Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

15. Die beiden Spieler

Etwa zur gleichen Zeit, in der Hufner mit zitternder Hand den verhängnisvollen Brief nach San Francisco schrieb, lenkte ein Reiter sein müdes, abgetriebenes Pferd einen der schmalen Bergpfade hinab in das Paradies. Er hielt erst, als er das kleine, freundliche Tal von einer offenen Stelle aus überblicken konnte.

Nicht die reizende Szene und auch nicht das vom Abendnebel gemilderte Sonnenlicht, weder die malerischen Gebirgsrücken noch das prächtige Spiel von Licht und Schatten waren jedoch der Anlaß dazu. Er sah das alles nicht, sondern hatte nur angehalten, um die Zelte zu zählen.

Es war eine wilde, abenteuerliche Gestalt, dieser finstere Reiter auf dem matten, schweißbedeckten Tier. Ein alter, brauner Filzhut bedeckte das wirre, struppige Haar. Aus dem dichten, dunklen Bart, der fast sein ganzes Gesicht versteckte, glühten ein paar kleine, dunkle Augen düster hervor. Sonst ließ sich von dem ganzen Mann nicht mehr erkennen als die Stiefel, deren Hacken klingende, mexikanische Sporen besaßen. Ein langer, kalifornischer, bunter Poncho hüllte ihn vom Hals bis zu den Stiefeln ein. In dieser Tracht glich er von weitem den Nachkommen der eingewanderten Spanier. Aber seine gemurmelten Worte klangen anders, und trotz des Bartes hätte er nie den Amerikaner verleugnen können.

»Hm«, brummte er jetzt vor sich hin, als er den kleinen, freundlichen Platz übersah. »Ein ganz ansehnliches Nest, und der Boden auch ziemlich aufgewühlt. Liegt auch hübsch versteckt in den Bergen, so daß man es vielleicht eine Woche da aushält. Es wird aber auch Zeit, daß ich wieder einen vernünftigen Platz erreiche. Da wird wohl wenigstens ein richtiger Schluck Brandy zu haben sein. Also los, die Kehle ist mir schon ausgetrocknet.«

Er hob dabei den Zügel seines hungrigen Tieres, das die kurze Rast benutzt hatte, um ein paar Grasbüschel abzunagen. Dadurch gehorchte es nicht sofort dem Befehl, und mit einem wilden Fluch stieß ihm der Reiter die scharfen Sporen in die Flanken, so daß es sich aufbäumte und dann in wilder Flucht den Hang hinunterlief.

Der Mann zügelte es nicht. Ein trotzig-verächtliches Lächeln spielte um seine Lippen, als er mitten durch den Wald seine oft halsbrecherische Bahn verfolgte. Dabei lenkte er den Lauf des schnaubenden, schweißtriefenden Tieres mit Zügel und Sporen.

Endlich erreichten sie die Ebene, in der überall Löcher aufgewühlt waren und Haufen ausgeworfener Erde lagen. Das Pferd mußte hier Schritt gehen, um seine Bahn zwischen diesen Hindernissen zu suchen. So kam der Reiter nur langsam vorwärts, bis er die quer durch die Flat führende Straße erreichte. Er biß verdrießlich die Zähne zusammen und sah sich wütend um, ob er nicht seinen Zorn über diese Verzögerung auslassen konnte. Hier und da arbeiteten Goldwäscher an den verschiedenen Stellen. Er ritt aber ohne Gruß an ihnen vorbei, und sie beachteten den Fremden auch nicht weiter. Plötzlich, fast unwillkürlich, zügelte er sein Pferd wieder, warf es herum und ritt zu einer Gruppe zurück.

Hier saß ein einzelner Mann auf einem frischen Erdhaufen. Er hatte die Jacke abgelegt, seinen Strohhut nach hinten geschoben und rauchte eine Zigarre. Das Werkzeug neben ihm verriet, daß er gerade noch gearbeitet hatte. Als er den Reiter wieder zurückkommen hörte, sah er ihn fragend an. Er konnte nichts weiter von ihm wollen, als sich vielleicht nach jemand im Ort erkundigen.

