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Friedrich Gerstäcker: Gold - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleGold
authorFriedrich Gerstäcker
year1989
publisherUnion Verlag
addressStuttgart
isbn3-8139-5652-0
titleGold
pages15-594
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Nun fehlte aber dem Justizrat der Orientierungssinn völlig. Er hatte auch jetzt keine bestimmte Vorstellung, in welcher Richtung sein Zelt eigentlich lag. Er wußte nur, daß sie es einige hundert Schritt von der ›Stadt‹ entfernt auf einem kleinen Hügel errichtet hatten. Vollständig unbekümmert schlenderte er die Straße aufwärts, statt abwärts, zwischen den noch meist beleuchteten Zelten hindurch.

Komet! Der Name gefiel ihm nicht, und er fühlte etwas Besorgnis für seine leichtsinnig geopferte halbe Unze. Der arme Teufel hatte doch aber fest versprochen, morgen früh zu zahlen, und lag jetzt sicher mit heftigen Zahnschmerzen in seinem Zelt.

Unterwegs kam er an einer Trink- und Spielbude vorbei. Sie unterschied sich höchstens durch die Größe von den übrigen Wohnungen. Außerdem hing aber noch an dem vordersten Mittelpfosten, der das Zeltdach trug, ein obszönes Bild, das von einer Lampe hell beleuchtet wurde. Es erfüllte völlig seinen Zweck. Anständige Leute wollte man dort gar nicht haben, sondern nur solche, die dort spielten und tranken, und die freuten sich wohl auch noch über eine solche Sudelei.

Der Justizrat hatte nur einen flüchtigen Blick im Vorübergehen hineingeworfen, als er glaubte, die Stimme des Deutschen Johnny zu hören. Wahrscheinlich war der dem Spieler gefolgt und verlor hier sein Geld – oder gewann er vielleicht? Der Justizrat war neugierig geworden und wollte sich selbst überzeugen.

»Sauvolk!« brummte er vor sich hin, als er an dem Bild vorüberging. Mit einiger Mühe mußte er sich dann durch die Menschen drängen, die müßig herumstanden, um einen Blick in das Innere zu bekommen.

Vier Tische standen hier, an denen gespielt wurde. An einem saß sogar eine Frau, eine jener mexikanischen Dirnen, die sich schon hier und da in den Minen herumtrieben und von irgendeinem der Spieler als Lockvogel bezahlt wurden. Der Blick des Justizrates wurde aber von dem linken Tisch gefesselt. Dort erkannte er nämlich den langen Amerikaner und Johnny. Und hinter Johnny stand – der Komet!

»Donnerwetter!« murmelte der Justizrat leise vor sich hin. »Dachte, hätte Zahnschmerzen.«

Johnny hatte ein rotes, erhitztes Gesicht und sah starr auf die Karten vor sich. Korbel, der im Augenblick nicht spielte, überflog ein paarmal die Umstehenden und war auf einmal spurlos, wie in den Boden hinein, verschwunden. Hatte er den Justizrat vielleicht erkannt? Der wußte es nicht, blieb eine Viertelstunde auf seiner Stelle stehen und ging dann durch das ganze Zelt, ohne den Kometen wiederzuentdecken. Er war fort und ließ sich nicht wieder blicken.

Dieses kleine Intermezzo verbesserte natürlich nicht die Laune des Justizrates. Ein unbestimmtes Gefühl sagte ihm, daß er jetzt mit zu dem Schweif des Kometen gehörte und vielleicht als Stern dritter oder vierter Größe darin prangte. Im Moment ließ sich aber doch nichts weiter tun, und er beschloß deshalb, jetzt so rasch wie möglich nach Hause zurückzukehren und morgen auf Rückgabe des Geldes zu drängen oder – mit dem Gericht zu drohen.

Rasch setzte er seinen Weg auf der Zeltstraße fort, die hier an ihrem Ende viel stiller und öder wurde. Die Spiel- und Trinkzelte lagen fast alle in der Mitte der Straße, und die meisten Händler und Goldwäscher hatten schon ihr Lager aufgesucht und die Lampen verlöscht. Hier mußte nach rechts der Hügel liegen, und der Justizrat bog dahin ein. Der Boden wollte aber nicht höher werden, und hier und da stolperte er sogar über einige aufgeworfene Erdhaufen. Ohne das matte Sternenlicht wäre er beinahe auch in eine der ziemlich tiefen Gruben gestürzt. Hier draußen war es auch still und öde, und dem etwas ängstlichen Justizrat wurde es unheimlich. Er war aber immer noch der festen Meinung, daß ihr Zelt hier in der Gegend war, und wollte nicht in die Stadt zurückkehren. Jetzt entdeckte er, etwa hundert Schritt weiter voraus, ein Lagerfeuer. Dort wollte er Erkundigungen einziehen.

