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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Trotz des nicht sehr günstigen Resultates, das die Goldwäscher in den ›reichen Minen‹ am Teufelswasser erzielten, strömten noch immer Einwanderer von San Francisco in das Paradies. Schon der Name klang verlockend, und die fabelhaften Berichte der Zeitungen wirkten noch immer und brachten wenigstens den Händlern Gewinn.

Selbst noch drei Wochen nach den geschilderten Ereignissen kamen noch neue Wagen mit Gepäck und Fußwanderer daneben schlendernd. Kisten und Kasten wurden im Paradies abgeladen. Viele der früher angekommenen Miner benutzten dann aber solche Gelegenheiten, um ihre wenigen Habseligkeiten zu packen und entweder nach San Francisco zurückzukehren oder auch andere Minen aufzusuchen. Entschieden sie sich für die erste Lösung, dann verkauften sie meistens ihr Zelt und das Handwerkszeug, das man dann spottbillig erwerben konnte.

An einem Abend spät im August saßen unsere vier deutschen Freunde in ziemlich guter Laune bei ihrem Abendessen. Der Justizrat war besonders heiter gestimmt. Er hatte heute zum erstenmal die Berggrabungen aufgegeben und unten im Bach für einige Dollars Gold ausgewaschen.

Auch die drei anderen fanden erträgliche Tagesmengen, auch wenn Binderhof und Lamberg sich drückten, so gut es ging. Der Justizrat glaubte, sein erstes gefundenes Gold nicht besser anlegen zu können, als ein paar Flaschen Wein dafür zu kaufen. Sie wurden jetzt gemeinsam getrunken.

Vor einer Weile hatten sie wieder eine der jetzt doch seltener werdenden Karawanen den schmalen Weg heraufkommen sehen, aber nicht weiter darauf geachtet. Jetzt sahen sie unten einen Mann mit einer merkwürdig geformten Mütze stehen. Er erkundigte sich offensichtlich nach jemand und wurde von einem Amerikaner hinaufgewiesen.

»Donnerwetter«, sagte Lamberg und sprang plötzlich von seinem Sitz auf. »Der da unten sieht genauso aus wie der Assessor!«

»Ach, der kommt nicht in die Minen!« lachte Binderhof. »Dem gibt Frau Siebert keinen Urlaub.«

»Haben wirklich recht«, sagte auch in diesem Augenblick der Justizrat. »Ist der Assessor – hm – angenehm. Guter Kerl – kommt gerade recht.«

»Na, da haben wir ein neues Exemplar für die Minen«, lachte Binderhof. »Der und Sie, Justizrat, sollten eigentlich eine Gesellschaft gründen.«

»Wollen wir auch«, sagte der Justizrat bestimmt. Er hätte sich schon längst von seinen drei Zeltgefährten, oder zumindest von Binderhof getrennt, hätte er sich nicht so vor dem Kochen gefürchtet. Das konnte jetzt alles der Assessor besorgen, während er ihm seine Erfahrungen als vierwöchentlicher Goldwäscher entgegenbrachte. So war sein Entschluß gefaßt.

Es war wirklich der Assessor, der jetzt langsam den Hügel hinaufkam. Unterwegs sah er sich einige Male unschlüssig um, als ein »Hallo, Assessor, hierher!« seine Schritte beschleunigte und zum Zelt lenkte. Die vier Deutschen, die ihm jetzt ihr ›Willkommen!‹ zujubelten, hatte er bald erreicht. Das Bergsteigen hatte ihn erhitzt, und die Brille war beschlagen. Er brauchte einige Zeit, bis er sie abgewischt hatte und die alten Reisegefährten erkannte. Dann zeigte sich seine Freude aber auch um so größer. Der gutmütige Mann war sogar so gerührt, daß ihm Tränen in die Augen kamen.