»Na, Boyles, wie geht's?« sagte da der Fremde, als er neben ihm hielt. »Seit wann haben Sie denn angefangen, die Erde aufzukratzen? Geht's mit den Karten nicht mehr? Sie werden sich noch Ihre Finger hier verderben!«

Der Mann antwortete nicht. Er sah den Fremden erstaunt und wenig begeistert an.

Nach einer Weile sagte er:

»Sie sind mir gegenüber im Vorteil. Woher kennen Sie meinen Namen?«

»Das ist gut!« lachte der Reiter grimmig in sich hinein. »Woher ich Ihren Namen weiß? Soll ich Sie an die Nacht im Mississippisumpf erinnern?«

»Zum Teufel, Siftly!« rief der Goldwäscher aus und sprang mit einem Satz in die Höhe. Er griff die Hand des Reiters und schüttelte sie kräftig. »Wo kommst du denn her? Ich freue mich, dich gesund zu sehen!«

»Vielen Dank, Boyles«, sagte der Spieler und nickte ihm zu. »Ich bin nur etwas im Land umhergeritten. Jetzt wollte ich einmal sehen, wie die Sache hier im Paradies steht. Aber im Ernst, hast du das Spielen aufgegeben, daß du dir die Hände mit der Spitzhacke verdirbst? Das Hacken und Graben ist doch ein mühseliges Brot, und unsereiner paßt nicht richtig dazu!«

»Verdammt, wenn ich's freiwillig täte«, brummte der Miner. »Der verfluchte Kerl, der Smith, hat mich vor acht Tagen so ausgezogen, daß ich keinen Cent mehr in der Tasche habe. Aber Geduld, der Platz hier scheint nicht schlecht zu sein, und ich bin jetzt hinter seine Schliche gekommen. Das nächste Mal...«

»Was für ein Smith?« sagte Siftly ruhig. »Kenn ich ihn?«

»Du? Na, ich glaube schon, du hast doch in San Francisco mit ihm einen Tisch gehabt!«

»Der ist hier?« schrie, Siftly plötzlich, sprang von seinem Pferd und trat zu dem Mann. »Teufel, Boyles, das ist eine gute Nachricht, die du mir da gibst. Sie ist Gold wert. Kann ich dir mit ein paar Unzen aushelfen, sag es ehrlich. Hast du es später, zahlst du es mir wieder zurück.«

»Topp!« rief der andere und hielt ihm die Hand zum Einschlagen hin.

»Topp!« sagte Siftly und warf seinen Poncho zurück, um ihm die Hand kräftig zu drücken.

»Das kam rechtzeitig!« rief Boyles. »Ich will es dir mit Zinsen zurückzahlen. Wenn du mich für etwas brauchst, Siftly, ich bin dein Mann. Aber zum Henker, du hast ja Blut an der Hand!«

»Die verfluchten Dornen!« sagte Siftly. »Ich habe mir die Haut in Stücken vom Körper gerissen. Von Antonios her habe ich den Weg verpaßt und bin die ganze Strecke durch den Wald gekommen.«

»Das ist ein böser Weg, ich kenne ihn«, sagte Boyles. »Hm, ich hätte dich gern gebeten, mir gegen Smith beizustehen, aber gegen einen alten Kameraden...«

»Wo kann ich ihn finden?« sagte Siftly, ohne auf die halbe Anfrage direkt zu antworten.

»Frag in Kentons Zelt nach, da steckt er jeden Abend.«

»Danke, und jetzt das Gold. Wieviel brauchst du?«

»Brauchen? Liebe Güte, das ist eine kuriose Frage. Du weißt ja ganz gut, daß man für einen neuen Spielanfang einiges haben muß. Aber kannst du mir erst mit vier Unzen helfen, ohne daß du sie selbst vermißt?«

»Ich glaube, ja. Du wirst nicht lange brauchen, um sie zurückzuzahlen.«

»Ich hoffe nicht.«

»Also, dann good-bye! Komm heute abend in Kentons Zelt, da wiege ich es dir ab und kann dir da vielleicht noch einiges erzählen.«

Damit schwang er sich wieder in den Sattel, nickte dem anderen zu und ritt auf die Straße zu, die am Teufelswasser entlangführte. Hier stieg er jedoch noch einmal ab und ließ sein Pferd an den einzelnen Grasflecken weiden, während er seine Satteltasche herunternahm. Dann wusch er sich und säuberte seine Kleidung, so gut das hier ging. Er kämmte sogar Haare und Bart. Dann ritt er langsam durch die ganze Stadt, ohne an einem Zelt zu halten. Als er den Platz erreichte, an dem die Flagge der Vereinigten Staaten von einem glattgeschälten, schlanken Zedernbaum wehte, hielt er an. Er wußte genau, daß er hier den obersten Gesetzeshüter finden konnte.

