Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

»Was? Er kennt ihn?« riefen alle Umstehenden durcheinander. »Und Sie haben ihn nicht angezeigt, nicht dem Volk übergeben, das ihn ins Feuer geworfen hätte?«

»Ja, wie soll man jemand preisgeben, der auf freien Füßen draußen in den Bergen eine Stunde Vorsprung hat?« lachte Smith auf seine heisere Art. Er wußte, daß Siftly in diesem Augenblick selbst hinter seinem Stuhl stand, während der Sheriff neben ihn trat. »Wenn er mir nicht einmal wieder zufällig über den Weg läuft, ist er sicher. Denn keiner außer mir hat Beweise in der Hand. Ich habe sein eigenes Gold, das er bei seiner Flucht im Stich lassen mußte.«

»Das hätten Sie aber an die abliefern müssen, die durch das Feuer zu Schaden gekommen sind«, sagte jemand.

»Da müßte ich ja dumm sein«, lachte Smith. »Ich hatte selbst noch eine Rechnung offen, und bis die nicht beglichen ist, betrachte ich es als mein Eigentum und – habe auch ein Recht dazu!«

Der Sheriff warf einen fragenden Blick zu Siftly. Der schüttelte leise den Kopf und winkte ihm dann, ihm vor das Zelt zu folgen.

»Wie heißt der Schuft, dieser Mordbrenner?« rief ein langer Kentuckier. »Sein Name sollte doch wenigstens bekannt werden! Der Kerl soll vogelfrei sein, und jeder, der ihn antrifft, kann ihn über den Haufen schießen oder am nächsten Baum aufhängen!«

»Namen«, sagte Smith, dem die Bewegung des Sheriffs nicht entgangen war und sah den beiden mit verächtlichem Lächeln nach. »Wer kümmert sich um Namen. Wenn Sie mir jetzt sagen, daß Sie Brandon heißen, muß ich es Ihnen glauben.«

»Aber ich heiße auch so!« rief der junge Bursche, der aus Wut über den Zweifel rot wurde.

»Nun ja, ich streite es ja auch gar nicht ab«, sagte Smith ruhig, während die anderen lachten. »Sie können sich aber auch Johns oder Brown oder Philipps nennen, und wir alle wären deshalb nicht klüger!«

»Und Ihr Name ist Smith, was?« sagte der Kentuckier, den die Ruhe des Spielers ärgerte.

»Ich nenne mich so«, erwiderte lächelnd der Lange und ließ die Karten durch die Finger schnellen. »Aber jetzt, Gentlemen, hoffe ich, daß mir jemand die Freude macht, das Gold hier abzuholen, das er heute abend gewinnen will. Es muß acht Uhr vorüber sein, und die Nächte sind viel zu kurz!«

Einige setzten sich an den Tisch, und es dauerte nicht lange, und alles andere war über dem Spiel vergessen.

Vom Sheriff gefolgt ging Siftly, der seinen Plan so plötzlich geändert hatte, langsam die Straße hinauf. Wenige Minuten später war Hale an seiner Seite.

»Na?« sagte der Sheriff und versuchte im Licht des hereinbrechenden Abends das Gesicht des Fremden zu erkennen. Hut und Bart beschatteten es aber völlig. »Meine Beschreibung paßte doch aufs Haar, und jetzt haben Sie sich anders besonnen. War das nicht der Smith, den Sie meinten?«

»Nein«, sagte Siftly ruhig. »Es tut mir leid, daß ich Sie umsonst bemüht habe. Ich wollte, ich hätte mir den Mann selbst vorher angesehen. Aber es soll wenigstens für Sie nicht ganz umsonst gewesen sein, und wenn Sie...«

»Vielen Dank«, sagte Hale und schob kalt die Hand des Fremden zurück. »Es ist meine Pflicht, den ehrlichen Mann zu unterstützen und Verbrecher zu entlarven. Für geleistete Arbeit habe ich allerdings bestimmte Forderungen. Kennen Sie diesen Smith?«

