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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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14. Die deutsche Gesellschaft

Während des Rückweges achtete Hale nicht mehr auf den herrlichen Baumwuchs, auf die malerischen Farben, mit denen der Sonnenuntergang die fernen Berge und das unter ihm liegende Tal übergoß. Sein Blick haftete wohl darauf, aber er konnte sich nicht mehr über die schöne Natur freuen. Die Begegnung mit dem gereizten Indianerhäuptling in Gegenwart der Mexikaner, das Warnungszeichen des Jungen, das plötzliche Schweigen der Männer, hatten andere Gedanken in ihm geweckt, die ihn jetzt beschäftigten.

Allerdings war Hale viel zu sehr Amerikaner, um sich um den amerikanischen Besitz des Landes zu sorgen. Auch wenn alle Fremden im Land mit einem Schlag sich gegen sie erhoben hätten – er kannte den Charakter der ohnehin schon genug gereizten und mißhandelten Indianer gut genug, um nicht auch an eine solche Allianz zu denken. Einzeln und auf sich selbst angewiesen, konnten sie nichts unternehmen und hätten es auch nicht gewagt. Aber von einer Bande nichtsnutziger Mexikaner unterstützt, denen es gar nicht darauf ankam, ihnen jede Hilfe zu versprechen und die ihre Bundesgenossen auch jederzeit wieder im Stich gelassen hätten, drohte ihnen eine andere, nicht zu verachtende Gefahr.

Überall in den Bergen hatten sich kleine Gruppen Amerikaner und auch Fremde niedergelassen oder durchstreiften die verschiedenen, abzweigenden Täler, um die Bäche nach Gold zu durchsuchen. Die meisten hatten zwar Waffen bei sich, aber auf einen indianischen Überfall war keiner vorbereitet. Viel Blut Unschuldiger wäre in einem solchen Fall vergossen worden, ehe die Amerikaner sich hätten sammeln können, um gemeinsam den Feind zu vertreiben.

So viel hatte er allerdings schon von dem jungen Häuptling gesehen oder gehört, daß er ihn als ordentlichen Menschen einstufte. Aber es war doch ein Indianer, und deren verschlossenes und ernstes Wesen kann man nicht so ohne weiteres ergründen. Man wußte auch nicht, wozu er fähig war, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. Jedenfalls war er das Oberhaupt, die Stämme gehorchten seinem Befehl, wie der Sheriff wußte, aufs Wort, und er konnte sie deshalb in jede Richtung leiten.

»Recht hätte er«, murmelte der Sheriff, als er jetzt in gerader Richtung den steilen Hang hinunterstieg, um das Minenstädtchen noch vor Dunkelwerden zu erreichen. »Wenn ich an seiner Stelle wäre und sähe, wie die Fremden mir Stück für Stück meines Gebietes unter den Händen wegreißen, mein Wild töten oder verjagen, meine Fischereien zerstören – ich glaube, ich würde auch nicht geduldig abwarten. Wahrscheinlich würde ich so vielen die Hälse durchschneiden, wie ich erwischen könnte. Aber – die armen Teufel – was würde es ihnen helfen? Sie können nicht mehr dagegen ankämpfen und waren schon verloren, als das erste Goldkorn in ihren Tälern gefunden wurde. Eine merkwürdige Geschichte ist das mit dem Gold. Daß die Menschen so versessen darauf sind, daß sie alles in die Waagschale werfen, nur um eine Handvoll von den gelben Körnern zu gewinnen!«

Sein Selbstgespräch wurde hier durch einen lauten Anruf unterbrochen, der von einem Bekannten des Sheriffs kam.

»Oh, Hale!« schrie er. »Hale! Verdammt, Mann, wo haben Sie heute nachmittag gesteckt? Sie wurden gesucht wie die Stecknadel im Heu!«

»Hallo, Nolten!« rief der Sheriff, blieb stehen und sah sich nach dem Mann um. »Wer hat mich denn gesucht? Weiß der Teufel, hier kann man auch nicht einen Augenblick für sich selbst beschäftigt sein, ohne daß gleich irgendwo etwas passiert. Was war's?«

Der Amerikaner, der eine lange Brechstange auf der Schulter trug, lachte.

