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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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2. Das goldene Tor

Sonnenlicht und klar brach der nächste Morgen an. Kaum warf aber der erste Dämmerschein seinen mattgrauen Strahl über die ruhig wogende See, als das Deck der ›Leontine‹ schon von Passagieren wimmelte. »Da liegt das Land! Da ist Kalifornien!« schoß der Ruf wie ein Lauffeuer durch das ganze Zwischendeck.

Der Kapitän hatte die erste Hälfte der Nacht so weit wie möglich vom Land abgehalten, nach acht Glasen aber (um Mitternacht) ließ er die oberen Segel abnehmen, um nicht zuviel Fortgang zu machen. Dann segelte er gerade wieder auf die Küste zu, um bei vollem Tag nahe genug zu sein. Bei dem ruhigen Wetter hatte er auch nichts für sein Schiff zu befürchten. Mit anbrechendem Morgen lag er kaum zwei englische Meilen von der Küste entfernt. Jetzt, bei guter Sicht der Brandung, lief er nach Norden auf.

Acht verschiedene Fahrzeuge konnten sie um sich zählen. Einige waren noch weiter südlich, andere weiter oben im Norden, einzelne noch draußen in See. Keines von ihnen schien aber die Einfahrt zu kennen.

»Hallo!« schrie da plötzlich der Obersteuermann, der in das Marssegel geklettert war, um einen besseren Überblick zu haben. Er deutete mit dem Arm nach der schroffen Felsküste hinüber. »Was ist das da drüben?«

»Wo? Was gibt es dort?« rief der Kapitän, der mit dem Fernglas in der Hand auf dem Quarterdeck stand. Er zog das Teleskop auseinander und sah hinüber.

»Ein Segel, so wahr ich lebe, das gerade aus dem Felsen herauskommt«, rief der Seemann fröhlich zurück. »Da muß die Einfahrt sein! Sehen Sie da drüben den flachen Felsenkegel, Kapitän, mit scharf ausgezackter Wand daneben?«

»Ich hab's!« rief der Kapitän zurück, und der Steuermann ergriff ein neben ihm hängendes Seil, um blitzschnell an Deck zu gleiten. Langes Ausschauen war nicht mehr nötig. Der Kapitän hatte mit seinem guten Fernrohr die schmale Felsschlucht ermittelt, aus der gerade jetzt das helle Segel sichtbar wurde. Im Nu flogen die Rahen herum, und der Bug strebte der ersehnten und lange gesuchten Einfahrt entgegen. Auch die anderen Fahrzeuge hatten aufgepaßt. Als sie die plötzliche Kursänderung der ›Leontine‹ bemerkten, änderten sie auch alle ihren Kurs. Vielleicht hatten sie auch schon das Segel entdeckt und dort die Einfahrt vermutet. Je näher man jetzt der Küste kam, um so deutlicher erkannte man, daß sich dort die schroffen Felsen trennten und einen schmalen, kanalartigen Eingang bildeten. Gerade in diesem Augenblick kam noch eine amerikanische Brigg heraus, und sie wußten nun, daß sie wirklich vor dem Golden Gate, dem Goldenen Tor, Kaliforniens lagen.

Das war ein Jubel an Bord, als sich die Passagiere plötzlich ihrem Ziel so nahe sahen! Alles drängte nach vorn, das so lange ersehnte Ufer endlich begrüßen zu können oder um wenigstens zu den hohen, kahlen Felsen zu starren, die rechts und links die Einfahrt bezeichneten. Zwischen den Passagieren, die überall im Wege standen, preßten und schoben fluchend die Matrosen. Wo das nicht genügte, machten sie ohne weiteres von ihren Fäusten Gebrauch, bis sie genug Raum für ihre notwendigen Arbeiten hatten.

Jetzt, wie mit einem Zauberschlag, klafften die beiden schroffen Felsenwände zurück. Das Fahrzeug schoß, von Wind und Flut begünstigt, rasch durch die enge Straße. Weit voraus öffnete sich das herrliche, großartige Wasserbecken der Bai von San Francisco. An der rechten Seite konnten sie, von einer vorspringenden Landzunge geschützt, den Mastenwald der dort ankernden Schiffe erkennen. Das war ein Drängen und Fragen und Jubeln und Laufen an Bord! Immer mehr entfaltete sich das Leben der Bai vor ihren Augen, aber zum Antworten hatte niemand mehr Lust oder Zeit. Jeder wollte nur sehen und genießen. Gerade voraus enthüllte sich mit jeder Schiffslänge mehr das eigentliche Ziel der langen Fahrt, die Hauptstadt ihrer goldenen Träume, San Francisco.