Siftly zögerte einen Augenblick mit der Antwort. Dann sagte er:

»Ja, von den Staaten her. In San Francisco bin ich ihm nur einmal begegnet.«

»Wie war Ihr Name?«

»Siftly.«

»Also, gute Nacht, Mr. Siftly«, sagte der Sheriff. Er blieb stehen, um die Straße wieder zurück zu seinem eigenen Zelt zu gehen. »Wenn Sie sich den Mann noch einmal ansehen wollen und Ihre bisherige Meinung ändern, stehe ich Ihnen wieder zur Verfügung.«

»Gute Nacht, Sir«, sagte der Spieler, den diese Worte etwas stutzig machten. Er blieb ebenfalls stehen und sah dem Sheriff nach. Aber im nächsten Augenblick zuckte er mit einem leichten, spöttischen Lächeln die Schultern und ging zum nächsten Trinkzelt, um sich zu stärken.

Es war elf Uhr vorbei, als er erneut Kentons Zelt betrat, diesmal allein. Ohne mit jemand ein Wort zu wechseln, ohne Smith anzusehen, ging er zuerst zu Boyles an die Theke. Dann ließ er sich an Smith' Tisch nieder. Hier setzte er kleine, unbedeutende Summen auf die Karten, ohne auf das Spiel weiter zu achten.

Es wurde spät. Die meisten Goldwäscher hatten sich zurückgezogen. Nur einige hartnäckige saßen noch an den Tischen und machten den vergeblichen Versuch, ihr verlorenes Gold zurückzugewinnen. Endlich gaben auch sie verzweifelt auf. Nur Siftly setzte noch weiter, so niedrig wie immer. Als die letzten Goldwäscher das Zelt verlassen hatten, stand er ebenfalls auf.

Smith warf einen verstohlenen, lächelnden Blick auf seinen alten Kameraden und packte sein Geld zusammen. Ruly hatte er schon vor etwa einer Stunde ins Bett geschickt. Jetzt trat er vor das Zelt, wo er die dunkle Gestalt des Spielers mit untergeschlagenen Armen etwas abseits stehen sah. Er blickte sich um. Der Wirt war im Zelt mit dem Wegräumen der Gläser beschäftigt und leuchtete unter die Tische, ob sich nicht hier oder da ein Goldstück verirrt hatte – eine gute Beute für ihn. Die Straße selbst war menschenleer. Nur in wenigen Zelten brannte noch Licht. Smith ging auf den Mann zu, streckte ihm die Hand entgegen und sagte:

»Guten Abend, Siftly.«

Siftly drehte langsam den Kopf zu ihm, ohne den Gruß zu erwidern oder die ausgestreckte Hand zu nehmen, und sagte nur:

»Komm die Straße mit hinauf, wo die Zelte enden. Was wir zu besprechen haben, braucht sonst niemand zu hören.«

»Ich... habe Gold bei mir«, antwortete der Spieler zögernd.

»Wir sind beide Manns genug, um es zu verteidigen, falls ein Dritter danach gelüstet«, lautete die ruhige Antwort. »Die Hälfte gehört mir sowieso.«

Smith Augenbrauen zogen sich finster und drohend zusammen. Es war aber nur ein Moment, und im nächsten sagte er schon leise vor sich hin lachend:

»Sie scheinen unser Geschäft summarisch abmachen zu wollen. Meinetwegen, es ist jedenfalls besser so, als wenn wir den Sheriff dabei bemühen müßten. Wären Sie schlau gewesen, hätten Sie das gleich von Anfang an so gemacht.«