»Sie sind wohl mit dem Revolver Goldsuchen gewesen, he? Hale, Sie möchte ich auch zum Sheriff haben, wenn ich Alkalde wäre – wovor mich übrigens Gottes Gnade schützen soll!«

»Wieso?« sagte der Sheriff, konnte es aber nicht verhindern, daß er etwas rot wurde. »Da draußen, wo Sie herkommen, haben Sie mich bestimmt nicht gesucht.«

»Nein, das nicht«, schmunzelte der Amerikaner. »Ich bin auch erst vor einer halben Stunde dort hinübergegangen, um die Brechstange zu holen, die ich gestern da drüben gelassen hatte. Ich war den ganzen Nachmittag in der Stadt. Den Lärm, den sie dort gemacht haben, hätten Sie auf der höchsten Bergspitze hören müssen.«

»Aber, was ist denn passiert?«

»Na, tun Sie nicht so unschuldig!« sagte Nolten. »Briars hat mir selbst erzählt, daß Sie ihm die Augen geöffnet haben!«

»Ich? Mit der Goldklumpengeschichte, meinen Sie? Da mußte ich nichts öffnen, die Sache hat der Alkalde selbst an die große Glocke gehängt. Für morgen früh soll ich eine Jury zusammentrommeln, um die Hoosiers wegen Diebstahl zu verklagen. Sie müssen aber auch in diese Jury, Nolten.«

»Die Jury wird nicht mehr nötig sein«, sagte. der Amerikaner. »Der Alkalde ist über alle Berge, und ich glaube kaum, daß er bis morgen zurückkehrt.«

»Der Major ist weg?« schrie der Sheriff und mußte sich Mühe geben, um nicht herauszulachen.

»Ja«, lautete die Antwort. »Die Goldklumpengeschichte hat dem Faß den Boden ausgeschlagen. Andere, noch viel schmutzigere Dinge kamen dadurch zum Vorschein. Der Lump kann übrigens Gott danken, daß er so davongekommen ist. Verdient hätte er Schlimmeres, als nur weggejagt zu werden.«

»Na, ich glaube, die Hoosiers haben ihn auch schwer genug geärgert.«

»Ach was!« rief Nolten. »Das Gold hat er bei seinem Registrieren wieder herausgeschlagen und dadurch keinen großen Verlust. Aber sie sind auch dahintergekommen, daß er falsche Gewichte gehabt hat, und das gab den Ausschlag.«

»Falsche Gewichte? Das ist nicht übel!« brummte der Sheriff. »Deshalb fehlte mir neulich auch eine halbe Unze an meinem Gold.«

»Jim, der lange Kentuckyer, nahm seine Bleigewichte vom Tisch und ging damit zu Burtons Zelt, um sie untersuchen zu lassen. Dem folgte der ganze Schwarm, und der Major ahnte, was ihm bevorstand. Als sie zurückkamen, war er weg. Ohne daß es jemand wußte, hatte er schon sein Pferd gesattelt und nicht weit von seinem Zelt stehen. So war er weg, ohne jemand good-bye zu sagen. Ein paar Mann wollten ihm noch nach und ihm seinen Raub abjagen, aber wir ließen sie nicht und sind froh, daß wir ihn auf diese Art losgeworden sind. Jetzt sollen Sie Alkalde werden.«

»Ich?« sagte der Sheriff lachend. »Das wäre ein Fehler! Ja, wenn ich mit der Feder so gut umgehen könnte wie mit meinem Schlachtermesser, hätte ich nichts dagegen. Aber so sollen sie sich einen anderen wählen. Donnerwetter, da wird unser guter Major ja eine Stinkwut auf unser armes Paradies haben!«

»Aus dem er vertrieben wurde!« lachte Nolten. »Ich bin übrigens sehr froh darüber. Was müssen die Fremden von uns denken, wenn wir einen solchen Lump zum Alkalden wählen! Wenn wir nur einen tüchtigen Mann jetzt hätten, denn ich fürchte, daß wir hier nicht nur Ärger mit den Fremden bekommen, sondern auch mit unseren Landsleuten. Das Spielergesindel, dieser Auswurf der Menschheit, macht sich jeden Tag breiter. Früher oder später wachsen sie uns doch über den Kopf!«

»Ach was, mit denen werden wir schon fertig!« sagte der Sheriff und lachte wieder. »Wo wir den Major los sind, mache ich mir um die anderen keine Sorgen. Aber hier geht es ja heute abend lustig her! Die Leute scheinen sich über die Trennung von ihrem Vorgesetzten schnell getröstet zu haben...«

Die beiden Männer waren während ihres Gespräches dem schmalen Pfad gefolgt, der zu dem Städtchen führte, und hatten es jetzt erreicht. In den Zelten herrschte wirklich reges Leben. Merkwürdigerweise waren es hier die drei Hoosiers, um die sich alle lachend und jubelnd versammelten.

Gerade sie hatten doch alle Goldgräber zum besten gehalten und waren die Ursache gewesen, daß Hunderte von ihnen hier eine Woche und länger mit nutzloser Arbeit verbracht hatten. Da sie aber selbst die ganze Zeit mit in der Flat gegraben hatten und auch die Hoffnung hatten, noch etwas zu finden, und dann den Alkalden so hervorragend mit seinen eigenen Waffen geschlagen und um seinen Goldklumpen geprellt hatten, war ihnen alles vergeben. Wo sie sich nur sehen ließen, wurde ihnen von allen Seiten entgegengejubelt und zugetrunken.