Jetzt mußte er erzählen, wie es ihm ergangen war und was Frau Siebert machte. So bereit er war, von sich zu erzählen, so zurückhaltend war er in bezug auf Frau Siebert. Er berichtete von ihr nur, daß es ihr gut ginge und sie viel Geld verdienen würde durch Waschen und Ausbessern.

»Und wie sind Sie hier heraufgekommen, Herr Assessor? Wie haben Sie uns eigentlich hier gefunden?« erkundigte sich Hufner.

»Oh«, sagte der Assessor. »Ich hatte schon lange von Ihren reichen Minen hier gehört und von den großen Stücken, die hier gefunden werden.«

»Ja«, lachte Binderhof. »Furchtbar große!«

»Na? Ist das nicht der Fall?« sagte der Assessor rasch.

»Erzählen Sie nur weiter«, sagte Lamberg. »Wie es hier steht, werden Sie in den ersten Tagen selbst herausbekommen. Mit wem sind Sie hergefahren? Denn allein hätten Sie den Weg nie im Leben gefunden!«

»Mit alten Reisegefährten und Schiffskameraden von uns«, erzählte der Assessor weiter. »Ich habe Sie... du liebe Güte, da hätte ich ja beinahe etwas vergessen. Ich habe einen Brief für Sie, Herr Hufner.«

»Für mich?« rief der junge Mann erstaunt. »Von San Francisco?«

Der Assessor bestätigte das und zog seine große Brieftasche aus der Brusttasche heraus. In den zahlreichen Fächern suchte er zwischen den Papieren. »Eine... junge... Dame ist dort... ist dort... angekommen.«

»Eine junge Dame?« schrie Hufner und sprang erschrocken auf.

»Na, das ist eine Freude!« sagte Binderhof lachend. »Jetzt haben wir die Bescherung, die Braut ist eingetroffen. Ja, die müssen Sie nun schon mit in die Minen heraufholen.«

»Aber das ist doch unmöglich!« rief Hufner.

»Hier ist er, Gott sei Dank – ich dachte schon, ich hätte ihn verloren«, sagte der Assessor.

»Aber sie sollte doch erst drei Monate später...«

»Lesen Sie doch«, ermahnte ihn Binderhof, der schon selbst gespannt war. »Die Sache wird richtig interessant.«

Hufner riß mit zitternden Händen das Siegel auf. Aber mit dem Brief ging er ein Stück vom Zelt fort, um ihn ungestört lesen zu können. Inzwischen mußte der Assessor mit seinem Reisebericht fortfahren.

»Also mit alten Schiffskameraden bin ich zusammengekommen, wie ich schon erwähnte. Ja, Herr Justizrat, anständige, liebe Leute, wie der Amerikaner Mr. Hetson...«

»Der Verrückte?« sagte Binderhof.

»Entschuldigung, er fühlte sich zwar kurze Zeit nicht wohl, wurde aber durch Doktor Rascher vollständig hergestellt. Der Doktor wollte sogar selbst in die Minen fahren. Aber die Vorbereitungen dauerten ihm wahrscheinlich zu lange, und so ist er schon ein paar Tage früher aufgebrochen. Er hat aber versprochen, daß wir uns in diesem Städtchen wiedertreffen.«

»Der alte Doktor will auch Gold waschen?« lachte Lamberg.

»Verzeihung, nein«, sagte der Assessor. »Er geht nur botanisieren und hat sich ein eigenes Maultier gekauft, um seine neue Sammlung transportieren zu können. Nach dem, was ich bislang von den Bergen und Tälern gesehen habe, muß er eine ganz reichhaltige Flora finden.«

»Und sonst war niemand von unserem Schiff dabei?«

»Von unserem Schiff? Nein – doch, ja, allerdings! Der Koch und der zweite Steuermann, die zusammen weggelaufen sind, und außerdem noch einige Fremde«, fuhr der Assessor fort. »Ein Spanier mit seiner liebenswürdigen Tochter. Wenn ich mich nicht irre, hatte sie Doktor Rascher der Frau Hetson als Begleitung empfohlen. Wir waren eine sehr hübsche Karawane, das muß ich sagen. Ich habe mich wirklich hervorragend unterwegs amüsiert.«

