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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Damals war er zwar selbst bei dem Alten gewesen, aber ohne jeden Ortssinn hatte er keine Ahnung mehr, in welcher Richtung das Zelt eigentlich liegen könnte. Er wandte sich deshalb also wieder an die ersten Amerikaner, die ihm begegneten, und erkundigte sich nach dem ›Waschneger‹.

Ob sie ihn nicht verstanden oder nicht verstehen wollten, weil er die mißhandelten englischen Worte auf seine gewöhnliche wunderliche Art herauspolterte – jedenfalls sahen sie ihn verwundert an, hielten ihn vielleicht für betrunken und gingen weiter, ohne ihm zu antworten. Daß sich seine Laune dadurch nicht verbesserte, läßt sich denken. Er wollte schon eben wieder in sein Zelt zurückkehren, um abends Herrn Hufner danach loszuschicken, als ihm ein Mann begegnete, der wie ein Deutscher aussah. Die Gestalt kam ihm auch bekannt vor. Obwohl ein großer Wollschal das Gesicht halb verdeckte, erkannte er die Gestalt an ihrem schwarzen Frack wieder. Es war jedenfalls der Tenor, mit dem er am ersten Abend im Elsässerzelt zusammengetroffen war. Seit dieser Zeit hatte er ihn aus den Augen verloren. Der Mann schien sich aber inzwischen auch nicht verbessert zu haben. Seine Kleidung war stark mitgenommen und besonders der Frack kaum noch zu erkennen. Sein schwarzer Seidenhut war durch Regen, Nachttau und heiße Sonne zu einer rötlichen, formlosen Masse zusammengesunken und hing ihm trübselig auf dem Kopf. An der linken Hand – die rechte trug er in der Tasche – hingen nur noch die Trümmer eines einmal schwarz gewesenen Glacéhandschuhs.

Das alles aber sah der Justizrat nicht. Er erinnerte sich nur, daß der Mann deutsch sprach. Deshalb ging er gerade auf ihn zu, blieb vor ihm stehen, und sagte mit einem seiner finsteren Blicke, mit denen er wohl früher armen Sündern einen Schrecken eingejagt hatte:

»Waschneger?«

»Verzeihung«, antwortete etwas verblüfft der arme Tenor. »Sie müssen sich irren... ich...«

»Hm«, antwortete der Justizrat. »Hemden holen – weiß nicht, wo verfluchte Neger wohnt.«

»Ah, den alten Tomlins suchen Sie?« rief der junge Mann gutmütig. »Wenn Sie wollen, bringe ich Sie zu ihm.«

Der Justizrat nickte nur mit dem Kopf, und der Tenor ging neben ihm die Straße entlang.

»Na, wie ist es Ihnen bis jetzt in den Minen ergangen?« sagte er dabei. »Ich erinnere mich, daß wir am ersten Abend zusammen waren, als Sie eben eintrafen. Haben Sie viel Gold gefunden?«

»Ich?« sagte der Justizrat. In diesem Augenblick fiel ihm wahrscheinlich zum ersten Mal ein, daß er auch noch nicht ein einziges Korn in seiner Pfanne hatte. »Hm, nein, nicht viel. Verdammtes Land... lauter Lügen... lauter Flunkereien... Gold... hm, soviel hätte ich bei Darmstadt auch gefunden.«

»Meinen Sie wirklich?« sagte Herr Bublioni und drehte sich erstaunt zu ihm um. »Gibt es in den Bergen dort tatsächlich...«

»Werde kein Narr sein und versuchen«, knurrte der Justizrat. »Haben Sie was gefunden?«

»Wenig – etwas allerdings«, lautete die bescheidene Antwort. Dabei hustete der Mann und hüllte sich noch ängstlicher in seinen Schal. »Das Klima sagt mir aber gar nicht zu, und ich befürchte, daß ich meine Stimme ganz verliere. Ich will jetzt auch mehr spekulieren als hart arbeiten.«

»Spekulieren?« sagte der Justizrat, der von solchen Dingen wenig hielt. »Hm, verdammt schlechtes Land dazu, Kalifornien.«

»Na, ich glaube doch nicht«, meinte Bublioni. »Allerdings konnte ich nur mit sehr wenig beginnen. Mein Kompagnon aber, der schon länger in Kalifornien ist, und mit dem ich einige Wochen gearbeitet habe, hat alles, was wir zusammen gefunden haben, genommen, um dafür Proviant in Stockton zu kaufen. Hier in den Minen werden wir ihn mit großem Aufschlag wieder verkaufen. Ich erwarte ihn täglich zurück. Allerdings wünsche ich mir, daß er bald zurückkommt, denn durch mein Rheuma hin ich in der letzten Woche verhindert gewesen und konnte nichts verdienen.«