An diesem Abend geschah nichts weiter, als daß die Leute ihr Geld in den Trinkzelten verschlemmten und sich die Einzelheiten dieses ereignisreichen Tages erzählten. Am nächsten Morgen hielt man es für nötig, einen neuen Alkalden zu wählen. Wie Nolten schon dem Sheriff angedeutet hatte, wurde er vorgeschlagen.

Hale war als redlicher und entschlossener Mann bekannt. Seine Wahl würde von allen, auch den Fremden, unterstützt und angenommen werden. Aber er weigerte sich ganz entschieden, eine Stellung anzunehmen, der er nicht gewachsen war. Er konnte nicht mit den verschiedenen Gesetzen umgehen, Lesen und Schreiben gehörte auch zu seinen schwachen Seiten, und er war zu gewissenhaft, um eine solche Verantwortung auf sich zu nehmen.

Die nächste Wahl fiel auf Nolten, einen ernsten, ruhigen und äußerst redlichen Mann. Aber auch der wollte damit nichts zu tun haben, und wollte sich vor allen Dingen nicht an diesen Minenplatz binden. Wurde er Alkalde im Paradies, mußte er auch da aushalten, und dafür war er nicht nach Kalifornien gekommen.

Die Wähler gelangten zu keinem Resultat. Man beschloß endlich, ehe man wieder einen Mißgriff machte, lieber noch zu warten und sich ohne Alkalden zu behelfen, bis sich eine passende Persönlichkeit gefunden hatte. Hale mußte inzwischen die Geschäfte erledigen, und dagegen konnte er sich auch nicht gut weigern.

Wer sich um alle diese Wirren mit keinem Wort und keinem Gedanken kümmerte, waren die Deutschen. Sie waren nach Kalifornien in der Absicht gekommen, Gold zu graben. Was die Amerikaner trieben, ging sie gar nichts an, kümmerte sie auch nicht. Sie teilten nur den Grimm der anderen auf den Alkalden, weil er sie nicht nur an einen derartigen Ort geschickt, sondern auch noch jedem zwei Dollar für ihren wertlosen Claim aus der Tasche gezogen hatte.

Lamberg, Binderhof und Hufner, die in den acht Tagen mit Erschöpfung aller ihrer Kräfte etwa 1,50 Meter tief in den steinharten Boden gekommen waren, begannen auch ohne weiteres an einer anderen Stelle, wo sie zumindest ein leichteres Graben hatten. Der Justizrat, der sich nie länger als ein paar Stunden mit der ›roten Erde‹ befaßt hatte, setzte seine Bemühungen auch weiterhin allein und an den unergiebigsten Plätzen fort.

Da nämlich die Goldwäscher in der tiefen Erde der roten Flat wenig oder gar kein Gold gefunden hatten, schloß er daraus, daß es noch gar nicht ins Tal hinabgewaschen war, sondern oben auf den Bergen läge. Er setzte die umherstreifenden Amerikaner im Verlauf von etwa drei Wochen durch eine Anzahl kleiner Löcher in Erstaunen, die er auf den verschiedenen Hügelrücken etwa sechzig bis neunzig Zentimeter tief grub und dann, ohne natürlich auch nur ein Korn Gold da oben zu finden, liegenließ. Die alten Goldwäscher blieben oft bei einem solchen rätselhaften Platz stehen und überlegten kopfschüttelnd, wozu in aller Welt jemand hier das kleine Loch ausgeworfen haben könnte. Ein paar trafen auch einmal den Justizrat gerade bei seiner Arbeit und erkundigten sich bei ihm, was er dort machen wolle, erhielten aber keine Antwort. Er sah sie dann nur grimmig von der Seite an und hackte weiter, und sie mußten unwissend wieder abziehen.

Aber auch aus einem anderen Grunde war der Justizrat mit seinem Minenleben nicht zufrieden. Ihm fehlten fast alle früher gewohnten Bequemlichkeiten. Zu Hause hatte er sich um gar nichts gekümmert, was nicht gerade unmittelbar seinen Beruf betraf. Dabei bekam er sein Gehalt monatlich ausgezahlt, und hier sollte er nicht nur sein Brot mit höchst unbequemen Werkzeugen verdienen, sondern auch noch kochen helfen, sein eigenes Bett machen – und das gefiel ihm nicht.

Auch mit seiner Wäsche hatte er viel Ärger. Es gab für ihn keine andere Zeiteinteilung als die, die ihm sein Magen oder der ermüdete Körper gaben. So gab er damals auch seine Wäsche dem alten Neger und kümmerte sich nicht weiter darum. Zu Hause wurde ihm ja die Wäsche, wenn sie fertig war, ins Haus gebracht. Hier, wo er den vierfachen Waschlohn zahlte, konnte er das doch noch viel eher verlangen! Der alte Tomlins kam aber nicht. Der Justizrat brauchte nach und nach alles auf, was er noch sauber mit in die Berge gebracht hatte. Endlich sah er sich genötigt, selbst nach seiner Wäsche zu fragen, denn niemand sonst sorgte dafür.

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