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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Während er so, immer noch mit dem Verdacht, daß wirklich Gold in der Erde sein könnte, mit dem Fuß daran herumstöberte, kam es ihm plötzlich so vor, als würde er etwas im lehmigen Boden blitzen sehen. Rasch bückte er sich und faßte im nächsten Augenblick die untere Spitze einer mit Erde bedeckten Schaufel.

»Da haben wir's!« rief er erstaunt aus. »Richtig Gold darin, Amerikaner sein Werkzeug drin gelassen – wiederkommen. Esel ich, Grube aufzugeben. Hm, Teufel holen!«

Sein Gedanke war nicht unwahrscheinlich, wenn man überhaupt glaubte, hier auf der Spitze eines Hügels Gold zu finden. Das Zurücklassen eines Werkzeuges in einer Grube sicherte dem Eigentümer das Recht zu, sie für sich zu beanspruchen. Mit Erde war sie vielleicht nur bedeckt worden, um Vorübergehende nicht in Versuchung zu bringen, sie mitzunehmen. Wer hier aber graben wollte, mußte sie sofort finden.

Der Justizrat war jetzt fest überzeugt, daß ein anderer hier Gold gefunden hatte. Er befand sich in einer höchst unangenehmen Situation, denn er wußte nicht, ob er noch das Recht hatte, seine verlassene Arbeit und dann auch noch mit dem Gerät des anderen wieder aufzunehmen, und ob er dabei Minengesetze übertrat. Zugleich war es aber für ihn auch ein Triumph, daß seine von Binderhof verhöhnten ›Bergarbeiten‹ doch noch Anerkennung fanden. Er hatte große Lust, den Platz trotz der Schaufel noch einmal in Angriff zu nehmen, aber seine fast angeborene Scheu vor jedem Gesetz gewann die Oberhand. Er hatte den Platz aufgegeben, ein anderer hatte nach ihm da gegraben und ein Werkzeug als Zeichen hinterlassen. Er selbst durfte deshalb keine Hand daran legen. In nicht gerade bester Laune verließ er den Ort und ging zurück in das Tal, um dem Assessor beizustehen. Den Spaten hatte er wieder auf die Grube gelegt und mit Erde verdeckt.

Der Assessor, der zum erstenmal in seinem Leben schwere Arbeit verrichtete, hatte sich schon Blasen an den Händen gearbeitet. Er war deshalb sehr zufrieden, als seine Uhr endlich die Mittagszeit zeigte. Die beiden wanderten jetzt schneller, als sie am Morgen gekommen waren, zu ihrem Zelt zurück. Dem Justizrat ging der Gedanke nicht aus dem Kopf, seine Bergarbeiten wieder aufzunehmen. Seinem Begleiter erzählte er unterwegs die Geschichte mit dem begonnenen und jetzt von jemand in Besitz genommenen Loch, aber in einer Weise, als ob er durch diese Vernachlässigung ein paar tausend Dollar eingebüßt hätte.

Ihr Mittagessen war bald fertig und schnell gegessen. Beide hegten die Überzeugung, daß anstrengende Arbeit gleich nach dem Essen schädlich sei, und blieben deshalb wohl noch eine halbe Stunde sitzen, um zu verdauen. Der Justizrat rauchte, und der Assessor betrachtete sich seine Hände, mit denen er keineswegs zufrieden war. Wie sie noch still ihren Gedanken nachhingen, kam Graf Beckdorf mit Hacke und Schaufel auf der Schulter, die große Blechpfanne unter dem linken Arm, den Hügel herauf. Er wollte eben an den beiden Deutschen vorbeigehen, als er den Justizrat erkannte.