»So?« sagte der Justizrat, dem die letzte Bemerkung nicht besonders gefiel. Es konnte die Einleitung zu einem erneuten Versuch sein, Geld zu borgen. Er hatte dabei schon zu bittere Erfahrungen gemacht. »Deutscher, der Kompagnon?«

»Ja«, sagte Bublioni. »Sie kennen ihn auch, der Aktuar Korbel.«

»Komet?« rief der Justizrat und blieb erschrocken stehen.

»Verzeihung, Korbel, aber das ist das Zelt, das sie suchten. Der alte Tomlins wohnt hier.«

»So? Danke«, sagte der Justizrat. »Na, will wünschen, gute Geschäfte machen.«

»Hoffentlich«, lächelte der Tenor. »Na ja, es ist ja ein erster Versuch, die erste Spekulation, bei dem das Publikum die einzige entscheidende Stimme hat. Ich empfehle mich Ihnen, Herr Justizrat.«

Der Mann war schon lange im Zelt verschwunden und hatte die letzten Worte nicht mehr gehört.

Das Zelt war richtig, denn gleich am Eingang fand der Justizrat diesmal den Neger. Der hatte ein Paar alte, schon oft geflickte Hosen vor sich auf den Knien und war emsig damit beschäftigt, einen neuen Flicken zu der bunten Sammlung hinzuzufügen. Wie beim ersten Mal stand er auch jetzt nicht auf oder hielt mit seiner Beschäftigung inne. Er nickte nur auf den kurzen Gruß des Deutschen mit dem Kopf und sagte:

»Want your washing?«

»Yes«, erwiderte der Justizrat. Er war sich seiner Sprachschwäche bewußt und machte deshalb mit beiden Händen eine heftige Bewegung, als hätte er ein Stück Wäsche dazwischen. Der Alte sah aber gar nicht von seiner Arbeit auf und deutete nur mit dem Daumen über die Schulter nach der einen Zeltecke, wo der Justizrat einen Haufen gewaschener, aber nicht gebügelter und zusammengelegter Hemden sah. Er versuchte dem Schwarzen verständlich zu machen, was er meinte. Der sah ihn aber nur einen Augenblick verwundert an und nähte dann ruhig weiter, ohne sich noch um den Fremden zu kümmern. Erst als der Justizrat eines der Hemden nahm, es ihm vorhielt und dann deutlich die Plättbewegungen machte, lachte der Alte verächtlich und sagte:

»Never you mind, you just put them so on – Das macht nichts, zieh sie so an.«

Der Justizrat hatte keine Ahnung, was der Mann meinte. Als der aber nicht reagierte, ging er zu der wild aufgetürmten Wäsche, um seine eigenen Hemden herauszusuchen. Das war übrigens vergeblich, er fand kein einziges Stück. Tomlins verweigerte jede weitere Unterhaltung in Deutsch, und der Justizrat lief endlich verzweifelt auf die Straße. Er mußte einen Dolmetscher finden.

Er sah gerade Graf Beckdorf die Straße herabkommen, und an ihn wandte er sich.

»Ja, lieber Justizrat«, sagte der junge Mann, der schon von dem eigentümlichen Verhalten des Deutschen gehört hatte. »Mit dem größten Vergnügen. Will der Schwarze Ihre Wäsche nicht herausgeben?«

»Kerl versteht mich nicht«, sagte der Justizrat ärgerlich. »Holzkopf – spreche doch deutsch!«

»Das ist vielleicht die Ursache!« lachte der Graf. »Aber kommen Sie nur mit hinein, wir wollen sehen, wie die Sache steht.«

Tomlins rührte sich nicht, als die beiden in das Zelt traten. Auf Graf Beckdorfs Anfrage, wo die Wäsche des Herren zu finden sei, deutete er wieder zu dem vorhin schon umsonst durchwühlten Haufen. Dort lagen wohl dreißig verschiedene Baumwollhemden, darunter sehr zerschlissene.

»Aber sie sind nicht dabei!« rief der Deutsche ärgerlich.

»Tomlins, hast du keine andere Wäsche?« erkundigte sich der Dolmetscher.

Tomlins schüttelte den Kopf, zeigte aber trotzdem auf einen anderen Haufen schmutziger Wäsche, der in dem Winkel gegenüber lag.