Noch konnten sie erst einzelne, verstreute Häuser und Zelte auf den nächsten Hügeln erkennen. Plötzlich aber, als sie die Spitze der Landzunge umfuhren, lag die merkwürdigste Stadt der Erde in ihrer ganzen Ausdehnung vor ihnen. Im Vordergrund lagen Hunderte von abgetakelten Schiffen, den Hintergrund bildeten kahle Berge. Der niederrasselnde Anker – die herrlichste Musik nach so langer Fahrt – brachte sie auch erst wieder richtig zu sich und verkündete ihnen, daß ihr passives Leben, das sie fast ein halbes Jahr geführt hatten, jetzt einem abwechslungsreichen Platz machen müsse.

Der Anker faßte – das Hinterteil ihres Fahrzeugs schwang herum, den Bug jetzt wieder der Einfahrt zugekehrt. Zu gleicher Zeit fielen die Rahen und flatterten die gelösten Segel. Die Matrosen kletterten nach oben, um die in der scharfen Brise wehende Leinwand zu beschlagen. Das Manöver, das sonst die volle Aufmerksamkeit der Passagiere hatte, blieb jetzt völlig unbeachtet. Da draußen war mehr zu sehen, als ihnen ihr eigenes Schiff und die Besatzung bieten konnten. Wer nicht gerade damit beschäftigt war, sein eigenes Gepäck zusammenzuraffen, stand an der Schanzkleidung und sah zu dem lärmenden Leben und Treiben der Bai hinüber.

Vielleicht zweihundert Schritt von der ›Leontine‹ lag eine Bremer Barke, die ebenfalls gerade erst eingelaufen war. Sie hatte ein flaches Boot längsseits, in das die Seeleute die Gepäckstücke der Passagiere hinabließen. Das Fahrzeug war geräumig genug, um eine ziemlich schwere Last und eine Anzahl von Menschen zu fassen. Kisten und Kästen, Ballen, Fässer, Koffer und Hutschachteln standen schon in großer Menge weggestaut. Die bunt zusammengewürfelte menschliche Fracht hütete ihr Eigentum und wartete auf den Moment des Abstoßens.

Fast alle waren bis an die Zähne bewaffnet mit Flinten, Pistolen, Säbeln und Dolchen. Ganze Bündel Spaten, Spitzhacken und Brecheisen lagen ebenfalls in dem Boot aufgeschichtet. Ein paar matrosenähnliche Burschen mit roten, chinesischen Schärpen und Strohhüten auf, aber unbewaffnet, schienen die Führer des kalifornischen Bootes zu sein.

»Alle an Bord?« rief jetzt der Steuermann der Bremer Barke vom Deck hinunter.

»Alle – Gott sei Dank, daß wir dieses nichtsnutzige Schiff hinter uns haben!« schrie einer der Passagiere.

»Ihr werdet froh sein, wenn ihr hier trockenes Brot zu kauen habt!« rief der Kapitän vom Quarterdeck.

»Und das wird uns schmecken, wenn wir Ihre Fratze dabei nicht mehr sehen müssen, Kapitän Meier!« lautete die wenig schmeichelhafte Antwort.

»Werft die Falle da los!« tönte der Ruf des Steuermanns über Deck. »Na, was soll das? Was schleppt ihr das Boot noch weiter nach vorn? Hinunter mit den Tauen!«

»Jawoll, Stürmann!« lachte einer der Matrosen. »Alles in Ordnung – soll gleich besorgt sein!«

»Halt! Was werft ihr da noch hinunter?« schrie der Steuermann plötzlich, als sechs oder acht weißleinene, festgeschnürte Säcke in das Boot hinabflogen. »Was ist das? Was geht da vor?«

»Nichts, mein Herzchen, nur unsere Garderobe«, lautete die Antwort des Matrosen zurück. Wie die Katzen folgten ebenso viele Seeleute ihrem vorangegangenen Eigentum in das Boot.