»Ah, sieh da!« rief er ihm zu. »Sie haben also Ihren Wohnsitz verändert. Sind Sie neulich mit dem alten Tomlins noch einig geworden?«

»Ah, Herr Graf«, sagte der Justizrat und zog seine Mütze vom Kopf. »Danke, schlecht, Lumpenhund, sieben Baumwollhemden und alle zerrissen.«

»Donnerwetter!« lachte der junge Mann. »Aber Sie haben sich Ihren Pfeifenkopf blutig gestoßen!«

»Pfeifenkopf? Hm ja, apropos, Graf, möchte Sie um was fragen.«

»Fragen Sie.«

»Wenn ich ein Loch gegraben habe und gehe fort – darf anderer hingehen und es nehmen?«

»Nein, solange Sie noch nicht damit fertig sind, auf keinen Fall. Nur wenn Sie es beendet haben und Ihr Handwerkszeug herausnehmen, hat jeder das Recht, sein Glück zu versuchen. Ich selbst habe schon ganz hübsches Gold in solchen aufgegebenen Plätzen gefunden.«

»Hm – verwünscht.«

»Ist Ihnen so etwas passiert?«

»Mir? Ja – habe oben auf dem Berg da großes Loch gegraben, fand nichts, fing woanders an, hatte mein Feuerzeug oben vergessen, ging hinauf suchen, das da...« Er nahm es dabei aus der Tasche und zeigte es dem jungen Mann.

»Das ist auch blutig!« sagte der Graf.

»Schweinerei«, brummte der Justizrat und wischte das Feuerzeug an einem Stück Papier ab. »Weiß gar nicht... glaube, mich gerissen zu haben, ist aber nicht wahr...«

»Und Ihr Arbeitsplatz?« sagte der junge Mann, der sich hier nicht so lange aufhalten wollte.

»Ja, so, kam oben wieder an die Stelle, wo ich Loch gegraben, war anderer dran gewesen...«

»Und hatte das Loch oben auf dem Berg tiefer gemacht?« fragte Graf Beckdorf ungläubig. Er kannte die schwache Seite des Justizrates und konnte sich nicht denken, daß noch jemand auf die Idee eingehen würde, an solch unmöglichen Stellen nach Gold zu graben.

»Nein«, sagte der Justizrat ärgerlich. »Zugeworfen bis obenhin, aber oben Schaufel drauf, mit Erde zugedeckt.«

»Die Schaufel?« sagte der Graf und wurde plötzlich aufmerksam.

»Versteht sich, jedenfalls verwünschte Amerikaner!«

»Und gruben Sie nach?«

»Nein, Schaufel drin – durfte nicht.«

»Und Ihr Feuerzeug?«

»Lag nicht weit davon unter Busch, wo ich gesessen hatte.«

»Aber das Blut?«

»Weiß der Henker, jemand Nasenbluten gehabt.«

»Ich will Ihnen etwas sagen, Herr Justizrat«, rief da Graf Beckdorf. »Da oben ist mehr geschehen, als daß nur jemand Nasenbluten hatte. Wir müssen sofort zum Sheriff, um ihm Anzeige zu machen.«

»Sheriff? Wieso, Sie meinen doch nicht...«

»Daß da oben ein Mord verübt wurde? Doch, das meine ich, und die Beweise werden wir in Ihrer Grube finden. Wie weit ist es von hier?«

»Keine halbe Stunde.«

»Gut, dann wollen wir keine Zeit versäumen. Ich gehe selbst mit Ihnen, um die Sache zu untersuchen.«

»Unsinn«, brummte, aber noch immer ungläubig, der verblüffte Mann. Es wollte ihm nicht in den Kopf, daß er als Justizrat nichts bemerkt hätte, wenn dort wirklich etwas passiert wäre. Schon sein Instinkt hätte ihn leiten müssen. Das Blut machte ihn aber doch stutzig, und jetzt fiel ihm auch ein, daß er auf dem zertretenen Moos ein paar dunkle Flecke gesehen hatte. Er weigerte sich nicht, mit zum Sheriff zu gehen, um die Anzeige zu machen.

Hale war glücklicherweise zu Hause und sofort bereit, auf den Verdacht hin den Platz zu untersuchen. Wenige Minuten später gingen die vier Männer die Straße zu den Bergen hinauf. Der Justizrat hatte den Assessor gebeten, als Zeuge mitzukommen.