Dorthin zu gelangen war immer noch mit einigen Schwierigkeiten verbunden, denn überall hatten die Goldwäscher versucht, Gold zu finden. Deshalb waren überall tiefe Löcher gegraben und dann der Platz wieder aufgegeben. Vorsichtig untersuchte er Schritt für Schritt den Boden und kam langsam dem Feuer näher, bis er eine davor auf und ab gehende Gestalt erkennen konnte. Es sah beinahe so aus, als ob da eine Wache stände. Trotzdem kam der Justizrat vollkommen unbemerkt an den Mann heran und sagte, als er vielleicht noch zwei Schritt von ihm entfernt war:

»Guten Abend! Können Sie...«

»Halt! Wer da?« schrie plötzlich der Posten mit lauter, fast kreischender Stimme und prallte ein paar Schritte zurück. Der Justizrat hörte ein doppeltes Knacken, als ob Gewehrhähne gespannt wurden.

»Na, beruhigen Sie sich!« sagte er abwehrend. »Setzen Sie verdammtes Gewehr ab. Gut Freund, wollte ich sagen!«

»Na ja, das is nicht übel«, sagte die Schildwache mit echt preußischem Dialekt. »Kommt der da bei Nacht und Nebel herangeschlichen wie eine Schlange, und dann sagt er ›Jut Freund‹!«

»Was gibt's, Schildwache?« rief da vom Feuer eine feine Stimme wie die eines kleinen Jungen.

»Ein Deutscher!« erwiderte die Wache, das Gewehr noch immer im Anschlag, »der an mich anjekrochen ist und ›jut Freund‹ sagt.«

»Festnehmen und ins Hauptquartier bringen«, lautete die Antwort.

»Stehenbleiben, oder ich schieße!« drohte deshalb die Wache und setzte dazu: »Gefangener vortreten! Achtung! Vorwärts – marsch – linke Schulter vor! Halt!«

»Aber Donnerwetter«, fluchte der Justizrat, der sich aus Furcht vor dem auf ihn gerichteten Gewehr dem Befehl ohne Widerrede unterzog. »Ich will ja nur...«

»Maul halten!« herrschte ihn aber der Posten an, ein kleiner, untersetzter Bursche mit dunkler Jacke und einem weißen Gürtel um die Taille. »Hier ist ein Graben – nüber springen – eins – zwei – drei!«

»Aber ich will ja nur...«

»Eins!« zählte der Posten noch einmal barsch und hob das Gewehr an die Wange. »Zwei...«

Der Justizrat machte einen Satz über den Graben und hielt sich drüben mit Händen und Füßen fest. Inzwischen hatte man trockenes Holz auf das Feuer geworfen und beleuchtete den Platz hell. Der Gefangene sah, daß er sich vor einer frisch aufgeworfenen Schanze befand, um die sich noch ein drei Fuß breiter Graben schlängelte. Die Erde aus dem Graben hatte man gleich für den Wall benutzt, in dessen innerem Baum sich ein einzelnes, weißes Zelt befand. Vor dem Zelt war das Feuer, an dem der Justizrat noch vier Bewaffnete erkennen konnte.

»Hinaufklettern!« lautete jetzt der Befehl der Wache. Noch immer hatte sie das Gewehr im Anschlag. »Eins!«

»Drei Teufels Namen!« schrie der Justizrat, jetzt ärgerlich gemacht. »Komme ja schon, jetzt hab ich meinen Pfeifenkopf verloren.«

»Zwei!«

»Verfluchter Kerl!« brummte er zwischen den Zähnen hindurch. Das angelegte Gewehr machte ihn aber behende. Mit einem wirklich verzweifelten Satz schwang er sich auf den Rand des Dammes und sah sich hier einem wirklichen Riesen gegenüber, der ihn ebenfalls mit dem Gewehr im Anschlag erwartete.

»Juten Abend!« sagte der Riese, und der Justizrat erkannte, daß die helle Stimme ihm gehörte. »Was wollen Sie hier eigentlich bei Nacht und Nebel?«

»Ich?« rief der Gefangene ärgerlich, denn ein unbestimmtes Gefühl sagte ihm, daß er hier wohl nichts zu befürchten hatte. »Kuriose Frage – fragen Sie Ihre Wache! Eins, zwei, drei! Auch Manier, auf Leute mit Gewehr zu zielen?«

»Die Wache hat nur ihre Pflicht getan«, sagte der Riese trocken, ebenfalls im preußischen Dialekt. »Zu wem wollen Sie?«

»In mein Zelt«, antwortete der Justizrat. »Dunkelheit verlaufen – weiß der Teufel, wo ich bin.«

»Wo steht Ihr Zelt?«

»Wenn ich's wüßte, wäre ich nicht hier«, brummte der Gefangene. »Heute erst gekommen.«

»Heute? So? Schultze!« sagte der Riese.