»Komm«, sagte Siftly ruhig und wandte sich ab, ohne seinen Begleiter aus den Augen zu lassen. Smith dachte aber gar nicht mehr daran, zu entfliehen. Er wußte recht gut, daß das jetzt unmöglich war. Die beiden Männer gingen schweigend eine kurze Strecke die Straße hinauf, bogen dann durch eine Lücke in den Zelten nach links ab und betraten gleich darauf die rote Flat. Hier folgten sie etwa hundert Schritte einem betretenen Pfad. Erst, als sie zu den Stellen kamen, wo der Boden überall aufgewühlt war und der Weg bei Nacht gefährlich wurde, hielt Siftly an. Er warf seinen Poncho zurück und setzte sich dann auf einen Erdhügel. Sein Begleiter stellte den ziemlich schweren Sack mit den Dollars und dem Gold auf den Boden und blieb daneben stehen. Noch immer hatten die beiden kein weiteres Wort gewechselt. Da Siftly auch jetzt noch schwieg, begann Smith endlich:

»Sie werden mir nicht glauben, wenn ich sage, daß ich mich freue, Sie hier zu treffen.«

»Nein«, erwiderte Siftly trocken.

»Das dachte ich mir«, sagte der Spieler lächelnd. »Aber es ist tatsächlich so.«

»Darum haben Sie sich auch so große Mühe gemacht, von mir wegzukommen, was?« sagte Siftly und nahm damit die höfliche Anrede wieder auf.

»Es war von Anfang an ein dummer Streich«, sagte Smith völlig ruhig. »Entweder mußte ich Kalifornien verlassen, oder mich darauf gefaßt machen, daß wir uns irgendwo einmal begegnen. Die Gelegenheit war damals aber zu verlockend. Hol's der Teufel, ich konnte noch nie im Leben eine Gelegenheit ungenutzt vorübergehen lassen.«

»Und doch wollten Sie mich heute dem Sheriff verraten und als Brandstifter anzeigen.«

»Natürlich, ehe ich mich selbst schnappen lasse! Was haben wir beide mit den Gerichten zu tun, daß einer von uns sie auch noch freiwillig aufsucht?«

»Und weshalb freuen Sie sich, mich wiederzusehen, wenn man fragen darf?«

»Weil ich eben einen Holzkopf als Mitspieler habe, mit dem nichts anzufangen ist. Wir beide dagegen könnten hier erfolgreich sein.«

»Sie glauben wirklich, daß ich nach dem, was zwischen uns beiden vorgefallen ist, noch Ihr Kompagnon werden will?«

»Was könnten Sie Besseres tun?« sagte Smith. »Sie wissen genau, daß Sie an meiner Stelle genauso gehandelt hätten. Ich brauche nur an unseren guten Brown zu erinnern, und deshalb müssen wir uns gar nichts vorwerfen. Ich bin in der Lage, den Schaden wieder wettzumachen, und der Sache steht kein weiteres Hindernis im Wege.«

Siftly schwieg und sah eine Weile nachdenklich vor sich hin. Smith hütete sich, ihn dabei zu stören. »Weshalb haben Sie Kalifornien nicht verlassen?« erkundigte sich Siftly.

»Weil ich mir noch bessere Erfolge von Kalifornien verspreche«, lachte Smith. »Für uns ist es ein kapitales Land. Wer es nicht benutzt und ausbeutet, ist ein Narr.«

»Sie wissen, daß Brown erschossen ist?«

»Brown? Unser würdiger, dicker Brown? Kein Wort!«

»Ein Franzose ertappte ihn beim Falschspiel und schoß ihm eine Kugel durch den Kopf.«

»Na ja, daneben schießen konnte er bei ihm nicht!« lachte Smith. »Es geschieht dem Tölpel recht, er war schon immer ungeschickt und täppisch. Desto besser, wir sind ihn los, und der Franzose hat uns beiden einen Gefallen getan. Apropos, Siftly, ich habe auch eine Neuigkeit für Sie, wenn Sie nicht sogar selbst mit ihnen angekommen sind. Ihr Freund aus San Francisco, der Anwalt, ist hier...«