»Halt, Donnerwetter, das wird zuviel! Wir sinken!« riefen die beiden Eigentümer.

»Gottbewahre, Kameraden. Stoßt ab! Ahoi!« Damit stemmten sie sich gegen die Außenwand ihres Schiffes und schoben das vierkantige Fahrzeug ein Stück in das offene Wasser hinaus. »Ihr dürft nicht abstoßen! Bleibt hier! Halt! Meine Jolle hinunter!« schrie und tobte der Kapitän auf seinem Deck herum. Die Flucht seiner Leute direkt vor seinen Augen war für ihn kein Spaß. Die Bootsführer kümmerten sich aber wenig um seine Ausrufe. Sie bekamen von jedem Kopf, den sie mehr hinüberbrachten, einen Dollar extra, und dann waren sie selbst weggelaufene Matrosen, die andere Kameraden nicht so leicht im Stich ließen. Sie führten zwar nur zwei Ruder, und das Boot ging so schwer im Wasser, daß sie entsetzlich langsam damit fortrücken konnten. Aber das Land war auch nicht weit entfernt. Das erst erreicht, und alle Kapitäne der Bai hätten sie nicht wieder holen können.

Kapitän Meier dachte nicht daran, sie erst bis ans Land zu lassen. Er hoffte immer noch, genug Autorität über seine Leute zu besitzen, um sie vorher zurückzuholen.

Rasch sank seine schon bereitgehaltene Jolle auf das Wasser. Mit seinen beiden Steuerleuten, dem Zimmermann und dem Koch setzte er den Flüchtlingen nach, die er auch bald eingeholt hatte. Das viereckige, kastenartige Fahrzeug war gerade vor dem Bug der ›Leontine‹ vorübergefahren, und zwar so dicht, daß das eine Ruder die angespannte Ankerkette streifte. Da schoß die leichtgebaute Jolle heran, und der Kapitän beorderte seine Leute barsch zu sich an Bord herüber. Sein Empfang war aber nicht ermunternd.

»Komm herüber und hol uns, Schatz!« riefen ihm die Matrosen höhnend zu. Die Passagiere überhäuften ihren Schiffsführer mit Schmähungen. Alle nur denkbaren Schimpfwörter wurden gegen ihn geschleudert. Dabei blieb es nicht, denn Stückchen mit hartem Zwieback flogen gegen ihn, und mit den Blechbechern schöpften einige Wasser und gossen es nach ihm.

Kapitän Meier sah ein, daß da mit Gewalt nichts zu machen war. Er ließ den Bug des Schiffes herumwerfen und hielt, so schnell es ging, auf die nächste Landung zu. Wahrscheinlich wollte er dort gerichtliche Hilfe in Anspruch nehmen. Wenn das seine Absicht war, kam er jedenfalls zu spät, denn das Lichterboot gelangte bald darauf an eine Stelle, wo die Matrosen bequem an Land konnten. Sie schulterten ihre Säcke, zahlten ihr Überfahrtsgeld und waren im nächsten Augenblick im Gewühl am Ufer verschwunden. Das Boot ruderte jetzt langsam dem gewöhnlichen Landungsplatz entgegen.

Es schien so, als wollte der Kapitän der ›Leontine‹ seinem Kollegen zu Hilfe eilen. Er besann sich dann jedoch und mischte sich nicht in die Auseinandersetzung, denn ein günstiger Ausgang wäre sehr zweifelhaft gewesen.

Die Passagiere und besonders die Matrosen hatten dieser Szene mit großem Interesse zugeschaut. Wie auf Verabredung stockten alle Arbeiten. Der Kapitän selbst vergaß ganz, daß sich die eigenen Leute vielleicht daran ein Beispiel nehmen könnten. Als die Deserteure mit Jubel den Abhang hinunterliefen, rief er seine Mannschaft mit lauter und barscher Stimme an die Arbeit zurück. Dadurch wurden auch die Passagiere gemahnt, ihre Zeit nicht nutzlos zu vergeuden. Dort drüben lag Kalifornien, und alles drängte und schrie durcheinander nach einem Boot, um das Schiff so schnell wie möglich zu verlassen.

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