Inzwischen brach der Abend an. Die Dämmerung ist in Nordamerika sehr kurz. Wenn die Sonne erst einmal am Horizont verschwindet, folgt fast unmittelbar die Nacht. Die Arbeiten im Freien waren fast alle beendet. Die meisten Leute hatten schon ihr Abendbrot gegessen. Viele schlenderten zwischen den Zelten herum, um den Abend zu genießen oder mit der Flasche oder den Karten die Zeit bis Mitternacht zu verbringen. Nur wenige legten sich schon so früh auf ihr Lager, um mit der Morgendämmerung wieder frisch an der Arbeit zu sein.

Ein großer Unterschied bestand in den verschiedenen Trinkzelten. Nur in den amerikanischen wurde gespielt, während die Franzosen und Deutschen das nicht erlaubten. Die Mexikaner hielten sich von den übrigen fern und blieben in ihren Lagern, die sie eine Strecke von der Stadt entfernt angelegt hatten. Sie tranken wenig Alkohol, und nur wenige von ihnen trieben sich in den Spielzelten herum, um gegen die Amerikaner mit ihrem eigenen Spiel, dem Monte, anzutreten.

Was sonst noch an Fremden in der Flat oder der Nachbarschaft hauste – Indianer, Neger, Chinesen und einige Insulaner von den Sandwichinseln –, kam nach dem Dunkelwerden nie in die Zeltstadt.

Einer der Hauptspielplätze im Paradies war Kentons Zelt, in das sich auch der Justizrat damals verirrt hatte. Hier hatte Smith mit seinem Partner Ruly seinen Stammsitz aufgeschlagen. Es gab noch drei weitere Spieltische, einer mit Mexikanern, die anderen von Amerikanern unterhalten. Roulette, Würfel und Karten sollten den Goldgräbern die Möglichkeiten zeigen, ihr Erworbenes zu verdoppeln. In Wahrheit wurde ihnen aber ihr sauer verdienter Arbeitslohn aus dem Beutel gelockt. Es ist nicht zuviel behauptet, wenn man sagt, daß bei all diesen Spielen betrogen wird. Alle Spieler haben falsche Karten. In den Vereinigten Staaten bestehen große Fabriken, die nur Karten für diesen Zweck herstellen. Für den Nichteingeweihten sind sie natürlich nicht von anderen zu unterscheiden. Sie haben auf der Rückseite in dem scheinbar zufälligen blauen oder roten Muster Punkte, Striche und Arabesken an der oberen Ecke. Ein geübter Blick erkennt die Karten rasch an der Rückseite. Der Spieler kann nicht nur die verschiedenen Farben, sondern auch den Wert der Karte ablesen. Seine geübte und schnelle Hand hat nichts weiter zu tun, als gefährliche Karten zu entfernen.

Trotzdem hatte Smith in der letzten Zeit mit wenig Glück gespielt. Jedenfalls glaubte er, daß seine Fähigkeiten höher lagen. Vor Verlusten bewahrte er sich aber und bemühte sich, seinen Partner in den freien Stunden noch besser einzuweisen. In ihrem Zusammenspiel lag der Verlauf des Spieles selbst.

Heute saß er aber allein an seinem Tisch. Es war noch früh, und die Hauptspiele begannen immer erst nach zehn Uhr. Die Sätze davor brachten nur wenig ein. Trotzdem sah er schon öfter ungeduldig zum Zelteingang. Sein sowieso nicht freundliches Gesicht hatte sich noch finsterer zusammengezogen und in Falten gelegt. Von San Francisco waren wieder mehrere Amerikaner und andere Fremde eingetroffen. Die Neuigkeiten machten die Runde, besonders der Bericht von einem erneuten Feuer. Es hatte fast ausschließlich denselben Stadtteil betroffen wie das frühere Feuer. Nach allgemeiner Meinung mußte es genauso böswillig gelegt worden sein wie das erste.