Unterwegs begegnete ihnen Siftly. Er hatte den Poncho nach mexikanischer Art über die linke Schulter geworfen und nickte dem Sheriff freundlich zu. Der erwiderte aber kaum den Gruß. Als der kleine Trupp vorüber war, blieb der Spieler stehen und sah ihnen spöttisch lächelnd nach. Graf Beckdorf bemerkte es und ärgerte sich darüber. Aber ein Blick auf seine beiden würdigen Begleiter, den Justizrat und den Assessor, rechtfertigte auch wieder den Spott des Amerikaners. Der junge Mann sah ein, daß diese beiden Persönlichkeiten dem an andere Gesichter gewohnten Yankee auffallen mußten. Nur in Deutschland laufen sie zu häufig herum, um noch aufzufallen. Unsere beiden Freunde hatten mehr zu tun, als sich um andere Leute zu kümmern, die ihnen entgegenkamen. Der Sheriff ging so entsetzlich schnell, daß sie kaum Schritt halten konnten. Auf der Ebene ging das noch, aber kaum waren sie am Fuß des Hügels angelangt, als der Justizrat erklärte, daß er nicht daran dächte, die Schwindsucht zu bekommen. Er war eine solche Eile nicht gewohnt, und die anderen mußten sich fügen, da sie ohne ihn den Platz nicht finden würden.

An Ort und Stelle angekommen, ließ sich der Sheriff vor allen Dingen die Stelle zeigen, wo das Feuerzeug gelegen hatte. Für ihn genügte ein Blick, um festzustellen, daß hier eine Gewalttat stattgefunden hatte. Rasch ging er zur Grube, wühlte die versteckte Schaufel heraus und begann, die Erde auszuwerfen. Er mußte nicht lange graben, kaum dreißig Zentimeter tief, kam er auf das Opfer des Verbrechens. Schaudernd half ihm Graf Beckdorf. Kaum eine halbe Stunde später hatten sie die Leiche eines Amerikaners ausgegraben. Spitzhacke und Blechpfanne des Unglücklichen lagen neben ihm. Jetzt ließ sich leicht erkennen, was hier geschehen war.

Am Kopf des Ermordeten fanden sie eine Schußwunde, an seinem Körper noch drei Stiche, die mit einem breiten Messer gegeben sein mußten. Sie konnten aber auch von einem Säbel stammen, wie ihn die Mexikaner oft als Bewaffnung trugen. Die Spuren eines Pferdes fanden sie in der Nähe. Der Mann hatte sich jedenfalls auf dem schattigen Moosfleck zum Schlafen hingelegt, als ihn der Mörder entdeckte und auf ihn schoß. Die Wunde schien aber nicht sofort tödlich gewesen zu sein, denn auf dem Moos waren die Spuren eines Kampfes zu erkennen. Die Stiche gaben ihm jedoch den Rest, und der Mörder hatte sein Opfer dann zu der für ihn sehr bequem gegrabenen Grube geschleppt, es hineingeworfen und zugeschüttet. Um das letzte Zeichen zu verbergen, legte er den Spaten oben drauf und konnte nun ziemlich sicher sein, daß der eingescharrte Körper dort lange liegen würde, ehe sich jemand wieder die Mühe machen würde, die Erde an solcher Stelle wieder aufzuwühlen.

Ein anderer als der Justizrat wäre wohl auch kaum auf die Idee gekommen, und so war es nicht einmal leichtsinnig, auf dieses Versteck zu vertrauen. Der Sheriff wollte auch nicht glauben, daß das Loch dort schon vorher gegraben worden war. Denn daß hier oben jemand Gold gesucht hatte, kam ihm verrückt vor. Graf Beckdorf bestätigte aber die Arbeiten des Justizrates und bot ihm an, Hale noch wenigstens zwölf weitere Stellen auf anderen Hügelrücken zu zeigen, die derselbe Mann mit dem gleichen Erfolg ausgehoben hatte.