»Das da drüben«, sagte er dabei, »ist die Woche gekommen und wird morgen gewaschen. Das da ist alles, was noch von früher da ist.«

»Wann haben Sie Ihre Wäsche hierhergebracht, Herr Justizrat?«

»Vor drei Wochen!«

»Der Herr hier, Tomlins, hat seine Hemden vor drei Wochen an dich abgeliefert!«

Die Antwort war das wiederholte Deuten auf die saubere Wäsche, dann aber sagte der Alte:

»Lieber Gott – drei Wochen – ist eine lange Zeit. Das sind die Hemden, die ich seitdem gewaschen habe. Jeder Gentleman kommt und sucht sich seine Hemden heraus. Tomlins kümmert sich nicht weiter darum. Wieviel waren es?«

»Wieviel hatten Sie, Justizrat?«

»Sieben.«

»Sieben, Tomlins.«

»Gut, soll er sich sieben da aussuchen, und zahlt eindreiviertel Dollar. Wer zuerst kommt, kriegt immer die besten.«

»Da haben wir die Bescherung!« lachte der Graf. »Jetzt kann ich Ihnen die Sache erklären, lieber Justizrat. Der alte Wollkopf hier betrachtet die verschiedenen Wäschestücke als Vierteldollar, und jedes ist so gut wie das andere. Was er gewaschen hat, wirft er auf einen Haufen. Jeder erhält die gleiche Stückzahl, wie er abgegeben hat. Damit glaubt er, ist jeder zufrieden.«

»Aber meine Hemden sind nicht dabei.«

»Sie waren dabei, aber jemand kam früher und hat sie lieber als seine genommen!«

»Das glaube der Teufel!« rief der Justizrat ärgerlich. »War feines Leinen – Kerl muß sie bezahlen!«

»Liebe Güte, bei wem wollen Sie ihn hier verklagen? Wir haben im Moment noch nicht einmal einen Alkalden. Wenn Sie meinem Rat folgen, suchen Sie sich die besten aus dem Haufen heraus...«

»Von den Lumpen?«

»Zur Arbeit sind sie gut genug, und später machen Sie es so wie ich.«

»Wo lassen Sie denn waschen?«

»Ich wasche selbst«, sagte der junge Mann.

»Selbst?«

»Ja, hier muß man manches lernen, woran man früher nicht gedacht hat. Aber es wird spät, lieber Justizrat, und ich muß noch viel tun. Guten Morgen, guten Morgen, Tomlins.«

Der Justizrat grüßte höflich, der alte Neger nickte nur, und der junge Mann überließ es dem Justizrat, wie er in der sauberen Wäsche sich zurechtfand.

Lamberg, Binderhof und Hufner fanden allerdings dort, wo sie ihren zweiten Versuch machten, etwas Gold. Dadurch deckten sie wenigstens ihre Auslagen für Lebensmittel. Wo aber blieben die erhofften, ja erwarteten Schätze? Loch für Loch wurde gegraben, Maschine nach Maschine ausgewaschen, und immer waren das Resultat nur wenige Dollars. Ein einfacher Tagelohn für ihre harte, ungewohnte Arbeit.

Besonders Hufner war deswegen sehr niedergeschlagen, und er wurde es bald noch mehr, als er sah, daß ihr Beispiel keineswegs ein Einzelfall war. Die Preußen mit ihrem bewaffneten Lager hatten schon längst ihre Wache eingezogen und mit zur Arbeit eingeteilt. Dann wechselten sie ihren Lagerplatz, ohne wieder eine Schanze aufzuwerfen. Endlich, als sie nicht einmal genug Gold fanden, um ihre Unkosten zu bestreiten, trennten sie sich. Der Riese wanderte mit zwei Trabanten anderen Minen entgegen, um sein Glück noch einmal zu versuchen. Die beiden anderen verkauften ihre Waffen an einige Franzosen, um sich von dem Erlös noch einmal neuen Kredit zu verschaffen.

Der Komet hatte in allen Zelten geborgt und bekam schließlich von keinem mehr auch nur einen Schluck Branntwein oder Fleisch ohne Geld. Deshalb war er eines Morgens spurlos aus dem Paradies verschwunden. Seinem Kompagnon hatte er zwar gesagt, daß er Proviant für ihre Spekulation kaufen wollte, aber im Paradies ließ er sich nicht wieder sehen. Was sollte er auch an einem Ort, wo ihn jeder kannte?

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