»Wer? Hetson?«

»Ich glaube, so heißt er. Er ist heute mit seiner Frau angekommen, und wer ist noch bei ihm?«

»Keine Ahnung, was kümmert mich der Kerl!«

»Manuela mit dem Alten.«

»Die Spanierin? Donnerwetter! Was wollen die in den Minen?«

»Ich weiß nur, daß sie nicht Violine spielen will«, erwiderte Smith. »Ich habe nämlich schon unterderhand bei dem Alten anfragen lassen. Sie ist, glaube ich, so eine Art Gesellschafterin für Hetsons Frau. Ist dieser Hetson zu gebrauchen?«

»Ein schwacher Mensch, wie ich ihn kenne. Aber wozu?«

»Wir müßten einen amerikanischen Alkalden hier haben«, sagte Smith, »der zu uns Spielern steht. Die verdammten Fremden und auch einige Amerikaner werden mit jedem Tag unverschämter und drohen schon, uns aus der Stadt zu vertreiben. Wenn das allerdings in einer Mine geschieht, bekommen wir überall Schwierigkeiten. Die Leute werden hier sowieso schon viel zu klug!«

»Ich weiß aber nicht, ob Hetson hierbleiben will.«

»Seine Sachen sind hier abgeladen, und der Wagen ist schon wieder fort. Vielleicht ist aber die Aussicht auf die Wahl ein Anlaß für ihn, hierzubleiben.«

»Möglich«, sagte Siftly. »Jedenfalls wäre er der Mann dafür. Ich kenne ein Mittel, um ihn zu allem zu bringen, was ich erreichen will.«

»Um so besser, überlegen Sie sich die Sache. Sie finden hier übrigens manchen Bekannten, und da verschiedene Dinge passiert sind, die die Wahl eines Alkalden erfordern, ist es eine Kleinigkeit, die Stimmenmehrheit für ihn zu bekommen. Wenn er dann die Wahl nur annimmt!«

»Dafür will ich schon sorgen!« sagte Siftly.

»Um so besser – und nun gute Nacht, Siftly. Sie werden mir jetzt Ihre Hand nicht mehr verweigern.«

»Nein, wenn wir fertig miteinander sind.«

»Fertig ?«

»Ich meine, wenn unsere Geldangelegenheit erledigt ist.«

»Hier im Dunkeln?«

»Das wäre unbequem. Sie haben doch hoffentlich ein Zelt und Licht darin. Ich bin überhaupt noch nirgends einquartiert.«

»Trauen Sie mir nicht?«

»Nicht über den Weg, und ich denke, ich habe Anlaß dazu.«

Smith lachte wieder vor sich hin und schwieg einen Augenblick. Dann sagte er: »Meinetwegen. Es ist vielleicht wirklich am besten, wenn wir uns gleich klar gegenüberstehen. Das eigene Interesse wird uns dann fester zusammenbinden als alles andere.«

»Das ist das stärkste Bindemittel. Zeigen Sie mir, daß Ihr Interesse mit meinem übereinstimmt, und Sie sollen keinen treueren Freund haben als mich.«

»Aber ich habe in der Zeit mehr verdient, als ich von San Francisco mitgenommen habe«, sagte Smith. »In dem Kasten war nicht so viel, wie wir erwartet haben.«

»Das spielt keine Rolle. Das, was Sie verdient haben, geschah mit meinem, weiß der Teufel, gefährlich genug verdienten Geld. Sie sichern mir die Hälfte zu oder tragen die Folgen.«

»Und wenn ich nicht will?«

»Sie wollen, Smith, denn Sie wissen, daß Sie nicht anders können«, sagte Smith finster. »Und jetzt gehen Sie voran!« Er stand dabei auf, und als Smith sein Geld vom Boden genommen hatte, gingen die beiden schweigend in die kleine Zeltstadt zurück.

 << Kapitel 38  Kapitel 40 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.