»Na, Hufner, wie ist es?« rief ihm jetzt Lamberg entgegen, als der zum Eßplatz zurückkehrte. »Richtig angekommen?«

»Herr du mein Gott, Lamberg«, rief der junge Mann, »geben Sie mir einen guten Rat, was ich tun soll. Sie ist wirklich in San Francisco angekommen.«

»Ihre Verlobte?«

»Ja, mit ihrer Mutter.«

»Herrlich! Die Schwiegermutter ist auch da! Na, da gratuliere ich aber!« rief Binderhof lachend.

»Ja, aber was soll ich tun?« klagte der arme Teufel. »Sie wissen ja alle, wie ich gearbeitet habe und wie fleißig ich gewesen bin. Aber mit den paar Dollars, die ich bis jetzt sparen konnte, kann ich doch nicht heiraten – und noch dazu hier in Kalifornien!«

»Aber ich denke, sie sollte erst drei Monate nach Ihrer Abreise segeln?« sagte Lamberg.

»Ja, aber vier Wochen früher ging eine mit ihr sehr befreundete Familie nach Valparaiso oder Chile, und da hielt sie die Gelegenheit für passend. Außerdem ist das Schiff unglück... glücklicherweise so schnell gesegelt, daß es nur fünfundneunzig Tage bis San Francisco brauchte.«

»Das ist Pech!« sagte Binderhof.

»Raten Sie mir, was ich tun soll.«

»Da ist nicht viel zu raten!« sagte Lamberg. »Was Sie tun sollen, kommt hier gar nicht in Frage, nur was Sie tun können, und das ist sehr einfach. Sie schreiben Ihrer Verlobten ganz aufrichtig, wie es hier aussieht, daß Sie bis jetzt noch kein Gold gefunden haben, aber eifrig arbeiten. Sie möchte sich deshalb etwas gedulden und ein klein wenig warten.«

»Aber was soll sie inzwischen in San Francisco machen?«

»Das ist Sache der beiden Frauen. Weshalb fährt sie vier Wochen zu früh von Deutschland ab?«

»Wovon leben?«

»Hat sie etwas gelernt?«

»Sie ist Modistin und kann Damenhüte herstellen.«

»Na, weshalb machen Sie sich denn da Sorgen?« rief Lamberg. »Dann wird sie sich in San Francisco schon durchbringen und vielleicht dort mehr Geld verdienen als Sie hier in den Minen.«

»Aber es sind doch gar keine Frauen in San Francisco!«

»O doch«, versicherte der Assessor. »Ich habe verschiedene gesehen, und mit den letzten Schiffen ist eine größere Anzahl eingetroffen!«

»Na, sehen Sie! Da machen Sie sich also keine Sorge. Wo Frauen sind, haben auch Modisten Arbeit. Schreiben Sie Ihrer Braut also – oder soll ich ihr schreiben?«

»Nein, um Himmels willen, das geht nicht. Ich muß schon selbst schreiben...«

»Na gut, dann schreiben Sie Ihrer Verlobten, was ich Ihnen gesagt habe. Wenn sie halbwegs vernünftig ist, wird sie einsehen, daß Sie recht haben. Morgen früh geht der monatliche Postbote nach San Francisco und sie haben die beste Gelegenheit, den Brief gleich abzusenden.«

»Grüßen Sie Ihre Verlobte herzlich von uns!« sagte Binderhof.

»Ja, Sie können noch spotten!« meinte Hufner niedergeschlagen. »Mir ist jetzt zumute, als ob man mir einen Zahn gezogen hätte.«

Lamberg und Binderhof lachten, Hufner ging in das Zelt, um sein Schreibzeug zu suchen. Der Assessor hatte dem Justizrat das Glas vollgeschenkt und wurde von ihm jetzt zur Seite geführt. Die beiden unterhielten sich dann lange und ausführlich.

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