wählen, ehe wir weiter in dieser Sache gehen.«

Hale war erstaunt, gerade von diesem Fremden, von dem er seit dem ersten Abend keine besondere Meinung hatte, diesen Vorschlag zu hören. Er hatte etwas ganz anderes von ihm erwartet. Um so freudiger stimmte er ihm jetzt zu. Wenn sie auch in den letzten Wochen ganz gut an ihrem Minenplatz existieren konnten, ohne eine besondere Behörde zu haben, so änderte sich die Sache jetzt, wo sie entscheidende Maßnahmen ergreifen mußten. Die einzige Schwierigkeit bestand nur darin, einen geeigneten Mann zu finden – und daran war die Wahl ja bereits damals gescheitert. So leichtsinnig man wohl auch sonst solche Posten besetzte, so hatte doch das Verhalten des Majors dafür gesorgt, daß man hier vorsichtiger war. Die jungen Amerikaner hatten gleich ihre Vorschläge und nannten ihre Bekannten. Aber solche Kandidaten zeichneten sich meistens dadurch aus, daß sie gut boxen oder schießen konnten, und das schien vielen auch zu genügen. Hale, der davon eine andere Vorstellung hatte, erklärte, daß der Alkalde auch die Gesetze verstehen müßte, sonst könne er ihnen wenig oder gar nichts helfen.

»Gesetze!« rief Briars, der sich von der Versammlung einen ganz anderen Erfolg versprochen hatte. »Was, zum Teufel, sollen die hier nutzen? Können sie uns davor schützen, daß uns die verdammten Fremden meuchlings überfallen, he? Gibt es überhaupt jemand hier, der imstande ist, sie auszuüben und in kraft zu halten? Pah – soviel für eure Gesetze und eure geschriebenen und gedruckten Wische hier im Wald. Sie sind nur als Flintenpfropfen tauglich. Wenn wir einen Alkalden haben sollen, dann gebt uns einen Mann – mehr wollen wir nicht, das andere können wir schon selbst besorgen!«

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