In diesem Augenblick kam Ruly in das Zelt. Anstatt sich gegenüber zu setzen, kam er an Smith' Seite.

»Na, wo haben Sie sich den ganzen Abend herumgetrieben?« sagte Smith, ohne den Gruß seines Partners zu erwidern. »Zum Teufel, ich sitze hier...«

»Pst!« flüsterte Ruly, ohne auf den Vorwurf zu achten. »Ich möchte Sie etwas fragen, daß Sie selbst betrifft.«

»Und das wäre?« erkundigte sich finster der lange Spieler.

»Haben Sie mal Ärger mit einem gewissen Siftly gehabt?«

»Siftly!« sagte Smith rasch. »Was ist mit dem? Wie kommen Sie auf den?«

»Er ist hier.«

»Hier? Im Paradies?« rief Smith und sah sich hastig um, als wollte er bei Gefahr das Zelt schnell verlassen.

»Sie können nicht mehr unbemerkt weg«, flüsterte ihm aber Ruly rasch und ängstlich zu. »Ich habe ihn und den Sheriff schon vor dem Zelt gesehen.«

»Den Sheriff?« erkundigte sich Smith mit zusammengebissenen Zähnen.

»Siftly muß heute abend angekommen sein. Er hielt sein Pferd vor dem Zelt des Sheriffs an und ging hinein. Der Name Smith wurde mehrfach genannt.«

»Und woher wissen Sie das?«

»Mein Zelt befindet sich genau neben dem von Hale. Durch die dünne Leinwand versteht man jedes Wort. Ich blieb ganz still im Dunkeln liegen, konnte aber nicht herausbekommen, um was es sich eigentlich handelte.«

»Vielen Dank«, sagte Smith, der sich inzwischen völlig gefaßt hatte. Gleichgültig mischte er die Karten. »Es ist nichts weiter. Mit dem Smith ist wohl ein anderer gemeint. Wenn es übrigens der Siftly wäre, den ich aus San Francisco kenne, sollte es mich freuen, ihn hier wiederzutreffen. Er ist ein entschlossener Bursche, und solche Leute brauchen wir hier, um dem verdammten Fremdengesindel die Spitze zu bieten. Es wird höchste Zeit, daß wir einmal dazwischen aufräumen.«

»Also sind Sie sicher?«

»Setzen Sie sich nur auf Ihren Platz!«

Ruly war das unruhige Verhalten Smiths und sein unwillkürlicher Schreck bei der Namensnennung nicht entgangen. Er fand sich mit der angeblichen Ruhe seines Partners nicht ab. Trotzdem gehorchte er der Aufforderung und nahm seinen Platz ihm gegenüber wie immer ein, um ankommende Spieler zu erwarten.

Obwohl seine Hände das Spiel mechanisch mischten, dachte Smith an etwas völlig anderes. Ständig schweifte sein Blick wieder zum Zelteingang, wo er die Gestalt seines Verfolgers erwartete.

Jetzt hob sich die Leinwand wieder, und Siftlys bärtiges Gesicht tauchte da auf. Wenn Smith aber auch fühlte, daß er blaß wurde, behielt er doch seine Ruhe. Sein Plan war schon gefaßt. Er mischte sich jetzt mit lauter Stimme in das Gespräch der anderen.

»So ein Feuer ist in dem Zeltnest eine unangenehme Sache. Aber es ist auch ein böser Wind, der keinem Menschen Gutes zuweht.«

»So?« rief ein junger Amerikaner, der ihn wild ansah. »Wem kann ein solches Feuer Glück bringen? Dem Plünderer und Dieb vielleicht!«

»Oho!« rief ein anderer. »Haben nicht nachher viele hundert Leute Arbeit?«

»Alles, was ich zum Beispiel habe«, sagte Smith, ohne auf die Bemerkung einzugehen, »verdanke ich dem letzten Feuer. Ich weiß auch, daß es Brandstiftung war, und ich kenne sogar den Brandstifter!«

 << Kapitel 37  Kapitel 39 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.