»Dann ist er wirklich verrückt«, brummte der Sheriff. Glücklicherweise hatten ihn weder der Justizrat noch der Assessor verstanden. Dem Sheriff lag jetzt zunächst daran, die Leiche in das Städtchen zu schaffen, um zu sehen, ob jemand den Unglücklichen kannte. Er machte also den Vorschlag, den Toten abwechselnd zu zweit zu tragen. Aber das wiesen der Justizrat und der Assessor entrüstet ab.

»Sagen Sie ihm, er soll sich zwei Polizisten oder Gendarmen holen, werde Teufel tun, sollen andere schleppen.«

»Wir dürfen ihn auch gar nicht mitnehmen«, wandte der Assessor ängstlich ein. »Erst muß eine amerikanische Gerichtsperson dagewesen sein, um den völligen Tatbestand aufzunehmen. Dieser Mann schreibt sich ja gar nichts auf, was will er denn nachher zu den Akten geben, oder wo will er überhaupt Akten herbekommen?«

Der Sheriff lachte, als ihm Graf Beckdorf die Bedenken übersetzte. Dann meinte er:

»Na, wir beide können ihn nicht in das Tal schleppen, und vielleicht ist es auch gar nicht nötig. Die jungen Burschen können herauflaufen und sich den Mann ansehen, ob ihn jemand kennt. Hat er dann Bekannte, werden sie ihn rasch genug herunterholen. Hat er sie nicht, dann bleibt uns auch nichts anderes übrig, als ihm hier oben ein anständiges, langes Grab und nicht nur so ein kurzes Loch zu geben. Jedenfalls muß ich noch vor dem Abend mit ein paar Burschen und Äxten heraufkommen. Sie sollen den armen Teufel auf ein Gestell legen, damit die Wölfe nachts von ihm wegbleiben. Ob er noch Gold bei sich hat?«

»Wohl kaum«, sagte der Graf und schüttelte den Kopf. Seine rechte Tasche ist nach außen gedreht. Der Mörder hat ihn jedenfalls vorher geplündert.«

»Und wahrscheinlich nur wegen der paar Körner Gold den Mord begangen. Es ist doch ein verdammtes Gesindel, das sich hier in den Minen herumtreibt, und es wird wirklich Zeit, daß ernsthaft etwas geschieht.«

»Aber wie soll man sie fassen?«

»Es ist schwer, aber nicht unmöglich. Es gehört natürlich ein anderer Mann dazu als diese Schlafmütze von Major, die wir hier oben hatten.«

»Man lastet den Mexikanern fast alle Morde an«, sagte Graf Beckdorf. »Glauben Sie, Sheriff, daß auch diesen Unglücklichen ein Mexikaner ermordet hat?«

»Nein«, unterbrach ihn rasch der Sheriff. Unwillkürlich zuckte sein Blick dabei zu dem Justizrat hinüber. Aber es war nur ein Moment, wenn er einen Verdacht in dieser Richtung hatte. Als lächelte er über sich selbst, schüttelte er den Kopf. »Diesen nicht«, setzte er dann hinzu. »Den hat ein Weißer auf seinem Gewissen, ob Engländer oder Amerikaner, zeigt uns hoffentlich die Zukunft. Die Wunde ist zu breit für einen Säbel. Die Mexikaner haben auch nur selten Schußwaffen und können nicht richtig damit umgehen.«

»Die schlechte Schußwunde am Kopf würde dafür sprechen.«

»Ja, aber ich glaube es doch nicht. Eine besondere Art des Gesindels schiebt gern alles den Mexikanern zu, und sie schlagen damit zwei Fliegen mit einer Klappe. Aber wir wollen machen, daß wir hinunterkommen. Der Mord ist erst vor kurzer Zeit geschehen, kaum länger als gestern. Je rascher wir versuchen, den Verbrecher aufzuspüren, desto besser.«

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