»Hier!« rief einer der Kleinen in seiner Begleitung.

»Vortreten.«

Schultze kam mit geschultertem Gewehr und zwei langen Schritten heran und stand stramm.

»Schultze, du bis heute auf Kundschaft ausgesandt jewesen. Weißt du, ob heute Landsleute hier eingetroffen sind?«

»Ja«, sagte Schultze. »Vier Stück, ein Stück und drei Stück.«

»Wir sind vier!« rief der Justizrat rasch.

»Wo steht das Zelt?«

»Auf der anderen Seite von 's Paradies, etwa zweihundert Schritt entfernt auf einem kleinen Hügel.«

»Auf der anderen Seite der Stadt?« rief der Justizrat. »Das ist ja gar nicht möglich!«

»Schultze, abtreten!« sagte der Riese lakonisch. Schultze machte rechtsum kehrt, ging zwei Schritte und stand dann wieder ›in Front‹.

Der Anführer sagte: »Sein Sie jetzt nun so jefällig und jehn Sie man den Weg wieder zurück, den Sie jekommen sind, dann werden Sie wohl Ihr Zelt finden.«

»Hm, hm, hm!« brummte der Justizrat vor sich hin und schüttelte den Kopf. Er konnte sich noch gar nicht denken, daß er sich am verkehrten Ende aufhielt. »Und auch noch Pfeifenkopf verloren!«

»Wo?« fragte der Anführer.

»Hier im Graben!«

»Schultze, vortreten! Nimm einmal einen Lichtstummel und such den Pfeifenkopf des Herrn!«

»Danke schön – guten Abend!«

»Juten Abend! Jewehr bei Fuß! Aus-einander!«

Die Garnison löste sich auf, während der Justizrat wieder in den Graben hinunterkletterte. Den weißen Pfeifenkopf fand er sofort und steckte ihn an.

»Haben Sie ihn?«

»Ja – danke – gute Nacht!«

»Schön Dank, mein Herr!«

»Gute Nacht, Wache!«

»Jute Nacht – halt – Parole!«

»Ach, geh zum Teufel!« sagte der Justizrat ärgerlich, warf einen wütenden Blick auf das Lager zurück und tappte jetzt wieder durch Nacht und Nebel den wenigen noch hellen Zelten der Stadt zu. Diesmal fand er auch seinen Weg und erreichte endlich, todmüde von der ungewohnten Anstrengung und Aufregung, sein Zelt. Es war aber auch inzwischen spät geworden, und die übrige Gesellschaft hatte bereits ihr Lager aufgesucht. Selbst Hufner schlief. Als der Verirrte aber in das Zelt hineintappte, dessen innere Einrichtung er noch nicht kannte, rief ihn Binderhof an:

»Sind Sie das, Justizrat?«

»Ja, wo ist mein Bett?«

»Ei, ei, ei, Justizrätchen«, sagte aber der Lange und drehte sich auf seinem Lager um, ohne die Frage zu beantworten. »Sie heimlicher Nachtschwärmer, Sie! Drückt sich weg und sagt, er will schlafen gehen, und schleicht in der Dunkelheit in der Stadt umher. Justizrätchen, Justizrätchen, bei Ihrer Jugend den Verführungen eines solchen Ortes nachzugeben...«

»Ach, Dummheiten! Wo ist mein Bett?«

»Ja, Dummheiten«, fuhr der unverwüstliche Binderhof fort. »Wer weiß, welches verliebte Abenteuer Sie inzwischen bestanden haben!«

»Gehn Sie zum Teufel! Wo ist mein Bett?«

»Warten Sie, Herr Justizrat«, sagte jetzt der munter gewordene Hufner, während Binderhof lachte. »Ich werde Ihnen gleich Licht machen.« Dabei suchte er im Dunklen nach den Streichhölzern, die er endlich fand und eins anzündete.

»Morgen müssen Sie uns aber die Geschichte erzählen, Justizrat«, sagte Binderhof.

Der Justizrat murmelte einen Fluch zwischen den Zähnen hindurch. Dann zog er seine Stiefel und seine Jacke aus und kroch auf sein Lager, daß ihm Hufner ordentlich hergerichtet hatte.

»Soll ich das Licht wieder ausblasen, Herr Justizrat?«

»Wenn Sie nicht noch im Bett lesen wollen, Herr Hufner!« antwortete statt dessen Binderhof.

»Unausstehlicher Mensch!« murmelte der Justizrat.

Das Licht verlöschte, und wenige Minuten später lagen alle Bewohner des Zeltes in süßem Schlummer.

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